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Full text of "Almanach der Psychoanalyse 1930"

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ALMANACH DER 
PSYCHOANALYSE 

1930 



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Almamacli 



der 



Psychoanalyse 



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1930 



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Heramsgegebeai vom 

A. J. Storfer 



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Interiiataoicialer 
Psychoaioalytisclher 



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AUe Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 



Druck der J.N.VernayA..G., Wien 



' ^^•» Canisiusgasse 8— ro 



y 



INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 

7 

9 

32 



Kalendarium 

Sigm. Freud; Dostojewski und die Vatertötung , . . . 

Theodor Reik: Freuds Studie über Dostojewski . . . 
/^ Friedrich Eckstein: Das Unbewußte, die Vererbung 
und das Gedächtnis im Lichte der mathematischen Wissen- 
schaft AA 

)^ ^ l"„"i_?A^^^. Si^Kunst und Persönlichkeit 

Albrecht Schaeffer: Geschichte eines Traumes . . 
EdithaSterba: Der Schülerselbstmord in Andre Gides 

Roman „Die Falschmünzer" 

Andre Gide: Der Selbstmord des Knaben Boris . . . 
„Kinder können furchtbar schweigen . . ." (Episoden aus der 

Kindheit eines Proletariermädchens) 

Heinrich Meng: Sexualpädagogik und Psychoanalyse . 
Fritz Witt eis: Kindweib, die große Mode ..... 
Karl Landauer: Zur psychosexuellen Genese der 

Dummheit 

Ernest Jones: Die englische „Schicklichkeit" .... 

Joan Riviere: Weiblichkeit als Maske 

Theodor Reik: Über den zynischen Witz 

Franz Alexander und Hugo Staub: Ein Fall 

von Kleptomanie aus Schuldgefühl 

Wilhelm Reich: Die Dialektik im Seelischen . . 



•{ 



KUNSTBEILAGENj 



6i 
77 

99 

113 

125 

133 

157 
185 

204 

224 



Ponrät Andr^ Gide , 
Porträc Ernest Jones 



• nach Seite 96 
• ■ » 192 



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KALENDARIUM für das JAHR 



' 1930 



Mo 


JANUAR 


FEBRUAR 


MÄRZ 


APRIL 


Mo 




6 


13 


20 


27 


3 


10 


17 


24 


310 


17 


24 


31 




7 


14 


21 


28 


Di 




7 


14 


21 


28 


4 


11 


18 


25 


411 


18 


25 




X 


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15 


22 


29 


Di 


Mi 


1 


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15 


22 


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19 


26 


512 


19 


26 




2 


9 


16 


23 


30 


Mi 


Do 


2 


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23 


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6 


13 


20 


27 


613 


20 


27 




3 


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17 


24 




Do 


Fr 


3 


10 


17 


24 


31 


7 


14 


21 


28 


714 


21 


28 




4 


11 


18 


25 




Fr 


Sa 


4 


11 


i8 


25 




1 8 


15 


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1 


815 


22 


29 




5 


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19 


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Sa 


So 


5 


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19 


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2 9 


16 


23 


2 


916 


23 


30 




6 


13 


20 


27 




So 


Mo 


MAI 


JUNI 


JULI 


AUGUST 


Mo 




5 


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26 


2 9 


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1825 


Di 




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1 8 


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5 


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1926 


Di 


Mi 




7 


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2 9 


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6 


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Mi 


Do 


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512 


19 


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3 10 


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7 


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Do 


Fr 


2 


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30 


613 


2 


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25 




1 


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15 


22 29 


Fr 


Sa 


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512 


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2 


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Sa 


80 


4 


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1 


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22 


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6 13 


20 


27 




3 


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24 


31 


So 


Mo 


SEPTEMBER 


OKTOBER ] 


NOVEMBER 


DEZEMBER 


Mo 


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8 


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22 


29 


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1320 


27 


3 


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2 


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3 


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Mi 


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4 


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2 9 


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23 


3^ 


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4 


11 


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25 




Do 


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19 


26 




3 10 


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24 


31 


7 


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28 


5 


12 


19 


26 




Fr 


Sa 


6 


13 


20 


27 




411 


18 


25 




I 8 


15 


22 


29 


6 


13 


20 


27 




Sa 


80 


7 


14 


21 


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512 


19 


26 


^^BH 


2 9 


16 


23 


30 


7 


14 


21 


28 




So 



Ostersonntag, so. April 
Pfingstsonntag, S.Juni 



^^2^:<:^^^ 



U U I ^- A a V: 3 J. 



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'^^^ 'p^m&äi-^^^^ 



^^^^g^mm^m^amgmKm^^^^^^^m^ 



Dostojew^ski imd die Vatertötimg 



von 



Sigm. Freud 

Im An j Muß an feine bekannte (unter Mitarbeit von Dimitri 
Merefchkowski von Moeller van den Brück herausgegebenen) 23-bän- 
digen deutfchen Do flo'jewski- Ausgabe veröffentlicht der Verlag 
R. Piper & Co. in München in einer Reihe von Bänden wertvolles 
Do ßoiewski- Material. Der neuefle Band diefer Serie führt den Titel 
^Die U r ge ftalt der Brüder Karamafoff und wird von 
Rene Fülöp-Miller und Friedridj E c k f t ein herausgegeben 
Er enthält die handfdniftlichen Entwürfe Doßojewskis zu den 
Karamafoff, Briefe des Dichters über diefes Werk und sonflige 
Quellen, Fragmente ufw. Wie wertvoll und auf fd^lußr eich derartiges 
Material gerade für den Pfydjoanalytiker ist, braucht nicht hef anders 
hervorgehoben zu werden. Außer der ausführlichen Studie von Prof, 
Komarowitfdr in Moskau über das Meißerwerk Doßojewskis und 
die neu aufgefundenen Materialien zu diefem iß dem Band eine 
Abhandlung vo^^ Freud vorangeßellt, die wir mit freundlicher 
Genehmigung der Herausgeber und des Verlags R. Piper & Co, hier 
zum Abdrude bringen. 

An der reichen Perfönlidikeit Dollojewskis möchte man 
vier Faffaden unterfdieiden: Den Diditer, den Neurotiker, 
den Ethiker und den Sünder. Wie foll man fich in der ver- 
wirrenden KompHkation zurechtfinden? 

Am Dichter ift am wenigften Zweifel, er hat feinen Platz 
nidit weit hinter Shakefpeare. Die Brüder Karamafoff fmd 
der großartigfte Roman, der je gefchrieben wurde, die Epi- 
fode des Großinquifitors eine der Hödiflleiftungen der Welt- 
literatur, kaum zu überfdiätzen. Leider muß die Analyfe vor 
dem Problem des Diditers die Waffen ftretken. — ,.- 

Am eheften angreifbar ift der Ethiker in Doftojewski. 
Wenn man ihn als fittlichen Menfchen hodiftellen will, mit 
der Begründung, daß nur der die höchfte Stufe der Sittlich- 
keit erreicht, der durdi die tieffte Sündhaftigkeit gegangen 
ift, fo fetzt man fich über ein Bedenken hinweg. Sittlidi ift 



jener, der fdion auf die innerlich verfpürte Verfudiung 
reagiert, ohne ihr nachzugeben. Wer abwechfelnd fündigt 
und dann in feiner Reue hohe fittliche Forderungen aufflelltj 
der fetzt fidi dem Vorwurf aus, daß er üdi's zu bequem 
gemadit hat. Er hat das Wefentliche an der Sittlidikeit, den 
Verzicht, nidit geleiftet, denn die fittliche Lebensführung iß 
ein praktifdies Menfdiheitsinterefle. Er erinnert an die Bar- 
baren der Völkerwanderung, die morden und dafür Buße 
tun, wo die Buße direkt eine Tedmik wird, um den Mord 
zu ermöglidien. Iwan der Sdired^lidie benimmt fich audi 
nicht anders; ja diefer Ausgleidi mit der Sittlidikeit ift ein 
diarakteriftifdi ruffifdier Zug. Audi ift das Endergebnis von 
Doflojewskis fittlidiem Ringen kein rühmlidies. Nadi den 
heftigften Kämpfen, die Triebanfprüdie des Individuums mit 
den Forderungen der menfdilidien pemeinfdiaft zu verföh- 
nen, landet er rüd^läufig bei der Unterwerfung unter die 
weltlidie wie unter die geiftlidie Autorität, bei der Ehrfurdit 
vor dem Zaren und dem Chriftengott und bei einem eng- 
herzigen ruffifdien Nationalismus, eine Station, zu der 
geringere Geifter mit weniger Mühe gelangt find. Hier ift der 
fdiwadie Punkt der großen Perfönlidikeit. Doftojewski hat 
es verfäumt, ein Lehrer und Befreier der Menfdien zu 

kTt n 7 t'\ '? '" ^'™ Kerkermeiilern gefeilt; die 
kulturelle Zukunft der Menf^^r, ^ ' j -l 

haben. Es läßt CA wahrfl , 1 "^ """"^ '" ^'"^"^ 

Höhe feiner Intelligenz u^d de/ST; ^ f "^ '" 

''äre ihm ein ,n^ "^' ^""" MenfAenliebe 

gewefen '""' "" 'P^'^^'^f*« Lebensweg eröffnet 

Doftojewski als Sünder oder Verhr..k u . 

-n heftiges Sträuben hervoT ^ J"-'"^'"'^'^^ ^^^^ 

hervor, das nidit m der philiftröfen 

10 ' 



—■■ 



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infdiätzung des Verbrediers begründet zu fein braudit. Man 
ird bald des wirklidien Motivs gewahr; für den Ver- 
^redier^ find zwei Züge wefentlidi, die grenzenlofe Eigen- 
u*t und die ftarke deftruktive Tendenz; beiden gemeinfam 
^nd Vorausfetzung für deren Äußerungen ift die Lieblofig- 
Ob\^^'' ^^^g^l ^n affektiver Wertung der (menfdilidien) 
jekte. Man erinnert fidi fofort an den Gegenfatz hiezu 
ei Doflojewski, an feine große Liebesbedürftigkeit und feine 
jnorme Liebesfähigkeit, die fidi felbft in Erfdieinungen der 
Ubergute äußert und ihn lieben und helfen läßt, wo er felbft 
aas ReAt zum Haß und zur Radie hatte, z. B. im Verhält- 
nis zu femer erften Frau und ihrem Geliebten. Dann muß 
nian fragen, woher überhaupt die Verfuchung rührt, Doflo- 
jewski den Verbrediern zuzuredmen. Antwort: Es ift die 
S^o^ wähl des Dichters, die gewalttätige, mörderifche, eigen- 

dl f'V T^r '" ^''^" ^^^^^^^ ^s^n^, was auf 
aie Exiftenz foldxer Neigungen in feinem Inneren hindeutet 
erner emiges Tatfäd.lid.e aus feinem Leben, wie feine Spiel- 

i^ i^ot A :i !r^ ""^^'^^^^ ^"^^ --if- Mäd- 
chens (Geftandnis).^ Der Widerfprudi löft fidi durdi die Ein 

lun ieicbt zum Verbredier e-emarl^i- !,••** • ^ , 

ßAlid, gegen die eigene Pein .„1' " 'r ''"^'■ 

außen) geratet ift und fo ak Mafol '""'". ""^"^ "^"^ 

i) Siehe die Diskussion Herüber in D^r . u i ~~ ~ 

Zweig: Er „..cht „id. halt vor de„ Z^u» L j":f?!™';. i;>«<>i™ski- „,«. _ 

(SJ';j:t^;:ni:-- -» «*! :t Sr. r^;-- -«., 

und <:«• . '"^ mumen Beziehuni^i-n ■,^,- ^ ""^ iac geworden ist 

«nd seinen eigenen Erlebnissen siehe di. A u ^ ''*'" ^««ojewskis P. . . 

^"üeuenden Absdinitt zu H / Ausführungen Ren^ Fülön xf . "^'"^ 

^üpfea. '" -Dostojewsb am Roulette" .,,j, die '"^.f ;*'^^- ^ 



4 



1 



1^ 



11 



uif I ^ Zuge übrig, die fich in feiner Reizbarkeit, Quäl- 
iu*t, Intoleranz, auA gegen geliebte Perfonen. äußern und 

viei \ ' "" V' ^"'°^ f«- Wer behandelt, zum 
vorlchein kommen, alfo in VI.- r^- „ ,.x j. 

außen, in größeren S.H ft . " ^'"^'^ ^'"^'^ "** 

heißt H.r ir ""* '°"^"' ^lf° MafoAift, das 

A„ ^ ir ,', ^'S**^» hilfsbereitefte Menfch. 

Aus der Komplikation der Perfn« t. /i • t • t , 
drei F:,t^tr^..„ iT i / °^ ^oftojewskis haben wir 

arei Jr^aktoren herausgehe t einpt. • • , • 

aualitatiVp. n.v /? , ^ quantitativen und zwei 

.um VerbreAer ve Xet'mur^f f''^'°*''^^" "'" 
künftlerifAe Begabung D « E f M '" "— 'yß-bare, 

Neurofe exiftenzfähig ef' L "t "'" '^''^ "°''' "''"^ 
Aiften. NaA dem kräffev i^. "^"°"fAe Vollmafo- 

anfprüAen und ?„ u ^^""' ^^'f*« d« Trieb- 

(Plus der veXb n tBl'"^^^^"'^'^''-'^- Hemmungen 
immer noA als ei„ f '""""'"""^^^^S^) wäre Doftojewski 

klaffifeiert. Ate di r""" "^'^''''^^«^ ^''=-kter" zu 

-noer die Situation wird ir,r,.;;u., j ...,,■ 
anwefenheit der Neurofe d" ■ ^ ' ''"'■* ^^« ^it- 

Bedingungen unerläßliA wärT ,!'' ?^?^'' "'*' """*■ ^■^'^'" 
kommt, je reiAhaltiger die rl "^ ^° '''" ^"'^*"''' 

kation ift. Die Neurofe ift 7"l ^" ''«^ältigende KompK- 

dem lA eine folAe Synth Jr" ''" ^"'*'° ''''^"^' ''^'^ 

WAcm VerfuA feine SlS, ",!f • ''^""^^" ''*■ '^^'^ « '''' 
Wodur^ i E'nheithAkeit eingebüßt hat. 

wielnf toft7 r ™ ''^^"^» S™- 'i- Neurofe er- 

Bewußtfei:Lr1uft Mrkeil T' '""" '*"^""' ™- 
ftim,^ "''^«r'uit, Muskelkrampfen und naAfoIgender V^r 

ftmimung einhergehenden Anfälle. Es ift nun übL«7 Jr 

Idieinlidl, daß /^J.f r "oerays Wahr- 

Wner Helfe V.l ^TT'' l'^'''' ""^ «" Symptom 

war, die demnaA als Hyfteroepilepfie. das 

12 



<L'V(^vv.*>i^'«i--f\^ Hl""' r».»*'jf" 



heißt als fdiwere Hyfterie, klaffifiziert werden müßte. Volle 
Sicherheit ift aus zwei Gründen nicht zu erreidien, erftens, 
weil die anamneftifdien Daten über Doftojewskis fogenannte 
Epilepfie mangelhaft und unzuverläffig find, zweitens, weil 
die Auffailung der mit epileptoiden Anfällen verbundenen 
Krankheitszuftände nicht geklärt ift. - . 

Zunädift zum zweiten Punkt. Es ift überflüffig, die ganze 
Pathologie der Epilepfie hier zu wiederholen, die doch nidits 
Entfdieidendes bringt, dodi kann man fagen: Immer hebt 
fleh noch als fcheinbare klinifdie Einheit der alte Morbus facer 
hervor, die unheimliche Krankheit mit ihren unberedienbaren, 
anfdieinend nidit provozierten Krampfanfällen, der Charak- 
terveränderung ins Reizbare und Aggresive und der pro- 
greffiven Herabfetzung aller geiftigen Leiftungen. Aber an 
al en Enden zerflattert dies Bild ins Unbeftimmte, Die An- 
falle, die brutal auftreten, mit Zungenbiß und Harnent^ 
leerung, gehäuft zum lebensbedrohlichen Status epilepticus 
der fdiwere Selbftbefdiädigung herbeiführt, können fidi doch 
ermäßigen zu kurzen Abfenzen, zu bloßen rafch vorüber- 
gehenden Schwindelzuftänden, können fich erfetzen durch 
kurze Zeiten, in denen der Kranke, wie unter der Herrfdiaft 
des Unbewußten, etwas ihm Fremdartiges tut. Sonft in un 
faßbarer Weife rein körperlidi bedingt, können fie doch ihre 
erfte Entftehung einem rein feelifciien Einfluß (Schreck) ver- 
dankt haben oder weiterhin auf feelifche Erregungen reagie- 
ren. So charakteriftifdi die intellektuelle Herabfetzung für 
die übergroße Mehrzahl der Fälle fein mag, fo ift doch 
wenigftens ei n Fall bekannt, in dem das Leiden intellektuelle 
Hödiftleiftung nidit ^ zu ftören vermodite (Helmholtz)? 
(Andere Fälle, von deneiTJas gleiche behauptet wurde find 
unficher oder unterliegen denfelben Bedenken wie Dofto- 



13 



B!Sg5 55g;Pvg«a 



jewsk. felbft.) Die Perfonen, die von der Epilepfie befallen 
find können den Eindrudc von Stumpfheit, behinderter Ent- 
widdung madicn, wie doch das Leiden oft greifbarfte Idiotie 
und größte Hirndefekte begleitet, wenn audi nidit als not- 
wendiger Beftandteil des Krankheitsbildes; aber diefe An- 
taUe finden fid, mit allen ihren Variationen auA bei anderen 
lerfonen vor. die eine volle feelifdie Entwiddung und eher 
übergroße, meift ungenügend beherrfdite Affektivität bekun- 
■ den. I^an Wunder, daß man es unter diefen Umftänden für 
u^moghch fmdet, die Einheit einer klinifdien Affektion 
.Epdepfie feilzuhalten. Was in der Gleidaartigkeit der 
geäußerten Symptome zum VorfAein kommt, fAeint eine 
funktionelle Auffaflung zu fordern, als ob ein Meianisn>us 
der abnormen Triebabfuhr organifdi vorgebildet wäre, der 
unter ganz verfdiiedenen Verhältniffen in AnfpruA genom- 
men wird, fowohl bei Störungen der Gehirntätigkeit duri 
fiw re gewebhche und torifche Erkrankung, als au4 bei 
unzulangni B herrfdiung der feelifAen Ökonomie, krifen- 
diefe?7 ""m ' '° '^" ^''^^ Wirkenden Energie. Hinter 
li .endenTu""' ''^"' "*" '^'^ "«««^t des zu Grunde 
deTsi" f*'"^^"'™"' der Triebabfuhr. Derfelbe kann auch 
d n Sexualvorgangen. die im Grunde toxifch verurfaAt finA 

Kot ^""'t;^'''-' ''^°- die älteften Ärzte nannten den 
Koitus eme kleine Epilepfie, erkannten alfo im fexuellen Akt 
'e Milderung und Adaptierung der epileptifdien Reizabfuhr- 
n.nl't "Uli" ''"''*'°""' ^^= -»" dies Gemeinfa«' 
VerSun ""; '' "* "''"^ 2-"f=l -A der Neurofe zur 
denen rie';f!TL,^'!f" ^'"" ^''^^'' Erregungsmaffen, ^' 
^- erlelfn't"* "f '««^ -^d. auf fornatifie« ^ege 
der Hyden!" / '^''^P'"*« Anfall wird fo ein Sympf»» 
»nd von ihr adaptiert und modifiziert, ähnH* 

14 



wie vom normalen Sexualablauf. Man hat alfo ganz redit, 
eine organifdie von einer „affektiven" Epilepfie zu unter- 
fdieiden. Die praktifdie Bedeutung ift die: wer die eine hat, 
ift ein Gehirnkranker, wer die andere hat, ein Neurotiker. 
Tm erfteren Fall unterliegt das Seelenleben einer ihm fremden 
Störung von außen, im anderen ift die Störung ein Ausdruck 

des Seelenlebens felbft. ... .^ ,^..,.„ , „ ^. 

Es ift überaus wahrfdieinlich, daß Doftojewskis Epilepfie 
von der zweiten Art ift. Strenge erweifen kann man es nidit, 
man müßte denn imftande fein, das erfte Auftreten und die 
Späteren Sdiwankungen der Anfälle in den Zufammenhang" 
feines feelifdien Lebens einzureihen, und dafür weiß man zu 
^enig. Die Befdireibungen der Anfälle felbft lehren nidits, 
die Auskünfte über Beziehungen zwifdien Anfällen und Er- 
lebniffen find mangelhaft und oft widerfprediend. Am wahr- 
fdiemlidiften ifl die Annahme, daß die Anfälle weit in Dofto- 
jewskis Kindheit zurüdcgehen, daß fie zuerft durdi mildere 
Symptome vertreten waren und erft nach dem erfdiüttern- 
den Erlebnis im aditzehnten Jahr, nadi der Ermord\mg des 
Vaters, die epileptifdie Form annahmen.' Es wäre fehr paf- 
fend, wenn fich bewahrheitete, daß fie während der Strafzeit 



Mi eT'in m ^ff^ "P^-J-^!^- Heilige Krankheit" von Ren^Fülöp- 

MV r /« r -" . ^'" '^"'^ ^'^' ''f'^' B^^^-deres Interesse erweAt die 
M^edung daß s:A .des DiAters Kindheit „etwas Furd^tbares. Unvergeßüches und 
Qu^voUes ere.8„et habe, auf das die ersten An^eiAen seines Leidens zurüci.uführen 

Sein n "■ "T ''"'^^^ '" "''"""^■^ ^'^^^ ^««^' -dx den, Zitat in der 

E^Ieuung .u „Dostojewsk. am Roulette" p. XLV). Ferner Orest Miller in „Dost 
S^ -tob.ograph:sche SAnften- „Es gibt über die Krankheit Fjodor MiAaibw^ I 
aUerchngs noch eme besondere Aussage, die sich auf seine früheste Jugend beziek und 
^e Krankheit mit einem tragisAen Fall in dem Famüienleben der Eltern' Dost^r^^st 
Vrb^dung brn^gt. DoA obglei* n.lr diese Aussage von einem Menschen Tpiodo" 

^^ Llt h rt ,-i" '"' '"""^"^ '""" ^^^'*^^ ^^h^-" habe, die 

Neut^Tnfo i ^!'^ '". * """ ^'°^" wiederzugeben" (S. 140). Biographik und 
^eurosenforschung können dieser Diskretion nicht zu Dank verpflichtet sein 



4 



15 



in Sibirien völlig fiftiert hatten, aber andere Angaben wider' 
fpredien dem.^ Die unverkennbare Beziehung zwifdien dei 
Vatertötung in den Brüdern Karamafoff und dem Sdiidtfa 
von Doftojewskis Vater ift mehr als einem Biographen auf' 
gefallen und hat fie zu einem Hinweis auf eine „gewill« 
moderne pfydiologifdie Riditung" veranlaßt. Die pfychoana- 
lytifdie Betraditung, denn diefe ift gemeint, ift verfudit, it 
diefem Ereignis das fdiwerfte Trauma und in Doftojewskiä 
Reaktion darauf den Angelpunkt feiner Neuro fe zu erkennen 

Wenn idi es aber unternehme^ diefe Aufftellung pfydio- 
analytifdi zu begründen, muß idi befürchten, allen dener 
unverftändlidi zu bleiben, die mit den Ausdrudssweifen unc 
Lehren der Pfydioanalyfe nidit vertraut find. 

Wir haben einen geficherten Ausgangspunkt. Wir kennet 
den Sinn der erften Anfälle Doftojewskis in feinen jungen 
Jahren lange vor dem Auftreten der „Epilepfie". Diefe An- 
fälle hatten Todesbedeutung, fie wurden von Todesangft ein- 
geleitet und beftanden in lethargifdien Schlafzuftänden. Ah 
plötzHche, grundlofe Schwermut kam fie (die Krankheit) zu- 
erft über ihn, da er nodi ein Knabe warj ein Gefühl, fo er- 
zählte er fpäter feinem Freunde Solowjoff, als ob er fogleidi 
fterben müßte; und tatfächlich folgte dann audi ein, dcrti 
wirklichen Tode vollkommen ähnlfdier Zuftand . . . Sein Brü- 
der Andree hat berichtet, daß Fedor fchon in jungen Jahren 
vor dem EinfchJafen Zettelchen hinzulegen pflegte, er fürchte 

daß'dif 'icltr ^"^^"' ^^™*^'- Dostojewskis eigene Auskunft, behaupten vielmehr. 
Charakter an^o^ '\ Z .. ^T '^^'''^'' ^"^^ ^^ren definitiven, epileptisAen 
der NeurotüfeTT , • ~-^" """ ^'^'"^' <^^" autobiographisAen MitteüungeO 
unternimmt die d., ""' "^''- ^'J Erf^rung zeigt, daß ihre Erinnerung VerfälsAungen 
Doch sAei^t es T.L 'T?.'""^ T"" "^'^^samen Kausalzusammenhang zu zerreißen, 
zustand DostoiewS .'"^ f. Au enthalt im sibirisAen Kerker auch den Krankheits- 
heit- (S. r,86 ^^"^'"'^ ^'^*^*^^^ ^«- Vgl Wezu : „Dostojewskis HeUige Krank- 



16 






in der Nadit in den fdieintodähnlidien Schlaf zu verfallen 
r und bitte darum, man möge ihn erfl: nadi fünf Tagen be- 

1 erdigen lauen, („Doftojewski am Roulette", Einleitung 

R-J Seite LX.) ,.,i-^".t:::':. ■- iuy— ,:~:..~r ^^r^-- 

s Wir kennen den Sinn und die Abficht foldier Todesanfälle. 

i» q| Sie bedeuten eine Identifizierung mit einem Toten, einer 

1 Perfon, die wirklidi geftorben ift, oder die noch lebt und der 

s^ i^an den Tod wünfcht. Der letztere Fall ift der bedeutfamere. 

^fl - ^^r A nfall hat dann den Wert einer Beftrafung. Man hat 

- ^ einen anderen tot gewünfcht, nun ift man diefer andere und 

1 ift feibft tot. Hier fetzt die pfydioanalytifche Lehre die Be- 

1 hauptung ein, daß diefer andere für den Knaben in der Regel 

i der Vater ift, der — hyfterifch genannte — Anfall alfo eine 

1 Selbftbeftrafung für den Todeswunfch gegen den gehaßten 

^ Vater. 

Der Vatermord ift nadi bekannter Auffaffung das Haupt- 
und Urverbredien der Menfdiheit wie des einzelnen.* Er ift 
j jedenfalls die Hauptquelle des Schuldgefühls, wir willen 

nicht, ob die einzige; die Unter fuchungen konnten den feeH- 
Cchen Urfprung von Sdiuld und Sühnebedürfnis noch nicht 
^ ficherftellen. Er braucht aber nidit die einzige zu fein. Die 

j pfychologifche Situation ift kompliziert und bedarf einer Er- 

, I iäuterung. Das Verhältnis des Knaben zum Vater ift ein, wie 
wir fagen, ambivalentes. Außer dem Haß, der den Vater als 
Rivalen befeitigen möchte, ift regelmäßig ein Maß von Zärt- 
lichkeit für ihn vorhanden. Beide Einftellungen treten zur 
Vateridentifizierung zufammen, man mödite an Stelle des 
, Vaters fein, weil man ihn bewundert, fo fein möchte wie er 
^nd weil man ihn wegfchaffen will. Diefe ganze Entwicklung 
!!!L^!!l^!i_^^^ ^^^ gewiffen 

4) Siehe des Verf. .Totem und Tabu" (Ges. SAriften. Bd. X). 
* Almanach ijjo. ^ ^_ 

17 



«ssaaasa^ aasasajä^a 



Moment lernt das Kind vergehen, daß der Verfudi, den 
Vater als Rivalen 2u befeitigen, von ihm durdi die Kaftration 
geftraft werden würde. Aus Kaftrationsangft, alfo im In- 
terefle der Bewahrung feiner Männlichkeit, gibt es alfo den 
Wunfdi nach dem Befitz der Mutter und der Befeitigung des 
Vaters auf. Soweit er im Unbewußten erhalten bleibt, bildet 
er die Grundlage des Schuldgefühls. Wir glauben hierin 
normale Vorgänge befchrieben zu haben, das normale Schick- 
fal des f ©genannten Ödipuskomplexes; eine wichtige Ergän- 
zung haben wir allerdings nodi nachzutragen. 

Eine weitere Komplikation ftellt fidi her, wenn beim Kinde 
jener konllitutionelle Faktor, den wir die Bifexualität heißen, 
ftärker ausgebildet ill. Dann wird unter der Bedrohung der 
Männlidikeit durch die Kaftration die Neigung gekräftigt, 
nach der Riditung der Weiblichkeit auszuweidien, fidi viel- 
mehr an die Stelle der Mutter zu fetzen und ihre Rolle als 
Liebesobjekt beim Vater zu übernehmen. Allein die Kaftra- 
tionsangft madit audi diefe Löfung unmöglidi. Man ver- 
fteht, daß man audi die Kaftration auf fidi nehmen muß, 
wenn man vom Vater wie ein Weib geliebt werden will 
So verfallen beide Regungen, Vaterhaß wie Vaterverliebt- 
heit, der Verdrängung. Ein gewiller pfychologifciier Unter- 
fchied befteht darin, daß der Vaterhaß aufgegeben wird in- 
folge der Angft vor einer äußeren Gefahr (der Kaftration); 
die Vaterverliebtheit aber wird als innere Triebgefahr be- 
handelt, die doch im Grunde wieder auf die nämliche äußere 
Gefahr zurückgeht. 

Was den Vaterhaß unannehmbar macht, ift die Angft vor 
dem Vater; die Kaftration ift fdiredclich, fowohl als Strafe 
wie auch als Preis der Liebe. Von den beiden Faktoren, die 
den Vaterhaß verdrängen, ift der erfte, die direkte Straf- und 



18 



.':i 



Kaflrationsangfl, der normale zu nennen, die pathogene Ver- 
ftärkung fdieint erft durdi den anderen Faktor, die Angft 
vor der femininen Einftellung, hinzuzukommen. Eine ftark 
bifexuelle Anlage wird fo zu einer der Bedingungen oder 
Bekräftigungen der Neurofe. Eine foldie ift für Doftojewski 
fidierlidi anzunehmen und zeigt fidi in exiftenzmöglidier 
Form (latente Homofexualität) in der Bedeutung von 
Männerfreundfdiaften für fein Leben, in feinem fonderbar 
zärtlidhen Verhalten gegen Liebesrivalen und in feinem aus- 
gezeidineten Verftändnis für Situationen, die fidi nur durdi 
verdrängte Homofexualität erklären, wie viele Beifpiele aus 
feinen Novellen zeigen. 

Idi bedaure es, kann es aber nidit ändern, wenn diefe Aus- 
führungen über die Haß- und Liebeseinftellungen zum Vater 
und deren Wandlungen unter dem Einfluß der Kaftrations- 
drohong dem der Pfydioanalyfe unkundigen Lefer unfdbimadj- 
haft und unglaubwürdig erfdieinen. Idi würde felbft erwar- 
ten, daß gerade der Kaftrationskomplex der allgemeinflen 
Ablehnung ßdier ift. Aber ich kann nur beteuern, daß die 
pfychoanalytifdie Erfahrung gerade diefe Verhältniffe über 
jeden Zweifel hinaushebt und uns in ihnen den Sdilüflel zu 
jeder Neurofe erkennen heißt. Den muffen wir alfo audi an 
der fogenannten Epilepfie unferes Dichters verfuchen. So 
fremd find aber unferem Bewußtfein die Dinge, von denen 
unfer unbewußtes Seelenleben beherrfcht wird. Mit dem bis- 
her Mitgeteilten find die Folgen der Verdrängung des Vater- 
hafles im Ödipuskomplex nicht erfchöpft. Es kommt als neu 
hinzu, daß die Vateridentifizierung fich am Ende dodi einen 
dauernden Platz im Idi erzwingt. Sie wird ins Idi aufge- 
nommen, ftellt fich aber darin als eine befondere Inftanz 
dem anderen Inhalt des Ichs entgegen. Wir heißen fie dann 



y\'^ 



m 




\ 



das Über-Ich und fdireiben ihr H^r c k- j r., 

tiuues, die widitigften Funktionen zu. 

War der Vater hart, gewalttSt;» r 

Ober-Idi H.Vf, p- fj, / '^^'"«'S' graufam, fo nimmt das 
«Joer JOi diefe Eigenfdiaften von ihm an „n^ ■ r • „ i 

t.on zum Id ftellt CA die PaffivS T .'" "" ^'^'' 
verdrängt werden follte. Das OW "I atZ-a^ '"' ^"^'^ 
das Id, wird mafoüftifA dT .^ ^^'^^ ^'^°"^"'' 
Es entfteHt ein großes St'rafbedürfnis r;:^'^^''* f 'T 
foldies dem SAiAfal bereit lie« t i . ^ '"'' ^'^ 

dur* das Über-I4 (SchuIdbellMS '" /"/"^ 
Jede Strafe ift ja i« Grunde dl Kaft ^•^'''^Sung fmdet. 
Erfüllung der alten d ff T ^^''^'■«'°" «d als foldie 
das SAiAfal ift endlil nrei!e"f """' '""^ ^''''- ^"* 

Die noi-malen Vorgänri 7 ''"'" Vaterprojektion, 
fo ähnlich fein, wie die M ^ Gewiffensbildung muffen 

"HS noA mit gelungen drAf''*^'"''" ^'""'^™"- ^» '^ 
Man bemerkt, daß hier' der ^1!^"'""^ beider herzuftellen. 

Pffiven Komponente d'r ^d ''°"" '" ^"^^^'"^ «^^ 
fdirieben wird. Außerde ''"'^'t"^« WeibliAkeit zuge- 

deutfam werden otteT ■ . ^"'^"""'^ P^''*- ^- 

f"4 in der Realität befond'ers «wT, J'" -f """^'^'^ ^^^ 
Doftojewski zu, u„d j. T." «^^^»"atig ift. Djes trifft für 

SAuldgefUhls wie feiner Jtl^^. ^""" außerordentlidien 
<•- wir auf eine ^ZC^^^f^ .^»-^ührung wer- 
^"<if Uhren. So ift die Forme^^ r ,^'n"""' ^»«Ponente zu- 
ftark bifexuell Veranlaner d, r^ '''^*'= '^ ''^^°"''^' 
S^8«n die Abhängigkeit vn "" ^efonderer Intenfcät 

^«•'^ea kann. Diefen Charak", ''T '''^°°'''=" *'='"» Vater 
den früher i '-"arakter der BifexualJrit (■■ 

iruher erkannten Kn,v, "«uaiitat fugen wir zu 

^^, ^'^hzeitige S,:p"omTT? '^""" ^^^^ ^inzu. 
-fte>- ak eineU über^lr^rf "'" ""'' "^ ^"^ 

* fcafweife zugelaffene Vater- 
20 



identifiziemng des Ichs. Du haft den Vater töten wollen, um 
felbft der Vater zu fein. Nun bift du der Vater, aber der tote 
Vater; der gewöhnlidie Mediaoismus hyfterifdier Symptome. 
Und dabei: jetzt tötet dich der Vater. Für das Idi ift das 
Todesfymptom Phantafiebefriedigung des männlichen Wun- 
fehes und gleidizeitig mafodiiftifdie Befriedigung; für das 
Über-Ich Strafbefriedigung, alfo fadiftifdie Befriedigung. 
Beide, Idi und Über-Icb, fpielen die Vaterrolle weiter. — Im 
ganzen hat fidi die Relation zwifchen Perfon und Vaterobjekt 
bei Erhaltung ihres Inhalts in eine Relation zwifchen Idi 
und Über-Idi gewandelt, eine Neuinfzenierung auf einer 
zweiten Bühne. Soldie infantile Reaktionen aus dem Ödipus- 
komplex mögen erlöfdien, wenn die Realität ihnen keine 
weitere Nahrung zuführt. Aber der Charakter des Vaters 
bleibt derfelbe, nein, er verfdilechtert fich mit den Jahren und 
fo bleibt auch der Vaterhaß Doftojewskis erhalten, fein Todes- 
w^unfch gegen diefen böfen Vater. Nun ift es gefährlidi, wenn 
die Realität foldie verdrängte Wünfche erfüllt. Die Phan- 
tafie ift Realität geworden, alle Abwehrmaßregeln werden 
nun verftärkt. Nun nehmen Doftojewskis Anfälle epilepti- 
fdien Charakter an, fie bedeuten gewiß nodi immer die ftraf- 
weife Vateridentifizierung, find aber fürditerlich geworden 
wie der fdiredslidie Tod des Vaters felbft. Weldien, insbe- 
fondere fexuellen, Inhalt fie dazu nodi aufgenommen haben, 
entzieht fich dem Erraten, 'v;,: r;.' : 

Eines ift merkwürdig: in der Aura des Anfalles wird ein 
Moment der hödiften Seligkeit erlebt, der fehr wohl den 
Triumph und die Befreiung bei der Todesnadiridit fixiert 
haben kann, auf den dann fofort die um fo graufamere Strafe 
folgte. So eine Folge von Triumph und Trauer, Feftfreude 
und Trauer, haben wir audi bei den Brüdern der Urhor^e, 



21 



-W 




1! 



'ües nur. daß feine Anfälle wt ''"' '° ^'^^'^'' 

fie nicht mehr, wenn er ander! A t "'""• ^^ ''""*'' 
unerweisbar. Eher erklärt d^f \f ^"^ ^"^'" «^'^ ^^ 

Doftoiewskis feelifAe Ökonomie 7«"'"''''" f" ''"^' ^"' 
diefe Jahre des Elends und T V "' ""S^trochen durd. 

Doftojewskis feelifd,e <^l^onol '^tTT U^T'^tl 
ungerecht, er mußte das wiffen ^ ""gebroAen durch 

diente Strafe von Väter,4,. 1 "^^ ," akzeptierte die unver- 
die reine Sünde gegen dtn"j;'I^ ^'^"^ ^"' "^^ Strafe, 
An Steile der SelÄXt^T rl"^-" -^'^'^ ''««• 
de»- Vaters beftrafen Man hul t ''""^ Stellvertreter 

logii-Ae ReAtferti^nf d„ T "" ^'"* '" ^ie pfyAo- 

Strafen Wnein. Es^ft Ml^'T« ?^'"^*^^' ^«•^-S«'^ 
brediern nad, der Str,f , ^™'^' *^™PP«° ™n Ver- 

Wer den T ■ ^" ^"hängen. 

Symptome'lennr wST „^,*'*=«""8'^="idel hyfterifAer 
unternommen wird den „ "'!'^"' ^^ ^ier kein VerfuA 
diefen Anfang «„;„:" e"" • .' ^"^'"' ^oftojewskis über 
nehmen darf, ihr urfprüL, T"c ' '^'™- '^'<^ "^an an- 
Dberlagerungen u„3 « " tV'' '''""^ ^"^ ^P^-- 
^oftojewski ia memalTt , S't"/^" -^"^ f^^^ 
-— _Z__^^Gew,ffensbelaftung durdi 



Anfen . ■^°':«m und Tabu' r\- ■ ' 

'^'^ '^^? Ä -'"' -* '2.':^. ■:::;?■ -*- '^"Ä: i r - 



~>wd auf „j, """"nf und das Gefcn .■-■=» Anlal darin h«,- j . 

Bewußtsein beka«.; "P'^'^chen Realität» und k , ^'^ '^^^^ekc die KvAn . 

' "w unbekan 



annte Schuld dem 



22 



die Abfidit des Vatermordes frei geworden. Sie liat audi 
fein Verhalten zu den zwei anderen Gebieten beftimmt, auf 
denen die Vaterrelation maßgebend ift, zur ftaatlidien Autori- 
tät und zum Gottesglauben. Auf erfterem landete er bei der 
vollen Unterwerfung unter Väterdien Zar, der in Wirklichkeit 
die Komödie der Tötung mit ihm einmal aufgeführt hatte, 
welche ihm lein Anfall fo oft vorzufpielen pflegte. Die Buße 
gewann hier die Oberhand. Auf religiöfem Gebiet blieb ihm 
mehr Freiheit, nadi anfcheinend guten Beriditen foll er bis 
zum letzten Augenblidi feines Lebens zwifdien Gläubigkeit 
und Atheismus gefdiwankt haben. Sein großer Intellekt 
madite es ihm unmöglidi, irgendeine der Denkfdiwierigkeiten, 
zu denen die Gläubigkeit führt, zu über f eben. In individueller 
Wiederholung einer welthiftorifdien Entwidslung hoffte er im 
Chriftusideal einen Ausweg und eine Sdiuldbefreiung zu fin- 
den, feine Leiden felbft als Anfprudi auf eine ChriftusroUe 
zu verwenden. Wenn er es im ganzen nidit zur Freiheit 
brachte und Reaktionär wurde, fo kam es daher, daß die all- 
gemein menfchliche Sohnesfdiuld, auf der fidi das religio fe 
Gefühl aufbaut, bei ihm eine überindividuelle Stärke erreidit 
hatte und felbft feiner großen Intelligenz unüberwindlidi 
blieb. Wir fetzen uns hier dem Vorwurf aus, daß wir die 
Unparteih'dikeit der Analyfc aufgeben und Dollojewski Wer- 
tungen unterziehen, die nur vom Parteiftandpunkt einer ge- 
• wiflen Weltanfdiauung bereditigt find. Ein Konfervativer 
würde die Partei des Großinquifitors nehmen und anders 
über Doftojewski urteilen. Der Vorwurf ift bereditigt, zu 
feiner Milderung kann man nur fagen, daß die Entfdieidung 
Doftojewskis durch feine Denkhemmung infolge feiner Neu- 
rofe beflimmt erfcheint. ^ 

Es ift kaum ein Zufall, daß drei Meifterwerke der Literatur 



23 




\ 



f^r Zeiten das gleiche U. 

cleln: Der Jc- • • ^^eina das der v 

Ine. '''''^ ^^ms des So r 1 , ^^^^«ötung, behan- 

da, \v/^ "^ ''^ Motiv der T /^'^^"äfo«. In all« 

. ng am Drama, das fid, der , ''^ «ewiß die Dar- 

H r hat der Held „od W^ft J. ^"f*'fche„ Sage anfAließt. 

tung d« T , '"'^äAung in _, •„ '*'=" Drama wird die 
bewu& M ''^''-''« d'dur* t ?:"'« ^«f« bei Erhal- 

"-bfiAtU und rPT "'^'^- Der Hirb ,'*''''''^' 
^'■■'i diefen, > r "''^'" °hne Einfl « . '^^"^ '''« Tat 

*« ^-i K.Srr ^"^ '^^*-^^^^^^^^^^^ ^'''"' "^"^ 

*''«' Ungeheuer "^ ^^ "** «iner ^iL ^" "^en. indem er 
NaAdem iT\ ' ^'" ^ater fyl rr "'""^ der Tat an 

:- «^^ sAidcS^; »'' ^-f-s auf if;!^*' ^'i' - 

^"•^ anerkannt uniT '"" '"'* -b.uwä L 5*°"'^™'" 
r^ der Oberlegun" „ " ^'"= ''^-"ßte Ä . "'"" '"" 

Dramas ift ; J ^ ''°"'tt ift. Dien " '""'^' ''''« P^Mo- 

bedeuterV: ": ''" »""ere, ft ^ ^°''^"»g -d« felbft 
^eibe braul T'^'^' ^*°tiv de/;" '^^ deinen Vatermord 

"'"^■^ Lid«, in,'^ «''den erbliden vir " , if"" ^"* '^^" 

■"^"» ->r die Wirkung I f '^f^« i- «flek- 

24 ^ at des anderen auf 



ihn erfahren. Er follte die Tat rädien, findet fidi in merk- 
würdiger Weife unfähig dazu. Wir wiüen, es ill fein Sdiuld- 
gefühl, das ihn lähmt; in einer den neurotifdien Vorgängen 
durdiaus gemäßen Weife wird das Sdiuldgefühl auf die 
Wahrnehmung feiner UnzulängHdikeit zur Erfüllung diefer 
Aufgabe verfdioben. Es ergeben fidi Anzeidien, daß der Held 
diefe Schuld als eine überindividuelle empfindet. Er ver- 
aditet die anderen nidit minder als fidi. „Behandelt jeden 
Menfdien nadi feinem Verdienft, und wer ift vor Sdilägen 
fidler?" In diefer Riditung geht der Roman des Rufl^en einen 
Sdiritt weiter. Audi hier hat ein anderer den Mord voll- 
bradit, aber einer, der zu dem Ermordeten in derfelben 
Sohnesbeziehung fland wie der Held Dmitri, bei dem das 
Motiv der fexuellen Rivalität offen zugeftanden wird, ein 
anderer Bruder, dem bemerkenswerterweife Doftojewski feine 
eigene Krankheit, die vermeintlidie Epilepfie, angehängt hat, 
als ob er geftehen wollte, der Epileptiker, Neurotiker in 
mir ift ein Vatermörder. Und nun folgt in dem Plaidoyer 
vor dem Geriditshof der berühmte Spott auf die Pfydiologie, 
fie fei ein Stods mit zwei Enden. Eine großartige Verhüllung, 
denn man braudit fie nur umzukehren, um den tiefften Sinn 
der Doftojewskifdien Auffaffung zu finden. Nidit die Pfydio- 
logie verdient den Spott, fondern das geriditlidie Ermitt- 
lungsverfahren. Es ift ja gleidigültig, wer die Tat wirklidi 
ausgeführt hat, für die Pfydiologie kommt es nur darauf an, 
wer fie in feinem Gefühl gewollt, und als fie gefdiehen, will- 
kommen geheißen hat, und darum find bis auf die Kontraft- 
figur des Aljofdia alle Brüder gleidi fdiuldig, der triebhafte 
Genußmenfdi, der fkeptifdie Zyniker und der epileptifdie 
Verbredier. In den Brüdern Karamafoff findet fidi eine für 
Doftojewski hödift bezeidmende Szene, Der Staretz hat Im 



25 



Gefpräch mit Dmitri erkannt, daß er die Bereitfdiaft zum | 
Vatermord in fidi trägt und wirft fidi vor ihm nieder. Das 
kann nicht Ausdruck der Bewunderung [ein, es muß heißen, 
daß der Heilige die Verfudiung, den Mörder zu veraditen 
oder zu verabfdieuen von ÜA weift und fidi darum vor ihm 
demütigt. Doftojewskis Sympathie für den VerbreAer ift in 
der Tat fdirankenlos, fie geht weit über das Mitleid hinaus, 
auf das der Unglücklidie Anfprudi hat, erinnert an die heilige 
Sdieu, mit der das Altertum den Epileptiker und den Geifles- 
geftörten betraditet hat. Der VerbreAer ift ihm faft wie ein 
Erlofer. der die SAuld auf CA genommen hat, die fonft die 
anderen hätten tragen muffen. Man brauAt niAt mehr zu 
morden naAdem er bereits gemordet hat. aber man muß ihm 
dafür dankbar fein, fonft hätte man felbft morden muffen. 
Das ,ft niAt gütiges Mitleid allein, es ift Identifizierung auf 
Grund der gleiAen mörderifAen Impulte, eigentliA ein um 
m geringes verlAobener Narzißmus. Der eAifAe Wert 
diefer Güte foU damit niAt beftritten werden. VielleiAt ift 
tZ. t'^Vj" ^t^'i^--'-"^ der gütigen Teilnahme am 

^ul « r "' ''" •"'" ^" ''^'» «'«-« F-lle des vom 
SAuUbewußtfem beherrfAten DiAters befonders leiAt 
durA Aaut. Kern Zweifel, daß diefe Identifizierungsfympa- 
due Ae Stoff wähl Doftojewskis entfAeidend beftimmt hat. 
Er hat aber zuerft den gemeinen VerbreAer, - aus Hgen- 

etlT ^tTT^'"" ""' "''^'"f- VerbreAer behandelt, 
mörder 1 .1 u""' ""^"^ ^""^ UrverbreAer, zum Vater- 
TegL: ^^^'"' ""' ^-^ '^"^ '-- P°-i(4es Geftändnis 

feiner 17^'^!''^''''%^T' ^^^'^'^^ ""'l ^^ TagebüAer 

'. da Doftojewsb in Deutf Aland von der Spiel 
26 



befeffen war. („Doflojewski am Roulette.") Ein unverkenn- 
barer Anfall von pathologifdier Leidenfdiaft, der audi von 
keiner Seite anders gewertet werden konnte. Es fehlte nidat 
an Rationalifierungen für dies merkwürdige und unwürdige 
Tun. Das Sdiuldgefühl hatte fidi, wie nidit feiten bei Neu- 
rotikern, eine greifbare Vertretung durch eine Schuldenlaft 
gefdiafft und Doftojewski konnte vorfdiützen, daß er fidi 
durch den Spielgewinn die Möglichkeit erwerben wolle, nadi 
Rußland zurüd^zukommen, ohne von feinen Gläubigern ein- 
gefperrt zu werden. Aber das war nur Vor wand, Doftojewski 
war fdiarffmnig genug es zu erkennen und ehrÜdi genug es 
zu gcftehen. Er wußte, die Hauptfadie war das Spiel an und 
für fich, le jeu pour le )eu.^ Alle Einzelheiten feines triebhaft 
untinnigen Benehmens beweilen dies und nodti etwas anderes. 
Er ruhte nie, ehe er nidit alles verloren hatte. Das Spiel war 
ihm audi ein Weg zur Selbftbeftrafung. Er hatte ungezählte 
Male der jungen Frau fein "Wort oder fein Ehrenwort ge- 
geben, nicht mehr zu fpielen oder an diefem Tag nidit mehr 
zu fpielen und er bradi es, wie fie fagt, faft immer. Hatte er 
durch Verlufte lldi und fie ins äußerfte Elend gebracht, fo 
zog er daraus eine zweite pathologildie Befriedigung. Er 
konnte fidi vor ihr befchimpfen, demütigen, fie auffordern, 
ihn zu veraditen, zu bedauern, daß fie ihn alten Sünder 
geheiratet, und nach diefer Entlaftung des Gewiflens ging 
dies Spiel am nädiften Tag weiter. Und die junge Frau 
gewöhnte fidi an diefen Zyklus, weil fie bemerkt hatte, daß 
dasjenige, von dem in Wirklidikeit allein die Rettung zu er- 
warten war, die literarifdie Produktion, nie befler vor fich 



6) «Die Hauptsache ist das Spiel selbst", sdirieb er in einem seiner Briefe. „Idi 
sdiwöre Ihnen, es handelt sidi dabei mdit um Habgier, obwohl idi ja freilich vor allem 
Geld nötig hatte." • 



27 



I 



I, 

II 




5fönde h " '" '"" ^"^°"" -d ihre letzte Habe veH 

d5 2 H- " 't'''^'^^' ^"'* die Beftraf.agea befrie- 

tLlVl " '^""^ "^^^ fi* verhängt hatte, dann Heß 
icine Arbeitshemmung nach A^ n \. , -«iae 

Schritte ., f j w/ ' "^^"^^ gemattete er fidi, einig« 

>3cnritte auf dem Wege zum Frf^i 

Welche. ^." 1 T- n "^*S zu tun.' 

Spielzwane W,VH Ut '^''^'^^«^ten Kinderlebens ÜS i^ 

Anle W7 a? :f t^el,:" :^^"^^' '''' "^ -^*''^' ' 
Stefan Zwei-. H.. • u "" ^""«eren Dichters erraten- 

gewidmet C: itj^'T .''°''''^'^'''' ''^^<^ "- 5™* 
von drei NovelL n ^^^" ^' "'"^ä"' '" f«-»^' Sammlung 
f AiAte, die er V ^' /"^wung der Gefühle", eine Ge- 
gner Frau" betitelten l?"''^ ^'""^"^ ^^ <^«™ ^^'' 
""r dartun ein w,V °' ^^«fierwerk will angebü* 

^^ ^^iAcn e,(Ia T"T^°''^'^'' Wefen das Weib i«. 
'inen unerwart en l f'^^"'''" überfAreitungen es durch 
Allein die Novelle f,.!'^™'^ ^^''""8* ^^^^«■' '^*""- 
digende Tendenz et^^ '''" "'"^'' ^^^' "h"« '»l*^ ^«f«*"'' 
o<J« vielmehr Männrl^^^j anderes, allgemein MenfchlicheS 

tHAen Deutung unterbiet ,'"/'"" "'" '"'^ ""^^ ^'''''''' 
aufdringlich nahe gelebt ^' fi ""' ^°'** ^«^"«""S '^ ^° 
Es ift bezeichnend für d; xf "^" '"'^ "'** abweifen kann- 
faß der mir befreundete n^l' '^"' '^ünftlerifchen Schaffens, 
konnte, daß die ihm mitgeteH, A' ^"^ ^"^^"S" ^erficiern 
f^ne-- Abßcht völlig £„'''' "'""^ feinem Willen und 
f^^ählung „,„A, ^ ™<1. gewefen f«. obwohl in die 

^"^Anet fAeinen, auf die 2^ '^'"'^ ^""d. die geradezu 
^^i::;:^:~^rr~-~~ _Jj^ Vr hinzuweifen. In der 



— «-. Nur *'"'' '" ^p^^^^^^A^^bT^i^r^ 

''ö/I teiier Seele ! "^'''" '''"'^ ^^s Unheil p. T ''"■^°''" l^^"^» ^'^ er vollständig 

Miller, .Dostoje^ki f t'^ '^™ ^^ö.iJ^ZnT" -^^'''^ "^* ^"^'^* '^^ ^'^"^ 

^^^'^^ ^m Roulette- p. LXXXVI) '*'" ^'''^- ^^'"^ ^"^^^' 



28 



Novelle Zweigs erzählt eine vornehme ältere Dame dem 
Diditer ein Erlebnis, das fie vor mehr als zwanzig Jahren 
betroffen hat. Früh verwitwet, Mutter zweier Söhne, die fie 
nicht mehr brauditen, von allen Lebenserwartungen abge- 
wendet, geriet fie in ihrem zweiundvierzigften Jahr auf einer 
ihrer zwetklofen Reifen in den SpieHaal des Kafinos von 
Monaco und wurde unter all den merkwürdigen Eindrücken 
des Orts bald von dem Anblids: zweier Hände fafziniert, die 
alle Empfindungen des unglütklidien Spielers mit erfdiüttern- 
der Aufriditigkeit und Intenfität zu verraten fdiienen. Diefe 
Hände gehörten einem fdiönen Jüngling, — der Diditer gibt 
ihm wie abfiditslos das Alter des erften Sohnes der Zu- 
fchauerin, — der, nachdem er alles verloren, in tieffter Ver- 
zweiflung den Saal verläßt, vorausfiditlich um im Park fein 
hoffnungslofes Leben zu beenden. Eine unerklärlidie Sympa- 
thie zwingt fie, ihm zu folgen und alle Verfudie zu feiner 
Rettung zu unternehmen. Er hält fie für eine der am Ort fo 
zahlreichen zudringlidien Frauen und will fie abfdhütteln, 
aber fie bleibt bei ihm und fieht fidi auf die natürlidifte 
Weife genötigt, feine Unterkunft im Hotel und endlidi fein 
Bett zu teilen. Nach diefer improvifierten Liebesnadit läßt 
fie fich von dem anfcheinend beruhigten Jüngling unter den 
feierlidiften Umftänden die Verfidierung geben, daß er nie 
wieder fpielen wird, Hattet ihn mit Geld für die Heimreife 
aus und verfpricht, ihn nodi vor Abgang des Zuges auf dem 
Bahnhof zu treffen. Dann aber erwadit in ihr eine große 
Zärtlidikeit für ihn, fie will alles opfern, um ihn zu behalten, 
befdiließt, mit ihm zu reifen, anftatt von ihm Abfchied zu 
nehmen. Widrige Zufälligkeiten halten fie auf, fo daß fie den 
Zug verfäumt; in der Sehnfudit nadi dem Versciiwundenen 
fudit fie den Spielfaal wieder auf und findet dort entfetzt 



29 



\ I 



die Hände wieder, die zuerft ihre Sympathie entzündeten; 
der Pfhchtvergeffene ift zum Spiel zurückgekehrt. Sie mahnt 
■hn an fem VerfpreAen, aber von der Leidenfchaft befellen, 
Wnk er fie Spielverderberin. heißt fie gehen und wirft ihr 
das Geld hm. m.t dem fie ihn loskaufen wollte. In tieffter 

blte 7r . 1"'" ""^^ ^"^ fP«" - Erfahrung 
bringen, daß es ihr nicht geluncren w^. -u , ^ i, a 

^^ t , , ö^Aungen war, ihn vor dem Selbft- 

mora zu bewahren. 

.eS'für' fiTj """r* '"*'"'°^ ■"»«--- Cef AiAte ift 
g w:ß für fij. aUem exiftenzfähig und einer großen Wirkung 

TitlY: tr "": ^"^'^^^ '^•'" ^ber. daß ihre Erfin- 
Szeit ruht df 'T ^-f*Ph«-fie der Puber- 
tätszeit ruht die bei manchen Perfonen felbft als bewußt 
ermnert wird. Die Phantafie lauter H" aa . 

<ien Jünghng ins fexuelle tb "Sf "^^^ ^'f 

gefürditet-^n Q^-ji-_Li . einfuhren, um ihn vor den 

H/ufSn ErlS. . ^""" '" °"='"'^ ^" «"-• Die fo 

Da. Ta J't"SST. ":'" '•'"f^"'^" "'f«"-«- 
die Betonune de ^T'rf '^^"^ '^^^ '^^ ^P'^""*« '-f««. 

für di e 7blet„ " '"''"*™ ^"'^'"=" ^" «ände ift 

eie Ableitung verräterifch. Wirklidi ifl HJ. c • i 
"n Äquivalent des alr.n o Spielwut 

anderen Wort als Spiele-ft T"'''"'^"' ■"" ^'^"^ 
Sung der Hände a^ S" alfb:!/" ^"^'^"^^ ^'^ «"^'i" 
ftehlidikeit der Verfudii d T T "^ ""'' ""^'''^'- 
gehahenen Vorfätze es " ^^ ^^'" ""'' ^°* "'= 

I-"ft und das böfe cJin '" '""' """ betäubende 

(Sdbftmord). find bei der Erf """ "*'' '^^ ^"8''-''« 
"-ben. Die Zweigfdie Nov „!""' ;""""'''=" "'>^'«" ?- 
HKht V Sohne, erzählt. Es Z Z^l T fl "*"""' 

ZJT'X- "="" 'l- Mutter wtte °"rj''""^'^''^'" 

■"■A die Onanie bringt, würde Z 1 '" "'"^'^' ^'^='''"" 

S wurde fie «,* g.^jg ^^^^ ^.^ ^^_ 

30 






itattung aller Zärtlidikeiten an ihrem eigenen Leib vor ihnen 
retten. Die Gleidiftellung der Mutter mit der Dirne, die der 
Jüngling in der Zweigfdien Novelle vollzieht, gehört in den 
Zufammenhang derfelben Phantafie. Sie madit die Unzugäng- 
liche leidit erreidibar; das bÖfe Gewiflen, das diefe Phan- 
tafie begleitet, fetzt den fdilediten Ausgang der Diditung 
durch. Es ift audi intereffant zu bemerken, wie die der 
Novelle vom Diditer gegebene Fallade deren analytifdien 
Sinn zu verhüllen fudit. Denn es ift fehr beftreitbar, daß das 
Iiebesleben der Frau von plötzlichen und rätfelhaften Im- 
pulfen beherrfdit wird. Die Analyfe dcdkt vielmehr eine 
zureichende Motivierung für das überrafdiende Benehmen 
der bis dahin von der Liebe abgewandten Frau auf. Dem 
Andenken ihres verlorenen Ehemannes getreu, hat fie fidi 
gegen alle ihm ähnlichen Anfprüdie gewappnet, aber — darin 
behält die Phantafie des Sohnes Redit - einer ihr ganz 
unbewußten Liebesübertragung auf den Sohn war fie als 
Mutter nicht entgangen, und an diefer unbewaditen Stelle 
kann das Sdiidifal fie paden. Wenn die Spielfudit mit ihren 
erfolglofen Abgewöhnungskämpfen und ihren Gelegenheiten 
Zm Selbftbeftrafung eine Wiederholung des Onaniezwanges 
ift, fo werden wir nicht verwundert fein, daß fie fich im 
Leben Doftojewskis einen fo großen Raum erobert hat. Wir 
tmden doch keinen Fall von fciiwerer Neurofe, in dem die 
autoerotifdie Befriedigung der Frühzeit und der Pubertätszeit 
mdit ihre Rolle gefpieh hätte, und die Beziehungen zwifchen 
den Bemühungen, fie zu unterdrüd^en, und der Angft vor 
dem Vater fmd zu fehr bekannt, um mehr als einer Erwäh 
' nung zu bedürfen.« 



8) Di 



trefflL^^^ .T'"'" ^^' ^'" vorgetragenen AnsiAten sind auch in der iö„ er.^' 



31 



! 



Freads Stadic ülber Dostojewski 



Von 

Theodor Keik 

_^«i Jem Jahrgang i^,^ (Band XV) der Jmago, 
4i t'^' 2«r Ar^^er^dung der Psychoanalyse auf 
. H T"*'^ r """^ ^'"f^^^i^ienschaften' (Jährlich 

abon '" ^f '^'"'^«^-*> «^«. s6o Säten; Jahres- 
Abonnement RM 22.—.) 

Es soll hier kein Referat k 

was sich „ach der wiederfr .T"*™- ^' "' "" festgehalten, 

Eind.acke„ verdichtent : r^tf 'e:r '7 'l^»^" ^""^^^ ^" 
ihrer Würdigung und Krltft k • aufmerksamer Leser zu 

^ g ng und Kritik beitragen kann. 

Art die Quellen, nl^ürt^f.' J^^^Sestellt, de, i„ musterhafter 
™soff aneinanderreiht und Kr. ^-^l' ^" ''"° »''"'"° ^ara- 
8-iß d.e richtige Stelle fUr ieseW* "*:>• ''''"^'''«' ^^^ ''^^ 
bedeutsame Aufklärungen über d^ T k" '" "''«'-«''ende und 
Dichters zu geben hat. ^''"" ""d Schaffen des 

T 'k 

für die „eigens verfaßte""ttf .^T'''" 1'' «"»«sgeber Freud 
meinen und der Brüder' Kara " ff ' ' Z^gÜederung im allge- 
"ch demnach „m eine GäZT T "'^»"deren". Handelt es 
bot der Anlaß Gelegenheit i?™ ,'"""' J* ""^ »"«• G'^iß 
F°™ ^u bringen. Ebenso *ge^fß ™'''" bedachtes in eine gemäße 
Anlaß zu diesen Gedankeng^' tX "'f «" <•-- Gelegenheit 
;=" solcher schriftlichen Fixierl; "■ ^^™'^™ ''^" Anlaß, der 

''=^- gesehen, daß sie sich uSfluTt "^^ ''"'" ^' '"'' 

-—_____ ^^""^^ ^on solchen Gelegenheiten 

Miulld FrieSl^A = °'' ^^^"^^^ d^^ Brüder Karan,.. ff « 

lednch Edcsiem. R. Piper & Co. Verlag Sa^ Herausgeber Ren^ Fülßp- 

32 



I 






ergeben hätte, mit anderen Worten: wenn diese Studie nicht 
»eigens verfaßt" worden wäre. Dann wäre, uns allen erwünscht, 
^ohl manches hinzugekommen, was über diesen engen Rahmen 
hinausging, manches, was sich ihm jetzt nur gezwungen einfügt, 
hätte in einem weiteren einen größeren Raum beanspruchen dürfen. 
Freud geht von dem Reichtum der Persönlichkeit Dostojewskis 
aus: er zeigt den Dichter, den Neurotiker, den Ethiker und den 
Sünder. Es wird gleichsam ein Fächer entfaltet, und wir sehen, 
was sich auf einigen ausgewählten seiner Teile an bemerkenswerten 
oder merkwürdigen Eintragungen und Bildern erkennen läßt. Dem 
Dichter in Dostojewski ist am wenigsten Raum gewidmet, doch 
weist Freud darauf hin, daß die Analyse vor dem Problem des 
Dichters die Waffen strecken muß. Doch wohl nur vor der 
biologisch bestimmten Seite dieses Problems, vor der Frage der 
speziellen Begabung? Zu den Fragen des künstlerischen SchaflFens, 
seiner unbewußten Triebkräfte und Mechanismen, der verborgenen 
psychischen Voraussetzungen der Konzeption und Gestaltung hat 
die Psychoanalyse noch vieles zu sagen — obzwar sie schon vieles 
gesagt hat. Es hat sich ergeben, daß die Vorgänge des künstlerischen 
Schaffens weit weniger geheimnisvoll sind als man angenommen 
hat, obwohl sie noch immer geheimnisvoll genug sind. 

Den Ethiker Dostojewski hält Freud für am ehesten angreifbar. 
Wolle man ihn als sittlichen Menschen hinstellen, da nur der die 
höchste Stufe der Sittlichkeit erreiche, der durch die tiefste Sünd- 
haftigkeit gegangen sei, so erhebe sich ein gewichtiges Bedenken 
gegen diese Betrachtungsart. Wer abwechselnd sündige und dann 
in seiner Reue hohe sittliche Forderungen aufstelle, habe es sich 
bequem gemacht, denn das Wesentliche an der Sittlichkeit sei der 
Verzicht. Dostojewskis Lebensführung zeige nun diese charakte- 
ristische Art des Wechsels von Triebdurchbruch und Reue. Der 
erste Eindruck einer solchen Beurteilung ist: strenge, aber gerecht. 
Der zweite Eindruck: weniger gerecht als strenge. Wir wollen 
nicht unterdrücken, was an Widerspruch in uns rege geworden ist. 
Das unsichere Gefühl, das die Freudsche Diskussion des Sittlich- 
keitsbegriffes auslöst, ist dadurch bedingt, daß die negative Aus- 
säge hier glücklicher ist als der Versuch der positiven Formulierung. 
Wir gestehen gerne zu, daß nicht der die höchste Stufe der Sittlich- 



Almanach 1930. 



33 






Sittlichkeit- er • ,1 ""''" *'"='• war einmal das Kriterium der 

allein. d:;;:u:^e'rc:e"Btr"^T.r'™- ^'\" •: 

stumpfen Sinnen den Autor tlenun' ""^ i'T' ''^'^ '"''' T 
durch seinen Phantasie™an"d sehr Tl ' ""'' '^"" ^" "'"^f 
Dostojewski weit übertreffen- • TT" ^'"^' '''' Sittlichkat 
^ir würden in Verfolgung dieses\t" ^t'"'^^'" Standpunkt, 
ruhiges Gewissen ist das beste rT?" \ ^"^ Sprüchlein, e.» 
richtig ist, aber nur erkls,, ^»li=>"ssen, landen - das zwar 

so viel Zufriedene und Sa LrertTdi" t '"'' Schlafmützen gib. 
„erbärmliches Behauen" ., ''''™ ^"^ ''^n' Verzicht «n 

Verzicht schlechtweran r u^' ''"""^ ^"^^ "'^h« "f den 

haftigkeit abgerungene Ci^::'-'^" 'c -'r ^'"" ^^"''^" ^'■^'■ 
aus dem Begriffe jenes Ausgleiche, d' ^'^^l."^" Versuchung ist 
gewohnt sind, nicht ausscMSbt; d" ""■■ ''"'"'"'''" ^" »'"°'" 
gibt es keine Frommen. Die RelL .'',° ''' ''"'"" Bünden gibt, 

weiterbestehen können „ "^^"S'on wuroc nicht einen Tag lang 
gleichbedeutenden wie tab„ ^^"*^ '^^ Schuld (und die 

über jene Triebkrä st Irr" Tm ^ '"^'=^'^- ^-''^ ^" ^ieg 
mit ihnen - sofern nm ™"I'"<l«de. sondern der Kampf 

urteilen nicht gefaneen ,!, ^T f"' '"'' konventionellen Wert- 
trechcr, der dem TrlebansTu " ' '1"™ ''™= ^^-^ ^er Ver- 
erkannt werden als der brave^" "" "f^"' ''^"'=5 als sittlicher 
Verzicht flüchtet. Auch SaTan l"'^"' ^''' ''"' ^^^'^ugnend, zum 
noch immer ein großer Theolnr"' "" .^"«'' *'' ^"^ere und ist 
den Herrn. Der Begriff VeS L™' f'"" ^errn - u„d wider 
«en Schicht eindeutig, hat s L volle\""; '" ^" oberflächlich- 
f ^'ch um die materielle R.T ^^''«tung nur dort, wo 

Verzicht ist - psycholo'th t""""! ""'^ ^n<^^zUU. handelt. 
5'Wedigung, die aus dem Auf.eT"™ " ~ ''"^ ^" ^^ ^rieb- 
^as Recht ableitet, denselben Ge«""" ^""^ "«'bellen Genusses 
haiten. Er ist also nur eine subUm" T '" ^" '''^^"""^ ^" "" 
-ä- ohne wesentliche Unkosten ' "'"" ^" Triebdurchsetzung, 
quantitative Unterschiede zwischen d'"'''''™ ""■ ^^ '^^ ""' 
S""S und den anderen - JT ''"'" ^rt der Triebbefricdi- 
"nd wir haben es nicht vergessen" ""' "^'^ Psychoanalyse gelehrt 



3-» 



•U 



Freud bezeicliiiet jenen Ausgleich mit der Sittlichkeit, der im 
Falle Dostojewskis zu beobachten ist, als einen charakteristisch 
russischen 2ug. Er ist in Wahrheit ein allgemein menschlicher Zug; 
nur Art und Weite der Amplituden, der Form der gegensätzlichen 
Schwingungen zeigen eine nationale, d. h. aus den Schicksalen 
eines Volkes erklärbare Besonderheit. Solches Ringen zwischen 
Triebanspruch und Anforderungen der Gemeinschaft wird in seinen 
Phasen, seinem Erfolg und seinem Versagen durch das Zeitalter 
und die Kulturanschauungen der Umwelt in entscheidendem Aus- 
maße bestimmt- Diese Faktoren drücken auch dem Ausgleich mit 
der Sittlichkeit, die selbst ein Ausgleich ist, im Falle Dostojewskis 
ihren unverkennbaren Stempel auf. Der Dichter stand alle seine 
Tage unter dem starken unbewußten Einflüsse jenes bedauerlichen 
Mißverständnisses, das vor neunzehn Jahrhunderten die Menschheit 
in Sünder und Heilige einteilte. Aus dieser psychischen Beherr- 
schung erklären sich die Hypertrophie seines Gewissens, seine 
Triebdruchbrüche und seine Bußstimmungen. Wir Kinder einer 
anderen Zeit, welche schlichteren Gemütern als eine fortge- 
schrittenere erscheint, haben kaum mehr die Fähigkeit, uns völlig 
in die Psychologie des russischen Volkes in dieser Periode einzu- 
fühlen. Niemand, der nicht in diesem kulturellen Milieu frühzeitig 
dem tiefen Einfluß des Christentums unterlag, kann es ganz nach- 
fühlen, daß die religiöse Erziehung den bereits vorhandenen Arten 
der Triebbefriedigungen eine neue, feiner abgestimmte Form hin- 
zugefügt hat: die Wollust, sich verloren zu geben, sich verdammt 
zu wissen. Es wird ihm schwer, gefühlsmäßig zu erfassen, welche 
Orgien der Leidenschaft und welche Orgien des Leidens sich aus 
dieser neuartigen Situation mit psychologischer Notwendigkeit 
ergaben. , 

Solche Faktoren werden auch auf die besonderen Triebschicksale, 
welche Freud bei Dostojewski zeigt, ihren entscheidenden Ein- 
fluß ausgeübt haben. Sie bestimmten wohl auch zum Teil seine 
sittlichen Anschauungen. Der Dichter würde es zum Beispiel nie- 
mals gelten lassen, daß sittlich jener ist, der schon auf die innerlich 
verspürte Versuchung reagiert, ohne ihr nachzugeben. Er würde 
sich Freuds Ansicht gegenüber auf einen rigoroseren Standpunkt 
stellen und schon das Auftauchen einer verbotenen Triebregung 



'IH 



I 



'r 



nur ansehe und begehre ah f ''"' ^'"''" ''*'' Nächsten 

extremer sittlicher Forderung erlr 1"^-°''"" '"■ ^"' '"''*' 
d'c unvermeidbare GedanfcensünT , ""^ Verzweiflung übef 

T« fast gleichgültig erscheint f' '° "^^^ '"^ ^"'^'■^''^ ^'^'''«f 
geradezu gefordert wird We T" ""''^^''ßten Schuldgefühl 
Grund, sich auf dem Wee ,„ «-n ^"■''*'™nt weiß, hat keine» 
Der Henker, der einen Delin '' Entbehrungen aufzuerlegen, 

seiner Mahnung, sich nun hZT" .'""" ^*'^™ ^"''"' ''"^ *"' 
dem Gehorsam des Verurtpil/ ?^ ''" verhalten, nicht mit 

Dostojewskis Leben Z 1« T' 

Versuchungen und Wunscli'nl, ^'- " ^''f ^"klie auftauchend« 
und Triebdurchbrüchen realTT'" "" "'•^"''" Schuldgefühl 
religiösen Anschauungen sasen ]i « ■ ""''''= ™ Sinne seiner 

"ttlichen bezeichnet, nämlich der h""' T°^* '''° '''«"^ '''' ''*" 
Versuchung zum Verzicht zu 1 "'' "" Anfauchen einer 

nach Gottes unerforschlichem T u^^i "Verlieh der schönste sei, 
beschieden ist. Das BeisoTe " M '"^ "''" '^'" Sterblichen nicht 
daß nur der Gott wohwllli! i """^" 'l^' Kirche beweise, 

die Sünde „„d Reu^Xf 1;"'..'" ''™ ^-^^ ^^ Tugend über 
»«thches Programm angesTchts d '^""' ''"'^ " ■='" '°^'^'' 

e.ne Utopie halte und vot det^T""'*'" Schwachheiten für 
erschauere, die es mißverstehen U"'"'""'^'"=" ''« Pharisäer 
"»' dem Sünder, in ihrerVerzStT """^ '^'*' Gemeinsamkeit 
weisen würden. verzieht Gott preisend, weit von sich 

Aus seelischen Vorausser 
lieh, daß der Ausgang d«" ■'" ' ^" "''■<' »"ch verständ- 

Unterwerfung unter die welrl'"r"" ^^"P^^ Dostojewskis die 
Man mag dies beklagen man T "" S""Uehe Autorität war. 
^=^t hervor. Dostojewski hl ^ "'"^^ verurteilen. Freud 

Befreier der Menschheit zu weVd ^' ""f""^'' ..ein Lehrer und 
n^eistern gesellt". Er fü« I-nf"" "r.^' "'='' ^" i^ren Kerker- 
Menschheit wird ihm wen g " d f " ."^"^'"""^ Zukunft der 
Pj-dor Mihailowitsch Dostojewski t " ''*'''"•" ^'''iß. ''-»^'" 
Milieu gemäß der alte Kerkl '^ '""" Erziehung und seinem 

war. hebet als die neuen, die ge„a"u t " '''' ^''"^^"' gewohnt 

genau kennenzulernen er wenig Lust 

36 



1 



verspürte. Er liebte die alte Illusion und wünschte nicht, sie gegen 
eine neue etwa mit dem wohlklingenden Namen Freiheit zu ver- 
tauschen. Er sah, daß sich der Fortschritt auf dem Hohwege 
tüchtig vorwärts bewegte, und zog es vor» diesen Marsch nicht 
mitzumachen. Freilich, auch er teilte das liebenswerte Vorurteil 
einer schöneren Zukunft der Menschheit, aber er wußte, daß das 
Leben ohne Bindung an die Religion so leer und sinnlos erscheinen 
würde wie es in Wirklichkeit ist. Er zog es vor, die alte Illusion 
festzuhalten — kein Vorwurf kann ihn treffen. Die kulturelle 
Zukunft der Menschheit wird ihm wenig zu danken haben? Dies 
ist gewiß, denn diese Zukunft wird vermutlich der Verbesserung 
des Fernsehens, des Gaskrieges und der Luftschiffahrt, dem Box- 
sport und dem Baseball gehören. Alle Anzeichen sprechen dafür, 
daß ihr das Denken als eine Infektionskrankheit erscheinen wird, 
welche die Glücksmöglichkeiten des Einzelnen bedeutend ein- 
schränkt. (Vielleicht wird sie mit Genugtuung feststellen, daß sich 
bereits ein großer Teil der Wissenschaftler unserer Gegenwart als 
immun gegen diese schwere Erkrankung erwiesen hat.) Was immer 
aber unsere Meinung über diese Zukunft sein mag, Dankbarkeit 
wird nicht zu ihren Eigenschaften gehören. (Und gehörte sie sogar 
zu ihnen — „Nachwelt gibt es auch nur für die Lebenden", sagt 
ein weiser Dichter dieser Zeit.) Wir sehen, daß die Menschen 
unserer Gegenwart mittelmäßig, launenhaft, kleinlich, boshaft und 
erbärmlich sind, sehen, daß sie in früheren Zeiten ebenso waren, 
und haben keine Gründe, anzunehmen, daß die Menschen der 
Zukunft großzügig, gefestigt, edel, hilfreich und gut sein werden. 
Wären sie es, sie müßten Dostojewski im Tiefsten dankbar sein. 
Gewiß nicht für die religiösen und politischen Ziele, die er ver- 
folgte, — die Menschheit wird an russischem Wesen so wenig 
genesen wie an deutschem, — nichts Wesentliches von dem, was 
sein christliches oder nationales Programm umfaßte; wird jener 
Zukunft wichtig sein. Aber auch die Sittlichkeit Homers, die 
Ideen der Bibel, die Ideale Shakespeares sind nicht mehr die 
unsrigen. Die politischen Anschauungen Goethes erscheinen uns 
heute kleinstädtisch und verstaubt, der Ausgang seines „Faust", 
m dem der katholische Himmel eröffnet wird, als eine peinliche 
Disharmonie bei Musik der Sphären. Für die nationalen und 



37 




;''i J 



eines Tolstoi, den wir als D t '^^^^''^ apostolische Lebensweg 
erweckt in uns nur Mitleid mir '' """r ^^y^^^^^S^" ^^^ätzen, 
losigkeft. Die politischen und T li^'' // ■' ''*^'^''^^" '^^"""^^'' 
-nd nicht eben wichtig. Es ist £;? f """^'" ^^"^^^ ^"^"' 
Menschheit zu reformieren Die 7nV .7^ '^^ ^^'^^^ "^^^'' ^'' 
^egs in ihre Hand gegeben n; J^f "*'^. ^"'' Menschheit ist keines- 
fabrikanten bereiten die ' ^^^^^^"ndustrie und die Kanonen- 

nationale Ziele aufstellen dTs T™^^^"^'- ^^r. Soziale und 
politischen Partei. Jeder Be.i!w\ ^ ' ^^'^^' Führer einer 

reich, das mit Recht Ta TT'"'' ""'^'^^ geliebten öster- 

Balkanstaaten gilt kann \j- ' ^^'"""'^^ fortschrittlichste aller 
j. &^*i-j üann die Durr^ic 

dieser Art versuchen Den T' , .^°°S ™n Anschauungen 
heute jeder Politiker der dp "'•"" ""'''•>^" Befreiers darf 
ihren Rechten verhilft eher ^" ^™'^''"S^™ ""d Beleidigten zU 
der ihr elendes Schicksal nl, !" /^"^P™ch nehmen als derjenige. 

Menschen vor uns wandeln Isst 'dl«""- '"'""^"''- °''^'^ ''^^■ 
«ns sehen, ihr Schicksal in fahlem tl """ ""' " '^""'' ''' '" 
Aufstieg und ihr Untergang . um G L 7' ",«""'""■ <*^ß '^\ 
w»d, das irdische Gesr(,;k ^"'". ^'""^''n'^ f^r unser Schicksal 
der Düsterkeit, Kälte und % -u^T' ''"'^ ""' ""« Ahnung von 
"greift, ein Bild des wir ^' l , ''" "^"«Wichen Daseins 
uns mit der Menschheit ganzem "if '"^ ^^^'" S^^en, daß 

l'chkeit ihrer Wünsche u^d Lr T™" '"'''' '"= S^"»-' Lächer- 
-r ein Begnadeter, das kann k"'™ "''"'' ~ 'l- kann 
Mihailowitsch Dostojewski dT " ? '"''"^" 'i'«" Fi<>d<" 
schauungen uns heute abstrus tTl ..P"'""'^''« "nd religiöse An- 
j™e kulturelle Zukunft, die n '''^"'^^ ""«^ 'ä-herlich erscheinen, 
"•ußte ihn, fü, d,, Glück nefT^'u'^' "'^'''^ <^'-^^- wird, 
™«ht.g „„d ,i„j all " T;!J"' '"«"'^''""8 'lenken, die 

"'-che Ei„,i,h,,„ von ein r vT" ""'"" ^eele rührt, für 
«me Erschütterungen, die kL^TTl '''^*"' ""^ für selt- 
f" S^ben vermocht hat. WoraTer tt™" ""'' kein Apostel 
■" '-?« ^u Staub und a! he IZ i°'"* "'"' ^^=''8-" S'-bte. 
««'««• Bedeutsamer als die Gel: ":'"" ^°" ''"^■'' '-^^ 
-Porsandte. .;,., jas Gebet d' n" " ^"™ ^'•"«-^ott 

■ "as allem dem schöpferischen 

38 



Menschen erlaubt ist, jene Hymne, die einst Hrabanus Maurus 
dichtete: 

„Veni, Creator spiritPis! 

. . . Accende lumen sensibus" 

Freuds kritische Einstellung Dostojewski gegenüber,^ den er 
gewiß nicht eben stürmisch Hebt, tritt :^urück, weicht emer sach- 
licheren, sobald er die Ebene der Wertungen verläßt und sein 
eigenes Gebiet, das der Tiefenpsychologie, betritt. Dann versmken 
alle Vorbehalte, verschwinden alle Einwände und Einschränkungen 
und eine sichere Hand löst behutsam die Schleier über dem 
seelischen Geschehen. Dann schweigen alle Verschiedenheiten der 
sogenannten Lebensanschauung, rückt alle zeitbedingte, kultur- 
bedingte Differenz in den Hintergrund und ein Mensch steht da, 
nackt und hüllenlos, gestrandet im Sturm — doch hier gestrandet 
an Prosperos Insel, wo man sein Geheimstes zu erkennen vermag. 
Hier, wo bereits der Psychologe, nicht mehr der Ethiker den 
Menschen sieht, gibt es kein 'Sittengebot mehr, hier sieht er nur 
mehr den Menschen, leidend unter den Unzulänglichkeiten dieses 
Daseins, in das Netz eines Schicksals verstrickt, das Anlage und 
Erleben unlösbar um ihn knüpfen. Es ist Zufall, daß derjenige, 
der hier zum Objekt der analytischen Untersuchung wurde, ein 
großer Dichter war. Wichtiger wurde es, daß er auf einem Wege, 
der anderen verschlossen ist, Auskunft über sich selbst geben 
konnte. Auskünfte indirekter und oft dunkler Art, die einen Teil 
seines innersten Wesens blitzartig erleuchteten und einen anderen, 
den bedeutsameren Teil in Schatten ließen. In der Darstellung, 
die Freud von der Neurose und dem neurotischen Erleben 
Dostojewskis gibt, tritt nun dieses geheim Wirksame ans Licht. 
Es wird gezeigt, wie die unbewußte Beziehung zum Vater wie 
ein langgestreckter Schatten auf dieses sich wandelnde Ich fiel, 
wie sie Wesen und Auswirkungen der Krankheit bestimmte, 
Lebensgestaltung und Arbeit unterirdisch beherrschte, das, was 
zum Abgrund drängt, und das, was zur Höhe führt. Wie sich 
hier aus kargen und dunklen Nachrichten ein Bild des seelischen 
Werdens und Wesens eines Menschen aufbaut, seine Erkrankung 
nach ihren latenten seelischen Entstehungsursacben und nach der 



39 



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^^^dens L Z ^^Tl ^"^^^"^'-h --d, die Quellen seines 

-Chr. Ein GtH;.tkt ^t'''''tr ""' ^^^" ^^^^^^ ^"- 
Erfassung der Krankheit äT^^i T^ ''' ^'^ psychologisch. 

-li-hen Wegen ein triebha^ ^^f l^^^^f^^ ^'Tn 
Wünschenden selbst kehrt Wie u ""'"^^ '^"^ S^^en den 

Andere im Ich erhebt seinT T "P^^^P^^^<^hen Anfall der 
nahen Erleben wandelt Der ^^^^° ''""^ ^"""^ eigenen, todes- 

mählich und fast unmerkhVh '""^^ "^ erweitert sich all- 
psychischen Kern dieser Persönlftl. '■ "'' ^^-^^^^^^^g' ^^^ ^^^ 
io Dostojewskis Leben und SU ff ^^^ ^^'' ^^' Dämonische 
gesuchten psychologischen Sin _ ^'^'^^^ ^ier seinen lang- 

von außen stieße? ^ erweist " h T^^ ^^'"' ^'" Dämon, der nur 
kräfte und Abwehrregungen n' t f ''^''''^ verborgener Trieb- 
entfremdet, keine Neuerung imS , tT' ^*^" ^^^' ^^^ "^^ 
älter, untergegangener Ausdn !l , '^'°^*^^^"' "^r eine Erneuerung 

--hen den. perLichet SllT' -^^^^ ^""^^ «-^^""^ 
Gestalten tritt hervor- j,- -'^^/^^^^«i^^skis und dem seiner 

Triebkräfte und von Gev.;. ^'^- . "^^^ ^^"S^" elementarer 

for.e.e„, d„ eCal : Srd "• t ^»"^ =>'- ^^^^ 
der Auficnwelt getobt hZ V ? """'' ^'l^'^clien Ich und 

Wicke in die verbotlenen i-\"^''''" ''"^ überraschende EIb- 
d- scheinbar WtabWndT,^ "r™ '"'''■" ■^""^'^te bis zu 
schauungen Dostciewskis.°C „kärT "\^. °^"'^°^'» A"" 
Bedeutung f& die Lebem^elu ^ "■' «hicksalsbestimmende 
erdichteten UbensgestaWn 2', ^'^'"^ »»<» «" ^cine 

d« Ichs als real und vollendet V T '"''^'''e Möglichkeiten 
«<* « seinen Abspaltung rthild""t" ""<' '" <i"» das Ich 
«-«Jet neben die Brüder K 'i "" >" l-^' ^reud Oedipus, 
"erlr" Gestaltungen d sset» Jat ^"""^ -<< *= «" 
B „"''^.^«den, wird übe tlu "!"'" '"'■^''" miteinander 

StT- fr ,''"'""--. trv'sS"'^^^ ^^^-- ^'^ 

her dunku ^"^''^f^Menschliche klar d! ""'' ^'' Pcrsönlich- 
' "r ■"' '"" i»«^" erkennbar ^' ""'" ^'''=° "^ch bis- 
Der tete Abschnitt der S tudte 7".'^"'''" ^"«^ ''-■■""'■ 

"« Sp.elsucht Dostojewskis naeWcr." '"^'''"*'=" ^-«'» 

■""«cht, ,st ji„^^ j^^ jjj^^j. 

40 



'^"^^ 



"■ 1 » n II »B I L I I 



essantesten. Überraschend und doch durch analytische Unter- 
suchung beweisbar die Ableitung der Spielsucht aus dem zwang- 
^aften Impuls zur Onanie beim Kinde, besonders aufschlußreich 
der gezeigte Zusammenhang der erfolglosen Abgewöhnungskämpfe 
und der Gelegenheit zu Selbstbestrafungstendenzen mit den ana- 
logen Erscheinungen des Spielzwanges. Eine sonst schwer ver- 
ständliche Episode im Leben Dostojewskis findet hier eine 
psychologische Erhellung. Man vermißt freilich den Übergang 
vom Hauptthema zu dem hier behandelten Gegenstand; man 
erhalt den Eindruck, als wende sich der Autor ziemlich unver- 
mittelt diesem neuen Thema zu, das ihn interessiert und das mit 
seinen früheren Ausführungen . nur in äußerst losem Zusammen- 
hange steht. Und doch gibt es einen solchen inneren Zusammen- 
hang Es ist, wie Freud zuletzt (nur mit einem Wort) andeutet, 
zunächst durch die Angst vor dem Vater gegeben, welche die 
^emuhungen zur Unterdrückung des Onaniezwanges bestimmt, 
^chade, daß Freud hier seine analytische Aufklärung abbricht. 
Ihre Fortsetzung müßte, meine ich, dahin führen, daß der Spiel- 
zwang später einen Charakter erhält, der ihn seiner psychischen 
Motivierung und seinen Mechanismen nach bestimmten Zwangs- 
symptomen naherückt. Das Spiel, das ursprünglich gewiß nicht 
um Geld und Geldeswert ging, wird nämlich dann zu einer Art 
^rage an das Schicksal. Es ist diejenige unerkannte Form des 
Orakels, der die moderne Welt seelisch am nächsten steht ob 
wohl sem latenter Sinn dem Bewußtsein entzogen ble bt Die 
Frage an das Schicksal, diesen letzten Vaterersat. W 'U 
unbewußte afFpVt,\r« n •• j ^- v aterersatz, hat ihre 

drohende Strat 3 der VeÄ "" °'" '''^'''' °^ ^- 

wLgen üer Verbotsubertretune nähr nH^r «k j 

wegen des Ungehorsams erzürnte Vater vT T J , ' 

TT««i-' 1 J c r 1 , turnte Vater verzeihen wird, ob ^r 

Unglück oder Erfolg senden wird. Die Einhaltung der Spielrl In 
entspricht psychologisch der Befokun.» ^„ -7 /"P'««?«» 

innerhalb eines neurotischen SyttZL^Urt^TT. 
.« .m Spiele derselbe groGe Kaun, gewährt AT zj^l?''' 
Denken wir etwa an ein Spiel wie P^t^enr. e. i ^"Sssystem. 

^^ Charakter des Orakel' der durld 's p^HiT "'^ "" 
Mitspielern und durch das .<^kn.^" x. Eintreten von 

uurcn aas sekundäre Moment des Go^;„ 

^^ Gewinnes in 



41 



./. 



M 



ii 






I1 1 

f:; 'i, 



I :: 



anderen Spielen undeutlicher, doch tn. J i . -r „icht 
unverkennbar geworden Ist. ''^ Analytiker mcW 

Stu'^ie" nlihi 1?K ^"T"''/ ß^">«kunge„ über die Freudsche 
dürf n je klare'''-' .""t '"^'^ "" - unbedenklicher äußern 
druck wird T« ; Erinnerung und im Nachgenuß der Ein- 

übe dI„ k T- P'^'='>"'°S-ch Wertvollste ist, das wir 

d™ ebe„r . Tu ?'' «''^ B'<'»k™ bezieht sich a»f 

aen eben besprochenen Abschnitt In .-l,™ • i. r. j .„fi- 

schen Aufklärung der SpielsuchA t , ^"""^ ^" ''" '^ 
als Beispiel heran.^ Wekh s tiL ^,71'^ ™" ''^f^'" ^*''' 
hier der Spiel.wang im Leben n ■ ^"''■»dungsglieder? Dies.: 
Schaft der Gestalt ü^e. ^ Do^ojewskis, dort die Spielleiden- 
Dostojewski eine Stud e 1 '". "" °'^'""^= Stefan Zweig ha. 
wenige und äußer IrT^Zd ^" ^"' ^"^^"''''- '''' f 
Möglichkeit, ein solche" Be??^'" ""''• ^'"^ "i''"^" ^'" 
Sie können seine btt Darril nf -fr""" >'™-''="' 
Meister in der Ökonomie der s'T '"'^ ^'^^'■"'■''^"- ''^ """" 
wenn er auf knan„ , i f'°"^ertcilung mutet es seltsam an, 

Dostojewski 8,bt u'd T^'T^^^'TI'T" "^' '"'"^ "'" 
einer Novelle Zweigs ,1 ti> ^''^ "'" Sechstel davon 

Wertschätzung der dicht • "'"^'"■"'»"^f'^l'tor widmet. Bei aller 

hier ein pers/ektivisctMervoriiri '""«' '" ^''^''' ^ 
ZU sprechen -_ so ak . n "^^'^^'^S'^' ^s ist — um im Vergleich 

Christi dar und rücke T r "^^^^^l^lterlicher Maier die Passion 
dem Bilde plötzlich in''d ^. ^^' ^'''^°^' ^^^«^^ Heimat auf 
wohlmemende Freunde den"" „ ^'^'""^- ^^n bedauert, daß 
Korrektur vorlag den Aut^" ^'^^^^^cht das Manuskript oder die 
tionalität aufmerksam .emzcL ll ^""^ ^'''' ^^""^ Unpropof 

Sie hätten vielleicht noch auf 
Völlen. Freud geht in sein, p T""" ^"""^^""^ ^""kt hinweisen 
Dostojewskis aus, in der e " ''""^ ^«^ der Persönlichkeit 
^^chut, den Neurotiker den' p7i!m ^^''^^^'^ unterscheidet: den 
mcht naheliegend und anL 't ""^ ^^^ Sünder. Wäre es 

^7; -_Jr_l_:Jl^^5^f^ Freud ihn dem Dichter 

ij Zur analvtisr+iB r\ " - — ' 

Zählung desselir, ? , ^"^"''-S ^^'^^er Novelle ,.• u- r^ 

''"°'^- tragisch endende B Jet ""^ (Umkehrung in [der Beobachcungs- 

^lehung zwischen Vater und Tochter behandelt. 

42 



subsumiert; aber er verdient wohl eine besondere Behand ung.) 
In einer Zeit, in der jeder psychotherapeutische Praktiker glaubt, 
die Psyche habe keine Geheimnisse mehr für ihn da )eder 
unbedeutende Assistent einer neurologischen Ktimk aus er 
flüchtigen und mißverstandenen Lektüre der Freudschen^ Schritten 
den Anspruch ableitet, ein Kenner der Höhen und liefen des 
menschlichen Seelenlebens zu sein - in dieser Zeit, sage ich, hatte 
man es gerne gesehen, wenn einer der größten Psychologen einem 
seiner großen Vorläufer, der ein Dichter war, einen Gruß gesendet 
hätte, aus seiner Einsamkeit in die Einsamkeit des Anderen. 

Noch zwei kleine Bemerkungen: auch in dieser Studie ist der 
gedrängte Stil der letzten Schriften Freuds unverkennbar, doch 
ist er dem Charakter des Gegenstandes gemäß trotz aller Dichtig- 
keit und Komprimiertheit bewegter und beweglicher als anderswo. 
Nur bei einer Wendung würde man eine kleine Änderung 
wünschen. Es wird da die epileptische Krankheit geschildert mit 
ihrer „Charakterveränderung ins Reizbare und Aggressive und der 
progressiven Herabsetzung aller geistigen Leistungen". An die 
Stelle des einen der beiden so ähnlich lautenden, benachbarten 
Ausdrücke ließe sich in der endgültigen Fassung der Studie leicht 
ein anderes Wort setzen. Ein so kleinlich erscheinender Wunsch 
möge jemandem erlaubt sein, der nicht müde wird, die Stilkunst 
Freuds zu bewundern, und dem viele seiner Sätze auch deshalb 
unverlierbar ins Gedächtnis geprägt sind, weil sie in einer Sprache 
geschrieben sind, die Fülle und Knappheit, Kraft und Feinheit, 
Prägnanz und Bezeichnungsreichtum in seltener Art vereinigt. 

Erstaunt liest man in einer Fußnote Freuds, daß die meisten 
der in seiner Studie vorgetragenen Ansichten in der „trefflichen" 
Schrift Jolan Neu fei ds „Dostojewski" enthalten seien. Ich 
meine, daß diese Beurteilung dem Essay Freuds nicht gerecht 
wird/ Der bemerkenswert mittelmäßigen Schrift Neufelds gegen- 
über ist sie — nun, sehr gütig. 

Rückschauend verblassen auch diese wenig gewichtigen Ein- 
wände. Als der letzte und entscheidende Eindruck bleibt: diese 
kleine Studie wird nicht nur einen Sonderplatz in der wissen- 
schaftlichen Literatur über Dostojewski einnehmen. Solches Vor- 
dringen zu den tiefsten Schichten, solches Einsichtigwerden dessen, 



W"«*« 



r 



was eines Menschen besonderes, verborgenes Teil ist, und dessen, 
was Ihn mit Allen verbindet, solches Durchleuchtetwerden von 
innen heraus --das ist etwas Neues in der angewandten Seelen- 
kunde, dessengleichen es vor der Psychoanalyse nicht gab. 



>as Unbewußte, die Vererbimg 

und das Gedäditeis ••■•"■' 

im Lidhte der mathematisAm Natorwissea.sAaft 

Von 

Friedridi Edisteiai 

Wien 'iV-vi. 

„Daß alles durch ein feftgeftelltes Verhängnis herfürgebraAt 

D nn ; vt° ''^'''' ''' ''' '"'^y ™^1 drey neun Ift- 
Denn das Verhangnes befteht darin, daß alles an einander 

ehe e! ^'^^T T' """^ '^"^ ^° ""^^'^1''^^ S^fA^hen wird, 
ehe es getdiehen, als unfehlbar es gefrh^l,. -ft 

lAehen. Die alten Poeten als l^ f' ''^"" " §'' 

« die güldene K.r. '™ "'"^ ^'"^'''' *'*>'=" 

1-ngen Sr f .' 'T""' '° J"""" ^°- «--1 herab 

w« lall 1 f/f """'^" ^^'^«' -- hänge daran, 

alles mathelati^''da'7n-V,fr"^ '■'^''' -" """• '^' 
weiten Welt War V « '^"''^ ''"^'^^ '" 'l- S^^^" 

in aie i JL ^^nSe def ^C: haT T ^""^^^"^ ^"'''' 
Gedächtnis und Verftand gZ V """' ""^ ^'^'^ 

vorzunehmen und in rIC, ""k •""' ^'"'^ ""''^'"'^^ 
Prophet feyn und in In ""^'°' ''"'^'*^ ^^ "° 

f^hen, gleichf^m als in eine™ 5^^'"^ ''' ^'^^ 

Mit dielen Worten beginnt Leihn f ■ 
das „Verhängnis" „ A l . ^""" Abhandlung über 

angnis , und wir finden hier I™ r' ^ t, ■ 

folgenfdiweren Gedanken, die dann 1 V i™". ^*°" ^'"^ 

' ^ "*""' "ehr als hundert Jahre 



fpäter, bei Laplace in etwas veränderter Geftalt wiederkehren. 
Dort, in der Einleitung zu dem Werk über die Wahrfdiein- 
lidikeiten, findet fidi die bekannte, oft zitierte Stelle, wo 
Laplace die Idee einer „Intelligenz" erörtert, „weldie für 
einen gegebenen Augenblick alle Kräfte kennen würde, von 
denen die Natur belebt ift, fowie die gegenwärtige Lage der 
Wefen, die fie zufammenfetzen, und die überdies umfaflend 
genug wäre, um diefe gegebenen Größen einer Analyle zu 
unterwerfen". ' '' 

Eine foldie Intelligenz nun, meint Laplace, wäre im Befitze 
der mathematifdien Weltformel, weldie die Bewegungen des 
größten Weltkörpers wie des leiditeften Atoms auszudrüdcen 
vermödite, und für einen foldien Geift; würde nidits ungewiß 
fein, „Zukunft und Vergangenheit würden ihm offen vor 
Augen liegen". 

Diefe großartigen Bilder von dem jedes Gefdiehen be- 
dingenden „Verhängnifle" und von der alle Vergangenheit 
und Zukunft des Seienden umfallenden Weltformel bedeuten 
im Grunde nichts anderes als eine überaus eindringliche Dar- 
ftellung des methodifchen Grundprinzips von der allgemeinen, 
mathematifch definierbaren Natureinheit und dem innigen 
Zufammenhang alles phyfifdien Gefdiehens zufolge den 
Grundfätzen von der Erhaltung der Subflanz, der Kaufalitat 
und dem Prinzip von der Gleichheit von Wirkung und Gegen- 
wirkung, wie uns diefe in voller Schärfe zum erften Male 
durch Newton übermittelt worden fmd. 

Aber fdion vor Newton und Leibnitz hatte Rene Descartes 
den Begriff der mathematifchen Funktion, der gefetzmäßigen 
Abhängigkeit einer veränderlidien Größe von einer anderen, 
in das Studium der Geometrie eingeführt, und damit die 
Möglichkeit gefciiaffen, verfdiieden geftaitete geometrifche 



45 



^1 



iii 



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1 i i'ii 



i U 



h ■ 






i ' 



atS*: ''r';"'™™"^ ^'"■^"- ''-A "nen einzigen _ 

i S t /r ■ • •Z'^'*'^'" ''-* -- „Signatur.« 

Punkte' Id ^".*^'T"'"""' ''^^ 'i'^ Totalität aller ihrer 
iunste jederzeit mathematiWi !,»»• 

Sni-f.. j j- r beftimmt werden konnte. 

spater wurde diefes Verfahre« i. r . 

Vorgänge auseedehn, f 77 ^"* ^"^ '^'^ Bewegungs- 

d ^"äg^debnt, fo daß die Methoden der Cartefifchen 
Geometrie auch auf das zeithVl,. r> r i. , »-arteliicne. 

zur Grundlegung der exakr. ^^^'^^hen angewendet und 

zogen werdtn kon^r^rberTir'^*;" ''^'^'^ '-''''" 
wefen. der den Gedanken v. A '"^<^=™m Leibniz ge- 

faft gleichzeitig «it ^ "" ''"* '^" "°" '"""' - 

Methode, durA Vi..(-u °''' ^^^'^^^^^'^^ Infinitefimal- 

I^^chnungen. gewaltig^X " '''^"f*''^""^" '° '''" 
»it Bernhard Riemann fl fd • f ' ""'' "^^ "'^'' "°''' 
gelernt habe. de. Z T t'\''.''' "^ ^«^1- man 
der Erfindung der D f f. Tl "'^ '" ^°'S'°' erft feit 

den 2ufa,nn,e:hat d! tS ''""''•'* "'^''^ ^'-°'''"' 
»nd in matheniatifAeT .f ''"."""'"u " ''''^^^''"° «^^"f^'" 
"t fei „an zu d m I„ft " " ";*Z"konftruieren. Diefer- 
gelangt. welche eben ^,"1,?^"!, / '^'«erentialgleiAungen 
einem Zuftand i„ den ,. " " '^"'^en Übergang aus 

™-ifd, auszufpr^Aen '"""'^" "^"^"^ f°'g™de„ mathe- 

Es ift alfo klar daß 
sollen, diefe fi* als '«78 V ""' ''"' Wekformel denken 
repräfemieren müßte, demzn ll"" ^■'"! ^'f^erentialgleiAungen 
^"ftand immer durch de" u !l ^"^^"''lidcliche Welt- 

beftimmt ift. Hierdurch find ZT^ c ''"''^ergehenden völlig 
^•e Alten als „,ires a ter^ J'^" Aarakterifiert, welAe 

Rudcen her" flößende. bezeiAnete? "",7°" ^"'^'"' "^°'" 

des Univerfums unmi ..IK r ?' ""^ ''^° ^^' "n Zuftand 

fcheint, der 2.^^^ , '^^ -^folgenden zu laften 

er felbft wiederum einzig und allein durA den 

46 



vorausgegangenen völlig beftimmt ift, nidat aber zugleid. auch 
unmittelbar durdi andere, in früherer Zeit dagewefene, .< 

Im Gegenfatz zo diefer bis dahin allgemein angenommenen 
Grundanficht der mathematifchen Phyfik, haben jedodi neuere 
Beobaditungen und Verfuche ergeben, daß es offenbar Natm- 
vorgänge gibt, welche fid. dieien gewohnten theoret.fd.en 
Vorftellungen keineswegs anpaffen wollen, Prozeffe namhA 
bei weld^en nicht bloß die unmittelbare Vergangenheit des 
beobaditeten Gegenftandes über dellen ferneres Verhalten 
entfdieidet, fondern audi frühere, oft zeitlidi weit zurucK- 
liegende Zuftände und Vorgänge, wo alfo, neben der kontmu- 
ierlidi ablaufenden Folge von Konfigurationen zugleidi auch 
eine direkte, zeitliche Fernwirkung längfl abgelaufener Zu- 
flände gedacht werden muß. 

Schon im Jahre 183s Hatte der große Phyfiker Wilhelm 
Weber diefe Erfdieinungen fyflematifdi ftudiert, darüber em- 
-ehend beriditet und fdiließlidi, wenige Jahre fpäter, audi 
eine neue mathematifdie Interpretation jener neu entdediten 
phyfikalifchen Prozeffe bekanntgemadit. Es handelt fidi hier 
um die fogenannte „elaflifdie Nadiwirkung", weldie bei ver- 
fdiiedenen Metallen, am deutlidiflen aber bei Körpern vegeta- 
bilifchen und animalifAen Urfprunges, auftritt; fie befteht 
darin, daß ein fefter Körper, weldier einer andauernden 
ruhenden Belaftung ausgefetzt wird, die elaftifdie Form- 
änderung, die Änderung in der Gruppierung feiner Teilchen, 
im allgemeinen nidit, wie man nadi den bisher akzeptierten 
phyfikalifdien Vorflellungen, und vor allem nadi dem Hooke- 
fdien Grundgefetz der Elaflizität erwarten müßte, fofort 
erleidet, daß diefe vielmehr fehr langfam und allmählidi, oft 
erfl nadi Tagen, ja mitunter audi nadi vielen Monaten, voU- 
ftändig erfolgt, wie audi umgekehrt die Teilchen nadi Ent- 

47 



A 



fernung der äußeren Kräfr- .• i.-= 

Ce wieder voUftändig zur Ruh'"! ^"'''''^' ^^^ '"■^"*'"' 
^ Um die Aufklärung dielr r TT"- . .1^ 

fiA fpäter in.befondere auchci "IJt "" Vorgänge halp«^ 
bemüht und im Jahre rR,< u ^^''^'" ""'' Kohlra^f* 
Gegenflande tief eindringend ' u'^"'''''^ Boltzmann diefe« | 
gewidmet. " »wretifdie Unterfudiung«» . 

Befonders merkwürdig find A- -o r , V'fi 

der Torfion von Drähten r ^*^f*«"'">Sen, weldie beP 
elaftifchen Draht, den wir ""''"■ ^^^k« ^ir uns einen 
das andere Ende verdreht ^° T'™ ^"''^ fefthalten, während 
Torfion „ad, rechts und hl ■^''' ''""'^" *■" ^"«■"'^ ""' 
mehrere Minuten feft H' f '" "^'^^"^ Zuftande dur* 
«tgegengefctzten Sinne alf'"^ ^^^-drehen wir ihn in dem 
zwar um den »l.- i. ' , ° m "nferem Falle narh link« und 

ra aen gleichen Winkelhpfro^v • , 
Zeit, worauf wir den " ! ""S. jedoch nur für kurze 

beobachtet nun, wie di, T • r . P'°t^l'ch freilaffen. Ma" 
ft"t jedoA in der urf^n , 1 "^ ''^'"^^'^ zurückgeht; 
^" kommen, wie dies , ^^ ^ Ausgangsftellung zur Ruhe 

Draht über diefe hinan." ^T"?" "^'^'^ ^^''''reht fidi der 

-f-m Falle alfo narret":'': ?" ^-^^^ «-^ '" , 
« die Ruhelage Eurück n f 1 ^^" "'* ^anz langfam 
A aber um fo ftärker e r "™gli4e Recäitsverdrehung 
mation gedauert hatte u^d^^-*^ ^^ "'fprüngliche erfte Defor- 
"Offenbar", f<hreibt hierüb ^%™"'''''"" ß^ gewefen war- 

I9I6 der >,Naturwi(IenfAafte''„« J' f""^" ™ J^'^'^^"^ 
üielem Falle nicht b ft' " weitere Verlauf i" 

Spannung», „nd Deform«"' ^1"^ "*'" augenblicklichen 
f-"f^gen die Vergansenhr"l, "'^ " 'P^''' ^■^'"^'' 
-'Ae der Draht durÜ '7? ''^ Deformationen. 
d'^ren Dauer.« ^^ ^°^ie deren Stärke und 






48 



In diefem Sinne hat denn audi Boltzmann gezeigt, daß 
jene Zufammenhänge fidi ohne Sdiwierigkeit erklären laflen, 
wenn man der Materie etwas wie ein Gedächtnis oder Er- 
innerungsvermögen zufdireibt, fo daß alfo unfer durdi Ver- 
drehung gefpannter Draht fidi nadi der Rückkehr zur Ruhe- 
lage an die erfte lang andauernde Deformation gewiffermaßen 
erinnert." 

Man hat natürlidi alles Möglidie verfudit, um diefe {onder- 
baren Vorgänge bei der elaflifdien Nachwirkung, ohne foldie, 
offenbar etwas phantaftifdie Annahmen heranzuziehen, mit 
den vorhandenen Mitteln der normalen theoretifdien Phyfik 
zu erklären; man hat an die innere Reibung der Moleküle 
gedadit, um die elaftlfdie Nadiwirkung zu erklären, und 
Maxwell hat zu diefem Behufe fpäter eine eigene Theorie der 
„Relaxation" aufgeftellt; aber bei näherer Unterfudiung hat 
iidi immer wieder herausgeftellt, daß alle diefe Theorien 
keineswegs geeignet find, jene Vorgänge begreiflidi zu madien, 
und die fchon erwähnten Beobaditungen haben es fdiließlidb 
über jeden Zweifel erhoben, daß die Prozefle der elafli- 
fdien Nadiwirkung prinzipiell weder durdi innere Reibung 
nodi durch Relaxation zu erklären feien, daß ihnen vielmehr 
mit den der mathematifdien Phyfik bis dahin zugänglichen 
analytifdien Hilfsmitteln grundfätzlidi überhaupt nicht beizu- 
kommen fei. Nun hat fidb aber im Laufe der Zeit ergeben, 
daß die Vorgänge bei der „Nadiwirkung" keineswegs allein 
auf das Gebiet der Elaftizitat befdiränkt find, daß fie viel- 
mehr, wie insbefondere Weidmann 1886 gezeigt hat, auch 
hei der Ausdehnung der Körper durdi Erwärmung als 
s»thermifdie Nachwirkung" auftreten und daß fie vor allem 
in der Lehre vom Magnetismus, vom Dielektrikum und der 
Elektrodynamik als die wohlbekannten Phänomene der 



il 



4 Almanach i^jc. 



49 




1 J 



> s 



„Hysteresis". der „magnetlfdien Trägheit" und des jA 
nage" beobachtet werden. Ein Eirenftab, der durch galvanit*« 
Strome magnetifiert wird, verhält fiA diefen Einfluß"' 
gegenüber gleidifalls fchleppend, indem bei einer allmähü*'» 
Steigerung der Stromftärke die magnetifAe Kraft ein'» 
Uektromagneten mit dem erregenden Strom nidit gk^'" 

, r J' . f'" ^""^ "^''f^™ «was zurückbleibt, lo^'^' 
auA umgekehrt, bei der allmählichen Abnahme des Strome* 

J n« aui f r"''" '"°'"'*^'''' -'fP-A- würde. Dami« 
er f n n Ma "■ ''''' ='" ™-gnetifierter Eifenftab, wen» 

allen au Aheoreil 1^°- ?"'"'*■ '^^'^ «^^^ P^°"'"" ''*" 
Bedeutunr.7 ''"^"''°"""=n, eine ganz befonder« 

^deutung erlangen mußte. Erweift fich doA die elaftif*« 

.äbe überhtlr ;/lt N "°" ^'^^ ^^'^^ ''^'^^"' rl 

niAt gleich ji, z gr:k zrr r '^^ "■='''" 

Dem belc^^ . • ,^ '"^ ^*^^^^ Spielen würde. 

Studium der erwähnen Pm". "'''"'"'"' ™' ■"" ''"" 
™n auch gelungen "r/""' '''^'^'^"S» •-""=' "^ "' 
<ier hier auf tretendeT A^Tl '^''^"'^*'^'''*^" Bewältigung 
"="= mathematifdie Mf T T'^ SAwierigkeiten g»"^ 

•■^^ben auA hie- "'"'°"'"' herbeizufchaffen und *.' 

auoi hier wieder da« q^i, r - , 
beobächtuneen und F • ^^^^^P^^l wie neue Natur- 

befruAten und ^'''^'^'^ ^^^ mathematifche ForfAung 

f ^^^ -ie aurui^^f'r '"^'^'"^^^^ ^""':^ 

E-Penn.entalphynk of: gell .^ w""^ ''"'^""^' .1 

genug die Wege gewiefen hat. Fa« 

50 




gleidizeitig mit den Arbeiten Volterras hat auch E. Picard 
in feiner Schrift: „La science moderne et son etat actuel" diefe 
Probleme mathematifA unterfucht und audi die berühmten 
Mathematiker Fredholm, Hilbert und Erhardt Schmidt haben 
ebenfalls völlig neue Arten von analytifdien Funktionen und 
Funktionalgleidiungen entdeckt, die fogenannten „Integral- 
gleichungen" und die „Integraldifferentialgleichungen", welche, 
ebenfo wie Volterras „Linienfunktionen", durdiaus geeignet 
erfcheinen, die rätfelhaften Prozefle bei der elaftifdien 
Nadiwirkung und den analogen Naturvorgängen mit dem 
Hilfsmittel der mathematifchen Analyfis zu deuten und abzu- 
leiten. Es handelt fich bei diefen neuen Funktionen um eine 
ganz eigenartige, der exakten WiÜenfdiaft bis dahin noch 
völlig unbekannt gebliebene Form der Kaufalität, die ms- 
beiondere dadurdi gekennzeichnet ift, daß hier der Begriff 
einer zeitlichen Fernwirkung auftritt, daß alfo der Naturlauf 
nidit allein von den unmittelbar vorausgegangenen Zuftänden 
des Univerfums beftimmt wird, fondern audi direkt über 
große Zeiträume hinweg, durdi längft abgelaufene Zuftände, 
ja durch die gefamte Vorgefdiichte der betraditeten Objekte. 
p Wir haben hier ein Problem vor uns, ganz analog jenem der 
räumlidien Fernwirkung im Gegenfatz zur „Nahewirkungs- 
Phyfik", welches zu jenem uralten, bis heute nodi nicht aus- 
getragenen und vielleicht auch für immer unentfdieidbaren 
dialektifchen Streit hinführt: „ob die Körper dort wirken, wo 
fie fmd, oder vielmehr dort, wo fie nidit fmd"; denn, weder die 
im Grunde immer wieder auf die Annahme ftoßender Kräfte 
aufgebaute Theorie von materiellen Zwifchenmedien, nodi die 
unmittelbar in die Ferne, gleichfam durdi den leeren Raum 
hindurch wirkenden Einflülle find einer deutlich anfchaulichcn 
Darfteilung oder einer hinreidiend klaren begrifflidien 



4* 



n 



eäaseaisssSa^» 




'! i 



n 



ii; ■ 



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er- 

dei" 

die 



Analyfe zugänglich. Hier aber haben wir es mit du z««' 
lidien Analogie diefer Kräfte zu tun, mit dem Gegenfatz vo» 
zeitlidier Nahewirkung und zeitlidier Wirkung unmittelb>f 
in eine ferne Zukunft, mit der Idee einer die Zeit gleiAf»"' 
überfpringenden, direkten Einwirkung, und die dialektifA«» 
Schwierigkeiten find hier fidierlidi nicht geringer als bei d«* 
eben erwähnten Gegenfatz von räumlicher Nahe- und räuB" 
lidier Fernwirkung. 

Während nun die Nahewirkungs-Phyßk, wie fchon 
wahnt. jeden Zuftand des Univerfums immer aus ^ 
unmittelbar vorausgegangenen ableitet, wobei diefer - 
früheren Zuftände ftets nur implicite, in einer im allgemeine» 
ganzlid, abgeänderten Geftalt. glcichfam „verdaut", enthält- 
lollen wir es hingegen hier, zufolge der Theorie der Funktional' 
gleidiungen Picards und der übrigen erwähnten Mathematiker- 
mit einer ganz neuen Art von Kaufalität der zeitlichen Fern- 
wirkung zu tun haben, bei weldier Zufammenhänge, Ge- 
direW "f »f'"'^' '"' ""=' abgelaufenen Vergangenhei« 
heid ^"Wanderungen durch die zeitlich dazwifAe"" 

c^aS" 7T7"'" ''°'^''^'' g^iffermaßen in „unvef' 
inSnde r ""'" ^"^""-- ^i^gt doch das Wefe« 

nttme r ." "" '"'^""=' "'" Sefchaffenen analytifchen 
fämrr w """'-f-k«o-„" darin, daß diefe vo» 
Wichen Werten einer anderen Funktion abhängen, i^ 

hä ten • ?• 1^' ''" '''° ■"«hematifches Bild davon et" 
und C rr ' ■" ""' ""^' Verfenkung, uralte Einfiul' 

fAen r "''" '"'*"^^" """ ^"f ■!" Bühne der phyfik^'' 
Hervo^''"""" "'' ''""" ^^1' flA*- werden, deren 
ten Zuf!r"u'"' ''"' ™ ä'«"« Sinne mechanifch determinie^' 
-ftänden iT "IT"""'" vorhergegangenen ^«^^ 
auf keine Weife erklärt werden kann. Daru* 

52 : 



t'4Ul 



fpricht Volterra von den „Veixrbungseigenfdiaften", von der 
„Heredität" der Materie, derzufolge alfo gewifle Großen, 
weldie in den Theorien des Elektromagnetismus wie audi m 
jenen der Elaftizität auftreten, nicht, wie in der g^^^hrihdien 
McAanik ohne Vererbung, nur von dem augenbhd.hd.en 
und dem unmittelbar vorausgegangenen Zuftand abhangen, 
fondern vielmehr audi von der Gefamtheit aller früheren, ott 
zeitlidi weit zurüd^liegenden, Konfigurationen und Verände- 
rungen des Syftems. In diefer „Medianik mit Vererbung 
hinterläßt eben jede Einwirkung eine bleibende Spur, eine 
unvergänglidie Beeinflulfung des ganzen Syftems, und der 
gegenwärtige Zuftand hängt immer von deffen gefamter 
Vorgefdiidite ab, von all den Spannungszuftänden, weldie 
feit unendlidi langer Zeit bis zum gegenwärtigen Augenblidc 
auf das Syftem eingewirkt haben, ganz im Gegenfatze zu den 
Erwägungen der früheren Elaftizitätstheorie. „Die Grund- 
hypothefe, die geftattet, die Arbeit der inneren Kräfte eines 
elaftifdien Körpers bei einer unendlidi kleinen Deformation 
zu beredmen", heißt es in dem Budie des bekannten italieni- 
fdien Mathematikers und Philofophen Federigo Enriques 
„Probleme der Wiilenfdiaft", „befteht in der Annahme, daß 
diefe für jedes Element von der augenblidtlidien lokalen 
Deformation abhängt und nidit von derjenigen des übrigen 
feften Körpers und audi nidit von der Reihe vorhergehen- 
den Konfigurationen, durdi die der fefte Körper felbft hin- 
durdigegangen fein mag", und er bezeidinet jene (ältere) 
Hypothefe als die der „Niditerblidikeit", während, wie die 
Erfahrung gezeigt hat, die Erfdieinung der Elaftizität, ebenfo 
wie die ''anderen fdion erwähnten Naturvorgänge, eine 
widitige Korrektur durdi die Erblidikeitsphänomene er- 
fordern, bei weldien alle die vergangenen Konfigurationen 



53 



iii 



1^ 



,131 \i 



V l 



: i 



til 



des betrachteten Körpers, durch welche diefer hindurA" 
gegangen war, mit herangezogen werden muffen, bevor «' 
den gegenwärtigen Zuftand erreicht hatte. 

Der Grund, warum, wie fdion erwähnt, ein beladet«' 
e alWAer Körper dem andauernd auf ihn einwirkende« 
gleidimäßigen Druck, etwa eines konftanten Gewichtes, W*' 
augenbliAhch gänzlich nachgibt, fondern zur Erlangung fei»^ 
ftabUen GleiAgewichtes oft viele Monate braucht, müßte alfo 
d.e£er Theorre zufolge, darin zu erblidcen fein, daß, währena 
der Zeit, da die Laft auf ihn einwirkt, der elaftifche Körp^t 

hühT' . ÄJ°° "■"'»S^'^^ifAer Rekapitulation", i^»' 
früheren elafi. d,en Zuftände „och einmal kurz durchläuft- 

föhrt ■ ft T ""' ^P°*'= -^^^ SchwangerfAaft er 

ttL^lt ::rd ''"^ ^^^^""^ ^-^-^-'^^^^ ''"^°"'* 
Man erkennt auf den erften Blick, hier haben wir es mi« 
ganz neuen Gefidxtspunkten und Möglichkeiten zu tun, nÜ« 
SL V a- P^'"''''''"*'' ForfA-g. fondern auch für ei« 
P obrem7"''r "" '" ^"'°S'^ ""•* 'J- pfychophyfifAe" 
fn d n N ; 'T" '^*' ^'<= f*0" Ri-^befell L Jahre .9^8 

einer durchaus veräf *"S<=<l='"=t hat, die Möglidike» 

uurcnaus veränderten Perfoelctiv^ (•• j t- ,:fAe 

Grundgefetz, und wir erhal en Tll biogenetifd^« 

lagen für dieBeurteilunTvl p ^ f"" ^^ ^"''^''" ''""'<' 
im Jahre lor, " -^ ™" ^'"^^^ken, wie fie bei G. F. LipP« 

^illUil^"erT.ii: '** ''-' '-^ "'-'''^ "" 

^£1^^^ f ^.«;f*ehniffe i„ der unbelebten Natu."- 
^s aort, „bedürfen wir des 7^.rl' \ l r j-. ver- 

gangene« '7/1-, . , -^uruckgehens auf die ver 

und B tat? ^"'^'• ^"^ Erklärung der Veränderunge« 

die Berüdfirr . "" '"''''" ^^^'''^^ Körper ift aber 
ruckfiAngung der vergangenen Zuftände unerläßH*' 

34 



Wir fmd dann geneigt, von belonderen teeWAen Vermögen 
und Kräften zn reden, durcK welAe die in den vergangenen 
Zuftänden begründeten Äußerungen des Lebens veranlaß 
werden... Wollen wir wiffen. was ein unbelebter Korper 
eigentlich ift, fo müflen wir feftftellen, wie er auf Grund 
feines jeweiligen Zuftandes im Zufammenhange mit anderen 
Körpern feiner Umgebung fich ändert. Auf ferne früheren 
Zuftände brauAen wir keine RüAfiAt zu nehmen; wenn w. 
nur feine gegenwärtige Verfaffung kennen. In diefem Sinne 
können wir tagen, daß ein unbelebter Körper kerne Ver- 
gangenheit habe. Bei einem lebenden Wefen re.At hmgegen 
die Kenntnis des gegenwärtigen Zuftandes nidit aus, wenn 
wir fein Verhalten unter irgend welchen Einwirkungen feft- 
ftellen wollen. Wir muffen willen, was ein lebendes Wefen 
früher war. um angeben zu können, was es jetzt .ft und wie 
CS irgend welchen Einwirkungen gegenüber fich verhalten 
wird. Ein lebendes Wefen hat eine Vergangenheit. Es fteht 
unter dem Einfluß feiner Vergangenheit." . 

Aber man fieht ohne weiteres, daß fich. nach Volterras 
Entdeckungen und der Ausgeftaltung der korrefpondierenden 
mathematifchen Theorien, jene ftarre Unterfcheidung von 
lebendiger und toter Subftanz. wie fie G. F. Lipps m den 
angeführten Sätzen zu .harakterifieren verfucht hat. )nzt, 
aus Gründen der mathematifch-exakten Naturwiffenfdiatt, 
nicht mehr aufrecht erhalten läßt. Wir werden vielmehr 
durch die hier erörterten neuen Erkenntniffe in unterer 
Anfidit nur beftärkt, daß der Gegenfatz zwitdien der 
mechaniftifchen und der teleologifch-biologitchen Weltbetrach- 
tung einzig und allein in der verfchieden gerichteten Methodik 
der Forfchung zu fuchen fei. Wenn nämlidi die Naturvor- 
gänge jederzeit nicht allein von der Totalität aller gleichzeitig 



55 







i'ii 



'IM. 




exiftierenden Subftanzen und Kräfte abhängen, fondern a«* 
von der Allheit der vorausgegangenen Weltzuftände, io ge- 
langen wir audi zu einem völlig neuen Begriff des NaW 
fyftems, der Monaden, und der Entelechie, welcher, zuta««"' 
m« den Refultaten der WahrfAeinlidikeitstheorien, *' 
ftatiftifAen Phyfdc, und den widitigen Begriffen der Ver- 
teilungsfunktion, im Zufammenhange mit der unfyffl»'''''' 
fchen, einfeitig geriditeten Entropie-Entwidilung des Ü»;' 
verfums, emen neuen Begriff von dem Wefen des hii^' 
viduellen und des Lebendigen ergibt. 

Die Arbeiten über das GedäAtnis und die Vererbung»' 
erfAemungen der Materie zeigen deutlich genug, wie es eben 
die verfduedenen mathematifien Gefiditspunkte find, wel*' 
darüber entfAeiden, ob wir die Welt im Sinne einer reine» 
»MeAamk ohne Vererbung", oder ob wir fie nad. Pic»'''' 
Volterra und Fredholm als eine Kaufalität der zeitliAe« 

erb3 J'/".''"^'^"^'' ^'f° '^^ "M='i'--k mit Ver- 
hZl J T ""'' piyAophyfifA zu interpretiere» 
zwiA 'i- Verfchwinden der abfoluten SAranke« 

abefunre:TiIlt^"n.r ^'"" -''^'^^- ^^'^ "'T 
weiterunl '^'",'"^*^f''''l>^'- Horizont eine ungeahnte &■ 

ir^Ll ft """ MögliAkeiten, auA den biologifAe« 
und plyAologifAen Begriffen d<-r H-, j- •■ j l- „„rti- 
fAen Grundgefetzes IT A "'"^«ditat, des biogeneti 

math=m,^-fr .V '^ "^^ GedäAtniffes mit exakte» 

taft Tf"f °'*^''''*^" '^"hoden und Glei- 

«lungslyltemen beizukommen ia £•• r . . 

«kenntnis von der gröZ Bed "' '''''"" "" l 

hoffen, daß es einmal auA »et"""'' """"""^'^ '''""'" '^ 
Hilfsmittel auA an eine u " '^"'^'' ""'' '^^"f'^" °'"'" 

Zergliederung des Unbewu&en T"*' ^«^"«^'^""S ""'' 
Regreffion im sinne der Pf ü Verdrängung und der 

' Pfydioanalyfe fowie des fAeinbar 

56 



freien Auffteigens von VorfteUungen und WiUensimpuHen 
heranzutreten. 

Sdion im Jahre 1918 hat der Sdireiber diefer Zeilen in 
einem für ein größeres Publikum beftimmten Artikel über die 
hier erörterten Forfdiungen von Voherra, Fredholm und 
Schmidt beriditet und auf deren Bedeutung für die Biologie 
und das piydiophyfifche Problem hingewiefen; es fchemt aber, 
daß die Vertreter der Biologie und der Psydiologie weder 
von dieler Publikation, nodi von den anderen hier erwähnten 
Arbeiten irgendwie Notiz genommen haben und fo mußten 
viele Jahre vergehen, bis vor kurzem erft, der berühmte eng- 
lifdie Mathematiker und Philofoph, Bertrand Ruffell, m feinen 
Büdiern: „The_Analyris of Mind" und „Philofophy" die 
Phänomene der ,^nemic caulation- wiederum einer philofo- 
phifdien Betraditung unterzogen hat. Auch Ruffell unter- 
fcheidet jene beiden ganz verfdiiedenen Typen der Kaufalität: 
foldie, wo die Wirkung immer nur von dem augenblid^lidien 
Zuftande des betrachteten Gegenftandes und feiner gefamten 
Umgebung sowie dem unmittelbar vorausgegangenen abhängt, 
und foldie, bei denen eben zugleidi audi alle in der Ver- 
gangenheit fchon durdilaufenen Zuftände für die Gegenwart 
entfdieidend find. Auf foldie Weife beabfiditigt Ruffell, mit 
dem fdiolaflifdien Gefpenfl der „intentionalen Inexiftenz" 
o^ründlidi und für immer aufzuräumen und er nähert fidi 
damit in gewiflem Sinne audi Goethes Anfiditen, der ja den 
Gedanken Albrecht von Hallers fchroff abgelehnt hatte, daß 
in das „Innere der Natur" kein erfchaffener Geift einzudringen 
vermöge. Bertrand Ruflells Leitfatz, die oberfle Maxime alles 
wiflenfchaftlidien Philofophlerens beftehe darin, „daß man 
überall dort, wo es nur möglidi erfdieine, den Sdiluß auf 
irgendweldie Wefenheiten durdi logifdie Konftruktionen zu 



H 



W 






i:|; 



I 



I Ml 



I< II 



I I 



erfetzen habe", entfpridit durdiaus dem Entwicklungsgang 
und dem Geifte des modernen exakten Denkens, weldies i^^ 
immer wieder zur Aufgabe madit, weder bei „inneren » 
okkulten Ouali täten nodi bei bloß fmnlidi anfdiauli*^'^ 
„Gegebenheiten" fbehen zu bleiben, fondern, im Sinne 
platonifdien Xo^öv BtBovat, immer wieder eine klare Rechen 
fdiaft vor dem Riditerftuhl des autonomen Denkens fordert- 
Diefe fortCdireitende Logifierung und die an die Pythagora 
gemahnende, fdiließlidie Arithmetifierung alles Seienden, 
bildet die eigentlidie Charakteriflik der modernen, und vie 
leidit audi jene der zukünftigen "Wiffenfdiaft. 

Die mathematifdi-naturwiflenfdiaftlidie Behandlung der 
Heredität und des Gedaditniffes ift nidit allein befonders ge' 
eignet, uns ein Naturbild von größerer Einheitlidikeit und 
innerer Harmonie zu verfdiaffen: was uns insbefondere, vom 
Standpunkt der Pfydiologie aus, vor allem intereflieren muü. 
ift der Ausblids auf die Möglichkeit einer neuen, ftreng wiflen- 
fdiaftlidien Analyfe des Unbewußten. Zwar hatte fchon vor 
einigen Dezennien Ridiard Semon, im Anfdilulle an Ewald 
Herings berühmte Vorlefung „Über das Gedäditnis als eine 
allgemeine Funktion der organifierten Materie", den Verfudi 
unternommen, die „Mneme" als ein „erhaltendes Prinzip im 
Wedifel des organifchen Gefdiehens" darzuftellen, aber, ab- 
gefehen von dem Umftande, daß hier auf den Zufammenhang 
mit den Vorgängen der anorganifdieo Welt gar keine Rüi- 
fidit genommen wird, find audi die Begriffe der „Mneme ? 
des „Engrammes" und der „Ekphorie" felbft viel zu vage und 
haben zu fehr den Charakter bloßer Analogiebilder, als daß 
ihnen eine wirklidi wiflenfdiaftlidie Bedeutung zuzuerkennen 
wäre. Da erfdieinen uns dodi die AnCätze, die fidi audi in 
diefer Riditung bei Leibniz finden, viel bedeutungsvoller und 



58 



I 



r^ -^ H.tte diefer doch in einem Briefe an Conring 
ausfiditsreiAer. «"«'*'*'"„..,,,. ,„f die Probleme des 

Tu tnd des Bewußtf eins gerieben, daß w.r eme 

Lebenigen und d^ B ^^^ ^^^ ^^^^^^^^ „,^, 

Eridiemung, die üdi aus uruuc, 

ii" r «. niemals verftehen könnten, ..lelbtt wenn 
erklaren ließe, nienials v ^ ^ begreif lidi zu 

Engel vom Himmel herabkame, um üe uns s 

'"^""- -.e Art aber wie wir einen Naturprozeß zu be- 
Die einzige Art abe ^^^ „athematifdi 

greifen vermögen, ift eben ^ ^^^ ^„. 

funktionalen Zufammenhanges, und neue, bis 

verftandene Typen des Gcidiehens, wie etwa ^^ Je Ge^a* 

nitfes, der Vererbung und des Unbewußten, «fo^er», w 

wir gelehen haben, die ^^^^f^l^Z^T^r^^^^-' 
zu entdeiender mathematifdier Methoden und 

Die Erfdieinungen der Vererbung ""^ f;' ^ ^ ^-^ ^ 

gehören eben in die gleidie ^^^^^ ^Z^^^ ^nU,.n 
etwa beim Hervorfproffen der im Ke me verb 8 ^^ ^.^ ^^ 

h.i Tieren und ^^^^^^^^^Zl.'Z^oa. zugleid. audi 
. mit Phänomenen ^^ f^^/^^' ^ Jrkung zu tun. Um das 
mit foldien von ««^f " J^^„ „„j die dabei auftretenden 
ftetige Wachstum der Org^"'^ Gräfte" zu begreifen. 

Strebungen, Tendenzen und "^""^^J ^^ "^ „ ^ ^,, I„fi„Uefi- 
dazu bedürfen wir nach Leibniz d^' Jj'"^ j^g^„^„ 

malen des Differentials und insbefondere der 
ni e denenzufolge das kleinfte Stüd. einer Kurve 

f T tW eCtwegten Punktes, deren ganze fernere 
oder der ß^J"/ ^^^J^^^f „;, ,Uen Eigenheiten voraus- 
^iriubt a lg wie audi das Bewußtfein felbft fidi 
na^Leibniz aus den mehr oder weniger unbewußten „p... 

perceptions'' integrieren tollte. ,/,... ' "'-i j.,„ 

Für die zeitlidie Fernwirkung bei der Heredität und dem 

59 



I 4i\ 



=™=^^'*^.! i y^-^'^^^ ^ ^^'*^-^''i^^-g7 T?VTrr;v^r^ 




1: i 1' 



Gedächtnis aber kommen wir, wie fdion auseinandergefetzt, 
mit den gewöhnlidien Methoden der Differentialgleidiungeo 
nidit aus, hierzu bedarf es eben überdies jener neuen über 
Leibniz und Newton hinausgehenden Methoden und Hilfs- 
mittel, der fdhon erwähnten „Linienfunktionen" Volterras. 

Bei diefer neuen Phyfik der Heredität haben wir es mit 
einem Verfahren zu tun, weldies Anfätze enthält, um einmal 
vielleicht den bisnun fo rätfelhaft erfcheinenden Phänomenen 
des Unbewußten in der gleichen Weife mathematifch nadizu- 
fpüren wxe jenen der analytifdien Mechanik oder der Elek- 

gS^ ' ^1t '*Ü'''* '^^ '''^ Fernwirkung von 
K äf 7 "-^/--bung als der Effekt von ela^fdaen 
Kratten dargeftellt wird. 

Ob dk PfyAoanalyfe und die Pfychiatrie einmal auch im- 
lande f«„ werden, aus den Refultaten diefer theoretifchen 
UnterfuAungen irgend welche praktifchen Konfequenzen zu 
ziehen, lo daß jene ganz abftrakten mathematlfchen Unter- 
uchungen m einer fpäteren Zeit auch auf die biologifdie For- 
fdiung und vielleiAt fogar auf die Heilkunde Einfluß ge- 
h^ZrT'-u^"" ^•'^"-"«»^ d- Umftand. daß dies 

der Annahme, daß es auch in alle Zukunft niemals der Fall 
lern werde. 



$m 



60 



-4 



Kumst tand Persömlidikeit 



ii^i. 



Von 

.. „ Hamis Sachs 

Aus dem Jährgang r^.? (XV. Band) der Jmago, Zeitsdmft für 
Anwendung der Psychoanalyse auf 4ie Namr-mdGe^stcsun.en- 
schahen\ hcramgegebm von Sigm, freud. (Jahrhch 4 tiefte vi 
Le^ikonq^art, im Gesammmfang von etwa ;6o Seiten, Abonnen:e. 
Mark 22.— jährlidj.) 
Ich beginne am besten mit dem Anlaß, durch den die Be- 
schäftigung mit dem Thema dieser Arbeit in mir ^f^ ^^^^' 
schiedenste angeregt wurde. Es war ein Erlebnis alltäglicher 
Natur, nichts anderes nämlich, als daß mich mein Reiseweg von 
Rom nach Ravenna führte, so daß die Kunstwerke der beiden 
Städte mir unmittelbar nacheinander vor Augen standen. Ange- 
sichts dieses Kontrastes wurde ein Problem, das Vorhandensem 
eines Widerspruches, mir lebendiger als je zuvor, obgleich es mir, 
wie jedem, der sich mit kunstästhetischen Fragen abgibt, langst 

bekannt war. , 

Wer die „ewige Stadt" zum erstenmal betritt, der sieht das 
Rom der Spätantike und der Hochrenaissance, alles andere tritt 
zunächst in den Hintergrund. So erhält er den Eindruck, daß er 
an der Stelle stehe, die mehr als jede andere der Kampfplatz und 
die Bühne der entfalteten, bis ins Maßlose gesteigerten Persön- 
lichkeit gewesen ist. Aus zahllosen Meisterwerken sprechen 
ebenso viele scharf gekennzeichnete Individualitäten, jede in ihrer 
eigenen Zunge. Freilich gipfelt das alles wieder in einem Einzigen, 
der — selbst kein Römer — dieser Stadt trotz all ihres Reich- 
tums noch den Stempel seiner Persönlichkeit aufzudrücken ver- 
mochte — in Michelangelo. Aber das verstärkt nur das Gefühl, 
daß Kunst nur denkbar sei als Ausdruck einer Persönlichkeit. 

Die Kunstwerke Ravennas entstammen einer anderen Zeit und 
sind von anderer Art. Sic entstanden etwa in dem Jahrhundert 
von 450 bis 550 n. Chr. und gehören — obgleich zum Teil unter 
ostgotischer Herrschaft geschaffen — der Frühblüte der byzantini- 
schen^^ Kunst an, deren Denkmäler nirgends sonst in ähnlicher 
Unversehrtheit erhalten sind. Der Innenraum dieser Bauten — 
es sind drei Kirchen: San Vitale, San Apollinaris in Classe und 







( ' ! 



San Apolhnans nuovo, ferner das Baptisterium des Domes un 
das Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia - wirkt nur durch 
fr^hcwirr c f^ .'T' ^»™8«taltung im einfach-ernsten 
den wfjut" ^"^ "■\''" -*^'«nen Glut der Farben, die von 
aber I IT vT*"- ^' ""'" '"' ''""h°>ten Mosaiken, die 

sondern ^T w T **'" =""*«> '"'•'' ="•» t>™™ Steine«, 

Se und 1 , "7'''''=" r--»™8esetzt sind, denen sie ür« 
äaub, KU ' "^ gedämpfte Leuchtkraft verdanken. Ich 

fc Menslrt " t'^'"' '''^ ■»■' ravennatischen Eindrück, 
mr Menschen unserer Tawo «y i • . . 

p ■ , ^ starker smd, als die irecnd eines 

Renaissancewerkes, aber ibr^ -ff/: i, ■ 7 irgend " 

noch aufwühlend Den RU ^"''""Scn smd weder erschütternd 
EntrückthTt t^n ■ .^«'•'»'■er ergreift eine Stimmung zeitloser 

weile. hier^.um StiS^n'^'^Utm^t^^L^'^^^^^^^^ """ ^^"^ 
perÄrtti^ 'r ''"«^"-Sen dieser Mosaiken, was unsere 

figurale wirkt wifo '" "" °™-"™tal. aber auch der 

und Flärhet ^ed^-S "" !"''■ '"^ ««--'= <'- f""" 
ein Streben naih A. T ' 7''' '^'^"'"^' '""='' <^«'' «'«"' 
etwas IrdLhes na?. t^T"''^' " ^""^'^' "^ "'^''' ''"•™' 

n- H -1 Jenseitigkeit Viimmlischer Verklärung thront. 

AoolSr '""" u'"P"'' "^'^ " 'i"" Seitenwand ton San 
™d r wTr 1 "'''»^»»"dergereiht sind, sehen alle gleich aus 

Paradit h f d n ''''■''^^" «^^'=""''" ^enau ebenso - i» 
S aSf r ". T"''"'' -^^ «^""«hts und der Persön- 
Sruck d tf u'"' Einförmigkeit der Reihe erweckt den 

Eindruck der zur Rechten und Linken des Heilandes in Seligkeit 

köpfetr'\ ''T Versammlung interessanter Charakter- 

die Gewächse'l'^r ^^ "'"'' *">- "-"8 "'''-« ""'' 
HblischTn tzen ^ " ° ^^"^ Apollinaris in Classe). die 

Hchkeiten dar^lleT rSaTV:7 >''"'"' ''' ««Senössische Person- 
Individnali^! '^ ''^' '''"«" "«■• Andeutungen einer 

AltchristUche I'd T ^"™\"""* «««'"'keit auf. (Oskar Wulff: 

Mitteilungen vo^'^'^thiffo""'.,:''"'' ""' ''™""''" 



62 



-'< 



' Bei Betrachtung dieser Werke liegt der Gedanke an die Person 
des Hervorbringers ganz ferne. Man hat das Gefühl, daß das 
alles einer festen, durch die Beziehung zur Liturgie mit hieratischer 
Weihe und Starrheit ausgestatteten Tradition entstammt; was der 
Einzelne bei solchem Werk leistet, dessen Entstehung wie seine 
Wirkung nach Zeitlosigkeit zu verlangen scheint, bleibt ganz im 
Schatten; stirbt er, so tritt aus der Schar der in Anschauung des 
Himmlischen einander gleichgewordenen Brüder ein anderer an 
seine Stelle. Zufall und Ungunst der Zeit haben es oft dahm 
gebracht, daß der Name eines Meisters vergessen wurde, während 
sein Werk noch weiterlebt. Hier ist nichts dergleichen geschehen, 
clie Namen waren von Anfang vergessen, als unwesentlich ange- 
sehen worden. Die Schöpfer dieser Mosaiken waren Mönche oder 
mönchisch organisierte Handwerker, deren Lebensziel es war, ihre 
Persönlichkeit auszulöschen. Durch den Mund ihrer Tradition 
spricht die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen, der Einzelne 
bleibt stumm. 

Ein altes Problem tauchte durch die Wirkung des Kontrastes 
Rom-Ravenna mit neuer Stärke auf. Als das Wesentlichste des 
Kunstwerks gilt doch, daß es der Ausdruck einer Persönlichkeit 
ist, daß es uns in die Tiefe einer Eigenart, einer besonderen 
Menschennatur sehen läßt, daß einer, der etwas bisher Unhör- 
h^res erhmcht, etwas Unsichtbares erschaut, etwas Neues, vorher 
J^och nie Durchlebtes empfunden hat, davon zu den Vielen 
spricht. Daneben steht die Tatsache des Volksliedes und Volks- 
^pos, der Volkskunst und des Volkshandwerks, die Kunst der 
Primitiven, vielerlei Eindrücke aus dem Orient, aus unserem Mittel- 
alter — und vor allem Ravenna. Wie paßt das alles zur Gleich- 
setzung Kunst — Persönlichkeit? ,yHow shall we find the concord 
o/ this discordr 

E>er Versuch kg nahe, durch Anwendung einer von mir ent- 
wickelten Theorie („Gemeinsame Tagträume", Imago-Bücher, 
^d. V) der künstlerischen Wirkung auch diese Frage der Losung 
öäher zu bringen. Um das Wesentlichste dieser Theorie kurz 
skizziert wiederzugeben: sie geht von der Doppelrolle der Tag- 
träume aus, die einerseits eine unentbehrliche Lust durch die 
Phantasiebefriedigung der von der Realität zur Versagung ver- 



n 



iii 



urteilten Wünsche gewährt, anderseits durch den Zusammenhang 
mit dem Ödipuskomplex und der infantilen Masturbation den 
Tagträumer stets in die Nähe eines schweren, für minder robuste 
Gewissen untragbaren Schuldgefühls bringt. Gelingt es dem Tag- 
traumer, seine scheu behütete und geheimgehaltene Phantasie in 
solcher Form vorzutragen, daß seine Zuhörer — das heißt dk 
Gemeinschaft, die Brüder - bekennen müssen, daß sie die 
gleichen verbotenen Wünsche haben wie er, so ist für sein Ge- 
wissen eine ungeheure Entlastung erreicht; das Verbrechen, a^^ 
emzelner gewollt zu haben, was nur allen miteinander erlaubt 
ist, wurde damit gesühnt. 

Dieses Eingeständnis von Wünschen, die auf selten des Mit- 
teilenden sowohl wie der Aufnehmenden unbewußt sind, kann 
freilich kein ausdrückliches sein. Wenn aber die Zuhörer der 
Affekte, die das Werk enthält, tatsächlich miterleben, wenn sie, 
von diesen Affekten mitgerissen, eine Zeitlang einer Illusion unter- 
liegen - dann hegt darin ein hinreichend starkes Zeugnis ihrer 
mitschuldigen Wünsche und Triebe. 

Der Tagträumer, der auf diesem Wege die Erlösung von seinem 
Schuldgefühl und die Aussöhnung mit seinem Gewissen sucht, 
sieht sich also vor die Aufgabe gestellt, seine Tagträume so um- 
zuformen, daß sie die bei den Zuhörern aufgespeicherten, an gleich- 
artige Phantasien gebundenen Affekte zu entfesseln vermögen, ohne 
doch den schlafenden Löwen der Verdrängung aufzuwecken. 

.. T 7 T r^«^^^^^*- ^'^ Tagträ^me, die, solange sie 

nur für den Pnvatgebrauch« bestimmt sind, keine Rücksicht auf 
die Form nehmen, werden nun vom Augenblick ihres Eindringens 

in das DewuiStsem an durclitrünt^ ,,« -et ,- A 

f.. . , , 1, . , """^cntrankt von Formelementen, die an und 

rur sich lustvoll sind, wie WoTiltlo«^ t>l t. i t^ . t^i .. 

, „. , „ . , Wohlklang, Rhythmus und Reim, Klar- 

llh^l ^>r™f^^^V^'' '^"^^"^^' abgestufte Spannung usw. Es 
vollzieht sich hier der Vorgang, den Freud beim Witz unter- 
sucht und dargestellt hat und der für ästhetischen Lustgewinn ganz 
al gemeine Bedeutung zu haben scheint, daß die Form eine Fassade 
bildet die durch Gewährung einer „Vorlustprämie" den Hörer 
besticht und seine Aufmerksamkeit ablenkt, so daß er instand 
gesetzt wird, den unbewußten Inhalt der Sache, den eigentlichen 
i^ern als Endlust, ohne Konflikt mit der Zensur- Instanz zu ge- 



64 



nießen. Je organischer, je weniger zufällig die Beziehungen zwischen 
Fassade und Kern sind, desto stärker si nd die von daa Werke 
ausgehenden Wirkungen. 

'Die andere, ebenso notwendige Bearbeitung des Tagtraum- 
materials besteht darin, daß es anonymisiert wird, Held und 
Hauptperson aller Tagträume ist in allen Fällen der Tagträumer 
selbst, aber was er über sich und seine Großartigkeit erzählt, würde 
andere nur mäßig interessieren. Er muß — scheinbar wenigstens -■ 
aus der Geschichte verschwinden, seinen Namen, seine individuellen 
Züge verwischen, an ihre Stelle einen Heros setzen, mit dem sich 
jeder seiner Zuhörer ebenso gut identifizieren kann wie er selber. 
Dies ist aber eine schwere Einschränkung, die für viele Menschen 
gewiß mit einem Verzicht auf die Lust des Tagträumens gleich- 
bedeutend wäre. Für viele — aber nicht für alle; Einzelne gibt 
es und hat es immer gegeben, die unter dem Druck ihres unbe- 
wußten Schuldgefühls und beim Vorhandensein gewisser Bedin- 
gungen, von denen später noch zu handeln sein wird, noch ein 
weiteres Opfer zu bringen bereit sind, durch weiches beide 
Schwierigkeiten mit einem Schlage gelöst werden. Die Neigung, 
<ias eigene Ich zum Mittelpunkt zu machen, für sich Bewunderung 
und Beifall zu werben, entstammt dem Narzißmus. Das Opfer be- 
steht darin, den Narzißmus von dem ursprünglichen Gegenstand, 
dem Ich, abzulösen und auf ein Ersatzobjekt hinzulenken - auf 
das Werk. Der Tagträumer wird zum Künstler, sobald er darauf 
verzichtet, selbst bewundert und ohne Fehl zu sein, wenn nur statt 
dessen sein Werk so vor ihm und den Menschen dasteht. Ob er 
eiidgültig hinter seinem Werk verschwindet oder durch den Um- 
weg Über das Werk die anderen schließlich doch zur Bewunderung 
für seine Person zwingt, ist eine Frage, die von dem Grade der 
Ablösung und Verschiebung des Narzißmus abhängt, die bald 
mehr, bald weniger vollständig gelingen. 

Überhaupt ergibt diese Auffassung statt eines einheitlichen 
Künstlertyps eine Ergänzungsreihe, an deren einem Ende diejenigen 
stehen, bei deren Schaffen die Möglichkeit des Schwelgens in ver- 
botenen, dem Verdrängten bedenklich nahekommenden Phantasien 
die Hauptsache ist. Es sind dies begreiflicherweise zumeist die 
»Jungen", die Generation der Söhne, deren Werke meist durch 



Almaxiadi 193s- 



65 



-p^--^ 



tit-Js=iSiXfiir.±^esirisuiJi^i~ri^^ 




I.i l'i'i 



Starken Affektausdruck und großen stofflichen Reichtum, (»E*" 

nachlässig 

sind. 



findungskraft*') bei einer oft beabsichd^rvl^nachlässigung 

Form - besonders der überlieferten - charakterisiert sind. Ob 
die Kunstrevohitfnnärp ciVIi c^., i -.-^ ,. i TnTiffCS 



^ 3)^i.uiiJi una urang oaer »j — " , 

Deutschend", Romantiker oder Realisten nennen, diese Züge si»<l 
Ihnen allen gemeinsam. Am andern Ende stehen die „Klassik""' 
be, denen nicht mehr das Austoben der ödipusphantasien, sona«'» 
d.e narzißtische Befriedigung an der „Fassade" obenan steht. V» 
Stoff wird zur Nebensache, der Ausdruck der Affekte ist gedäppf' 
bis zur Blut osigkeit veredelt, an ihre Stelle tritt die Befriedis"»f 
Ußt'sil da p' ,7' ""^^''^"Skeit der künstlerischen Form- ,. 
in dte Er." T "''"»«'-l'^ ""d Unpersönliche Ku« 

«soTchehrr'"f' ""°'''"'"- ^"f d- «sten Blick ** 

„Klassiker" sl IT ' ^"^"^ gegenüberstehen, wie J" 

Mühe zu geben e, d T'n? '" ^'^™'"™> «hne sich groß« 
machen, und Thre Held ^'f'"''"™"» völlig unkenntlich ^^ 

Selbstp^rträts Durch u "^t °^' "*' '"^" ^*»'S" ^^'f 
durch „euarLee, ""ST°''"'''"keiten in der Form des Werk* 

den NebensSchSr'df ..^" '" ^°""^"' ''"■^ '''"""''' '" 
sönliche Note" d;/ ^ • ^"'^"'" Aufmachung wird die „P" 

nicht bereit, «d, du^ch fe^ w'",, '/'""'^ ''"°"'- ^^ >^"""'" "' 
verdecken zu lassen sond Publikum gegenüber gä»^ 

Menge als Einzelerschei "" T'" """'' P"»°"'''h 8^™ aus i^ 
Jpater les hourseoi," ua °'- ^^' „Bohemientum", da* 

Nach der andfrn SdteltT"' "'"'"' ^'"'''''■ 
„Klassiker", die „Alten" T' V " ^^"^ ""'' -^' ""'='>'• ^" 

sönlich. Es wäre auch nicht".; i """^'^ '*"'''''""' "''"'' ""^"l 
Verstärkung „„d ^kr ""^"«'""=". warum ein Künstler durch 
rscarKung und Subhmierune sein.« m, •/? xnlich 

werden sollte. Tatsächlich ist^n r ? Narzißmus unpersonl.c» 
speares le.,,, n j Goethes Alterswerken, in Shak«' 

bei Mcheal"l """"•" ''"'-"^h^eit so lebendig wie nur je, 

^-wttr'aVi': ,:L':d-f r" --^ '- -j-'^- ^"'''"" 

nicht. DaT"" ^;"''r "T' *' Sache auch bei den „Junge»" 
■ »äs wir als stärkere Betonung der Persönlichkeit ange- 



./*■! 



^•^^^-^, 



Sprüchen haben, ist ja nur ein Beweis, daß der Schmelzprozeß, 
durch den die menschliche Persönlichkeit ganz in die künstlerische 
und schöpferische überführt werden soll, nicht vollständig ge- 
lungen ist. Die Unfreiheit dem äußeren Erlebnis gegenüber, das 
Hängen an Äußerlichkeiten und das Sich-Selbst-Interessant-Finden 
sind in Wahrheit Zeichen einer bestimmten Art von Schwäche 
der künstlerischen Persönlichkeit, nämlich daß sie sich dazu bereit 
finden läßt, sich für menschliche Nebenzwecke mißbrauchen zu 
lassen. 

Außerdem ist unsere Reihe von den „Söhnen" zu den „Klassi- 
kern" eine ausgesprochene Ergänzungsreihe, in der zahlreiche 
Mischtypen für den Übergang zwischen den beiden Extremen 
sorgen, während man bei der Gegenüberstellung „Persönliche und 
Unpersönliche Kunst" den Eindruck eines Kontrastes hat, bei dem 
keine „halbpersönliche Kunst" als Mittlerin in Betracht kommt. 

Mit den bisherigen Aufstellungen sind wir an das Eigentliche 
des Problems nicht herangekommen. Vielleicht haben wir den 
Fehler begangen, den Künstler 2u sehr als isolierte Erscheinung 
2U betrachten, zu wenig vom Standpunkt der wechselseitigen Bin- 
dung, die zwischen ihm und seinem Publikum besteht. Es wird 
sich verlohnen nachzuforschen, wie weit die Untersuchungen 
Freuds in seiner „Massenpsychologie" auf diese Verhältnisse 
Anwendung finden, 

Bei dem Publikum, das ein Kunstwerk aufnimmt und sich von 
ihm mitreißen läßt, haben wir eine (vorübergehende, natürliche) 
Massenbildung vor uns. Das ist am deutlichsten bei den Primi- 
tiven, wo die Kunst in erster Linie aus magischen Tänzen mit 
Körperbemalung und kultischen Masken besteht, die von „Ge- 
"w-eihten" dem Stamm vorgeführt werden. Im Theater, Konzert, 
Kino ist diese Massenbildung noch deutlich erhalten. Aber auch 
die Leser eines Buches, die sich als Einzelne der künstlerischen 
Wirkung, die davon ausgeht, hingegeben haben, bilden miteinander 
^ine Masse, so wie sich ja auch der religiös Gläubige nicht nur in 
^er Kirche, sondern auch beim Gebet im stillen Kämmerlein als 
Glied einer unsichtbaren Gemeinde (der „streitenden Kirche") an- 
sehen darf. r; '. - .. :;^>: , .. ' .;^;^ .\>;. 

Diese durch die Einwirkung eines Kunstwerkes erzeugten Massen 



67 



I 



! 



zeigen auch alle diejenigen Eigenschaften, die Freud (nach Le Bo^ 
als für die psychischen Reaktionen der Masse Charakteristik«^ 
hervorhebt: die Herabsetzung des intellektuellen Niveaus, beson- 
ders der Realitätskritik, Überwiegen der Affekte, starke Sugges«'' 
bihtät, die sich in der vom Kunstwerk ausgehenden Illusion;- 
wirkung aufs Unzweideutigste manifestiert und zu der - für di« 
Masse ebenfalls charakteristischen - gemeinsamen (vorübef 
gehenden) Abhängigkeit von einem außerhalb der Masse stchend^^ 
Fuhrer, hier dem Kunstwerk, führt. Eine „führende Idee" k^f 
nach Ansicht Freuds den persönlichen Führer ersetzen, so daß ^'^ 
hier, auf selten des Publikums das Vorhandensein aller Phäno- 
mene emer Massenbildung feststellen können 

Hmgegen unterscheidet sich der Künstler sehr wesentlich ^on 
dem Typ des Führers einer Masse. Der Künstler ist an die Mas^^ 
innerlich gebunden, er braucht die Massenbiidung aus seiner innere^ 

W?A Tu- ''.''' 7^" ^""^ ^"^°' ^°" d^r Affektwirkung seines 
Werkes abhangig, denn darin findet er die Erleichterung für <^^' 
onbewußte Schuldgefühl, die Belohnung für die Aufopferung einer 
I narzißtischen Befriedigung. Der Führer hingegen ist von der Mass^ 
/ voHig unabhängig, er läßt sich von ihr lieben, aber er liebt sie 
nicht wieder. Er braucht sie zwar auch, aber nicht aus Gründen 
eines inneren Bedürfnisses, das er gar nicht kennt, sondern z^f 
Ausführung seiner Pläne, zur Erreichung seiner Zwecke. Er denkl 
^"^^^^^I^L:^^*^^': daran, der Masse, wie es der Künstler tut, seine 
tiefsten Geheimnisse zu entdecken, sondern sagt ihr nur soviel 
als für seine praktischen Absichten notwendig ist, und ist dort, 
wo er es für nützlich hält, auch ohne weiteres bereit, seine An- 
hänger zu belügen. Die großen Führernaturen lassen sich auch 
ohne Skrupel und innere Abwehr anbeten oder göttlich verehren» 
bald als richtiger Gott, bald als Prophet, als „General des Herr» ' 
«der als „Mann des Schicksals", wie es Augustus, Mohammecl' 
Cromwell und Napoleon getan haben. Je vollständiger ihre 
Fuhrerschaft ist, um so weniger entziehen sie sich der Anbetung 
ihres »numen'\ um so stärker lassen sie die Scheidelinie hervor- 
treten, die sie von den gewöhnlichen Menschen trennt. Caligul^' 
die vollkommene Natur des Führertyps, an der in der Verzerrung 
vieles hervortritt, was man am Original nicht so deutlich sieht. 



68 



zog diese Scheidelinie mit den Worten: ,,aut frugi hominem esse 
oportere, am Caesar em*' (Suetonius, Caligula, 37, 1), „Der Mensch 
muß entweder sparsam sein oder Kaiser". Ein solches Verhalten 
ist nur möglich auf der Grundlage eines ungebrochenen Narzißmus, 
der am eigenen Tch Genüge findet und es stützt und steigert. Der 
Führer will nicht nur das Verbotene tun, er will es auch allein 
tun, ja es hat für ihn erst dadurch Wert, daß er allein sich dessen 
unterfängt und die anderen davon ausschließt. Der Künstler will 
zwar auch — in der Phantasie, in Tagträumen — das Verbotene 
genießen, aber sein Narzißmus ist zu stark vom Schuldgefühl 
Untergraben, um die Isolierung von der Gemeinschaft der anderen, 
die ein solches Beginnen mit sich bringt, zu ertragen. Das Bedürfnis, 
sie durch ihr Eingefien auf die Affektwirkung seines Werkes zu 
dem unbewußten Geständnis zu bewegen, daß ihre Wünsche die- 
selben seien wie die seinigen, bildet den eigentlichen Ansporn für 
seine Leistung — mit anderen Worten: durch den Schritt vom 
Tagtraum zum Kunstwerk kehrt er aus der ihm unerträglichen Iso- 
lierung zurück in die Gemeinschaft. Sein Werk tritt hervor und 
übernimmt die Führerrolle, die er selbst sich versagen muß. Im 
Künstler steckt ein Führer, aber ein unvollkommen entwickelter, 
v on de m deshalb nicht, wie von dem eigentlichen Führer, 
praktische Wirkungen ausgehen können, weil er nicht bis zur^ 
Tat — die doch immer ein Allein-Tun, eine dauernde Absonderung 
sein müßte — fortschreiten kann. Am nächsten steht dem Führer- 
typ der Schauspieler, bei dem Person und Kunstwerk nicht aus - 
einanderfallen. 

'^ Die Führereigenschaft muß der Fähigkeit, die Eigenpersönlichkeit 
im Werk zum Ausdruck zu bringen, verwandt sein. Wir könnten 
dann zwei Künstlertypen unterscheiden, von denen der eine sich 
^is nahe an das Führertum heran entwickelt, ohne es je voll zu 
erreichen, während der andere diese Annäherung aus irgendeinem 
Grunde so sehr zu vermeiden gezwungen ist, daß er den unmittel- 
baren Ausdruck seiner Persönlichkeit selbst noch auf dem Umweg 
über sein Werk unterdrückt. Man müßte dann annehmen, daß 
diejenigen Künstler, bei denen die Objektbeziehungen besonders 
innig sind, die also infolge ihrer stark libidinösen Objektbesetzung 
m ihrer schöpferischen Phantasie das ödipusverbrechen sehr nach- 






Ifl 



: 1 



drücklich wiederholen - daß diese ihren Phantasien gegen^^'.' 
das stärkste Schuldgefühl haben und demgemäß ihre Persönlichkeit 
am stärksten „verdrängen". Leider ist es gerade umgekehrt: Gerade 
die Künstler, bei denen die Objektbeziehung und die darauf 
folgenden Affekte sehr hervortreten, deren Werke deutlich ^f 
der aufgewühlten, wenn auch nicht entfesselten Leidenschaft ^ef 
Urheber Zeugnis ablegen -- gerade die sind die starken und aus- 
geprägten Persönlichkeiten, während die unoer.önliche" K^nSt 
der Mosaiken von Ravenna ein AKc. i- • »""Persönliche xv 
#-i • L "I • t - , "^Dgelostsem von den nin^en, ^"^ 

Gleichgültigkeit gegen die RpaI,Vv ■ umgcn, 

raten dir „omLr k ^^^^^^^^' ^^ne sanfte Affektlosigkeit ver 

kann: ' ''" "^^'^"^ Schuldgefühl beglLt sein 

Trotz dieses Widerspruches stehen wir knapp vor der Lösung- 

Ma ''''^^^^J^^^^^^^^ daß die Gedankengänge ä. 
.Massenpsychologie" nicht anwendbar sind ohne Berücksichtigung 
des Uber-Ich. 

Der Führer erhebt sich selbst zum gemeinsamen Über-Ich ^'^ 
Massemndividuen, die sich auf Grund dieser Gemeinsamkeit mit- 
einander identifizieren können. Beim Künstler nimmt der Meng^ 
gegenüber das Werk die Stelle ein. die das Ich des Führers hat, 
auch die gegenseitige Identifizierung erfolgt über das Werk hin- 
weg. Die Rolle, die dem Übcr-Ich des Künstlers seinem eigenen 
Ich gegenüber zufällt, ist etwas komplizierter. Zweifellos greife 
es - seme Hauptfunktion als Gewissen ausübend - als Zensof 
in den Schaffensprozeß ein und bildet so ein sehr wichtige^- 
unserer Aufmerksamkeit bis jetzt entgangenes Motiv für das Ich- 
sich seines Narzißmus zugunsten des Werkes zu entäußern. V^' 
Uber-Ich ist es, von dem das Schuldgefühl ausgeht, das den ganz^»^ 
Vorgang auslöst. Es widersetzt sich der Beschäftigung mit eln^^ 
ieil der Tagträume, die dem Ursprung noch zu nahe stehen- 
tordert ihre Verdrängung und schließt sie dadurch von der tir 
mitte baren künstlerischen Verwendung aus. Andere zwingt es ^^ 
Verkleidungen und Larven und regt dadurch die Phantasietätigke'* 
im ^""^ « ""'"'^ Leistungen an. Daß die Tagträume nicht bloß 
im Bewußtsein gehalten, sondern als etwas besonders Köstliches 
anderen mitgeteilt werden dürfen, ist gewiß an neue schwere Be- 
dingungen, gewissermaßen an eine der Publikation vorausgehend^ 



70 



Vorzensur des Über-Ich gebunden. Welcher Art diese Bedingungen 
Sind, davon wissen wir nicht viel — jedenfalls spielt die „SchÖn- 
fieit'' des Werkes eine Rolle, da mit ihrer Hilfe das Über-Ich be- 
stochen werden soll (während im Traum die Zustimmung durch 
die Herabsetzung der Ansprüche der Zensur während des Schlaf- 
zustandes erreicht wird). Es taucht hier das Problem des „Schönen" 
auf, ein Hauptproblem der Ästhetik, mit dem sich die Psycho- 
^3^1yse noch auseinandersetzen müssen wird. Wie dem auch sei, 
t^ie Zustimmung des Über-Ich kann sich bis zur aktivsten Förderung 
*^er künstlerischen Produktion steigern, so daß diese geradezu als 
zum Über-Ich gehörig gilt; dadurch kann die Harmonie zwischen 
Ich und Ober-Ich wenigstens vorübergehend hergestellt werden. 
Der Beifall der Zuhörer bedeutet also nicht nur eine Entlastung 
<les Schuldgefühls, sondern auch eine Bekräftigung der Versöhnung 
Zwischen Ich und Über-Ich; der „Erfolg-Rausch", den er auslöst, 
Zeigt deutlich jene manischen Züge, die wir nach unseren theore- 
tischen Voraussetzungen erwarten dürfen. Umgekehrt geht jede 
Arbeitshemmung als Folge der Spannung zwischen Ich und Über- 
Ich mit einer Depression einher. 

Wir dürfen also annehmen, daß der Künstler, trotz seines 
besonders entwickelten Schuldgefühls, einen ungewöhnlichen, den 
"leisten anderen Menschen verschlossenen Weg gefunden hat, um 
sich mit seinem Über-Ich auszusöhnen. Das ergibt eine starke' 
Persönlichkeit, eine prägnante, nicht durch Identifizierungen ver- 
wischte Individualität, die sich natürlich in erster Linie in dem 
"^erke selbst auslebt, aber auch zu intensiven Öbjektbeziehungen 
(in der Realität sowohl wie in der Phantasie) fähig bleibt. Die 
Bindung des Künstlers an das Libido-Objekt verläuft dann aller- 
^^^gs ganz eigenartig, weil er sie — freilich auf andere Weise wie 
den Narzißmus — zur Verfügung seines Über-Ich halten muß. 
"^on Zeit zu Zeit, wenn es die „künstlerische Inspiration" ver- 
-^^gt, werden diese Objektbeziehungen eingezogen und — in 
narzißtischer Rückverwandlung — dem Über-Ich, das als künst- 
lerische Zielsetzung auftritt, zur Verfügung gestellt. Diese — realen 
oder phantasierten — Objektbeziehungen können damit zu Ende 
'^ein oder später wieder aufgenommen werden, in jedem Falle 
^unterscheiden sie sich von denen anderer, nichtkünstlerischer Men- 






71 



II 



,u 



sehen, in einem Punkte: ihr Wert liegt nicht nur in der mehr od^ 
minder groiSen Befriedigung, die sie bieten, sondern darüber hioa«« 
noch in dem narzißtischen Gewinn, den ihre Verarbeitung für * 
vom Über-Ich gebilligten Zwecke der schöpferischen GestaltuOS 
einbringt. So erklärt sich die Befreiung aus Konflikten und Leben»- 
noten die das Werk seinem Schöpfer schenkt, und das so häußs' 
Oefuhl, damit eine Epoche überwunden und hinter sich geworf«» 
zu haben. Sehr deutlich ist das bei Goethe, der in seinen Werke" 
mcht nur „Bruchstücke einer großen Confession" gegeben, sonder» 
Ibltnl' " ™" "^o[*"" •'" ^" ..Marienbader Elegie" - * 

D Te?den™Grup^:„°at'''''r"^'-"f ^f^"^"" "»" ^''"^" "'' 
scheiden sich durTden GrldT '""' ''" -Klassiker" «n."" 

vom Schaffensakt gefoTde^^ Ob^kubl™ ^'j'"«-''- «egen i^ 
nnr «nvoUkomme„''geleiste w°rÄ!r'' '\™ ""t"' TI 

£sch:™rde o ttir-und "f ""r'"^''" -"■'" "- ''^""" 

1er. Die K , !. « j '^" ** Individualität des Künst- 

nicht .an, \'' f-^" ^"""'" ^" ^"^'S Mensch sei, ist also 
mäßle Ä "1':?'''"^'' ''" ^^"™™8 des Ich durch die über- 
Ä voT Dltlj;-^ '^'^'° ''^ "'' °''^='''' ''^"" ^'' ** 
„n" '?™i- f """'«" - wenn man sie so nennen kann - i'" 
:" rSd r -"ir"""'*^ ''-o^t-hten, lirgraX «gen- 

Ober-Ich, die EneUuL. 1'T^'° '"' "^""^'^^ *^ ^'"'^"^ '"' 
H,„„, ■ '^"e'ling des 2ensurstempels, das wird hier i"' 

Vorn/e":; T "'""^'^''™ ^«™''' ''inter derdie anderen 
nicht n! TT''' ?'' "'""'"'" '"'™''' '" ■'"^"f S"''*"* 

das versöW ni r u ^ ^'"''' '""«'"" ^»"=""1 in dem durch 
D^-ul ntt • r .''^f^'"""^'' Seelenfrieden zu existieren- 

beziehuCn da "r "f"' ^'^'«'-''"'='' «^^^ Op'" ™n Objekt- 

ein füral emtr1""T' '^' '""^"" ''''""'■^ /»"Z und gar und 

Ich muß Z Hinlfd Tn"? "^ ■■• ™' -<'-° ^°«»' "''^ 

Region, wl« Ob t K " ^"'''' ^'■^^^ regredieren, bis in eine 

E n, wo es Objektbesetzungen - wenigstens in dem verpönten 

72 



""^paien Sinne — nicht mehr gibt. Die Voraussetzung für diesen 
Sonderfall ist ein schwaches, früh gedemütigtes Ich und ein beson- 
ders starres, anspruchsvolles und strenges Über-Ich; diese Voraus- 
setzungen treffen für eine größere Anzahl Menschen nur in Epochen 
der Weltflucht und religiösen Askese zu, wie es jene frühchristliche 
Zeit war, der die ravennatischen Mosaiken entstammen. Für diese, 
der Welt und ihren Freuden abgewandten, nur für das Jenseits 
lebenden Künstler-Mönche gab weder die Befriedigung der unbe- 
wußten Phantasien, noch die Entlastung durch das Affektecho, 
noch die Belohnung durch den Erfolg den Ansporn zu ihren 
Werken ab. Das Über-Ich, für die anderen nur Zensur- Instanz, 
trat hier an die Stelle der Zuhörerschaft, es war das emzige 
Publikum, auf dessen Beifall es ankam. Dasselbe Ziel, um dessent- 
Willen zu jener Zeit viele Tausende in die Wüste gingen und die 
1 . £ c'^t, «ahmen, erreichten diese, indem 

schwersten Kasteiungen auf sich nahmen, _ , . , 

^ ■ " ^^^'''' ° , ^^1, A'.e Fassade der künstlerischen 

sie durch die Vorlust, durch die „ra^s 

aurcn aie Über-Ich zu gewinnen und zu ver- 

Forn,, statt der Unr^elt ^^^^^^^^^^^^^ -,, ,,, unveränderlicher 
söhnen wußten. Die.e^ ^^^^^^^^^^^^^^^^ ^^^ ^^^.^ .^^^ 
Dauer und nicht rucKwei^c 

Trei[i^h ist das Über-lch nick so leicht zu gewinnen wie der^ 

\M' " ^^ , j T«r,ot nicht nur die Verkleidung, sondern die 
Mitmensch und verlangt mcnx iiui &V 

Aufgabe der verbotenen Lust, d. h. der Vorgang ist nur dort 
möglich, wo der Ödipuskomplex nicht nur „verdrängt", sondern 
»untergegangen" ist. Irgendwelche Wunscherfüllungen muß das 
Kunstwerk aber doch enthalten, und die Frage drängt sich auf, 
Welcher Entwicklungsphase diese zur Befriedigung zugelassenen 
Triebe angehören. Jedenfalls einer prägenitalen, und man darf 
Wohl annehmen, daß auch diejenigen prägenitalen Phasen, die im 
Laufe der spateren Entwicklung intensiv genitalisiert und in den 
Dienst des Ödipuskomplexes gestellt werden, außer Betracht bleiben 
müssen, so insbesondere die orale, die schon durch die enge Be- 
ziehung zum Kannibalismus an streng Tabuiertes rührt. Mehr dar- 
über auch nur mit einiger Bestimmtheit zu sagen, scheint zur Zeit 
Unmöglich, doch sei es gestattet, einer Hypothese Raum zu geben: 
Es dürfte kaum zufällig sein, daß die „unpersönlichen" Kunstwerke 
' der bildenden Kunst sämtlich, wie die Ravennatischen, mit Bei- 






73 



I ! ; 



I ! 



die Wirkung 



durch 



Seitesetzung alles Stofflichen und Realistischen ui. ""-^_^" ^^.^^^ 
Farbe und Raum erstreben. Es sind das vielleicht ^^ ^^^ 

frühesten lustvollen Eindrücke des Neugeborenen, wenn ^^^^^^^ 
anfänglichen Mangel jeglicher Raumvorstellungi und die ^.^^^ 
bedingte vollständige Hilflosigkeit zu überwinden °^^''^. ^i^' 
ersten Erkenntnisse von Raum und Licht sind und^ "' engsteO 
reichend fern von der Libidoentwicklung, um auch dem st 
Über-Ich als unverfänglich zu gelten. ^^.^^ll 

Wie ist es zu erklären, daß diese Werke, die auf den 
der Außenwelt verzichten, trotzdem Kunstwerke '^^^^ "' ... gji? 
imstande sind, auf die Beschauer eine tiefe Wirkung auszuu ^_^ 
Erinnern wir uns, daß diese Wirkung nicht die gleiche ist, ^^^ 
wir bei anderen — ich möchte sagen, bei „weltlichen" — ^ ^^ 
werken sehen. Wie die suggestive Wirkung der Persönlichkeit» 
fehlt auch das Aufrühren der Affekte, die Bereitschaft zur HW^^ ' 
alle die Dinge, von denen wir gefunden haben, daß sie der Mas 
Bildung und der künstlerischen Wirkung gemeinsam sind. An , 
Stelle tritt ein Gefühl des inneren Beruhigt- und Gelöstseins, « 
Stimmung, die sich nur als die einer gehobenen, bitterkeitslo 
Resignation beschreiben läßt; die erdenschwere Last der T-^^ 
fällt für eine Weile ab. Die Vorlustquellen, die diese Werke biet«;'^^ 
müssen offenbar stark genug sein, um auch unser Ich für eine We 
ZU entwaffnen, es zur Aufgabe seiner sonstigen Objektbesetzung 
zu veranlassen, so daß es bereit ist, zu regredieren — allerdinS 
nicht um der Regression selbst und der Wiedergewinnung ei"^^^ 
infantilen, langst verlogenen Lust willen, sondern weil sich aus 
dem Beispiel der Namenlosen herausfühlen laßt, daß dies der W^S 



w 



nichts 



') Die „pränatalen" Mutterleibsphantasien haben mit dem Werden der ^ä""^y°".^ yng 
....hts zu tun. Sie entstehen im Dienste der infantilen Sexualwünsche (innige ^ere ^b ^^j 
mit der Mutter, Belauschen des elterlichen Koitus usw.) und gründen "f "^ ''^ uorenen 
die von dem Kind regelmäßig schon früher erworbene Erkenntnis, daß die ^^"^^ . ^ten 
aus dem Leib der Mutter kommen, weshalb sie den Raum mit den bekannten Att ^^ 



(Dunkelheit, unterirdische Höhle, Wasser) ausstatten. Mit der von 



Rank behauptetet^; 



aber völlig unbewiesen gelassenen E r i nnerun g an den Mutterleib hat das ni ^^^^ 
tun. Es wäre auch nicht einzusehen, wieso ein Wesen, das weder den ^esichcs-,^^^^^^ 
den Gehörsraum kennen kann, noch den taktilkbetischen durch die Eigenbewegung, f^^^-^j^, 
Raumempfindungen nur durch die Hautoberfläche in einem ringsum gleichartigen ,^^^^ 
zu erwerben Gelegenheit hat, wie ein solches Wesen zur Vorstellung eines „engen, 
Raumes" kommen könnte. '.C^i .. •; ^,- 



<?4' 



en 



. A Stren-e des Übcr-Ichs und damit di.» 

ist, die Aussöhnung mit aer o ^.^^^ werdet wie dieser 

inneren Fiieden zM erwerben. >. o ^ ^ ^^ ^^ ^^^^^ ^^^ Konflikt 

Kinder eines . . ." Das Ich, besonders ao , ^_^^ bereitwillig zum 

mi^ Tj. „„j i-fk.r_TpK zermürbt ist, ia«u „_,- w a u 



fi^maer eines . . . i^^a^ i«-"' •- u " t läßt sich bereitwillig zum 
mit Es und Über-Ich ^^^"l"''^ l j^'^ Himmelreich erwirbt, d. h. 
Kinde machen, wenn es dadurc 

der Kritik des Über-Ich ^'^^Sj^^^^ij^i, i,^ Kunstwerk den Aus- 
Schopenhauer sieht ^^ ^^^^^ Nietzsche hat diese 

druck einer Verneinung des i^ ^^^^erschen System als der 

Behauptung als mehr dem ^ P ^^ ^^.gegriffen und verspottet. 
Psychologie des Kunstwerkes a ^^^^^^^..^^^^g^ j^ selbst Schmerz- 
Kunst sei Bejahung der Welt, ^^^^,^ ^.^^^ .^ ^^^ ^^^^^ emen 
bejahung. Die hier vorgetragene ^^^ ^^g^j^teil einer Verneinung 
Umweg zur Wunscherfüllung, ais ^ g^^openhauer Recht geben - 
des Willens. Trotzdem ^'^'■*"' ^^^„e von Kunstwerken, die wir 
wenigstens für die besondere U PF ^^^^^^ ^^^ „unpersönliche" 
hier einer Untersuchung «"^^^^ ^ ^^n dem Bestreben ihrer^Ur- 
Eindruck stammt bei diesen WerR ^,^^^^ ^.^^^ d^,i daß die 
heber, ihr Ich auszulöschen, tmd ^^^^^ Triebentmischung frei 

verbietende, triebhemmende mit ^^^^^ ^^^^^^^ -^ ber- 

gewordenen Destruktionstri^b an ^.^ ^^^^.^^^ ^^^^ ^ 

gehend zur Meinherrscbaf t «ej S^^^ ^^^^^^^^ ^^beimms der 
schauung^ in der S^^°P;^"^s^,aerfall - wenigstens soweit es die 
Kunst sieht, wird ^^^^^"^'„rdes Willens zum Leben, angeht - 
Libido, den eigentlichen Kern 

errp^.l,t . .un- von benachbarten Phänomenen 

E. bieibt noch die ^^^^ ^^^,^^^^ ,^ der modernen 
üÄ Bei allen t/—ten Kunstwerken läßt der A^^^ 
Kunsttheorie .^^ ^^ ^^i d.e Abkehr .on der Auß nwelt 
des „Objektverlmtes , üe ^^ ^.^ Verwandtschaft mit 

und narzißtische ^^^f ^^^;-rinte;sive Regression ist den beiden 
der Schizophrenie Renken. Die jn^^^ _^ ^^^ Schizophrenie das 
tatsächlich gemeinsam abej ^ ^ bleibt es m unserem 

Über-Ich abgebaut --^;;'jrineinanderaufgehen von Ich und 
Falle voll erhalten. ^^^ übergehend erwecken. 

Über-Ich kann äi-^V^^f;;':! Le Art ästhetischer Wirkung 
Auf der anderen ^^^'^^^^^ l .ach Preud Ja auch darauf 
von der des Humors abgrenzen, 

75 






11 i' 1 



M 



beruht, daß eine Aussöhnung mit dem Übcr-Ich erreicht wird. Nur 
der Mechanismus dieser Aussöhnung ist verschieden: Beim Humor 
besteht er m einer plötzlichen Nachgiebigkeit des Über-Ich, das 
sich ausnahmsweise zum Schützer statt zum Kritiker des Ich 
macht; bei unseren Kunstwerken läßt das Über-Ich von seiner 
strenge nichts nach, im Gegenteil, diese erscheint durch religiöse 
und asketische Zeitströmungen noch gesteigert, aber das Ich weicht 
dieser Strenge durch seine Demut und weitgehende Regression 
soweit aus, daß die Billigung des Über-Ich durch Vermittlung des 
Werkes erreichbar wird. 

Die letzt. Frage ist die „ach der Beziehung dieser „unpe«8n- 
hchen Kunst zu unserer Zeit. Ich glaube, daß sie viel inniger i« 
eII" 'r ^;r""." ~ "'^^^ ^"^ ^« den Menschen jener 
melhen ' T ""•"'''" «^""<'''' "-«i ->« <»™ Renaissance- 
Ze'Tt i„ri '"". ™ ^^"""" ^'^'"^"^ ^" ihnen. In unserer 

soliZT^ Tv" ''^'"" ^»^^"■"enhängenden Lockerungen Her 

Ob [ir. ""-^ ^"''"°^'" =^' Erfüllbarkeit der erotische» 
Ob,ektbez.ehungen emgetreten. wie sie in früheren Epochen gewiß 

Übe; W T-'^'^'^'^f """"=° ^'"°*" f-"-<J. Hinlegen 
a Is unre a LfT "1 ""^""^ K"»«"'' ">'« »"«rem Über-Ich 

fruhe MitteW r Ct w T "AI t "^^ ^^^^"'"^ ""'' •*" 
bauten Gebote ndgatl^l ^ ^'"^ "■"* '''= «»"^"^ ^"f^" 
sicher dem T^JT^ ^ ^^^ '"^ ='"S »veränderlich und 

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Ich ZZrr ^'i''!»'^""S=" '■" den Ansprüchen unseres Ober- 
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Ich und ÖTerIc \"l""n^" ^"^'''°"''> »«-^ung ziehen 

" u Der- Ich erhalten. Diese "Wertp K<.« j • , i l 

— aber wir knr,„ • • i. f bewundern wir dankbar 

wir können sie nicht mehr hervorbringen. 



7ö 



Gesdiidite emes Tranames 



von 



Albredit Sdiaeffeir 

Aus der Jmago», Zeltsdirift für An- 
wendung der Psychoanalyse auf die Natur- 
und Geisteswissensdiaften (herausgegeben von 
Sigmund Freud). 

KLEMENS: So wäre es denn Abend geworden, und du 
kannst mich nun wissen lassen, was dich den Tag über im 
Innern so spürbar bewegt hat. Oder ist's noch zu früh? 

IRENE: Nein, - ich ließ es ja Abend werden, um es zu 
sagen. Es ist nur ein Traum. Aber heute morgen war ich 
noch zu ergriffen, um davon sprechen zu können, und darum 
hatte ich all den Tag zu tun, ihn innerlich zu wiederholen, 
um ihn in Nichts zu vergessen. Mitten in der Nacht erwachte 
ich aus ihm; mein Gesicht und das Kissen war ganz naß 
von seinen Tränen. Nun hat seine Kraft durch den langen 
Tag doch abgenommen, und ich kann ihn noch weniger ver- 
stehn als zu Anfang. 

KLEMENS: Wenn es wahre Tränen waren, in denen du 
erwachtest, muß er auch wahr gewesen sein. _,_, 

IRENE: Meinst du? Dann will ich von vorn anfangen . . . 

Es war später Abend in meinem Traum. Die Lichter 
brannten schon in meiner Vaterstadt, durch die ich zum 
Bahnhof ging, weil ich die alte Frau Bechlarn besuchen 
wollte, die Vorsteherin des Pensionats, in dem ich als Mäd- 
chen war. Sie war die gütigste alte Frau, besonders für mich 
hatte sie viel Verstehn und Verzeihn, aber sie ist schon 
lange tot. Im Dahingehn gestaltete sich erst dieser Besuch in 
mir als eine Pflicht, ja ein Geschenk für die einsam gewor- 



t ? 



77 



i\ 



I , 



dene Alte; aber auf einmal ward mir bewußt, daß in diesem 
Augenblick meine Mutter davor war, sich das Leben z^ 
nehmen. 

KLEMENS: Oh! Deine seit drei Jahren tote Mutter- 
Dieser Traum scheint sehr echt zu werden. 

IRENE: Meinst du? Höre weiter. Je näher ich dem Bahn- 
hof kam - er lag nun auf freiem Felde im Dunkel, ein 
langes Gebäude mit unzähligen Fenstern -= um so angst- 
voller spürte ich, daß ich zu Mutter zurück mußte. Ich wollte 
es mir ausreden, - und wie war es unsinnig auch: Mutter, 
diese ubergerade, unerschütterliche Natur, über die gewiß 
von Jenseits nie ein trübender Schatten gefallen ist Aber 
es zerrte nur glühender an mir, ich widerstand wieder mit 
der Pflicht gegen die alte Bechlarn, ich löste die Fahrkarte 
am Schalter, Der Zug stand schon da, ich setzte den Fuß 
auf das Trittbrett, da war's aus. Ich drehte im Wirbel um 
und rannte durch den Bahnhof zurück in solch einer Angst, 
wie ich im Leben für Mutter niemals empfunden habe. Ich 
hef, denn es stand kein Auto am Bahnhof; da war nur das 
leere, schwarze Feld und ganz fern die Lichter der Stadt. 
Nun, ich habe sie wohl doch erreicht, und auf einmal stand 
da ein Auto. Im Dunkel drin saßest du und sagtest: „End- 
lich! Wo bliebst du nur?" Du wußtest es also schon, und ich 
dachte, wie wir dahinfuhren, inständig: Wenn wir nur gleich 
Doktor Rosen träfen! Richtig sah ich ihn dastehn, ließ gleich 
halten und rief ihm zu, und er war auch sofort bereit, mit- 
zukommen, obgleich ich sagte, es wäre ja nur eine Ahnung 
von mir. Er ließ sogar bei einer Apotheke halten und holte 
einen von diesen großen Zylindern mit Sauerstoff zur Wieder- 
belebung heraus. Ich weiß nicht, wie lange diese entsetzliche 
Traumfahrt gedauert hat; endlich erschien in der dunklen 
Gartenstraße das Haus, auch ganz dunkel, und ich wußte, es 
war schon geschehn. Statt Mutters war aber in diesem 
Traum Vater schon lange gestorben. Es war also niemand 

78 



im Haus. Nun liefen wir durch den Vorgarten, die Haustür 
war unverschlossen. Doktor Rosen sagte: „In den Keller!" 
und wir stiegen hinunter; er leuchtete mit einer Taschen- 
lampe. Unten war es so, wie hier in Bayern die Kuhställe 
sind, niedrige, flache Gewölbe auf Säulen, - und da hing 
Mutter, vor einer Säule, als ob sie stand; sie war ganz blau 
- ach, entsetzlich! Aber Doktor Rosen sagte: „Sie lebt noch", 
und er nahm sie herab und legte sie hin, bewegte ihre Arme 
md gab Anweisungen, schalt und fluchte auf seme bäurische 
Art, weil du mit dem Sauerstoffapparat nicht schnell genug 
fertig wurdest. Ich sah nun auch, daß sie noch lebte, meine 
Tränen liefen stromweis, und ich sagte immer 
„Muttchen, mein Muttchen!" 



wieder; 



Dann nahm es ein 



Ende. 



KLEMENS: Aber das war ein sehr schöner, vielmehr ein 
sehr guter Traum. Ebenso wahr gewiß, wie klar und befrie- 
digend. Findest du nicht? 

IRENE: Nein. Klar, das gewiß " _ 

KLEMENS: Ja, und von einer Klarheit, die nur die 
Wahrheit sein kann. Er scheint sie dir nur zu ver- 



Folge von 



bergen, indem er sie 



dir gestaltet. 



IRENE: Ich verstehe freilich so gut wie nichts. Zum Bei- 
spiel: wieso war es im Keller? 

KLEMENS: Darauf würde dir ein Seelenarzt antworten, 
das sei ein Traumsymbol für Mutterleib,- aber ich bin kein 

Seelenarzt. i /> • i 

IRENE: Und was soll es bedeuten, daß ich zuerst im 
Begriff war, die alte Bechlarn zu besuchen, an die ich seit 
Jahr und Tag nicht gedacht habe, und wieso lebte Mutter 
im Traum auf, die doch gestorben ist? Woher überhaupt 
dieser ganze Traum von Selbstmord — bei Mutters Lebens- 
festic^keit da sie gestorben ist, ohne den Tod nur zu ahnen? 
SchHeßlich: daß ich sie „Muttchen" nannte, was ich gewiß 
im Leben niemals gesagt habe. Du weißt, wie ich mit ihr 



79 



stand. Hassen kann man seine Mutter wohl nicht, aber auch 

nicht ihr fremder sein als ich ihr, wie sie mir. Solange ich 

Kind war, bin ich ihr gleichgültig gewesen. Später kamen 

die furchtbaren Zerwürfnisse, als ich ihr ins Kloster entlief» 

und nur während meiner Ehe mit Otto war es eine Weil« 

zwischen uns gut, weil ich vernünftig in ihren Augen war 

und er reich. Aber dann kamst du, kam meine in ihren 

Augen heillose Unvernunft und die Ehe mit dem HabenichtS' 

der du warst — bis, ja bis endlich zu Agathes Geburt . • • 

KLEMENS: Wo sk allerdings zu dir reiste, um dir hä' 
zustehn. 

IRENE: Ja, immer sicher in ihren Pflichten 
KLEMENS: Wie sie sagte. 

IRENE: Welch ein Tohuwabohu von Traum und Wahr- 
heit.' 

KLEMENS: Aber nein! 

IRENE: Getraust du dir, es zu ordnen? 

KLEMENS: Von der wissenschaftlichen Traumdeutung 
verstehe ich das wenigste; wir werden aber auch, glaube ich. 
das wenigste brauchen. Zuerst muß ich dich etwas fragen- 
Du warst noch im Anfang deiner Erzählung, als mir etwas 
emfiel, von dem du selber mir freilich erst sagen mußt, ob 
es hieher gehört. Erinnere dich, bitte: als ich vor vierzehn 
Tagen emige Wochen lang verreist war, schriebst du mir, 
deme Nichte Klara- habe dich besucht. 

IRENE: Klemens! Wie kommst du jetzt darauf? 

KLEMENS: Ah, merkst du schon etwas? Sie habe dir, 
schriebst du, etwas Schauriges erzählt, das du nicht wieder- 
geben könntest; ich sollte dich daran erinnern, wenn ich 
zurückkäme. Du ahntest also schon, daß du es vergessen 
wurdest, — und wie es so geht, habe ich es auch vergessen- 

IRENE: Daß ich das konnte! So schrecklich, wie es war 
— es machte mich nächtelang schlaflos. Höre es nur: Du 
ermnerst dich wohl, daß ich dir vor einer entfernten Ver- 



m 



Sandten erzähle, die Frau eines Vetters von Papa. Sie 
lebten in der glücklichsten Ehe zusammen, so daß sie bei 
allen Leuten als Muster galt, und es hieß, die beiden seien 
in dreißig Jahren keine zwei Tage getrennt gewesen und 
niemals entzweit. Aber im Laufe der Jahre fiel sie in Schwer- 
mut; es waren Anfälle, die sie ganz verschatteten und stumm 
machten. Was es im Kern war, sagte sie niemand, sie bat 
«ur alle in ihrer Nähe, ihr zu helfen und sie vor ihr selber 
2u schützen. In den letzten Jahren bekam sie eine Pflegerin, 
die sie nie verließ. Und nun, zuletzt, wollte das Ehepaar auf 
einer Reise an die See, von Berlin aus, die Eltern von Klara 
besuchen. Im letzten Augenblick mußte der Mann, aus 
geschäftlichen Gründen glaube ich, zurückbleiben; statt seiner 
fuhr die Pflegerin mit im Schlafwagen. Die erwachte früh am 
borgen; sie konnte nicht wieder einschlafen, kleidete sich 
^eise an, weil meine Tante zu schlafen schien, und trat auf 
den Gang hinaus. Der Schaffner bot ihr Kaffee an, sie trank, 
und als sie das Abteil wieder öffnete, war es leer. Auf dem 
Bett lag ein Zettel, mit den Worten bekritzelt: sie könne nun 
nicht mehr widerstehn, sie müsse sich töten . . . 

Oh, du verstehst, Klemens, was mir so grauenvoll war! Das 
eine, daß die Pflegerin in das leere Abteil kam; und das 
andere, daß der Mann sie ein einziges Mal allein reisen ließ. 

KLEMENS: Ein einziges Mal, ja, wenn etwas geschehen 
soll, müssen die Menschen sich fügen. Aber für dich war die 
Vorstellung des Unheils so schaurig, daß du sie vergessen 
mußtest; und ohne dein Vergessen hätte sie dein Traum nicht 
ergreifen können, um dir eine Tiefe deines Lebens zu öffnen. 

IRENE: Ja, begreifst du denn, Klemens, was diese SO viel 
Jahre lang zum Sterben genötigte Frau gemein hat — mit 
meiner lebenswilligen Mutter? 

KLEMENS: Denke daran, wie dir deine Mutter gestorben 
ist. Anderthalb Jahre lang war ihr, ohne daß sie es ahnte, 
der Tod sicher, den alle in ihrer Nähe ihr verheimlichten, 



6 Almanadi 1930. 



81 



und sie hat so gelitten, daß alle so wie du ihr nur die ei 
Erlösung wünschten und aufatmeten, als sie kam. Recn^ 
du hiezu die Fremdheit von ihr und dir, so ergibt sich, 
deine Mutter, oder sagen wir klarer: daß eine Mutter sta 
ohne Schmerz, ohne Trauer der eigenen Tochter. Ja, scnei 
dir das recht? Scheint dir das natürlich? 

IRENE: Wie sollte es, Klemens! 

KLEMENS: Darum hat nun dein Traum es ins Rechte g 
lenkt. Er hat seine Pflicht als Traum erfüllt, die darin he 
steht, uns alles vollenden zu lassen. Er läßt uns alles n^. 
holen, was wir im Wachen versäumten, freiwillig oder '^'^'^^ 



olle 
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willig, das Vergessene, Unterlassene, Verhinderte. Die v^ 
Angst und das Mitleid, das du am Krankenbett ni 
empfinden konntest, im Traum empfandest du's endlich. 
IRENE: Aber sie lebte im Traum, warum lebte sie denn- 
KLEMENS: Ja, hast du nicht, als sie damals starb, die 
Todeserlösung nur deshalb gewünscht, weil du keine ande ^ 
wußtest? Wäre es dein Wunsch heute nicht, daß sie no 
lebte? 



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Schweigen. 

IRENE: Aber daß ich sie „Muttchen" nannte . . . Verzeih» 
ich muß beinah lachen, es ist so undenkbar. 

KLEMENS: Dann hast du es im Leben vielleicht einff^^ 
gesagt, als du nicht denken konntest. 

IRENE: Was sagst du da! 

KLEMENS: Nun? Fällt dir etwas ein? 

IRENE: Als Agathe geboren wurde, da kam sie... 

KLEMENS: Immer sicher in ihren Pflichten. 

IRENE: Sie saß am Bett so gerade wie immer, und je^^^^ 
Mal, wenn ich schreien wollte, sagte sie: „Nimm dich ^^^'^ 
sammen! Man schreit nicht, ich habe auch nicht geschrien-j* 
Nur als es vorüber war, da sah ich, daß ihre Nase ganz wei^ 



i.*- ., 



82 



.c>;«ij -iktttimtv^t-. 



an der Spitze war, und da wußte ich — , da sagte ich: 
Muttchen. 

KLEMENS: Gebort und Tod, Leben und Sterben — dein 
Traum sah sie in eins, in der Tiefe. 



■s^r :irb:j!t Schweigen, 



in.- 



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IRENE: Warum wollte ich die alte Bechlarn besuchen? 

KLEMENS: Dein Traum wußte es wohl. Wie sagtest du 
doch von ihr? „Für mich hatte sie viel Verstehn und Ver- 
zeihn." Deine Mutter hatte das nicht für dich, darum fand 
sie dein Traum bei seinem Tasten in der Tiefe nach deinen 
ältesten Vergessenheiten, nach einer Gestalt deines Lebens, 
einer alten, wahren Verbundenheit, an die er dich knüpfen 
wollte, um dich dann loszureißen, aus der Mutterferne heraus 
in die Mutternähe. Denn — weißt du es nicht? Nichts was 
entsteht in der Schöpfung, entsteht allein aus sich selber. Es 
braucht einen Widerstand, um die Kraft zu gewinnen, die es 
recht in das Leben treibt. Wo kein Widerstand ist, da ist 
Willenlosigkeit, da kann noch Nichts werden; Leben ist 
Überwindung. 

Und — um den Schmerzenstod einer Ungeliebten mitzu- 
sterben, darum tauchte dein Traum dich in den "^iterste« 
Grund deiner Natur: in das eigene Sterben, in deinen bcholS, 
in dein Kind, in deine Mutter zurück. 



Der Aufforderung Herrn Professor Freuds folge ich gern, der 
vorstehenden Darstellung eines Traumes und seiner Auslegung ein 
Wort über die realen Lebensbeziehungen nachzuscnicken. Bündig 
kann ich zunächst sagen, daß dieser Traum so geträumt und bald 
danach im Gespräch so untersucht und aus dem Leben abgeleitet 
Wurde, wie es in meiner Darstellung zu sehen ist. Denn gerade die 



6* 



83 



,-^sS^rwi 



1 


il 



einfache Ordnung und Klarheit des Traumes und seiner Lebens- 
zusammenhänge, dazu die schönen seelischen und Schicksalstiefen, 
m die er hinableuchtet, diese verlockten und bewogen mich, ä^ 
zarte, flüchtige und dennoch so tief und kräftig gebundene Er- 
scheinung mit geringer Anwendung von Kunst in festere Form z« 
fassen. Die Anwendung von Kunst hatte denn freilich ein paar 
geringfügige, das Wesen der Dinge nicht verletzende Ver- 
änderungen zur Folge, insofern eine Kardinaleigenschaft jeglicher 
Kunstübung Vereinfachung ist. Also wurde das untersuchende Ge- 
spräch in Wirklichkeit nicht in so geradlinig einfacher Weise ge- 
führt, und im Traum war es so, daß die Träumende „Klemens" 
nicht gleich im Auto, sondern erst später unterwegs traf; auch der 
Bahnhof verlangte eine etwas sinnfälligere, traumhafter anmutende 
Beschreibung. Klemens und Irene selber sind keine für dieses Ge- 
sprach erfundene Figuren, sondern entstammen ursprünglich meinem 
Roman ,,Helianth" und wurden seither schon mehrmals von mi^ 
~ als m mir lebendige, in guter seelischer und geistiger Gemein- 
schaft stehende Gestalten ~ zur Formung von ähnlichen Ge- 
sprächen benutzt. Zur Folge hatte dies, daß die Beziehungen der 
1 raumenden zur Mutter nicht ihrem eigenen, sondern dem Leben 
Irenens aus dem „Helianth<^ gewonnen wurden, d. h. daß die 
Wirklichkeit nur in anderen Bildern vorgeführt wird, ohne hier- 
durch eine Wesensänderung zu erleiden. Noch sei bemerkt, daß der 
Arzt des Traums keiner von den Ärzten war, welche die Mutter 
^räumeofen *''^""'^^^^^"^ ^^^^^^" ^^r jetzige Hausarzt der 

Eine einzige Abweichung von gewichtigerer Art betrifft die „alte 
Bechlarn die ,m Traum selber nicht die Instituts Vorsteherin der 
Traumenden war und überhaupt zu ihr in keiner tieferen Beziehung 

InlaL '. ^ • r' " '^' künstlerischer Grund, der mich ver- 
anlagte, die Beziehung zu vertiefen, um die Evidenz der Erschei- 

nung zu erhöhen. Für den WahrKeiVcw*»-*- a t' •- *« 

ia A a j' T' * ^«=" wanrneitswert des Traumes genügte es 

■]a, dais die Träumende, um zu ihrer Mutter den Pflichtweg zu 
tmden, aus einer anderen Lebensrichtung, von einem eigenen 
wiiiensziel abgewendet werden mußte, und ich habe, wie gesagt, 
diesem Zielnur mehr Gestalt und Farbe gegeben - für das Auge 
aes Lesers, mdem ich eine Jugendfreundin der Träumenden an eine 



84 



Stelle fügte, wo im wirklichen Traum eine — trotz allerlei Be- 
iifiühungen des Nachforschcns — gleichgültige Erscheinung stand. 
Es war in Wirklichkeit nur eine der Träumenden gutbekannte 
alte Dame, Mutter einer Freundin, zu der sie aber niemals in 
persönliche Beziehung getreten ist. 



Der 

Gilles 



'sellbsttioiord im Amdrc 

da 

Koman ,,DJe Falsdiiiiiaii^er 

Von ; 

Dr. Editha Sterba 

Wien 

Aus dem im Herbst 1929 ersdiienenen Sonderlieft „Selbstmord* der 
(von Dr. Heinridi Meag in Frankfurt a. M. und Professor Dr. Ernst 
Sdmeider in Stuttgart TaerTOSgegebeMn) „lÄitsdiiik iüi psydiomalTtisdve 
Fäd^ogik". Das Sonderheft „Selbstmord" enthält u. a, Beiträge von 
Federn, Meng, Sdmelder, Bernfeld, Kalisdier, Sadger, Chadwidt, Fried- 
jung, Lorand usw. über das Problem des Selbstmords, über Selbstmord- 
prophylaxe, über Todes- und Selbstmordphantasien, über einzelne Selbst- 
mordfälle, über Selbstmordversuche, Absdiiedsbriefc usw. (Preis des 
Sonderheftes M. 3.—, Abonnement der „Zeitschrift für psydioanalytisdie 
Pädagogik" jährlich M. lo'— ; der IV. Jahrgang beginnt im Januar 1930.) 



Man wird gewiß nicht fehlgehen, wenn man versucht, einen 
Beitrag zum Problem dt& Selbstmords bei den Dichtern zu erhalten, 
die uns auf so vielen andern Gebieten der Psychopathologie wert- 
volle Winke oder Bestätigungen gegeben haben. „Dichter verfügen 
Vor allem über die Feinfühligkeit für die Wahrnehmungen ver- 
borgener Seelenregungen bei andern und den Mut, ihr eigenes 
Unbewußtes laut werden zu lassen" (Freud, Beiträge zur 
Psychologie des Liebeslebens, Gcs, Schriften, Bd. V). ; 

Ina Mittelpunkt von Andre Gides großem psychologischen 
■Koman „Die Falschmünzer" steht ein unter besonders merk- 
v^ürdigen Umstanden ausgeführter Selbstmord eines Jugendlichen, 
^evor man aber untersucht, ob der Versuch der Analyse dieses 



85 



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litl! 



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5 ! 



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Selbstmordes irgend einen Beitrag zum Problem des Selbstmorde 
liefern kann, wird man sich der Beantwortung einer andern Frag 
zuwenden müssen. Gides Roman „Die Falschmünzer" ist sowo 
im Inhalt als auch in der Form der Darstellung deutlich von 
Psychoanalyse beeinflußt. Man darf vielleicht die Vermutung 
wagen, daß sogar die Entstehung dieses Romans in engstem ^^ 
sammenhang steht mit dem Bestreben der Psychoanalyse, zum vC 
standnis des künstlerischen Schaffensprozesses zu gelangen. 
Man wird sich also die Frage vorlegen müssen, ob ein Wer . 

dessen Verfasser an und für sich mit dem Rüstzeug der Anaiy^ 
an die Wiedergabe der seelischen Konflikte herantritt «»^ 
analytische Aufschlüsse über die Psychologie von Kindern und 
Jugendlichen in seinem Werk verarbeitet, der Psychoanalyse 
überhaupt noch irgend eine Erkenntnis vermitteln kann. Haben 
nicht Werke, die sozusagen von einem Tiefenpsychologen geschatf^^ 
werden, so wenig Beziehung zu dem „naiven Tagtraum** des 
Dichters, den wir sonst als Grundlage des Kunstwerks annehmen» 
daß sie gar keine Hinweise auf das Unbewußte enthalten, da» 
sozusagen alles bewußt gemacht und gedeutet ist? Wenn wir «ns 
aber vor Augen halten, daß der Schaffensprozeß, die künstlerische 
Umformung des „naiven Tagtrauros" immer im Unbewußten vor 
sich geht, werden wir erwarten dürfen, daß auch der unter dem 
Einfluß der Psychoanalyse schaffende Künstler nicht imstande sein 
wird, alles so klar und bewußt gemacht darzustellen, daß der 
psychoanalytischen Durchleuchtung des Kunstwerks nichts mehr z^ 
tun übrig bliebe. 

Der dreizehnjährige Boris, dessen Selbstmord den Gegenstand 
dieser kleinen Studie bilden soll, ist das Kind einer russischen 
Klaviervirtuosin und eines Franzosen, Der Vater starb, als Boris 
noch klein war. Der Knabe verbrachte seine Kindheit meist bei 
der Mutter, die sich ihren Lebensunterhalt zuerst als Pianistin und 
dann als Sängerin in Music-halls erwarb. Der Kleine war „von 
seiner Mutter in einem Zustand dauernder Überreizung erhalten 
worden, in einem Zustand, der den Ausbruch schlimmer nervöser 
Störungen provoziert". (Dieses und die folgenden Zitate nach der 
deutschen Übersetzung von Ferdinand Hardekop*' 
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart.) Da er an „einer Menge von 



86 



i... 



Störungen, Ticks und Manien litt", hatte ihn die Mutter über 
Sommer einer polnischen Ärztin, Frau Sophroniska, anvertraut. 
Diese unterzog ihn einer Behandlung, die wie folgt geschildert 
^ird: „...sie besteht darin, ihn sprechen zu lassen! Ich verbringe 
jeden Tag ein oder zwei Stunden mit ihn allein. Ich frage ihn, 
aber nur sehr wenig . . . Ich muß alles wissen und besonders das, 
^as er am ängstlichsten zu verheimlichen pflegt... Ich ^^^^^^^JJ 
erzählen, was er des Nachts geträumt hat. Wenn ich truh 
morgens mit Boris allein bin, so träumt er sozusagen mit spre- 
chendem Mund weiter". Man wird die Behandlung des kleinen 
Boris nach dieser Charakteristik wohl nur als psychoanalytische 
K-inderanalyse bezeichnen können. 

Bronja, die fünfzehnjährige Tochter der polnischen Ärztin, von 
der CS heißt: „ihr Blick aber und ihre Stimme scheinen eher emem 
Engel anzugehören, als einem Menschen", scheint durch ihren guten 
Einfluß auf den kleinen Boris sehr zum Erfolg der Behandlung 
beizutragen. Am Ende der Ferien erklärt die Ärztin, nachdem sie 
..das gesamte Räderwerk seines geistigen Organismus auseinander- 
genommen", daß sie ihn als geheilt betrachte und er nach Paris in 
ein Pensionat kommen dürfe. Dort fühlt sich der kleine Bons sehr 
einsam und verlassen; die Kameraden verspotten ihn alle, und es 
gelingt ihm nicht, Anschluß an irgend jemanden zu finden. Auch 
sein Großvater, der im Pensionat Aufsichtsperson ist und ihn 
zärtlich liebt, bleibt ihm ganz fremd. Als dann eines Tages Frau 
Sophroniska ins Pensionat kommt und Boris den Tod seiner ge- 
liebten Bronja mitteilt, fühlt er sich vollkommen vereinsamt. 

Drei Knaben im Pensionat, Gheridanisol, Georges und Phiphi, 
Sitznachbarn des kleinen Boris, begründen die „Brüderschaft der 
starken Männer" mit dem Wahlspruch „Der starke Mann hangt 
nicht am Leben". Georges spielt Boris, der in seiner völligen Ver- 
lassenheit „nach Freundschaft und Achtung lechzt", eine Freund- 
schaftskomödie vor und nimmt ihn, nachdem alle drei den Plan 
ausgeheckt haben, Boris einen Schabernack zu spielen, in die 
Brüderschaft auf. Das Los bestimmt, daß Boris, getreu dem Wahl- 
spruch der Brüderschaft, sich mit der Pistole seines Großvaters 
zu einer bestimmten Zeit im Arbeitssaal während der Nachmittags- 
arbeitsstunde, bei der gerade sein Großvater die Aufsicht hat, 



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erschießen soll. De: Kleine unterwirft sich bedingungslos der For- 
derung seiner Kameraden, um ihre Achtung zu gewinnen. N^f 
Gh^ridanisol weiß, daß die Pistole wirklich geladen ist. Die beide" 
andern Jungen wissen es nicht und wollen Boris nur Schrecken ein- 
jagen. Und am Nachmittag, zur festgesetzten Stunde, vor d^" 
Augen seines entsetzten Großvaters, erschießt sich der kleine Bor^s- 
^ Es wäre nun ganz verfehlt, anzunehmen, daß der kleine Bor** 
sich wirklich erschießt, um von seinen Kameraden nicht als Feig- 
ling angesehen zu werden. Denn wir wissen, daß die lebenserbal' 
tende Kraft des menschlichen Ichtriebs so stark ist, daß es ^^^ 
gewaltiger Verschiebungen im Libidohaushalt bedarf, damit die 
kbenserhaltende Kraft vom Zerstörungstrieb überwältigt w^f ' 
Wir werden also tief ergehende, wenn auch vielleicht unbewuß^^ 
Motive für den Selbstmord des kleinen Boris annehmen müssen und 
sie aus dem vorliegenden Material herauszuschälen versuchen. 

Den Kern der seelischen Krankheit des kleinen Boris haben ^if 
in der Geschichte seines „Talismans" und seiner „magischen Prak- 
tiken" zu sehen. Der Knabe besaß ein kleines Stück Pergament» 
den „Talisman", den er „neben heiligen Medaillen, die seine Mutter 
ihm umgehängt hatte, in einem seidenen Täschchen auf der Brust 
trug". Dieser Talisman hatte eine rätselhafte Inschrift „Gas — 
Telefon — hunderttausend Rubel". Als Neunjähriger lernte Boris 
in der Schule einen Jungen kennen, „der ihn in geheime Praktiken, 
m magische Künste, wie die Knaben es nannten, einweihte". Jenef 
Junge hatte Boris zur Onanie verleitet, von ihm stammte jener 
Zettel, der „Talisman", der „gleichsam eine Beschwörungsformel 
darstellte, das ,Sesam öffne dich' des schändlichen Paradieses, i» 
das die Lust sie entführte". „Als ,Magie' empfanden die naiv ver- 
zauberten Kinder ihr Laster, weil sie gehört oder gelesen hatten, die 
Magie erlaube, auf geheimnisvolle Weise in den Besitz dessen z«^ 
gelangen, was man begehre, sie verleihe unbegrenzte Fähigkeiten 
usw. Sie glaubten wirklich, ein Geheimnis entdeckt zu haben, das 
über ein reales Fernsein durch imaginäre Gegenwart hinweg' 
tröstete; sie schwelgten in Selbsttäuschung und berauschten sich an 
einem Vacuum, das einer überreizten, lustgenährten Phantasie 
tausend märchenhafte Visionen bot." -'' 

Wenn die Knaben die Onanie als Magie bezeichneten, die über 



88 



»reales Fcrnsein durch imaginäre Gegenwart hinwegtröstet", so be- 
deutet dies, daß sie ihre Onaniephantasien so überschätzen, daß sie 
ihnen sogar geheimnisvolle Wirkungen zuschreiben. Die Onanie 
erfolgt dabei sichtlich in einer Einstellung, die der Phase der 
..Allmacht der Gedanken" entspricht, sie läßt sie alles in der 
Phantasie erreichen, was ihnen in der Realität noch versagt^ bleiben 
muß. Anderseits ist die Auffassung der Onanie als Magie wohl 
auch ein unbewußter Versuch, durch diese Überschätzung und die 
Einkleidung als magische Kunst Schuldgefühle und Gewissens- 
skrupel unterdrückt zu halten. ..- 

Zur Zeit der Behandlung hatte der kleine Boris die „Magie" schon 
aufgegeben. Er war nämlich von der Mutter dabei ertappt worden. 
Der krankhafte Zustand entstand erst in der Folge: „. . . Ich denke 
es mir so, daß die Mutter den Knaben wahrscheinlich gescholten, 
ermahnt, angefleht hat. In diese Zeit fiel der Tod des Vaters. 
Boris redete sieh ein, seine geheimen Gewohnheiten, die man ihm 
als so lasterhaft hinstellte, hätten ihre Strafe empfangen; er hielt 
sich für schuldig am Tode seines Vaters; er hielt sich für einen 
Verbrecher, einen Verdammten. Er bekam Angst. Und da hat, 
einem gehetzten Tier gleich, sein schwacher Organismus diese 
Unzahl kleiner Ausflüchte erfunden, in denen sein innerer Schmerz 
sich läuterte, und die ebensoviele Geständnisse sind." 

Es ist nun klar, daß der kleine Boris, wie aus seiner Auf- 
fassung der Onanie als Magic hervorgeht, ganz besonders an die 
«Allmacht seiner Gedanken" glaubte und überzeugt war, daß er 
durch die magische Kraft der Onanie und der damit verbundenen 
Phantasien, die sicher Todeswünsche enthielten, den Tod des 
Vaters verursacht habe. Und gleichzeitig mit dem Scliuldgeiünl 
Und der Angst wegen dem Tode seines Vaters entstanden im 
Abwehrkampf all die kleinen Symptome, derentwegen man ihn in 
Behandlung gab. . .. \/ t ,- .. 

Nachdem Sophroniska dem kleinen Boris alles gedeutet und 
erklärt hatte, trennt er sich nach großen Schwierigkeiten von 
seinem „Talisman" und übergibt ihn der- Ärztin, wodurch der 
«ann endgültig gebrochen erscheint. -r-- srr -iir:> 

E)ie Charakter Veränderung des kleinen Boris wahrend seiner 
Analyse kommt am deutlichsten in seinem Verhalten zur kleinen 



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Jil; 



Bronja zum Ausdruck, die ja nach Ausspruch der polnischen Ärz»fl 
das „beste Heilmittel" für Boris ist. Bei der ersten SchilderunS 
des Beisammenseins der beiden Kinder zeigt jeder Ausspruch ö^ 
kleinen Boris seine starke ambivalente Einstellung. Er sagt in einei^ 
Atem „ja, meinetwegen — nein, ich will nicht", oder „es ist J** 
warm — es ist zu kalt". Oder^ (Bronja:) „Wo hast du nur wiedef 
deinen Hut hingelegt?" — (Boris:) „Vibroskomenopatof. Blaf, bh^' 
~ „Was bedeutet das?" — „Nichts." — „Warum sagt du «^ 
dann?" — „Damit du es nicht verstehen sollst." — „Wenn^ 
nichts bedeutet, so ist es mir ganz egal, ob ich's verstehe odcf 
nicht." ~ „Wenn es aber etwas bedeutete, so würdest du es auc 
nicht verstehen." — „Aber man spricht doch, um verstanden zu 
werden!" — „Willst du, wir wollen spielen Worte machen. aH^^'^ 
für uns beide zu verstehen?" — „Gib dir lieber erst Mühe, g«' 
Französisch zu lernen." — „Meine Mama, die spricht französisch, 
englisch, römisch, russisch, türkisch, polnisch, italoskopisch, spanisch» 
Zopfsprache und Xixitu." („Dies alles sprudelte er mit einer A^^ 
Leidenschaft hervor.") Dieses Gespräch zeigt wieder deutlich die 
Ambivalenz des kleinen Boris. Einerseits will er offenbar 
Bronja kränken, indem er Worte sagt, die sie nicht verstehen soll 
dann aber wieder heißt es: „Bronja, du bist nicht böse, deshal 
kannst du auch die Engel sehen! Aber ich werde immer ein Böse- 
wicht bleiben." Bronja ist für ihn das Ideal des Guten und Reinen, 
er kommt sich neben ihr offenbar wegen seiner „magischen Prak- 
tiken" als Bösewicht vor. Darum fürchtet er auch, daß seine Be- 
rührung Bronja beflecken könne: „Ja. Nein. Hör: wir wollet 
uns einen Stock suchen. Du nimmst das eine Ende und ich das 

* 

andere. Ich schließe die Augen und verspreche dir, daß ich sie 
nicht eher wieder aufmache, als bis wir dahingekommen sind, "^^ 

wir hin wollen Ja. Nein, nicht dieses Ende! Wart', ich wi^l 

es erst abwischen !^^ — „Warum?" — „Ich hab es angefaßt." Bronja 
ihrerseits ist eifrig bemüht, Boris gut zu machen, sie will ihm beten 
helfen, damit ihm vergeben werde. „Warum versuchst du nicht, 
nicht mehr böse zu sein? Willst du, daß wir zusammen nach (hief 
nannte sie einen mir unbekannten Ort) gehen und dort zusammen 
Gott und die heilige Jungfrau bitten, daß sie dir helfen, nicht mehf 
böse zu sein?" 



90 



Ein kleines Ereignis auf einem gemeinsamen Spaziergang der 
beiden Kinder in dieser Zeit zeigt, daß der kleine Boris noch weit 
entfernt davon ist, „die Engel sehen zu dürfen" . . - ,.Mit geröteten 
Gesichtern und ganz außer Atem kamen sie an. Bronja warf sich 
gleich stürmisch in die Arme ihrer Mutter; sie schien m Wemen 
ausbrechen zu wollen. .Mama*, rief sie, ,du mußt Bons schelten! 
Er wollte sich nackt in den Schnee legen!' Sophroniska sah Bons 
an, der, mit gesenktem Kopf und einem starren, fast femdseligen 
Blick an der Tür stehen geblieben war. Sie schien das sonderbare 
"^esen des Kindes nicht bemerken zu wollen, sondern sagte mit 
bewunderungswürdiger Ruhe: ,Hör', Boris, des Abends darf man 
so etwas auf keinen Fall tun! Wenn du willst, gehen wir morgen 
früh wieder dorthin. Und dann kannst du erst einmal versuchen, 
ein bißchen im Schnee zu gehen...' Sie streichelte ihrer Tochter 
sanft das Haar. Doch plötzlich fiel Bronja zu Boden und walzte 
sich in Zuckungen. Wir erschraken sehr. Sophroniska hob sie auf 
«nd bettete sie auf den Diwan. Regungslos, mit großen leeren 
Augen sah Boris alles mit an." Dieses Sich-nackt-in-den-Schnee- 
legen des kleinen Boris bedeutet natürlich einen Verfuhrungsve - 
such der kleinen Bronja gegenüber. Ihre Reaktion darauf sind die 
Zuckungen, die wir als einen Ausdruck ihrer Abwehr auffassen 
müssen. 

Boris war von der über alles geliebten Mutter getrennt worden 
Er überträgt nun seine ganze Liebe und Zärtlichkeit au die kleine 
Bronja: „Vom Morgen bis zum Abend lassen die beiden Kmäer 
sich nicht aus den Augen. Und sie benehmen sich so^ reizend zu 
einander, daß niemand etwa auf die Idee verfiele, sich über SIC 
lustig zu machen." Bronja ist dem kleinen Boris gegenüber, der 
ihr aufs Wort folgt, durchaus mütterlich. Sie ist also für den kleinen 
Boris eine Muttcrimago, die aber vor der echten Mutter noch 
etwas voraus hat. Die kleine Bronja ahnt nichts von seinen „Prak- 
tiken", von seiner Onanie, für sie existiert so etwas gar nicht und 
die Mutter hat ihn dabei ertappt. So kann er durch Bronjas Rein- 
heit vielleicht doch Erlösung finden von seinen besonders schweren 
Onanieschuldgefühlen und dadurch auch von der Mutter Verzeihung 
erlangen. In seiner Liebe zu Bronja beginnt er immer mehr, sich 



ih 



r anzugleichen, sie nachzuahmen, und er verliert seine Symptome 



91 




ii! 



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ilil! 



wohl ebenso diwcli die Aufdeckung und Bewußtmachung det Be- 
handlung als auch durch die Idendfizierung mit Bronja. Gerade lO 
dieser Identifizierung, die Boris zu einem ganz realitätsfremdeO' 
„m kindlichem Mystizismus" schwelgenden Schwärmer macht, hep- 
eine große Gefahr für die Zukunft: 

„Sophroniska beteuert, der kleine Boris sei nunmehr geheilt ••■ 
Ich erkenne an, daß die Ticks, die unsicheren Gesten des X^t^^^' 
nehmens, des Bereuens, das verstockte Abbrechen mitten im ^^ 
so ziemlich verschwunden sind. Aber es kommt mir vor, als habe 
die Krankheit (wie, um dem forschenden Blick des Arztes auszu- 
weichen) sich einfach in tiefere Regionen des Seins zurück- 
gezogen, und als sei nunmehr die Seele selbst angegriffen. Ebenso 
wie der Masturbation die nervösen Erscheinungen gefolgt waren, 
so räumen diese jetzt einer unsichtbaren Entrücktheit das Feld- 
Allerdings ist Sophroniska selbst beunruhigt darüber, daß Bori^. 
unter Bronjas Einfluß, einer Art von kindlichem Mystizismus ver- 
fallen zu sein scheint. Sophroniska ist zu intelligent, um nicht eiD' 
ZUSChcRf daß die neue Seligkek des Herzens, der Boris sich jef^r 
ergeben hat, alles in allem nicht sehr verschieden ist von der, o^ 
er früher künstlich hervorrief, und daß die neue Verzauberung, 
mag auch der Organismus weniger gefährdet sein, ihn darum nie 
minder ablenkt von jeglichem Willen zur Realisierung. Doch wen" 
ich mit ihr darüber spreche, so erklärt sie, Naturen wie Boris 
und Bronja könnten eine gewisse chimärische Nahrung nicht ent- 
behren, und nähme man sie ihnen weg, so würde Bronja in Hoff- 
nungslosigkeit versinken und Boris einem niedrigen Materialismus 
anheimfallen... Mit Bewegung spricht sie von der Frömmigkeit 
der beiden Kinder, die zusammen die Offenbarung Johannis lesen 
und in gemeinsame Ekstase geraten und ihre Seelen in himmliscn 
Gewandung kleiden." 

Man kann also von einer wirklichen Heilung im analytischen 
Sinne gar nicht sprechen, es ist gleichsam nur eine Verschiebung 
da. Die zwangsneurotischen Symptome und die Ambivalenz sind 
von einer übermäßigen Frömmigkeit und einem unnatürlichen 
Mystizismus abgelöst worden. Diese Veränderung erfolgt be^ 
Boris auf dem Wege der Identifizierung mit Bronja, der ideali- 
sierten Mutterimago. Diese Identifizierung mit der Mutter fc>e- 



92 



in haltet natürlich auch eine passiv- feminine Einstellung gegenüber 
dem Vater, die durch die wenn auch unbewußten aber noch immer 
wirksamen Schuldgefühle, „den Vater getötet zu haben", und durch 
die Angst vor der Strafe noch verstärkt wird*. 

Aus diesem in Mystik schwelgenden Beisammensein mit Bronja 
"«^ird Boris nun herausgerissen und kommt in das Pensionat nach 
Paris. Er versucht vergeblich, zu den andern Knaben in Beziehung 
zu treten; er kann es aber nicht, schon ihre Unterhaltung beleidigt 
sein überzartes Gewissen. „ , . . Sein großes Sympathiebedürfnis trieb 
»W zu dem Versuch, es ihnen gleichzutun. Doch seine empfind- 
liche Natur widerstrebte. Die Worte wollten ihm nicht über die 
kippen. Seine Verlegenheit machte ihn wütend auf sich selbst; er 
quälte sich ab, sich nichts merken zu lassen, und zwang sich, um 
jeglichem Spotte zuvorzukommen, sogar zum Lachen. Aber es half 
alles nichts. Inmitten der andern machte er den Eindruck eines 
Mädchens, fühlte es und ward verzweifelt." Auch an seinen Groß- 
vater, der nur allzugerne bereit wäre, sich seiner anzunehmen, 
vermag er nicht, sich anzuschließen. Er ist eben durch seine Be- 
ziehung 2u Bronja so sehr jeder Realität entrückt, daß er es nicht 
zuwege bringen kann, eine ganze normale Beziehung zu gleich- 
altrigen Knaben anzuknüpfen. Dabei empfindet er sein realitäts- 
unfähiges, passiv-feminines Wesen im Vergleich mit den andern 
als etwas Krankhaftes und ihn Belastendes, aber er ist eben viel 
zu passiv, um sich selbst helfen zu können. Anderseits ist aber 
die Beziehung zu Bronja auch von größter Bedeutung für ihn. Sie 
ersetzt dem einsamen Knaben die Mutter und die Faniilie md ist 
auch der einzige Halt, den er überhaupt hat. 

Da kommt nun eines Tages die polnische Ärztin und bringt 

ihm die Nachricht von Bronjas Tod: „Nun erschien dem kleinen 
^oris die ganze Welt wie eine schreckliche Einöde. Seine Mutter 
'^ar weit weg und kam niemals zu ihm; sein Großvater war zu 
f ^^" • . . Eine zarte Seele wie die seine braucht jemand, dt 



lern sie 



ih 



J^en Adel und ihre Reinheit zum Opfer bringen kann. Er war 



^) Es sei hier daran erinnert, daß eine ähnlidie Wendung von Reizbarkeit und Ängsc- 



chkeit zu übermäßiger Frömmigkeit, die mit einer passiven Hingabe an den Vater ver- 
'^ndert ist, audi von Freud in der „Gesdiidite einer infantilen Neurose" berichtet 
'^'^^- (Ges. Schriften. Bd. VOI.) ■ - : - . ^.-. .. 



93 



j 







nicht stark genug, um ganz für sich allein bleiben zu können- 
Aber er hatte Bronja viel zu sehr geliebt, als daß er je wieder 
auf solche Hingebungsmöglichkeit wie er sie mit ihr verlor» na 
hoffen dürfen. Die Engel, die er so inbrünstig zu erblicken g 
wünscht hatte, wie sollte er künftig ohne Bronja auch nur an wr^ 
Existenz glauben können? So ward selbst der Himmel ihm '^^_ 
waist und leer." Dieser Verlust mußte den ganz vereinsamten ^^^^ 
ganz besonders schwer treffen. Bronja, bei der er Befreiung ^^ 
seinen Schuldgefühlen und Vergebung für seine bösen PraktiK^ 
durch die gemeinsame Frömmigkeit gefunden hatte, verlaßt ihn- 
„Der Himmel ward verwaist und leer." — Boris, dessen Selbst' 
vorwürfe nur mühsam unterdrückt waren, faßt Bronjas Tod «s 
Strafe des Himmels für seine in Erfüllung gegangenen Tode«' 
wünsche gegen den Vater auf. Die dauernde Beziehung zu Bronpj 
seiner Mutterimago, darf er nicht haben, sie wird ihm vom Himi"^ 
offenbar nicht gegönnt. 

Und nun bricht über den kleinen Boris, bei dem der g^^^^ 
Scheinerfolg der Behandlung durch Bronjas Tod ins Wanken P' 
kommen ist, ein Ereignis herein, das ihn schließlich zum Selbst- 
mord treiben muß. Gheridanisol kann den kleinen Boris nicOt 
ausstehen: „...er ist zart, graziös, fast mädchenhaft. Das alles 
reizt und erbittert den lebenskräftigen Gheridanisol. Es ist, a*^ 
empfände er beim Anblick des subtilen Kindes jenen instinktive» 
Widerwillen, der in einer Herde das starke Tier gegen das schwach^ 
treibt... Wie dem auch sei: Gheridanisol empfindet seine Anti- 
pathie gegen Boris als etwas Aufregend-Beglückendes." Sein Vetter 
Strouvilhou ist der Mann, dem die polnische Ärztin einst de» 
„Talisman" des kleinen Boris gegeben hat. Strouvilhou, von Gheri- 
danisol bestürmt, überläßt ihm nun den Talisman „mitsamt def 
Anweisung, wie man sich seiner zu bedienen hätte". 

Nun findet der arme kleine Boris „beim Eintreten in den Arbeits- 
saal, auf seinem Platze jenes Stück Pergament, an das er sich kauni 
noch erinnerte. Er hatte es aus seinem Gedächtnis verbannt, ebenso 
alles andere, was sich auf die Magie seiner ersten Gymnasialjahr^ 
bezog, auf diese bedenkliche Magie, deren er sich jetzt schämte- 
Er erkannte seinen alten Talisman zunächst gar nicht wieder, den» 
Gheridanisol hatte die Zauberformel ,Gas— Telephon— Hundert- 



tausend Rubel* mit einer breiten, rot und schwarzen Umrahmung 
versehen, auf deren Ecken und Linien allerlei frivole, leidlich gut 
gezeichnete Miniatur-Teufelchen umherkletterten. Diese Vignetten 
verliehen dem Pergament ein phantastisches Aussehen, „etwas Infer- 
nalisches'% dachte Gheridanisol, „einen giftigen Reiz, der auf den 
kleinen Boris sicherlich wirken werde . . ." 

»Vielleicht sollte diese ganze Machination kaum mehr sein, als 
ein etwas gewagtes Spiel. Aber dieses Spiel gelang über alle Er- 
wartungen gut. Boris (der sich im Arbeitssaal allein befand) ward 
brennend rot, blickte verwirrt nach links und rechts und sah Gheri- 
danisol nicht, der ihn, hinter der Tür verborgen, beobachtete. 
Boris konnte keinerlei Verdacht auf ihn haben, konnte sich über- 
haupt nicht im geringsten erklären, wie der Talisman hierher- 
gekommen war. Diese böse Reliquie schien vom Himmel gefallen 
oder vielmehr aus der Hölle wiederaufgestiegen zu sein... Nun 
liätte Boris, bei seiner Intelligenz, zweifellos die innere Fähigkeit 
gehabt, derartige Pensionats-Konspirationen mit emem spottischen 
Achselzucken von sich zu weisen: Hier aber tauchte eine gefährlich 
bannende Vergangenheit mit all ihren Phantasien wieder vor ihm 
auf... Boris naht, den Talisman und ließ ihn in seine woUene 
Matrosenbluse gleiten. Während des ganzen übrigen Tages bheb 
er von der Erinnerung an jene magischen Praktiken wie besessen. 
Bis zum späten Abend kämpfte er gegeft eine Satanische Versuchung. 
Dann, in seinem Zimmer, unterlag er, da er nirgends einen Halt 
mehr fand in seinem verzweifelten Kampfe.' 

„Ihm war zumute, als müsse er nun ins Verderben gehen, als 
versinke er in einen Abgrund, unendlich fern von den Regionen 
der Engel. Aber es war ihm eigentlich nur erwünscht, so betäubt 
ins Ungewisse zu fallen, und er schuf sich, gerade aus dieser ben- 
sation des Unterganges, seine bittere Lust." • ^'-'" '• - 

Durch Bronjas Tod ist Boris aus dem Himmel verdammt, er 
grollt dem Himmel, der ihm ja auch nicht verziehen hat, und 
genießt masochistisch die Qual dieses Rückfalles. Nun sieht es in 
der Darstellung des Selbstmordes wirklich so aus, wie wenn sich 
der kleine Boris nur, um die Achtung seiner Kameraden zu errmgen, 
der lebens vernichtenden Tapferkeitsprobe unterwerfen wurde: „Und 
trotz aller Herzensnot bewahrte er, in der Tiefe semer Verdamm- 



I 



» 






nis, einen solchen Drang nach Hingabe, einen solchen Schm^^^ 
über das geringschätzige Benehmen seiner Kameraden, daß er sic^ 
jeder, wenn auch noch so absurden Gefahr ausgesetzt hätte, n«^ 
um ein bißchen Achtung von ihnen zu erringen." Das ausschlag- 
gebende Motiv zum Selbstmord ist aber sicher im Rückfall z ^ 
Onanie zu sehen, wenn auch sein Verhältnis zu den Kameraae 
und die narzißtische Kränkung über die Verachtung, mit der si 
ihn behandeln, ihn diesen Rückfall viel harter empfinden läßt. 

Boris glaubte ja durch seine magischen Praktiken den To^ '^ 
Vaters verschuldet zu haben. Eine Wiederholung dieser Magie be- 
deutet also eine Wiederholung der Tat, die er jetzt in der Er- 
stellung der passiv-femininen Hingabe an den Vater, die aus 
seiner Mutteridentifizierung resultierte, doppelt todeswürdig cmp^'^' 
den mußte. Als die Kameraden an Boris herantreten und ih« dl« 
Forderungen der „Starken Brüderschaft" mitteilen: „Der stark« 
Mann hängt nicht am Leben", da fühlte „Boris einen brausenden 
Taumel in seinem Kopfe. Aber er zwang sich zur Kaltblütigkeit"' 
Er ahnt also schon, daß er den Beweis der Tapferkeit wird liefe^'^ 
müssen. Und als das Los entscheiden soll, wer den Beweis der Tapfer 
keit erbringen soll, da „argwöhnte Boris, daß Betrug im Spiele 
sei; aber er sagte kein Wort. Warum hätte er auch protestieret 
sollen? Er wußte, daß er verloren sei. Er rührte keinen Finger z^ 
seiner Rettung. Ja, selbst wenn das Los einen der drei andern be- 
zeichnet hätte, so würde er sich erboten haben, an dessen Steile 
zu treten, so groß war seine Verzweiflung". Boris fühlt also schon 
von vornherein, daß er dem Selbstmord verfallen ist, und man darr 
wohl annehmen, daß er aus dem ungeheuren Schuldgefühl und 

aus Angst vor den Folgen seines durch die Onanie erneuten ver 
brechens in die Selbstzerstörung flüchtete, um sich dasselbe anzü- 
tun, was er dem Vater zum zweitenmal zugefügt hatte. Daß ef 
es also vorzog, die einzig adäquate Bestrafung an sich selbst z 
vollziehen, statt verlassen von seiner Mutterimago, deren blol^e 
Existenz ihm Verzeihung seiner Schuld bedeutete, allein, verachtet 
wegen seiner Mädchenhaftigkelt in angstvoller Qual und Reue Ztt 
leben. 

Form und nähere Begleitumstände des Selbstmordes hängen auch 
mit der Femininität des kleinen Boris eng zusammen, denn weö'* 



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phot. M. Schmiegelski, Berlin 

Andre Gide 



i ^j^J'^^er deutschen Andre-Gide-Gesamtausgabc 
eutschen Verlagsansralt in Stuttgart) 



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«r auch selbst von vornherein fest davon überzeugt ist, daß er 
sterben muß, so läßt er sich aus seiner Einstellung heraus doch 
von andern sozusagen zum Selbstmord zwingen. 

Nun wissen wir, daß „das Ich nur unter ganz bestimmten Be- 
ciingungen seiner Selbstzerstörung zustimmen könne, das heißt das 
Ich kann nur dann sich selbst töten, wenn es sich selbst wie ein 
Objekt behandelt, wenn es die Feindseligkeit gegen sich richten 
darf, die einem Objekt gilt, und die die ursprungliche Reaktion 
des Ichs gegen Objekte der Außenwelt vertritt" (Freud, Trauer 
und Melancholie, Ges. Sehr. Bd. V.). Beim kleinen Boris ist von 
irgend einer Haßregung, die dann im Selbstmord gegen ihn selbst 
rückgewendet würde, gar nichts zu bemerken. Aber die zuerst im 
Verhalten gegen Bronja gezeigte Ambivalenz läßt den Schluß zu, 
daß Boris auch einmal von starken gegensätzlichen Empfindungen, 
also von Haß und Liebe, beherrscht war. Daß er auch starke 
Todeswünsche gegen den Vater hatte, geht daraus hervor, daß er 
sich selbst wegen seiner Praktiken am Tode des Vaters die Schuld 
gibt. Man kann daher annehmen, daß der Rückfall in die Onanie 
zuerst wieder die Todeswünsche belebt und er dann emerseits die 
Mordimpulse aus Angst gegen sich selbst wendet, anderseits sich 
selbst mit dem Gegenstand seiner Todeswünsche identifiziert, also 
gleichsam den Vater durch seinen Selbstmord noch einmal tötet. 
Dabei spielen auch sicherlich unbewußte Haßtendenzen des kleinen 
Boris gegen seine Kameraden mit, die er eben aus seiner passiv- 
femininen Einstellung heraus gegen sich selbst kehrt. Der Selbst- 
mord ist auch in gewissem Sinn ein Racheakt an den Kameraden, 
die ihm so übel mitgespielt haben. 

Man darf also das wesentlichste Motiv für den Selbstmorxl des 
kleinen Boris in dem durch den Rückfall zur Onanie und dessen 
Bedeutung als neuerlicher Vatertötung ungeheuer verstärkten Schuld- 
gefühl, in der Angst, den Selbstbestrafungstendenzen und den, wenn 
auch unbewußt gegen sich selbst gewendeten Todeswünschen sehen; 
besondere Bedeutung kommt dabei dem Tod der kleinen Bronja 
2U, deren Verlust Boris das einzige Liebesobjekt raubt.Die Identi- 
fizierung mit Bronja ist wiederum die Ursache für den völligen 
Mangel an Realitätsanpassung des kleinen Boris, für seine Unfähig- 
keit mit gleichaltrigen Kameraden in normale Beziehung zu treten, 



AlmanaÄ 1950. 



97 



liili 



wodurch wieder der unter ganz besonderen Umständen erfolgeö ^ 
Selbstmord gefördert wird. 

Aus dem bei der Analyse des Selbstmordes des kleinen Bor»« 
gewonnenen Material geht die Beantwortung der eingangs g^' 
stellten Frage von selbst hervor, ob nämlich ein deutlich u"^^^ 
dem Einfluß der Psychoanalyse stehendes Kunstwerk noch ifg^" 
etwas zu einem Problem der Psychoanalyse beitragen könne. "^^^^ 
auch die hier aufgedeckten Motive dieses Kinderselbstmordes z"*" 
Psychologie des Selbstmordes nichts Neues beitragen können, «o 
sind sie doch im Kunstwerk selbst nur angedeutet und ohne Zu- 
hilfenahme des Instrumentes der Analyse nicht aufzuzeigen w^ 
bringen immerhin eine Bestätigung bereits bekannter Ergebnisse- 

Wenn man gewöhnt ist, immer nach dem „Warum" zu fraget» 
drängt sich bei der Lektüre dieses Kunstwerkes noch eine Frag^ 
auf, deren Beantwortung besonders reizvoll erscheint. Woher komm« 
die starke und intensive Wirkung, die von der Person des kleinen 
Selbstmörders ausgeht? Warum erweckt er gerade so besondere 
Anteilnahme? 

^ Wir wissen ja, daß in solchen Fällen, abgesehen von der re^^ 
ästhetischen Lustwirkung unsere Anteilnahme am Kunstwerk darau 
zurückzuführen ist, daß uns die Identifizierung mit dem Held^^ 
ganz besonders leicht fällt, daß wir also durch diese Identifiziertes 
mit dem Helden offenbar instand gesetzt werden, besonders 1««^' 
volle „Phantasien nunmehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schäme« 
zu genießen«; (Freud Der Dichter und das Phantasieren, Ges. Sehr- 
Bd. X). Es ist ja klar, daß die Erlebnisse des kleinen Boris, sein 
mnerer K^pf wegen seiner „Praktiken«, seine Angst «nd sei« 
Schuldgefühl, sem Verhältnis zur kleinen Bronja bei jedem von nns 
em Stuckchen verdrängter Kindheitsphantasien und -wünsche zum 
Wiedererleben bnngen müssen, und daß gerade die Identifizierung 

ZnlT vT" A t:" i'."^"^^^^ ^^^'-11 -t, weil Wir unS 
eben alsErwachsene die Befriedigung inUntilcr Phantasien in ^er 

idemifmmn^ mit mm Kind viel tkt ^estaum können. Und 

wenn s\c"b der kleine Held im Selbstmord zu wahrhaft tragisc'he^ 
Größe erhebt, so wird unser warmes Mitempfinden und Mitleidet 
sicherlich auch nur ein Ausdruck der Befriedigung über die ReaH' 
.^^^!'"Ü^ .1° ^'^^^^^ verborgener Phantasien und Wünsche sein. 



§8 



et' 



I1J1_^.. 



er Sellbstmord des Keabeii Boris 



von 



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Andre Gide 



>,. .; Bruchstücke aus dem Roman „Die Falschmünzer" (über- 
'; • setzt von Ferdinand Mar de köpf). Mit freundlicher Ge- 
* '^^^ ' nehmigung der Deutschen V erlags- Anstalt in StHttgart. 

Sophroniska hat mit mir wieder über Boris gesprochen, den sie 
^u einem völligen Geständnis gebracht zu haben meint. Das arme 
K-md hat in seinem Innern nicht mehr den kleinsten Winkel, wo 
^s sich vor den Blicken der Doktorin verstecken könnte; es ist 
nun aus dem letzten Zufluchtsort verdrängt worden, Sophroniska 
"^t das gesamte Räderwerk seines geistigen Organismus aus- 
einandergenommen und im hellsten Lichte ausgebreitet, wie ein 
Uhrmacher die einzelnen Teile des Uhrwerks, das er reinigen will, 
^uf seinem Arbeitstisch ausbreitet. Wenn der Knabe, nach so viel 
forschender Bemühung, nicht „richtig schlägt", so wäre es allerdings 
D^it Sophroniskas Latein zu Ende . . . Sie hat mir folgendes erzählt: 

Als Boris etwa neun Jahre alt war, kam er aufs Gymnasium in 
Warschau. Dort schloß er sich besonders an einen Mitschüler aus 
derselben Klasse an, einen gewissen Baptistin Kraft, der ein oder 
zwei Jahre älter war, als er selbst. Dieser Baptistin weihte ihn in 
geheime Praktiken ein, in „magische" Künste, wie die Knaben es 
mannten. Als „Magie" empfanden die naiv verzauberten Kinder 
ihr Laster, weil sie gehört oder gelesen hatten, die Magie erlaube, 
auf geheimnisvolle Weise in den Besitz dessen zu gelangen, was 
man begehre, sie verleihe unbegrenzte Fähigkeiten usw. Sie 
glaubten wirklich ein Geheimnis entdeckt zu haben, das über ein 
reales Fernsein durch imaginäre Gegenwart hinwegtröstete; sie 
schwelgten in Selbsttäuschung und berauschten sich an einem 
Vacuum, das einer überreizten, lustgenährten Phantasie tausend 

^ärchetvhafte Vmonen box. - KÄM \.at Soplnroms^a sich 
^^eser Ausdrücke nicht bedient; ich hätte gewünscht, daß sie mir 
^le Äußerungen des Knaben wörtlich berichtet hätte, aber sie 
ehauptet, daß sie das Mitgeteilte (für dessen unbedingte Richtig- 
en sie jedoch einstehen könne) erst aus einem Knäuel von Ver- 



7* 



99 



^idttik. 



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heimlichung, Verstellung und Verwischung habe herauswinde 



müssen. 



»Ich habe damit endlich die langgesuchte Erklärung 8^^"" L' 
fügte sie hinzu, „für die Bedeutung des Stückes Pergament, d^^ 
Boris (neben heiligen Medaillen, die seine Mutter ihm uffigehanS^ 
hat) in einem seidenen Täschchen stets auf der Brust trug, ^°^ 
auf das, mit sorgfältiger Kinderhand, folgende Worte, nach det^^ 
Sinn ich ihn vergebens fragte, geschrieben waren: 

GAS— TELEPHON-HUNDERTTAUSEND RUBEL. 

,Das bedeutet gar nichts; das ist Magie*, antwortete er je^^^^' 

mal, wenn ich ihn drängte. Mehr konnte ich aus ihm n^*^*^ 

herausbringen. Jetzt weiß ich, daß diese rätselhafte Inschrift vo^ 

der Hand jenes Baptistin Kraft, Großmeisters und Professors de 

Magie, herrührt, und daß die, scheinbar sinnlosen Worte für ^'^ 

Knaben gleichsam eine Beschwörungsformel darstellten, ^^^ 

,Sesam öffne dich' des schändlichen Paradieses, in das die t^^^^ 

sie entführte. Boris nannte dies Stück Pergament: seinen T^**^' 

man. Nur mit größter Mühe habe ich ihn bewegen können, f 

mir zu zeigen; und noch größerer Überredung hat es bedurft, bis 

er es von sich abtat (das war zu Beginn unseres hiesigen A^*" 

enthaltes). Denn ich wollte, daß er es ablegte, gleichwie er sich 

— das weiß ich jetzt auch — schon früher von seinen schlechte^ 

Gewohnheiten befreit hatte. Ich hegte die Hoffnung, daß ^^^ 

diesem „Talisman" auch die Ticks und Manien, an denen ^^ 

leidet, verschwinden würden. Doch er krampfte sich daran fest, 

und auch die Krankheit hielt sich daran geklammert, wie an ^^^ 

letzte Zuflucht." 

„Sie sagten aber doch, er habe sich von seinen Gewohnheiten^ 
befreit . . ." 

„Das nervöse Leiden hat erst in der Folge eingesetzt. Höchst' 
wahrscheinlich ist es entstanden aus dem Zwange, den Boris ^^ 
sich selbst hat ausüben müssen, um frei zu werden. Ich habe voO 
ihm erfahren, daß seine Mutter ihn eines Tages bei der »Magi^ 
überrascht hat. Warum hat sie nie mit mir darüber gesprochen? • • * 
Aus Scham? . . ." 

„Offenbar auch, weil sie wußte, daß er es nicht mehr tat." 



100 



»Jedenfalls war es sehr töricht von ihr... Und deshalb habe 
ich so lange im Dunkeln tappen müssen! Ich habe Ihnen ja 
gesagt, daß ich Boris für durchaus rein hielt/' 

»Sie haben mir sogar gesagt, gerade das sei Ihnen unbequem." 

»Sie sehen, ob ich recht hatte! . . . Die Mutter hätte mir einen 
Wink geben müssen. Boris wäre schon gesund, wenn ich von 
Anfang an hatte klar sehen können." 

»Sie sagten, dieser krankhafte Zustand habe erst in der Folge 
eingesetzt . . ." 

»Ich sagte, er sei gewissermaßen aus Protest entstanden. Ich 
«ienke es mir so, daß die Mutter den Knaben wahrscheinlich ge- 
scholten, ermahnt, angefleht hat. In diese Zeit fiel der Tod des 
Vaters. Boris redete sich ein, seine geheimen Gewohnheiten, die 
"lan ihm als so lasterhaft hinstellte, hätten ihre Strafe empfangen; 
er hielt sich für schuldig am Tode seines Vaters; er hielt sich für 
einen Verbrecher, einen Verdammten. Er bekam Angst. Und da 
hat, einem gehetzten Tiere gleich, sein schwacher Organismus diese 
Anzahl kleiner Ausflüchte erfunden, in denen sein innerer Schmerz 
sich läuterte und die ebenso viele Geständnisse sind." 

»Wenn Ich Sie recht verstehe, meinen Sie, es wäre für Boris 
Weniger schädlich gewesen, wenn er sich der Ausübung seiner 
»Magie* ruhig weiter hingegeben hätte?" 

„Ich meine, es wäre, um ihn davon zu heilen, nicht nötig ge- 
"^esen, ihn zu ängstigen. Die Änderung der Lebensweise, die der 
Tod seines Vaters mit sich bringen mußte, hätte zweifellos genügt, 
«m ihn auf andere Gedanken zu bringen, und die Abreise von 

Warschau entzog ihn ja auch dem Einfluß jenes gefährlichen 

Freundes. Durch Schrecken erreicht man nichts Gutes- Als ich 
sali, wie die Sache stand, habe ich ihm, auf Vergangenes zurück- 
greifend, gesagt, es sei wenig ehrenvoll, daß man den Besitz 
eingebildeter Dinge dem der wahren Güter vorziehe, welche sich 
^^ur als Belohnung einer Mühe einstellten. Ich habe sein Laster 
<iurchaus nicht übertrieben schwarz gemalt, sondern es ihm ein- 
fach als eine Form der Faulheit dargestellt; und ich glaube in 
der Tat, daß es eine solche ist: die raffinierteste und perfideste 
Form der Faulheit..." . '" ' 



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101 



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Sophroniska beteuert, der kleine Boris sei nunmehr gehei f- 
Diese Kur wird sie in ihrer Methode wohl noch bestärken- 
Dennoch fürchte ich, daß sie der Wirklichkeit etwas vorauseti^ 
Natürlich will ich ihr nicht widersprechen. Ich erkenne an, da 
die Ticks, die unsicheren Gesten des Zurücknehmens, ° 
Bereuens, das verstockte Abbrechen mitten im Satz so zieniU*^ 
verschwunden sind. Aber es kommt mir vor, als habe die Kf^n 
heit (wie, um dem forschenden Blicke des Arztes auszuweichen 
sich einfach in tiefere Regionen des Seins zurückgezogen, und a s 
sei nunmehr die Seele selbst angegriffen. Ebenso, wie 



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Masturbation die nervösen Erscheinungen gefolgt waren, so ra 
diese jetzt irgendeiner unsichtbaren Entrücktheit das Feld. Allef 
dings ist Sophroniska selbst beunruhigt darüber, daß Boris, unter 
Bronjas Einfluß, einer Art von kindlichem Mystizismus verfallei» 
zu sein scheint. Sophroniska ist zu intelligent, um nicht ei»' 
zusehen, daß die neue »Seligkeit des Herzens', der Boris sich l^^^^ 
ergeben hat, alles in allem nicht sehr verschieden ist von a^^' 
die er früher künstlich hervorrief, und daß die neue Verzauberung» 
mag auch der Organismus weniger gefährdet sein, ihn ^^'^^ , 
nicht minder ablenkt von jeglichem Willen zur Realisierung. D'": 
wenn ich mit ihr darüber spreche, so erklärt sie, Naturen ^^ 
Boris und Bronja könnten eine gewisse chimärische Nahrung öi*^5^" 
entbehren, und nähme man sie ihnen weg, so würde Bronja i" 
Hoffnungslosigkeit versinken, und Boris einem niedrige^ 
Materialismus anheimfalJen. Übrigens meint Sophroniska, sie habe 
oicht das Recht, die religiöse Zuversicht der Kinder zu erschüttefo; 
obwohl sie ihren Glauben für trügerisch hält, will sie doch ein^ 
Verfeinerung der Instinkte in ihm sehen, eine sittliche Erhebung» 
einen Aufschwung, einen Schutz, und was weiß ich noch . • • * 
Sophroniska glaubt, ohne an die Dogmen der Kirche zu glauben» 
an die Wirksamkeit des Gläubigseins,. Mit Bewegung spricht s'^ 
von der Frömmigkeit der beiden Kinder, die zusammen die Ou&^' 
barung Johannis lesen und in geraeinsame Ekstase geraten und mi 
den Engeln reden und ihre Seelen in himmlische Gewandung 
kleiden. Wie alle Frauen, ist sie voll von Widersprüchen. Abef 
darin hatte sie recht: ich bin sicherlich kein Mystiker ... un 
ebensowenig ein Anhänger der Faulheit. Ich rechne stark auf di^ 



102 



Atmosphäre der Pension Azai's und der großen Stadt, um aus 
Boris ein arbeitsames Kind zu machen und ihn endlich von seinem 
Trieb zum Imaginären zu befreien. Dort Hegt für ihn die Rettung! 
Sophroniska scheint sich allmählich mit dem Gedanken zu be- 
freunden, mir den Knaben anzuvertrauen. Aber sie wird ihn 
gewiß selbst nach Paris begleiten, um seiner Aufnahme in die 
Pension beizuwohnen und auf Grund dessen die Mutter beruhigen 
Zu können, auf deren Einwilligung sie mit Bestimmtheit zählt. 






* 



»Ich kann Boris nicht ausstehen", sagte Ghiridanisol zu Strou- 
vilhou. „Warum, bestehst du eigentlich darauf, daß ich ihn in Ruhe 
lassen soll? Ihm selbst scheint gar nicht soviel daran gelegen zu sein, 
in Ruhe gelassen zu werden! . . . Dieses Muttersöhnchen schleicht 
andauernd um mich herum . . . Neulich mußten wir alle über ihn 
lachen, weil er slch Mter dem Begriff »Schnepfen* wirklich Mit- 
glieder der Ornithologie vorstellte. Georges hatte sich, zum Spaß, 
dieses Ausdrucks ihm gegenüber bedient. Und als Boris merkte, 
daß wir uns über ihn lustig machten, da wäre er beinahe in Heulen 
ausgebrochen, wie eine hysterische Jungfrau!" 

Darauf bestürmte Gheridanisol seinen Vetter mit Fragen. 
Schließlich lieferte ihm dieser den „Talisman" des kleinen 
Boris aus mitsamt der Anweisung, wie man sich seiner zu be- 
dienen hätte. 

Einige Tage später fand Boris, beim Eintreten In den Arbeits- 
saal auf seinem Platze jenes Stück Pergament, an das er sich kaum 
noch erinnerte. Er hatte es aus seinem Gedächtnis verbannt, eben- 
sowie alles andere, was sich auf die „Magie" seiner ersten Gym- 

nasiaJjaiire hezogf auf diese bedejikJjche „Magie", icKÜ tr sich 

jetzt schämte. Er erkannte seinen alten Talisman zunächst gar 
nicht wieder, denn Gheridanisol hatte die Zauberformel: 

GAS — TELEPHON — HUNDERTTAUSEND RUBEL 

init einer breiten, rot und schwarzen Umrahmung versehen, auf 
deren Ecken und Linien allerlei frivole, leidlich gut gezeichnete 
Miniatur-Teufelchen uraherkletterten. Diese Vignetten verliehen 






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103 



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dem Pergament ein phantastisches Aussehen, etwas „Infernalisches » 
dachte Gheridanisol, einen giftigen Reiz, der auf den kleinen Boris 
sicherlich wirken werde . . . 

Vielleicht sollte diese ganze Machination kaum mehr sein, ^Is 
ein, etwas gewagtes Spiel. Aber dieses Spiel gelang über alle Er- 
wartung gut. Boris (der sich im Arbeitssaal allein befand) ward 
brennend rot, blickte verwirrt nach links und rechts und sah 
Gheridanisol nicht, der ihn, hinter der Tür verborgen, beobachtete- 
Boris konnte keinerlei Verdacht auf ihn haben, konnte sich über- 
haupt nicht im Geringsten erklären, wie der Talisman hierher- 
gekommen war: diese böse Reliquie schien vom Himmel gefalle»' 
oder vielmehr aus der Hölle wiederaufgestiegen zu sein . • • ^"f 
hätte Boris, bei seiner Intelligenz, zweifellos die innere Fähigkeit 
gehabt, derartige Pensionats-Conspirationen mit einem spöttischen 
Achselzucken von sich zu weisen: hier aber tauchte eine gefährltch- 
bannende Vergangenheit mit allen ihren Phantasien wieder vor ihi« 
auf . . . Boris nahm den Talisman und ließ ihn in seine wollene 
Matrosenbluse gleiten. Während des ganzen übrigen Tages blieb er 
von der Erinnerung an jene „magischen" Praktiken wie besessen- 
Bis zum späten Abend kämpfte er gegen eine satanische Ver- 
suchung. Dann, in seinem Zimmer, unterlag er, da er nirgends einen 
Halt mehr fand in seinem verzweifelten Kampfe. 

Ihm war zu Mute, als müsse er nun ins Verderben gehen, als 
versinke er in einen Abgrund, unendlich fern von den Regionen 
der Engel. Aber es war ihm eigentlich nur erwünscht, so betäubt ins 
Ungewisse zu fallen, und er schuf sich, gerade aus dieser Sensation 
des Unterganges, seine bittere Lust. 

Und trotz aller Herzensnot bewahrte er, in der Tiefe seiner 
Verdammnis, einen solchen Drang nach Hingabc, einen solchen 
Schmerz über das geringschätzige Benehmen seiner Kameraden, 
daß er sich jeder, wenn auch noch so absurden Gefahr ausgesetzt 
hätte, nur um ein bischen Achtung von ihnen zu erringen. 

Die Gelegenheit dazu sollte sich bald bieten. 

Nachdem sie auf den spannenden Nervenkitzel hatten verzichten 
müssen, falsches Geld unter die Leute zu bringen, blieben Gheri- 
danisol, Georges und Phiphi doch nicht lange müßig. Einige kleine 
Streiche, die sie in den ersten Tagen vollführten, mochten in ihren 



104 



Augen als Zwischenspiele gelten. Dann erdachte sich Gheridanisols 
Einbildungskraft etwas Reizvolleres. 

Die ^^Brüderschaft der Starken Männer'^ hatte zunächst als 
alleinigen Daseinszweck das Vergnügen, das es zu bereiten schien, 
den kleinen Boris nicht in sie aufzunehmen. Bald aber verfiel Gheri- 
danisol auf die Idee, es müsse im Gegenteil eigentlich interessanter 
sein, Boris doch zum Mitgliede zu machen. Damit bekäme man ein 
ausgezeichnetes Mittel in die Hand, ihn zur Übernahme gewisser 
Verpflichtungen zu bewegen, auf Grund deren man ihn dann, im 
weiteren Verlauf der Sache, zu irgend einem ungeheuerlichen Akt 
treiben könnte. Dieser Perspektive wohnte etwas Fascinierendes 
inne; und, wie es häufig bei fragwürdigen Unternehmungen geht, so 
dachte Gheridanisol weit weniger an die Sache selbst, als an die 
Mittel zu ihrem Gelingen. Eine solche Differenzierung mag un- 
wesentlich erscheinen; dennoch bietet sie einen Fingerzeig zur 
Deutung so manchen Verbrechens. Übrigens war Gheradinisol ein 
böser Mensch; aber er empfand das Bedürfnis, seine Bosheit, 
Wenigstem in Phiphis Augen, zu verbergen. Phiphi hatte nichts 
Grausames in seinem Wesen: er blieb bis zum letzten Moment 
überzeugt, daß es sich bei der ganzen Sache nur um ein Spiel 
handle. 

Jede Brüderschaft braucht einen Wahlspruch. Gheridanisol, in 
dessen Kopf sich ein Plan abzuzeichnen begann, schlug vor: „Der 
starke Mann hängt nicht am Leben". Dieser Wahlspruch wurde 
angenommen (und dem Cicero zugeschrieben). Als Erkennungs- 
zeichen schlug Georges eine Tätowierung am rechten Arme vor. 

Aber Phiphi, der sich vor dem Schmerze fürchtete, machte den 

Einwand, gute Tätowierer gebe es nur in den Hafenstädten. Und 
Gheridanisol gab zu bedenken, eine Tätowierung lasse unverwisch- 
bare Spuren zurück, die einen späterhin in allerlei Verlegenheiten 
bringen könnten. Schließlich war ein Erkennungszeichen ja auch 
nicht unbedingt notwendig; die Verschworenen konnten sich mit 
einer feierlichen Verpflichtungsformel begnügen. 

Als es sich um die Machenschaften mit dem falschen Geld ge- 
handelt hatte, war von „Unterpfändern" die Rede gewesen, und im 
Hinblick darauf hatte Georges die Briefe seines Vaters ausgeliefert. 
Aber dann hatte man nicht weiter an ein solches Erfordernis ge- 



103 






II 



dacht: glücklicherweise zeigen Kinder in solchen Dingen ja wenig 
Consequenz. Und bei der neuen Brüderschaft sah man in der Hawp'^* 
Sache von allen Statuten ab, sowohl was die „Aufnahme- 
bedingungen", wie die „zur Aufnahme erforderlichen Eig^"' 
Schäften" betraf. Wozu auch, da es ja von vornherein aus- 
gemachte Sache war, daß die drei Kameraden „dazugehören 
würden, während Boris, wenigstens anfänglich, demonstrativ „nie» 
dazugehören" sollte! Nur das eine ward dekretiert, daß „derjenige| 
der im entscheidenden Moment versagte, als Verräter betrachtet und 
für ewige Zeiten aus der Brüderschaft ausgestoßen werden sollte • 
Auf diese Bestimmung legte Gheridanisol, der in bezug auf die 
Aufnahme von Boris seine eigenen Absichten hatte, besonderen 
Wert. 

Die Verschworenen waren sich bald darüber einig, daß das Spiel 
ohne Boris langweilig sein und der erhabene Sinn der Brüderschaft 
unerprobt bleiben werde. Um Boris zu umgarnen, war Georges 
besser qualifiziert als Gheridanisol. Dieser hätte vielleicht Miß' 
trauen erregt. Phiphi aber war nicht durchtrieben genug und suchte 
jedem Risiko auszuweichen. 

Und das scheint mir an dieser grauenvollen Geschichte das Unge 
heuerlichste zu sein: die Freundschaftskomödie, die Georges n^^' 
mehr aufzuführen begann. Er tat so, als habe er plötzlich eine 
heftige Neigung zu Boris gefaßt (während man bisher hätte glauben 
können, er habe ihn überhaupt nicht bemerkt). Fast möchte ich 
vermuten, daß er selbst von seinem Spiel ergriffen wurde, daß di^ 
Gefühle, die er heuchelte, beinahe aufrichtig wurden, ja, daß sie 
es vielleicht wirklich geworden waren von dem Augenblick an, wo 
Boris sie erwiderte ... Mit allen Anzeichen zärtlichen Interesses 
machte Georges sich an Boris heran; nach Gh^ridanisols Rezepten 
sprach er auf ihn ein . . . Und wie berauscht von dem süßen GÜ^^ 
ließ Boris, der solange gelechzt hatte nach etwas Freundschaft u^^ 
Achtung, sich gewinnen. 

Dann arbeitete Gheridanisol die Einzelheiten seines Planes aus, 
von denen er Phiphi und Georges Mitteilung machte. Es handelte 
sich darum, eine „Probe" zu ersinnen, welcher dasjenige von den 
Mitgliedern unterworfen werden sollte, das durchs Loos dazu be- 
stimmt werden würde. Um Phiphi von vornherein zu beruhiget^' 



106 



gab Gheridanisol zu verstehen, es werde alles so eingerichtet 
werden, daß das Loos mit absoluter Bestimmtheit auf Boris fallen 
öiüsse. Die „Probe" sollte ihm Gelegenheit bieten, seinen Mut zu 
beweisen. 

Worin diese Probe eigentlich bestehen sollte, darüber machte 
Gheridanisol vorläujfig noch keine Andeutungen. Er sah wohl 
voraus, daß Phiphi seiner Idee einen gewißen Widerstand ent- 
gegensetzen würde. 

»Nee, da mache ich nicht mit!" erklärte Phiphi in der Tat, als, 
etwas später, Gheridanisol durchblicken ließ, bei dieser Gelegen- 
lieit könne man recht gut die Pistole des „Pere Lapere" einmal in 
Aktion treten lassen. 

>,Was für ein Dummkopf du bist! Es ist doch alles nur zum 
Scherz!" rief, bereits völlig gewonnen, der kleine Georges. 

„Wenn dir an der Rolle des Spielverderbers soviel gelegen ist", 
fügte Gh^ri hinzu, „so brauchst dus nur zu sagen! Wir kommen 

auch ohne dich aus!" 

Gheridanisol wußte, daß solche Argumente ihren Emdruck aut 
Phiphi niemals verfehlten. Und da er das Blatt mit der Verpflich- 
tungsformel vorbereitet hatte, unter die jedes Mitglied der Bruder- 
schaft seinen Namen setzen sollte: 

„Nur müßtest dus dann gleicb sagenl Dentl ^eim dU msm 
unterzeichnet hast, so ists zu spät!" 

„Na, sei man nicht böse!" sagte Phiphi. „Gieb das Blatt her." 
— Und er unterschrieb. 

„Soweit es auf mich ankommt, liebes Kind: ich wollte es ja 
gern!" sagte Georges und schlang seinen Arm zärtlich um den 

Nacken des kleinen Boris; „aber Gheridanisol will dich nicht," 
»Warum nicht?" / ,-• 

«Weil er kein Vertrauen zu dir hat. Er sagt, du würdest Angst 

kriegen." ,, - - 

«Was weiß er davon?" 

»Er sagt, du würdest bei der ersten Gelegenheit Reißaus nehmen." 
»Das wird man sehen!" 

„Also du hättest wirklich den Mut, dich dem Loos zu unter- 
werfen?" 

„Wenn dus immer noch nicht glaubst!..." .. 






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107 






11 



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„Und du weißt auch, wozu man sich verpflichtet?" 

Boris wußte nicht. Aber er wollte wissen. Da erklärte es - 
der andere, „Der starke Mann hängt nicht am Leben." Das mußte 
bewiesen werden. 

Boris fühlte einen brausenden Taumel in seinem Kopfe. Aber 
er zwang sieh zur Kaltblütigkeit: 

„Ist es wahr, daß ihr unterschrieben habt?" 

„Da, sieh her»" Und Georges reichte ihm das Blatt, auf dem 
Boris die drei Namen lesen konnte. 

„Aber . . ,?" begann er ängstlich. 

„Aber was?" unterbrach ihn Georges so brutal, daß Boris nlcnt 
fortzufahren wagte. Was er hatte fragen wollen, das war Georges 
ganz klar: ob diese Unterschriften wirklich ernsthaft gemeint seien» 
und ob man sicher sein könne, daß auch die andern sich der Be- 
stimmung des Looses, falls es auf sie fiele, nicht entziehen würden- 

„Ach, nichts!..." sagte Boris. Aber in diesem Augenblick begann 
er, an den drei Verschworenen zu zweifeln. Er begann zu ver- 
muten, daß sie kein ehrliches Spiel mit ihm trieben, und daß sie 
sich selbst außerhalb aller Gefahr zu halten beabsichtigten. -^^ 
„Doch was kommt schließlich darauf an?" dachte er gleich darauf» 
„was ist daran gelegen, ob sie es aufrichtig meinen oder nicht 
Ich werde ihnen beweisen, daß ich mehr Mut habe, als siel" Und 
Georges fest in die Augen blickend, erklärte er: 

„Sag Gheri, daß man auf mich zahlen kann." 

„Also du unterschreibst?" 

Oh, war das noch nötig, da man doch sein Wort hatte? Er sagte 
schlicht : 

„Wenn du willst." Und, unterhalb der Namenszüge der drei 
Starken Männer, schrieb er, in großen, sorgfältig hingemalten Buch- 
staben, seinen eigenen Namen auf das verhängnisvolle Blatt. 

Georges brachte es triumphierend den beiden andern. Sie 
räumten ein, daß Boris sich tapfer benommen habe. Darauf wurde 
Beratung abgehalten. 

Selbstverständlich würde man die Pistole nicht laden. Man hatte 
ja auch gar keine Patronen. Eine gewisse Befürchtung, der Phip"* 
sich nicht entschlagen konnte, rührte daher, daß er hatte sagen 
hören, manchmal genüge eine allzu heftige Gemütsbewegung, ^m 



108 



«ien Tod eines Menschen zu verursachen. Sein Vater, erzählte er, 
habe wiederholt von einer Hinrichtung gesprochen, die nur den 
Schein der Wirklichkeit hätte haben sollen, bei der aber . . . Doch 
Georges war mit der Antwort prompt bei der Hand: 
)»Dein Vater ist aus dem Süden, wo man gern fabuliert!" 
Nein, Gheridanisol würde die Pistole nicht laden. Es war nicht 
ßiehr nötig. Die Patrone, die La Perouse eines Tages hineingetan 
l^atte: La Perouse hatte sie nicht wieder herausgenommen. Dies 
l'atte Gheridanisol constatiert, aber er hütete sich, den andern 
^avon Mitteilung zu machen. 

Man tat die Namen in einen Hut. Vier kleine Zettel von gleichem 
Aussehen und gleichmäßiger Faltung. Gheridanisol, dem das 
»Ziehen" oblag, hatte nicht versäumt, den Namen „Boris" noch 
auf einen fünften Zettel zu schreiben, den er heimlich in der Hand 
behielt; und, wie durch Zufall, wurde der Name „Boris" denn 
auch gezogen. Boris argwöhnte, daß Betrug im Spiele sei; aber er 
sagte kein Wort. Warum hätte er auch protestieren sollen? Er 
wußte, daß er verloren sei. Er rührte keinen Finger zu seiner Ret- 
tung; 'ja, selbst wenn das Loos einen der drei andern bezeichnet 
hätte, so* würde er sich erboten haben, an dessen Stelle zu treten, 
so groß war seine Verzweiflung. 

„Armer Kerl, du hast kein Glück!" glaubte Georges sagen zu 
müssen. Aber seine Stimme klang so falsch, daß Boris ihn nur 






traurig ansah. 



„Das war ja vorauszusehen", sagte er. 

Hierauf kam man überein, eine Regieprobe zu veranstalten. Doch 
da Gefahr bestand, daß man dabei überrascht würde, so ward be- 
schlossen, auf die Mitwirkung der Pistole noch zu verzichten. Erst 
im letzten Moment, kurz vor der „richtigen" Aufführung, wollte 
man sie aus ihrem Kasten holen. Man mußte alles vermeiden, was 
Verdacht erwecken konnte. 

Für heute begnügte man sich also damit, Zeit und Ort der 
Handlung festzusetzen. Der Ort wurde durch einen Kreis markiert, 
den man mit Kreide auf den Fußboden zog. Es war jene Nische 
m einer Ecke des Arbeitssaals, welche, zur Rechten des Katheders, 
durch eine außer Gebrauch gesetzte Tür gebildet wurde, die früher 
m den Hausflur geführt hatte. Und als Zeit des Geschehens wählte 






109 



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man die regelmäßige Nachmittags-Arbeitsstunde des morgig 
Tages. Vor den Augen aller Schüler sollte die Scene sich abspielen- 
der Bande würde mal Respekt eingeflößt werden! ,. 

Im Saale befanden sich, während man probierte, nur die Tei 
nehmer der Verschwörung selbst. Aber im Ganzen hatte dies 
Probe eigentlich nicht viel Sinn. Höchstens, daß man feststellte, 
daß es von der Bank, auf der Boris saß, bis zum Kreidekreis ge"^^ 
zwölf Schritte waren. 

„Wenn du Courage hast, machst du keinen Schritt über d^^ 
Dutzend hinaus!" sagte Georges. 

„Ich werde keine Angst haben", antwortete Boris, den dies^^ 
beharrliche Zweifel irritierte. Immerhin begann die Haltung dieses 
Kindes auf die andern doch Eindruck zu machen. Phiphi wägte 
sogar zu fragen, ob man es jetzt nicht genug sein lassen wolle des 
grausamen Spiels. Aber Gheridanisol zeigte sich entschlossen, die 
Komödie bis ans Ende zu treiben. 

„Also auf morgen!" sagte er mit einem seltsamen Lächeln, «^^ 
nur einen Mundwinkel bewegte. 

„Wie wärs, wenn wir ihn umarmten!" rief Phiphi plötzlich be- 
geistert aus. Er dachte wohl an gewisse Ceremonien der Ritterzeit; 
und mit linkischem Ungestüm schloß er Boris in seine Arme. Diesem 
spürte zwei dickende, schmatzende Küsse auf seinen Wangen und 
konnte die Tränen kaum zurückhalten. Aber weder Georges noo^ 
GUri folgten Phiphis Beispiel. Georges fand dessen Benehme» 
mcht besonders würdig. Und Gh^ri: der scherte sich den Teufel 
um romantische Sentimentalitäten! 



* 



Am Nachmittag des folgenden Tages hatte das Glockenzeichen 
die Zöglinge der Pension, wie gewöhnlich, im Arbeitssaal ver- 
sammelt. 

Auf einer und derselben Bank saßen Boris, Gheridanisol, Georges 
und Philippe. Gheridanisol nahm seine Uhr aus der Tasche un** 
legte sie zwischen sich und Boris. Sie zeigte 5 Uhr 35 Minuten- 
Die Arbeitszeit hatte um 5 Uhr begonnen und sollte um 6 zu Ende 
sein. Um 5 Uhr 55, so war ausgemacht worden, sollte Boris zvit 
Tat schreiten, kurz vor dem Auseinandergehen der Schüler; das 
war die beste Zeit; man konnte sich dann gleich hinterher bequem 



110 



^üs dem Staube machen. Eben sagte Gheridanisol zu Boris, mit 
alb-lauter Stimme, und ohne ihn anzusehen (was seinen Worten 
^och mehr düstere Bedeutsamkeit geben sollte): 

ȟu hast nur noch eine Viertelstunde vor dir!" 

Boris dachte an einen Roman, den er kürzlich gelesen hatte. Da 
'W'ar ein Auftritt gewesen, worin Straßenräuber eine Frau, die sie 
ermorden wollten, aufgefordert hatten, ihr letztes Gebet zu 
sprechen: das sollte ihr das Unentrinnbare ihrer Lage zum Bewußt- 
^^in bringen. Und wie ein Reisender angesichts eines Grenzüber- 
gangs seine Papiere zusammenrafft, so suchte Boris in seinem Hirn 
und Herzen krampfhaft nach einem Gebet. Er fand keins. Aber er 
^ar so erschöpft und zugleich so überreizt, daß ihm das keinen 
übermäßigen Kummer machte. Er vermochte an nichts zu denken, 
^le Pistole lastete in seiner Tasche: er brauchte sie nicht mit der 
^and anzufassen, um sie zu fühlen. 

«Noch zehn Minuten!" 

Georges, zur Linken von Gheridanisol, folgte der Entwicklung 
öiit verkniffenem Seitwärtsschielen, tat aber so, als sähe er nichts. 
•Er schien eifrig zu arbeiten. Noch nie war eine Arbeitsstunde so 
ruhig verlaufen, wie diese. La Perouse erkannte seine Quälgeister 
gar nicht wieder und wagte zum ersten Mal, aufzuatmen. Dagegen 
befand Phiphi sich in ängstlicher Sorge: Gheridanisols Benehmen 
"lachte ihm Angst; er fürchtete, daß dieses Spiel schlimm enden 
könne; es war ihm beklommen zu Mute, und unversehens stieß er 
einen Seufzer aus. Dann faßte er einen Entschluß: er riß aus dem 
Geschichtsheft, das vor ihm lag (und dessen Jahreszahlen ihm wirr 
^or den Augen tanzten), ein halbes Blatt heraus, auf das er die 
"Worte kritzelte: „Weißt du auch bestimmt, daß die Pistole nicht 
geladen ist.^" Dieses Blatt gab er Georges, der es an Gheri weiter- 
reichte. Dieser las es flüchtig, zuckte mit den Achseln und, ohne 

Phiphi auch nur eines Blickes ZU würdigen, knetete er das Papier 

^ einem Kügelchen zusammen, das er mit geschickter Hand- 
ewegung gerade bis zu der Stelle schnippsen ließ, wo die Kreide 
^n fatalen Kreis gezogen hatte. Darauf lächelte er, vor Stolz, SO 

g^t gezielt zu haben. Dieses Lächeln der Genugtuung blieb bis * 



ae der Scene wie festgebannt um seinen Mund haften. 



zum 






»Noch fünf M 



muten. 



111 



I.l 



n^ 



III: 



Diese Worte wurden fast laut gesprochen. Sogar Phiphi konnte 
sie hören. Dieser war der ängstlichen Spannung nicht mehr g^ 
wachsen, und, obwohl die Arbeitsstunde sehr bald zu Ende sei« 
mußte, hob er, ein dringendes Bedürfnis simulierend oder vielleicö 
auch wirklich empfindend, eine Hand hoch und erzeugte mit a^ 
Fingern jenes schnalzende Geräusch, durch das die Schüler aller- 
orten die Aufmerksamkeit ihrer Lehrer auf sich zu lenken wissen- 
Dann verließ er die Bank, ohne die Ermächtigung von La Perous 
abzuwarten. Um zur Tür zu gelangen, mußte er am Katneo 
vorbei, wo der Alte thronte. Phiphi geriet ins Laufen und '^^ 
beinahe hingefallen. 

Fast unmittelbar, nachdem Philippe sich aus dem Arbeitssaa 
entfernt hatte, erhob sich Boris. Der kleine Passavant, der hm^^'" 
ihm saß und angestrengt arbeitete, blickte auf. Später erzählte e"" 
seiner alten Seraphine, Boris sei „entsetzlich blaß" gewesen; abe 
derlei sagt man in solchen Fällen ja immer. Er sah übrigens kaum 
eine Sekunde nach Boris hin und vertiefte sich dann gleich wieder 
in seine Arbeit. In der Folge machte er sich deswegen die heftigste 
Vorwürfe: hätte er irgendwie ahnen können, was sich da abspiele 
sollte, so würde er es sicherlich zu verhindern gewußt habend 
äußerte er späterhin, unter Tränen. Aber er ahnte nichts. 

Boris ging langsamen Schrittes bis zu der bezeichneten Stelle- 
Mit den Augen ins Leere starrend, setzte er einen Fuß vor d^^ 
andern: wie ein Automat, oder wie ein Nachtwandler. Seine rechte 
Hand hatte die Pistole gefaßt, hielt sie aber noch in der Jacken- 
tasche verborgen; erst im letzten Moment zog er sie hervor. D^' 
verhängnisvolle Ort befand sich, wie erwähnt, vor jener unbe- 
nutzten Tür, durch welche, rechts vom Katheder, eine zurück- 
springende Nische gebildet wurde, derart, daß der aufsichtführende 
Lehrer nur, wenn er sich von seinem Katheder vorbeugte, in d^^^^ 
Nische hineinsehen konnte. 

La Perouse beugte sich vor. Und zunächst begriff er nicht, ^^* 
sein Enkel da vorhaben mochte, obwohl die seltsame Feierlichkeit^ 
seiner Bewegungen etwas Beunruhigendes hatte. Mit lauter Stimn'^^' 
der er einen gebieterischen Klang zu geben suchte, rief er: 

„Monsieur Boris, ich fordere Sie auf, unverzüglich Ihren Pl*- 
wiedereinzu , . ." 



112 



Ili 



Da, mit einem Mal, erkannte er die Pistole. Eben hatte Boris sie 
Dis an seine Stirn erhoben. La Perouse begriflf . . . und empfand 
einen Kälteschauer, als ob ihm alles Blut in den Adern gerönne. 
Er wollte aufspringen; er wollte zu Boris hinlaufen, ihm die Pistole 
aus der Hand reißen, schreien . . . Eine Art heiseren Röcheins drang 
^us seinem Munde; er blieb wie gebannt sitzen, erstarrend im 
Fieberfrost. 

E>er Schuß ging los. Nicht augenblicklich fiel Boris hin: eine 
Is^urze "Weile hielt sich der Körper noch, wie festgehakt in der Tür- 
nische. Dann riß der Kopf, der auf die Schulter gesunken war, die 
ganze Gestalt zu Boden. Das Kind brach in sich zusammen. 



»Kinder köemein furchtbar sdiweigee .^ .« 

Eipisodem aus der Kimdheit eimes Proletariermäddiems 

Im Doppelheft Februar-Mära 1929 der „Zeitschrift für psych o- 



analytische Pädagogik , 

ist) veröffentlidit Dr. S. Ferenczi (Budapest) die 



einer 



(das als Sonderheft auch einzeln erh'ältliA 

.Aufzeichnungen 

Selbstmörderin über ihre 



neunzehnjährigen 
ersten zehn Lebensjahre". Es handelte sich um eine besonders sdiöne, 
intellektuell hodientwickeke Bureauangestelke, die - offenbar aus neurotischen 
Gründen - von Selbstmordabsiditen erfüllt war und von Ferenai einer psycho- 
analytlsdien Behandlung unterzogen werden sollte. Bevor jedodi die Analyse 
überhaupt beginnen konnte, beging der Sdvwager der Unglüddidien, der in ihrem 
Unbewußten offenbar eine Rolle spielte, Selbstmord und einige Tage später er- 
schoß sidi auch die Patientin mit demselben Revolver, der das Leben des an- 
geblich nur gehaßten Schwagers ausgelösdit hatte. Vorher hatte sie Dr. Ferenczl 
ihre Aufzeidinungen über ihre ersten zehn Lebensjahre zur Verfügung gestellt. 

Sie sind nicht nur psydiologisdi von Interesse, sondern gewaken audi in sozialer 

Hinsidit Elnbllcit in die Verhältnisse einer düsteren Proletarierkindheit. Aus den 
ersdiüttemden Aufzeichnungen (die Dr. Mldiael Josef Eisler aus dem Ungarisdien 
übersetzt hat und die Dr. Ferenezi mit einem „Vorberidit" und mit „Sdiluß- 
bemerkungen" versehen hat) geben wir hier einige Bruchstüde wieder: . ., .. 

Der Mann mit dem Koffer 

Brud^'^^^^"' ^^"" ^^ schulfrei war, spielte mein achtjähriger 

Jun ^^ V^^^ "^^'"" ^^^ ^^'" ^'" ^^^ ^^^^" ^^^^^"^ geschmierter 
ge- Er konnte sich jedem anpassen und es gab keine Situation 



Aimanadb 1930. 



113 



•tri: 



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,|: 11 \ 



11 



aus der er nicht einen Vorteil für sich heratJszuschlagen wu 
Alle Welt liebte ihn und für mich war er die höchste Autorita^ 
Ich gehorchte ihm blind in allem und war glücklich, wenn er t^ 
seiner Aufmerksamkeit würdigte. 

Eines Tages lungerten wir vor dem Obertor herum, gerad 
ein Mann vorüberging, der das Aussehen eines Handwerkers n 
Er schleppte auf seinem krummen Rücken einen Handkofter} 
ihn die Soldaten besitzen. Er rief meinen Bruder beiseite ^ 
flüsterte ihm etwas zu. Hierauf ging mein Bruder aur e^ 
Kastanienbaum los, scharrte dort das trockene Laub zusam 
machte ein weiches Lager bereit und forderte mich zum Mi 
legen auf. Ich gehorchte ohne nach dem Grund zu fragen« 
Mann kniete sich vor mich hin, hob meine Kleider in üie 
und befahl mir, mit beiden Händen mein .,..,... auseinan 
zuziehen. Ich blickte meinen Bruder an, der mich ermunterte, a 
zu tun, wie befohlen wurde. Ich war folgsam, worauf ^^^ ^ 
Mann ganz über mich legte und ich spürte, daß etwas Feuc 
auf mich rann. Jemand kam, da sprang der Mann auf- ■" 
Bruder zog mich hinter einen Baum. Nachher, als niemand ni 

tat 



da war, verlangte der Mann neuerlich, daß ich mich hinlege« 
empfand ein unaussprechliches Grausen, doch in meiner Angst 



ich's. Da floß es wie ein Bach an mir herunter, so daß alle raeit^ 
Kleider durchnäßt wurden. Ich fing an zu weinen, was Mu«^^ 
dazu sagen würde. Auch mein Bruder war bestürzt, er hielt m^ 
den Mund zu und beruhigte mich auf solche Weise. Der Mann g^ 
ihm sodann Geld, das er auf einem Steine sitzend nachzählte, w 
ich mich erinnere, waren es 66 Heller, aber es schien mir u»»^ 
heuerlich viel, denn seine Hand war voll davon ; waren es doc 
lauter Kupferkreuzer. 

Mein Bruder sprach mir Trost zu, nicht zu weinen; es wur 
nichts passieren, auch die Mutter brauche von der Sache nichts 2 
wissen. 

Ich werde dieses Weinen niemals vergessen. Seither habe ich »^ 
ein einziges Mal ein Kind so weinen gehört; damals hat es n^ 
Herz schier zerrissen, denn mir fiel mein eigenes Elend ein. Es § 
nichts herzzerreißenderes auf der Welt, als wenn ein Ni 
ohne Hoffnung weint. Mein damaliges Weinen ^ 



114 



>»i äjiumpiih. 



solcherart gewesen. Kaum war Ich imstande, mich zum Garten zu 
schleppen. Da die Sonne schön warm schien, entkleidete mich mein 
Bruder bis aufs Hemd, daß ich mich trockne. 

Bald darauf kam die Mutter hinzu und wunderte sich über 
unser Treiben. Mein Bruder sprach allerlei wirres Zeug zusammen, 
am Ende gab er das Geld her und sagte, er hätte es auf der Gasse 
von einem Mann bekommen. Mutter war darüber erfreut und ging 
der Sache nicht weiter nach. Ich aber fühlte immerwährend die 
Flüssigkeit auf meinem Körper, wie sehr ich mich auch rein- 
^i&chte. Ich wurde vom Entsetzen gepackt, daß ich niemals 
trocken sein werde. 

Dieses furchtbare Erlebnis konnte ich nie, auch auf kurze 
Momente nicht vergessen. Es begleitet meine Kinder- 
jahre wie ein dunkler Fluch. Ich erinnere mich, daß mein 
Bruder nachher ähnliches mit mir treiben wollte, wozu er mich 
auch zweimal verleitete. 

Oh, hätte meine Mutter nur einen Augenblick lang geahnt, was 
ihrem zarten kleinen Kinde widerfahren war, sie wäre darüber ent- 
setzt gewesen; aber die Arme war zu Tode geplagt und stolz, daß 
sie uns vor dem Hunger bewahren konnte. Kinder können 
furchtbar schweigen, und ich zählte zu ihnen. Zu ewigem 
Schweigen erzogen und mit diesem entsetzlichen Geheimnis belastet, 
entwickelte sich eine so staunenswerte Verschwiegenheit in mir, 
daß ich mich dessen heute noch wundere. 



Der Weg ins Wirtshaus 

Häufig wurde ich ins Wirtshaus geschickt, Vater zu holen, 
Und das war die größte Qual für mich. Die Männer, die dort 
saßen, waren ohne Ausnahme verkommen; vollgetrunken, fluchten 
Sie mit heiserer Stimme, schlugen um sich und johlten.- . r 

Diese Wege ins Wirtshaus werde ich niemals vergessen. Ich ging 
langsam, um das gefürchtete Ziel je später zu erreichen; mir selbst 
schien es eine Ewigkeit zu dauern und dabei sprach ich mir fort- 
'"^ährend Mut zu, damit ich meine Angst verringere. In meinem 
großen Leid begann ich zu beten. Ich sagte das Abendgebet, das 



8* 



115 



■li 5. 






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Tischgebet ner, alles, was mir durch den Kopf ging. So gelangte 
ich vor's Wirtshaus. Am meisten hatte ich doch nur vor dem Vater 
Furcht, wiewohl er mir nie was antat. Aber er schrie mich jedesmal 
an und schlug bei meinem Anblick auf den Tisch, so daß das Blut 
in mir stockte. „Wie unterstehst du dich, deinen Vater zu stören, 
du verfluchte Kanaille", und er hob eine Flasche gegen mich. Ich 
zitterte an allen Gliedern, daß er sie auf mich schleudern wütdct 
aber um nichts auf der Welt hätte ich geweint, denn es war ^^^ 
nicht erlaubt, vor dem Vater zu weinen. Unter groi?er An- 
strengung, damit meine Stimme nicht versage, erklärte ich, dd 
Mutter mich geschickt habe. 

„Sie wird sich schön eine Weile gedulden. Übrigens sage ihr, (^aß 
ich unterwegs bin. Jetzt aber hinaus mit dir!" Ich flog wie ein 
Pfeil davon, wiewohl mir Mutter aufgetragen hatte, mich nicht 
abschütteln zu lassen und ihm solange zuzureden, bis er kommet 
werde. 

Meine arme Mutter wußte es nur zu gut, was es bedeutete, daß 
Vater unterwegs sei. Bis Abend sahen wir nichts von ihm. ^^^ 
solcher Gelegenheit erhob sie verzweifelnd die Hände: „Oh, ^^ 
mein Gott, erlöse mich!" Gerne hätte ich sie damit getröstet, ^^ 
Vater diesmal doch kommen würde, denn ich hätte ihn noch gan^ 
nüchtern gefunden, aber ich sah, daß alle meine Mühe umsonst 
war und ich konnte mir nicht vorstellen, warum das Leben sO 
furchtbar sei. 

Ein besonderes Leid wurde es für mich, wenn wir zur Faschings- 
zeit alle zusammen in Vaters Kneipe gingen. Der Anblick der Leute 
war mir schon ein Graus, noch mehr, zu sehen, wie sie sich ver- 
gnügten. Die meisten waren natürlich betrunken, Vater allen voraHi 
sie johlten und tanzten und ich empfand es geradezu als Heiligen" 
Schändung, daß meine sanfte, gute Mutter mit ihnen tanze» 
mußte. 

Einmal hielt ich es nicht länger aus und verlangte den 
Wohnungsschlüssel von meiner Mutter, die Vaters wegen sicn 
nicht getraute, mit mir zu kommen. Ich schlich allein nach Haus« 
und setzte mich im Dunkeln müde und abgehetzt nieder. I*^^ 
dachte ans Sterben. Es war mir am Leben nichts gelegen, so wenig 
lockten mich Leid und Freud dieser Welt. Ich weinte sehr lang^i 






116 



•s alle meine Tränen versiegt waren. Darauf zündete ich die 
i^ampe an und schaute in den Spiegel, aus dem mich ein er- 
schreckend verzweifeltes Antlitz anblickte. Ich hielt es für unmög- 
ich, mit einem solchen Gesicht leben zu können. Indem ich zur 
rde sank, betete ich laut: „Mein Gott, warum muß ich denn 
eben!" I,i solchen Stunden habe ich das Ziellose und Bittere eines 
ganzen Lebens durchlitten; Gefühle, die nur ein Kind haben kann, 
«las im zartesten Alter gleich mir den gräßlichsten Einflüssen aus- 
gesetzt ist. . . 

Meine Eltern kamen viel später heim und erfuhren mein unend- 
liches Elend nie. 



.J„f..ryr 



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^'^^ M 






Jetzt mußte ich öfter auf Befehl der Mutter Einkäufe in der 
l^adt machen. In den Geschäftsläden lachte man, wenn ich mich 
™it einem großen Korbe einstellte, denn ich hatte Sachen für eine 
ganze "Woche nach Hause zu schleppen. 

Einmal kaufte Mutter etwa 8 bis lo Kilogramm Gemüse, das sie 
für den Winter wegzulegen gedachte, zugleich hatte sie zwei große 
Brote zu tragen, die sie bei einem bekannten Krämer Heß, um sie 
öachträglich zu holen. Doch gab es immer eine unaufschiebbare 
Arbeit und sie kam nicht dazu, in die Stadt zu laufen. Da hatte 
ich den Einfall, es selber zu tun. Mutter war zunächst dagegen, 
aber schließlich konnte ich gehen. Sie nannte mich voll Zärtlichkeit 
ihr gutes Lieschen, das ihr helfen wolle, und fragte wohl an die 
2:ehnmal, ob ich die Brote in der Tat bringen könne. Darauf trug 
sie mir genau auf, daß ich unterwegs achtsam sei und oft ausruhe, 
ich dürfe sogar den Sack ein wenig nachziehen, falls ich müde 
^erde. 

So begab ich mich denn auf den Weg. Die ganze Zeit war ich 
freudig bewegt, daß ich doch zu etwas tauge, da ich meiner Mutter 
diesen großen Dienst erweisen konnte. : ., 

Im Laden verwunderte man sich sehr, daß ich den Sack fort- 
schaffen wolle, aber ich versicherte auch dort auf das lebhafteste 
es tun zu können; größere Lasten seien mir auch nicht fremd. Die 



117 



m 



Krämerin betrachtete micli mit großem Mitleid und gab mir rur 
meine Opferwilligkeit Bonbons um einen Kreuzer. 

Unter großer Anstrengung nahm ich den Sack auf ^^^^ 
Schultern und entfernte mich mit festen Schritten. Mein kecKe 
Mut hielt aber nicht lange an, denn der Sack lastete furchtba 
schwer auf mir. Immer öfter mußte ich ihn absetzen und am t-^ 
sah ich die quälende Last mit wahrem Haß an. Verzweifeln 
dachte ich daran, daß ich bis Abend nicht heimgelangen ^^^ ' 
Was wird mit mir geschehen, was wird mit mir geschehen, ^ 
Tränen rollten über mein Gesicht. Manche der Vorübergehenoen 
fragten, was mir fehlte, aber aus meiner Anstrengung errieten si 
es bald. Als einer sagte: „Welch grausame Mutter, die ihr K-i» 
so quält!" flössen meine Tränen noch reichlicher. Geholfen hat t^t 
keiner. Ich stellte mich mitten im Wege auf und als eine KutsC'J'^ 
vorüberfuhr, schwang ich mich hinten hinauf und zog den pac 
auf der Erde nach. Ein gutes Stück fuhr ich so mit. Zu meine»» 
Unglück bemerkte mich aß er der Kutscher und holte mit 
Peitsche nach mir aus. Ich war fast einer Ohnmacht nahe, als ich 
schneidenden Schmerz empfand. Meine Stirne war vom PeitscM 
hieb aufgerissen und schwoll zu einem dicken Streifen an. ^ 
Blut floß daraus. Am Wegrand stand der gekreuzigte Chns ' 
dorthin setzte ich mich mit dem Sack und verfiel in eine vo 
kommene Teilnahmslosigkeit. Jetzt mochte was immer komm^ » 
mir warb's gleich. 

Bald darauf kam eine Fuhre heran und der Bauer, der oü^ 
saß, fragte mich, ob ich aufsitzen wolle. Als ich nur mit de 
Kopf nickte, stieg er herunter, nahm meinen Sack auf und ich stieg 
zu ihm auf den Kutschbock. 

Ich fühlte die Schmerzen nicht mehr und freute mich, daß '^ 
endlich nichts mehr zu schleppen hatte. Voll Behagen machte ic 
es mir auf dem Sitze bequem. 

Die Pferde trabten gleichmäßig schön dahin. Der ^^^f. 
forschte mich nach meinen Familienverhältnissen aus und ^ 
antwortete ihm zumeist mit einem kurzen Ja und Nein. Ich '^ 
so mißtrauisch geworden und hielt jeden Großen für so teilnahm 
los, daß ich nicht einmal die Geschichte mit dem Kutscn 
erzählte. 



tl8 



W"ir fuhren schon am Friedhof vorbei und die Dunkelheit 
begann, als der Bauer zu mir sagte: „Willst du mir dein rotes 
kleines . . . nicht zeigen?" 

Wie ein Pfeil flog ich auf, warf den Sack mit einem Ruck 
herab auf die Erde und sprang selbst nach. Zum Glück passierte 
mir nichts. Der Bauer lachte roh dazu, schlug zwischen die 
Pferde und rollte davon. 

Ich nahm alle meine Kräfte zusammen und als ich zu Hause 
ankam, war Vater ausnahmsweise schon daheim. Ich nahm einige 
Bissen zu mir und legte mich wortlos nieder, da wir vor Vater 
nie zu sprechen pflegten. . 



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jMdisdhe Frettiidimi©]ii 



Meine liebste Freundin v/ar Joli Bittmann. Sie war ein kleines 
Mädchen aus guter Familie, aber ein wenig verkrüppelt. Sie 
konnte nur kleine Schritte machen und auf dem Heimweg ließen 
sie alle Kinder weit hinter sich. Ich stellte mir vor, wie sehr sie 
das schmerzte, und gesellte mich oft zu ihr. Einmal erzählte sie 
mir, sie sei Jüdin und ich war verwundert, daß sie es so ganz 
ungeniert sagte, denn ich selbst hielt die Sache aus mir unbekannten 
Gründen für sehr beschämend. Ich dachte bisher, daß „Jude" eine 
Art Gemeinheit sei, wie es Hochwürden lehrte, und daß die 
Juden nicht selig werden, nur die Angehörigen der römisch- 
katholischen Kirche. 

Mein Herz tat mir weh um diese kleine Joli, die so gut und 
wahrscheinlich ohne ihre Schuld Jüdin war. Ich erzählte ihr von 
Jesus über den sie nichts wußte. Auch sie fand alles sehr schön, 
nur daß Jesus ein Gott war, wollte sie mir nicht glauben. Ich bat 
sie, nicht daran zu zweifeln, da ihr sonst die Verdammnis drohe, 
wogegen sie behauptete, daß ich eine Sünde begehe, wenn ich 
glaube, daß es außer dem einen guten Gott noch einen anderen 
Gott gäbe. Sie und ihre Eltern waren gute Menschen, die Gott 
nicht verdammen werde. Ich sah dies ein und hätte es nicht für 
gerecht befunden, daß dieser Fall eintreten könne. 

Bei meinen Freundinnen fand ich einen tiefen Judenhaß und 
sie warfen mir die Freundschaft mit einer Jüdin vor. 



119 






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■i. 



Meine zweite Freundin war die Tochter des Wächters ira 
Jüdischen Friedhof, die den übrigen als Jüdin galt. Die Lore 
leugnete das vor mir, aber ich begriff es nie ganz klar und um 
nichts auf der Welt hätte ich Brot von ihr angenommen. Trotz- 
dem konnte ich mit ihr nicht brechen. Jeder verachtete sie, ^i^ 
Lehrerin verwies sie in die letzte Bank, was sie, weiß Gott, gaj 
mcht behelligte. Sie war sehr lustig und mutwillig und verstand 
sich auch in der letzten Bank zu vergnügen. Oft kam sie bläu 
und grün geschlagen oder mit blutigem Kopf zur Schule. D»^ 
kleinen Mädchen höhnten sie, zu Hause Schläge bekommen z« 
haben, aber sie blieb trotzdem lustiger Dinge und erzählte daßO 
mir allein, welch eine schlechte Mutter sie habe. Ich dachte afl 
mein gutes, sanftes Mütterchen und sah, daß sie noch unglück- 
licher war als ich. Dies begründete wahrscheinlich mcln^ 
Neigung für sie, 

Sie hatte immer viel zu erzählen, ihr Mund stand nie still nnd 
immer wußte sie Geheimnisse. Sie war in die Familienereignisse 
der Lehrerin, des Direktors eingeweiht und ich konnte mich nicht 
genug wundern, woher sie dies alles hatte. Ich mußte ihr radst 
pnter Eid ein ewiges Schweigen geloben, worauf sk mit erregenden 
Neuigkeiten kam. 

Einmal brachte sie nach langen Umschweifen vor, sie hatte 
mir noch etwas zu sagen, doch befürchte sie, ich würde ihr die 
Freundschaft kündigen, sie Schwein nennen usf. Ich versicherte 
sie des Gegenteils, da erzählte sie mir, was ihre Eltern in det 
Holzkammer gemacht hatten und seufzend fügte sie hinzu: 
„Jetzt kommt wieder ein Balg, den ich wiegen kann, so ist's bei 
uns*'. Ich wurde starr, als ich diesen Zusammenhang hörte und 
zweifelte daran, aber sie machte mich klein: „Red' kein dummes 
Zeug, das weiß ich schon besser, übrigens kannst du ja andere 
auch fragen." Sie kam später darauf noch mehrmals zurück, ui« 
mich zu überzeugen, aber ich wollte ihren Gedankengang nicht 
verstehen und insgeheim stellte ich mir die Sache ganz anders vor. 
Auch die anderen Mädchen taten sehr geheimnisvoll, da sie 
fürchteten, man könnte sie verklagen. Als ich einmal aus der 
Schule blieb, erzählte mir Lori tags darauf, was passiert war. Sie 
gmgen alle zusammen auf der Gasse, da kamen die Buben ^^ 



120 



ihnen, nahmen mit Gewalt Ihren Arm und erzählten Schweinereien. 
Die Mädchen verteidigten sich, worauf die Buben schrien: „Auch 
ihr sagt Schweinereien und das wird morgen angezeigt,*' 
^Die Luft war mit lauter solchen Dingen voll und die Lori hatte 
einen dämonischen Einfluß auf mich. Wir kannten ein 4iähriges 
Mädchen und Lori sagte, was würde sein, wenn wir ihr gemeine 
Worte sagten. Wir besprachen dk Sache und trafen uns noch am 
selben Tage mit dem kleinen Mädchen. Sie schaute uns ver- 
wundert an und versuchte fortwährend von anderen Dingen zu 
reden. Uns machte diese Verstellung erbost, weil wir nicht denken 
konnten, daß man so was nicht begreife. 

Nachher bekam ich Gewissensbisse, ich empfand Abscheu vor 
mir. Mich wunderte, daß ich mich dazu hergeben konnte und ich 
betete zu Gott, er möge mich von Lori befreien, denn Ich wollte 
Um jeden Preis gut bleiben. 



Eine Krön© Trinkgeld 

Es wurde Herbst und dk Herrschaften zogen in die Stadt. 
Das Zeitungsaustragen nahm auch ein Ende und mein 
Bruder zählte schon im vorhinein auf das Trinkgeld, welches 
er zu erhalten dachte. Wenn seine Rechnung stimme und er auch 
mein Trinkgeld dazunehme, so reichte es hin für einen schönen 
Anzug. 

An diesem Tag gingen wir natürlich spät, um den Herrschaften 
zu begegnen. 

Um ganz sicher zu sein, schrie mir mein Bruder nach, Ich möge 
nur ganz frei verlangen, wenn man mir nichts gäbe, denn es käme 

21 7" ^r^'' ^■"^"" r* . ^'^ '"'^'^^ ^^^ ^''^''^ Möglichkeit, 
aber darauf ermutigte ich mich, es würde dazu nicht kommen und 

Z l .^'"'' "^^"^"^ '''^''^''^ ^^™ g^ben. Trotzdem stellte 
^ch mich im ersten Haus sehr beklommen ein und verlangte da. 
Zertungsgeld Der Herr zählte für die Zeitung sechs Kronen auf 

2ZoTt ^"S;^/^"- -^^^ ei- hinzu. Ich Jubelte, daß 

i^es so glatt gmg und das zweitemal hatte Ich keine Furcht mehr. 

Dort empfing mich die Gnädige. Ich küßte ihre Hand, um 



sie 



121 



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geneigter zu stimmen und verlangte das Geld, doch las ich k^in 
Wohlwollen aus ihrem Gesicht. Sie musterte mich von oben bis 
unten und fragte, ob jedesmal ich die Zeitung gebracht habe. Ic^^ 
bejahte, worauf sie zurückgab, man sei überhaupt nicht zufrieden 
gewesen, da die Zeitung immer zu spät gebracht worden sei. 
Mein Gott, das war ihnen zu spät, wo ich im Halbschlaf hergetrabt 
war, zu einer Zeit, da sie gewiß noch gut schlief. Ich schnitt eine 
haßerfüllte Grimasse, als sie sich umwandte, und dachte mir» *'^ 
sage dies nur, um nichts geben zu müssen, ich werde jedoch ver- 
langen. Sie zahlte mir sechs Kronen und tat, als ob sie mich ab' 
gefertigt hätte. 

. Ich zauderte ein wenig und fragte, ob mir so viel zukäme? D^ 
herrschte sie mich unfreundlich an: „Wissen Sie denn nicht, w*^' 
viel Sie zu bekommen haben?" Ich fühlte, daß Ich bis zu ^^^ 
Ohren rot wurde, und schlich beschämt wie ein geschlagene^ 
Hund davon. Kaum vermochte ich das Weinen zurückzuhalten) 
das mir die Kehle zuschnürte, aber vor ihr wagte ich es nicbU 
erst als. ich zum Tore hinaus war, brach es hervor. Mein G^tt, 
wie werden mich mein Bruder und meine Mutter schelten! Ic 
haßte mich wegen meiner Feigheit, setzte mich auf einen Stei 
und hielt es für unmöglich, so nach Hause zu gehen. Es waren 
furchtbare Minuten, die ich durchlebte, zehnmal vielleicht stan 
ich auf, um zurückzugehen, aber ich schämte mich so sehr, ^' 
Trinkgeld zu verlangen, daß ich trotz meines Elends darauf ver- 
zichtete. Mich befiel die Hoffnung, ich könne eine Krone finden 
und begann zu suchen, doch es war vergebens. Da kam ich au 
eine Idee: 

Ich werde die eine Krone verstecken, dann zurückgehen und 
ihr sagen, sie hätte mir zu wenig gegeben. Ich steckte also d^ 
Geld in mein Hemd und ging auf das Tor zu, aber es brannte 
mich derart und ich empfand das Sündhafte meines ganzen TüßS, 
daß ich meine Absicht nicht durchführen konnte. 

* I 

Nein, das Geld darf nicht bei mir bleiben, dann werde ich viel 
mutiger sein, dachte ich, und so verfiel ich darauf, das Geld 2 
vergraben, bis ich zurückkam. So tat ich, aber daß ich nicht v 
der furchtbaren Aufregung krank wurde, ehe ich vor die Gnaoig 
kam, das wundert mich noch jetzt. 



122 



Ich sah schon von weitem ihre antipathische Gestalt. Sie saß 
in einem Gartenstuhl bei der Handarbeit und blickte mich voll 
Mißtrauen an. Als sie meine Angaben angehört hatte, stand sie 
indigniert auf: „Das ist ja unglaublich! Sie haben es doch selbst 
nachgezählt!" Es war in der Tat so und ich fühlte mich dem 
Tode nahe. Ich stand vor Scham wie vernichtet, meine Tränen 
rannen und sagte nur, ich wisse nicht, wie es kam, aber mir fehlt 
eine Krone, Ärgerlich ging sie ins Haus, brachte das Geld und 
rief mir nach: „Jetzt aber kommen Sie mir ja nicht mehr 
zurück!" 

Den ganzen Weg fühlte ich mich wegen meiner Sünde tief 
unglücklich und am liebsten wäre ich in den Graben gesprungen, 
um meinem Elend ein Ende zu bereiten. . . . .; ,,. 

Mein Bruder erzählte uns lebhaft, wie es ihm ergangen war, 
an manchen Plätzen hätte er ungeniert verlangt, wie denn nicht, 
hätte er es ihnen schenken sollen, aber man gab ihm auch zwei- 
drei Kronen ohne ein "Wort. 

Ich erzählte von meinem Abenteuer kein Sterbenswörtchen und 
übergab die zwei Kronen. Mein Bruder neckte mich, man könne 
mich nicht zum Reden bringen, wahrscheinlich hätte ich dort 
blöde gestanden, deshalb gab man mir so wenig. Erbost antwortete 
ich ihm, er möge mich in Ruhe lassen. Auch Mutter hielt seine 
Partei, ich lasse kein Wort mit mir reden, es sei schon schrecklich, 
worauf ich weit davon rannte bis ans Ende des Obstgartens, wo 
ich unter einem Baum weinend zusammenbrach. Ich umarmte 
meinen Baum und wiederholte: „Mein Gott, mein Gott, warum 
hast du mich verlassen?" Ich sah das Qualvolle des Lebens und 
verzweifelt suchte ich zu begreifen, warum mir dies alles wider- 
fuhr. Warum war ich nur so unmöglich, so verdammt, bisher 
habe ich noch niemanden gefunden, der unglücklicher war als ich. 
Ich allein habe keine glückliche Minute gehabt und mußte leiden, 
wenn nicht für mich, so für einen anderen. Es schien mir 
unmöglich, so weiter zu leben und ich bat Gott, mir ein Zeichen 
zu geben, was ich zu tun habe, um seinen Schlägen auszuweichen, 
aber alles war vergebens, Gott blieb mir gegenüber unerbittlich. 



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Bei Baelidirektors 

Im Frühjahr bes^og die Familie des Bankdirektors Braun die 
Villa. Sie hatten ein vierjähriges Mäderl. 

Herr Braun sagte zu ihr: „Siehst du, da ist ein schönes kleines 
Mädchen, sie wird deine Spieikameradin sein." Sie war ein 
ungemein lebhaftes Mädchen und ich war von der in Aussicht 
gestellten Freundschaft gar nicht entzückt. 

Bald machte ich die Entdeckung, daß Gretel viele Märchen- 
bücher besaß, die ich noch nicht gelesen hatte und denen zuliebe 
ich sie oft oben besuchte. Sowie man mich ein wenig aus den 
Augen ließ, nahm ich ein Buch zur Hand und las die herrlichen 
Feengeschichten. Aber das kleine Mädchen liebte es nicht, daß 
ich las. Gleich lief sie zur Mutter mit der Klage, ich käme z« 
ihr der Bücher zuliebe, nicht um mit ihr zu spielen. Ihre Mama 
heß mir keine Ruhe und mit leidender Stimme gab sie mir zu 
verstehen, daß ich Gretel sich nicht langweilen lassen und ihr 
keinen Kummer bereiten möge. Was wußte Gretel von Kummer! 
Ich stand widerwillig auf und spielte jene sinnlosen Komödien zn 
Ende, die sie ein Spiel nannte und die ihren Kummer verscheuchten. 
Wir spielten Papa-Mama, wozu nach Ihren Begriffen sogleich 
Köchln, Stubenmädchen und Kinderfrau gehörten, die ich alle 
darstellen mußte. Im Sinne dieser Rollen hatte ich ihr, der Mama, 
allerlei Antworten zu geben. 

Ich begriff nicht, welche Antworten eine Köchin oder ein 
Stubenmädchen zu geben hat, weshalb sie mir sie vorsagte. So 
wurde das Spiel noch langweiliger. Dann zerrten wir die Puppe 
hm und her, die war das Kind, dem wir alles gute lehren, es mit 
der Kinderfrau spazieren schicken und vor den Gästen artig ant- 
worten lassen mußten. Mir wurde es jedesmal leicht ums Herz, 
wenn diese Dummheiten ein Ende nahmen. 

Ich liebte es niemals, mit der Puppe zu spielen; mir war jedes 
solche Spiel geziert und als ganz kleines Kind besaß ich auch 
keine Puppe, nur die, die ich mir selbst aus einem Kochlöffel und 
Fetzen gemacht hatte. 

Um diese Zelt bekam ich von der Tante Marie eine wirkliche 
kostbare Puppe geschenkt. Ich freute mich ein wenig, endlich 



124 



auch eine zu haben, aber spater langweilte sie mich und ich 
schenkte sie einer Schulfreundin weiter. Mein ganzes Verlangen 
war nach einem Reifen oder Ball gerichtet, die einen Sinn hatten 
und mit denen man spielen konnte. 

Gretels Mutter fuhr im Sommer weg und legte mir sehr ans 
Herz, ich möge recht viel mit dem kleinen Mädchen spielen und 
sie sich ja nicht langweilen lassen. Sie würde mir nach ihrer 
Heimkehr einen Silbergulden schenken» wenn ich es tun wolle, 
Mutter sagte sie es ebenfalls und diese erinnerte mich stets an den 
Gulden, wenn ich mal nicht hinaufging. 

Jetzt, wo Gretels Mutter fort war, wagte ich eher zu lesen. 
Ich versank ganz in den Herrlichkeiten und blieb halbe Tage lang 
oben. Mutter freute sich über meinen Eifer, 

Wie sehr schämte ich mich aber vor meiner Mutter, als ich nur 
eine Krone bekam und mir gesagt wurde, dies sei darum, weil die 
Kleine über mich geklagt hätte, es wäre langweilig mit mir ge- 
wesen. Ich las aus Mutters Augen den Vorwurf, daß ich nicht 
einmal zum Spielen tauge. 



äda^oMik wid 





se 



von 



Heinridh. Meng 



'^ir geben hier den Vortrag wieder, den Dr. Heinrid} Meng 

(Frankfurt a. M.) im Juli 1928 auf dem IL Kongress der WelÜiga 

für Sexualreform gehalten, (Wir verweisen hier auf den ausführlichen 

Bericht über diesen Kongress im Januarheft ißjp der »Zeitsdjrift für 

- psydjoanalytisdie Pädagogik".} Die Kongreisvorträge (mitsamt den 

anschließenden Diskussionsäußerungen) sind jetzt auch in Buchform 

gesammelt erschienen, im Verlag Levin & Munksgüard, Kopenhagen 

mit dessen Genehmigung -wir den Vortrag Mengs hier wiedergeben. 

Jedes Kind bedarf der Führung, ja es verlangt dieselbe. In bezug 
auf die Sexualität dachte man aber bis vor kurzem, daß das Kind 

daL^f-^'" --^r^T ^'' ^"^'"^' '^^'' ^^^'^'^"S bedarf. Neu ist 
ner iur viele diese Seite der Erkenntnis, daß gerade die Er- 



125 







m 



ta 



Ziehung m ganz frühen Jahren die Freude und Arbeitsfähigkeit 
des Erwachsenen entscheidend beeinflußt. Die Möglichkeit und 
Notwendigkeit einer Sexualpädagogik wird damit gerechtfertigt- 
Berthold, Brown-Sequard, Claude B e r n a r d, Sigm- 
Freud, Havelock E 1 1 i s, , Magnus H i r s c h f e 1 d, E. S t e i - 
nach haben den Beweis erbracht, wie zentral Sexus und Eros den 
Charakteraufbau beeinflussen. Denken wir beispielsweise an den 
von Tandler-Gross beschriebenen Eunuchoidentyp durch Hoden- 
unterentwicklung oder an die mangelhafte Fixierung am Genitale 
bei schizoider Konstitution oder an die Anästhesie bei der psycho- 
sexuell infantilen Frau, bei der eine einheitliche Reifung im Triet»' 
leben und in der Persönlichkeit mißlang oder an einzelne andef^ 
mangelhafte Zusammenfassungen der Partialtriebe. Von solchen 
Extremen müssen sich viele Übergänge zum Normalen finden 
lassen. Es wird eine unserer Aufgaben sein, gesetzmäßige Zu- 
sammenhänge in der normalen und nichtnormalen Entwicklung zu 
erfassen und darauf eine Prophylaxe anzubahnen, die das g^' 
samte, wenn auch noch unvollständige tiefenpsychologische unf* 
biologische Wissen benützt. 

Mit der Erkenntnis der biologischen Konstitution des endo- 
krinen Apparats als Fundament aller somatischen und seelischen 
Entwicklungen ist doch nur eine Teilansicht von dem gegeben, 
was im realen Leben entscheidend wirkt. 

Andernteils lieferten Freud und seine Schule Beweise dafür» 
daß das Milieu die Auswahl unter den phylogenetisch ef 
worbenen Reaktionsformen auf Triebspannung und Trauma ent- 
scheidet. Freud und Jung haben schon sehr früh erkannt, 
daß bestimmte Individuen so eigenartig konstitutionell beschaffen 
sind, daß sie eine besondere „Neigung" haben, Traumen zu er- 
leben. Die Psychoanalyse ist deshalb bemüht, eine sexuelle 
Pädagogik anzubahnen, die den gesamten konditionalen Tat- 
begegnet und den Einflüssen des 



einzelnen 



Sachen des 

Milieus. 

, Wir sehen aber vor allem deshalb in Freud den Schöpfet 

einer biologisch fundierten sexuellen Pädagogik, weil er einen 

neuen Weg fand, zum Instinktiven des Menschen vorzudringen« 

In seinen klassischen Arbeiten „D rei Abhandlungen 



L^ 



126 



2üf Sesualtheorie^' und „Aus der Geschichte 
einer infantilen Neurose" hat Freud sich schon eine 
Aufgabe gestellt, die noch niemals vorher in Angriff genommen 
wurde, die Beschreibung frühester Phasen und tiefster Phasen 
und tiefster Schichten des menschlichen Seelenlebens. Es wäre 
auch unmöglich, eine Prophylaxe zu treiben, wenn die Gesetze 
der Entwicklung des Menschen noch so ungeklärt wären, wie vor 
1900, also vor Freud. Im Grunde läuft doch jede Sexualpädagogik 
darauf hinaus, soweit als möglich Perversitäten einerseits, Neu- 
rosen des Kindes und des Erwachsenen anderseits zu vermeiden, 
die Degeneration und die Atavismen in beiden und in ihren 
wichtigsten Formen, zum Beispiel Kriminalität, Dissozialität, zu 
erkennen. Sie sind ja die Hauptfeinde des kulturellen und sozialen 
Friedens und die Störenfriede beim Ausreifen der Persönlichkeit. 
Alle Heilerziehung hat die Aufgabe, diese Entwicklungsstörungen 
2u beseitigen oder sie der Gemeinschaft anzupassen. 

Freud vertritt die Anschauung, daß das Kind mitgebrachte 
„Schemata" m sich trägt und eine „Art von schwer bestimm- 
barem Wissen", das eben wie eine Vorbereitung zum Verstand- 
nis beim Kind mitwirkt und das einem „instinktiven Wissen der 
Tiere" vergleichbar ist. „Dieses Instinktive wäre der Kern des 
Unbewußten, eine primitive Geistestätigkeit . . ., die vielleicht bei 
allen die Kraft behielte, höhere seelische Vorgänge zu sich herab- 
zuziehen." Ohne Kenntnis der Verschiedenheit von Bewußt 
und Unbewußt im Leben des Kindes und des Erwachsenen 
ist eine sexuelle Pädagogik nicht mehr denkbar. Freud hat ge- 
zeigt, daß alle Erlebnisse des Erwachsenen in der Tiefe verbunden 
sind mit dem durch das ganze Leben fermentativ wirkenden 
Fühlen, Denken und Erleben des Kindes. Freud konnte in zahl- 
reichen Arbeiten, vor allem in den genannten, zeigen, daß jede ' 
Neurose des Erwachsenen sich auf einer infantilen auf baut,, ^^,.., 

Es ist selbstverständlich, daß die frühere Frage „Wie sag' 
ich's meinem Kind?" nicht mehr eine Grundlage der 
modernen Sexualpädagogik sein kann, ja, sie hat ihre Bedeutung 
fast ganz verloren, wie heftig sie auch in der Seele der früheren 
Generation brannte und eine Art Weltschmerz war. Wer es 
seinem Kinde früher oder später sagt, verhütet keineswegs schon 



127 



.-IPP 



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tili! 



damit eine Neurose, das heißt, an dem Wissen als solchem ist es 
nicht gelegen. Bedenken Sie doch stets, daß das Kind jeder Er- 
ziehungsmaßnahme, auch der Aufklärung, seine eigenen Wünsche 
und seine eigene Phantasiewelt entgegenstellt. Sein Unbewußtes 
nimmt oft gar keine Notiz von den Versuchen der Erwachsenen, 
ihm Wissen beizubringen. Je kleiner das Kind ist, um so stärker 
greifen seine Sinne und Triebe in die logische Verarbeitung der 
inneren und äußeren Erlebnisse ein. 
^ Die sexuelle pädagogische Einstellung muß die Erfahrung aus- 
nützen, daß die sexuellen Lügen des Erwachsenen vorwiegen^ 
deshalb das Kind schädigen, weil ihr Inhalt diametral entgegen- 
gesetzt ist der vom Kind selbst ausgehenden Sexualforschung, ""^ 
weil diese Lügen das Vertrauen zum Erwachsenen herabsetzen- 
Das Kind nimmt sehr früh durch eigene Forscherarbeit seine 
inneren Probleme, darunter auch sein sexuelles, in Angriff, und «s 
muß vorwiegend Sache der Erzieher sein, aufrichtig und ein- 
fühlend die Fragen zu beantworten, die das Kind aus bewußten 
oder unbewußten Quellen meist nur entstellt und angedeutet aus- 
spricht, so daß sie nur durch Deutung verständlich werden, D^*^ 
Aussprache wird sachlich, rechtzeitig und persön- 
lich gehalten sein müssen, Voraussetzung wirklicher Liebe is^ 
Vermeiden der Lüge und Heuchelei, deshalb sachliche Auf- 
klärung. Rechtzeitig, weil Freud die B i n e t sehe Be- 
obachtung bestätigt hat, daß die Anlage zur Perversität in jedem 
vorhanden ist, so daß Sexualpädagogik bereits eine Frage def 
Wartung von Säugling und Kleinkind ist. Persönlich, weil 
jeder Mensch neben den kollektiven Engrammen auch eine per- 
sönliche Eigenart aufweist. Die „Aufklärung" versucht das Kind 
mit seinem zeitlich verschiedenen Wissen in den Phan- 
tasien, die Manifestation und zweite Quelle für Perversität und 
Neurose sind, vor den prägenitalen Stufen auf wenigstens sexuell 
normale Inhalte abzulenken. ,.?-?? 

Das Kind legt besonders in der Spielzeit durch Worte und 
durch Agieren dem Erwachsenen seine Probleme vor, so daß «f 
meist Anhaltspunkte erhält, wann und wie er mit ihm sprechen 
soll. Um dieses Vorgehen erfahrungsgemäß zu begründen, ver- 
suchen Ernst Schneider und ich in der „Zeitschrift 



128 




lw/'^<^^° w'*'^'^''^' Pädagogik", vor allem in 
mzeinen Sonderheften zusammen mit Ärzten, Eltern und Er- 
ziehern Beobachtungen zu sammeln und daraus Schlüsse zu ziehen 
Ua das Problem alle Menschen trifft, ist es selbstverständlich, daß 
wir iur eine volkstümliche und alliemeinverständliche Auf- 
^arung zu sorgen haben. Über die Notwendigkeit einer sexuellen 
rtygiene des Kindes und des Erwachsenen und der dabei walten- 
<len Verantwortlichkeit versuchten Paul F e d e r n und Ich zu- 
sammen mit einer Gruppe von Mitarbeitern im Werk „Das ärzt- 
^che Volksbuch" und im „Psychoanalytischen Volksbuch" weiteste 
preise dafür vorzubereiten. Um Ihnen gerade den biologischen 
Gesichtspunkt der psychoanalytischen Sexualpädagogik näher zu 
bringen, sei auf folgendes hingewiesen: Nach Ewald Hering 

c! T^^t'*^'^"'' """^ Vererbung in einen Begriff zusammeB, 
^o daß Kinder Eigenschaften ihrer Vorfahren durch das „Ge- 
dächtnis der Materie" übernehmen. Ernst Mach schließt dar- 
aus, daß wir durch dieses Wissen verstehen, weshalb zum Beispiel 
die Amerikaner der Union die englische Sprache beibehielten und 
auch sonst manche Einrichtung, die typisch englisch ist. Wessely 
beobachtete, daß die Pflanzen der südlichen Hemisphäre bei uns 
dann blühen, wenn in ihrer Heimac Frühling ist, daß sie also eine 
Art „Gedachtms" haben müssen. Wir müssen auch vom Menschen- 
kmd annehmen, daß es ein Wissen mit auf die Welt bringt vom 
^eugen und Befruchtetwerden, Gebären und Geborenwerden. Die 
Psychoanalyse hat bei allen Fällen von spontanem Auftreten in- 
fantiler Sexualtheorien aufgedeckt, daß das Menschenkind die in 
der Mythologie niedergelegte Entwicklung der Sexualtheorien wieder- 
holt, und zwar ganz im Sinne des biogenetischen Grundgesetzes. 
Biologisch zweckmäßig wird daher eine solche „Aufklärung" sein, 
bei der eine Klärung erfolgt durch Verständnis der im Kind dumpf 
aufsteigenden Vorstellungen, Gedanken und Gefühle. Außer der 
Aufklärung muß eine wirkliche Trieberziehung erfolgen, die nach 
vernünftigen Gesichtspunkten die Triebbeherrschung anbahnt. 

Der Mensch hat schon sehr früh die Fähigkeit, den Gesichts- 
ausdruck anderer Wesen zu „verstehen"; das kleine Kind deutet 
aus dem Benehmen und dem Ausdruck seiner Mitmenschen deren 
Gefühle. Ferner ahmt es sehr früh — schon in den ersten Lebens- 



9 Almanadi 1930, 



129 



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fü 



moimten — das, was es sieht, nach. Bedenken wir, daß das Km 
nur ausnahmsweise im Spiegel sich selbst sieht, seine Bewegungen 
also nicht nach der wahrgenommenen Gleichheit zu kontrollieren 
vermag. Die Nachahmung kann daher nur geleistet werden, ^'^^ 
es ein bestimmtes Tun, Fühlen und Können bereits in sich trag- 
Deshalb müssen wir einer Annahme von Hans Driesch z^ 
stimmen: Der Mensch hat eine angeborene Fähigkeit, auf R^^^^ 
in bestimmter Form und von bestimmtem Rhythmus mit Han 
lungen von derselben Form und demselben Rhythmus zu reagier^'^' 
„Sexuelle Aufklärung" ist daher vorwiegend nicht eine Ang^^ 
legenheit des Wortes, sondern des gesamten Verhaltens der U"^ 
weit. Biologisch gesehen, kann Vermittlung von intellektuelleiO 
Wissen sehr unwichtig oder falsch sein, wenn nicht das %^^^^^^ 
Verhalten des Erziehers, seine eigene „sexuelle Aufklärung"» ^'^ 
von ihm ausgehenden Reize und die von ihm gezeigten Reakti'^' 
nen den natürlichen Aufklärungsprozeß im Kinde fördern «fl 
erleichtern. Um dem Kind die Realitätsanpassung zu erleichtefJ^' 
muß vorher auch die Anpassung an seine eigene Geschlechtlichke^ 
und an die Geschlechtigkeit der Wesen um ihn herum g^^^^^j"' 
Nun hat Freud gelehrt, daß das Verstehen und NachahmeB de« 
Kindes einem Identifizierungsprozeß entspringt mit vorbildh^^ 
und geliebten Personen. Durch Aufrichten von Idealen und I^^^,^^ 
Personen, die der Umwelt entnommen sind, im eigenen Icl^ "^^^ 
der wichtige Anstoß ^ur Charakterbildung gesetzt. Idemifi^i^^^^^ 
und Bindung an Objekte verhüten die Isolierung des Kindes «I^J 
dadurch das Verweilen im A u to e r o t i s m u s. Hiedurch '«^»^" 
die Zähmung der Triebe, ihre Beherrschung und Sublimierung ^^' 
leichtert. Damit m jeder aufklärenden Erziehung die Aufgabe g^' 
geben, überhaupt sich nicht mit dem Ja oder Nein, mit ^f^ 
Sprechen oder Nichtsprechen zu begnügen. Der Erzieher muß «if 
vielmehr leiten lassen von der Einsicht und Einfühlung in *^*" 
Konflikte der Menschwerdung, er muß sein gesamtes Verhalten al« 
Reiz werten, der das Kind zum Verstehen und Nachahmen anreg^^ 
und er muß sich für sein gesamtes Verhalten verantwortb'^^ 
fühlen, 

Sie sehen, die psychoanalytische sexuelle Pädagogik legt ^^^ 
Hauptwert darauf, nicht zu schaden, nicht zu stören im auton^' 



130 



men Aufklärungsprozeß Im Kinde selbst und auf die Fähigkeit des 
ErEiehers, sachlich klar und rechtzeitig sich um die Probleme beim 
Kinde zu kümmern. Sie verlangt, daß wer mit Erziehung überhaupt 
zu tun hat, Bescheid weiß über die gesicherten, jedermann ver- 
ständlichen Ergebnisse der Psychoanalyse, vor allem über die 
Rolle der Verdrängung und der frühen Konflikte des Kindes in 
Ihrer Bedeutung für die Charakterentwicklung des Erwachsenen. 
Jeder Erzieher müßte die Rolle kennen, die Angst, Strafbedürfnis 
und Schuldgefühl im Aufbau des Ichs spielen, und sich darüber 
klar sein, daß das Ersparen von Schuldgefühl bei der 
Erziehung des Kindes eine unserer wichtigsten Forderungen ist, 
denn wir wissen, daß Schuldgefühle die Stärke der zu verdrängen- 
den und zu beherrschenden Triebe nicht verringern, sondern 
steigern. Schuldgefühle und soziale Angst steigern die Bereitschaft 
zur Neurose, sie steigern die Gewissenszweifel und damit die Am- 
bivalenz, welche die Quelle des Zwangs und des zwanghaften 
Charakters ist. 

Der Erzieher müßte sich auch immer wieder einprägen, daß die 
ersten fünf Lebensjahre die wesentlichsten für^ Charakter und 
Schicksal des Erwachsenen sind. Wie notwendig die frühe Er- 
ziehungsarbeit ist, wird Ihnen klar werden, wenn Sie die Ver- 
öffentlichung von Prof. W, Hof mann und Prof. William 
Stern lesen „Sittlichkeitsvergehen an höheren Schulen und ihre 
disziplinare Behandlung". Es sind zwei Gutachten auf Grund amt- 
lichen Materials, deren VeröffentUchung angeregt und eingeleitet 
ist, vom preußischen Minister Becker. Das Material dieser Arbeiten 
zeigt, wie wenig die heutige Schule der Krise gewachsen ist, in der 
Heranwachsende und Erwachsene stehen. Mit geschlossenen Sinnen 
wie bei den drei japanischen Frauen, deren Darstellung in der 
östlichen Kunst sich oft findet: geschlossener Mund, geschlossenes 
Ohr, geschlossenes Auge, gehen viele Erzieher durch die Reihen 
ihrer Schüler, vergessend, was ihnen selbst als Halberwachsenen 
Problem, vielleicht Schicksal wurde. Suchen Sie einen Beweis, wie 
dringend notwendig und selbstverständlich für die Zukunft' eine 
sexual-pädagogische Vorbereitung in den Seminarien, Hochschulen 
und Universitäten sein wird, in der Ärzte, Lehrer, Erzieher das 
notwendige Wissen erfahren, so greifen Sie zu dieser Broschüre 



131 




i ^ 



und dann lesen Sie die Vorschläge, die Aichnor ^^^^^^ d^i^ 
seinem Buch „Verwahrloste Jugend" macht. Die f psycho' 

wird sein die Schaffung von Forschungsanstalten 

analyse. , -.rlffkeite'*' 

Wie früh F r e u d die Not unserer Zeit und die :> ^^^^^^^ hat- 
die sich der Verringerung dieser Not entgegenstellten,^^^^ ,^ j^yt 
leuchtet aus seiner Arbeit hervor, die als ° ^"^!, i^funS , 
1907 unter dem Titel „Zur sexuellen Auf Qcs&ro-^. 



Kinde s" an Dr. M. Fürst gerichtet ist 



(Freud, 



diesern 



Schriften, Band V). Ich werde mit einem Wort aus^ ^^.^ 






den Vortrag schließen, der durch die ^°''S^^*^^^^,^.^^p^sycboa^^^r 

20 Minuten nur Andeutungen geben konnte iiber ^^jeseO, ^ 

tische Pädagogik. Es sei noch besonders darauf ^^"^ ,, t^^^ 

'Ärzte aü*'* -ggf) 
notwendig es ist, Sexualforscher, Pädagogen, i^ jc0h 

zusammenzuschließen, um die Grundlagen ei ^^^ 

Stand der Wissenschaft und Erfahrung entsprec e 

Pädagogik aufzubauen. Freud sagt: 



sa^^' 



der 



%\& 



aef 



„Ich halte es für den bedeutsamsten Fortschritt in j^atechi^'^^p 
erziehung, daß der französische Staat an Stelle ^^^^^^ jjg efS 



em Elementar buch emgetuhrt hat, weicnt> «— .j^j^ o<^' ^, 

Kenntnisse seiner staatsbürgerlichen Stellung un _ ^^ glei^-^-^, 
zufallenden ethischen Pflichten vermittelt. Aber 1 ^^j^^ j^s 



erzienung, aaii der rranzosiscne Dtaai, *" - — j^ ^le - , , 

ein Elementarbuch eingeführt hat, welches dem^ .j_^ '^^'^^1,- 

diese 

Unterricht ist in arger Weise unvollständig, wenn ^^c^^e, ^ 
biet des Geschlechtslebens mit umschließt. Hier i^»: ]^l\ifa^n ^^^ ■ ■ 
Ausfüllung Erzieher und Reformer in Angnrt .|^eise i 
In Staaten, welche die Kindererziehung ganz oder te^ ^^^^j, 






1 f nian 
Händen der Geistlichkeit belassen haben, dar ..^ 

solche Forderungen nicht erheben. Der Geistlicne ^^ ^^^ ^le ^; 
gleichheit von Mensch und Tier nie zugeben, da 



üitJ 



¥ 



braucht» - .^^^f 



sterbliche Seele nicht verzichten kann, die er ^^^^ ,. 

Moralforderung zu begründen. So bewährt es sic ^^^^^ ggide 
einmal, wie unklug es ist, einem zerlumpten ^"'^ ^j^^elte I^^V,* 
Lappen aufzunähen, wie unmöglich es ist, eine v ^^ -^^a 

durchzuführen, ohne an den Grundlagen des Syste 



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132 



^■i1('\ 



1- r^rtr 



•■\'^'Hi\r\.\ n 



Von 



Writz Witteis 



■yi'-. 



) vu;: 



Kiedweib, die grolle Mode 



■ V' , I) Madonna 

fes gibt Frauen, die den Vater ihrer Kinder verlassen, weil sie 
ihn nicht als' Mitbesitzer ihrer Kinder anerkennen wollen. Sie 
wollen Mütter sein, aber nicht Gattinnen. Solche Frauen haben 
nach psychoanalytischen Erfahrungen regelmäßig eine starke homo- 
sexuelle Komponente. Häufig ziehen sie mit anderen Frauen zu- 
sammen und gestatten diesen ein Anrecht auf ihr Kmd, das sie 
dem leiblichen Vater entzogen haben. Das Problem ist unlösbar. 
Man kann nicht Mutter werden ohne Zuhilfenahme männlichen 
Einflusses. Im mystischen Gewände allerdings ist dieses Problem 
gelöst worden. Die unbefleckte Empfängnis, die Madonna mit 
ihrem Kinde ist ein Ideal, das von der Kunst aller Zeiten ver- 
herrlicht worden ist. Die Maler, welche den Typus der jungfräu- 
lichen Mutter geschaffen haben, werden wir heute im Lichte des 
Oedipus-Komplexes zu verstehen haben. Sie sehnen sich nach ihrer 
eigenen Mutter, die nicht mehr in den fürchterlichen Händen des 
Vaters sich befindet, sondern mit dem Kinde allein ist. Freud sieht 
dieses Geheimnis in dem Lächeln um die Lippen von Leonardo da 
Vincis Frauen spielen. Es ist, als ob sie sagen wollten: ,.Es geht 
auch ohne den Vater. Du, mein Kind, und ich, bilden ein heim- 
liches Paar. Das ist ein Geheimnis, von dem niemand außer dir 
und mir etwas weiß." — An Rajfaels Madonnen ist von diesem 
Lächeln nichts zu finden. Sie sind erleuchtet von der ruhigen 
Sicherheit, daß sie recht tun. Die Mutter ist nicht narzißtisch, son- 
dern hat ihr Interesse auf etwas außerhalb ihres eigenen Ichs kon- 
zentriert. Sie ist schön, aber sie ist sich ihrer Schönheit nicht be- 
wußt. Die Schönheit der Mutter gleicht der Schönheit in der Natur, 
der von Tieren, Bäumen, Bergen und Seen. Wir finden diese Art 
von Schönheit auch bei Frauen, die weniger durch ihre leiblichen 
Kinder, als durch ihre geistigen berühmt sind. Die geistige Schön- 



I 



133 






heit etwa der verehrten schwedischen Dichterin Selma Lagef^°^ 



..^.. wwvT^ ucr verenrnen scnwedisctien JJicnterin Selma l^^& . 
oder der berühmten polnischen Gelehrten Madame Curie. ^^^ 
Schönheit geistiger Frauen werden wir am ehesten }^^^^\^^, 
nennen. Auf diesem Wege kommen wir zu den berühmten ^'^^ ^^, 
miHtern, wie die Königin Semiramis von Babylon oder die 
serin Maria Theresia, die den mütterlichen Typus in ««^^'""'^^^g 
Form darstellt. Der sogenannte hundertprozentige Mann 
diesen Typus nicht. Er fühlt sich in seinem Narzißmus 'l^^^^ ^^^ 
weil er sieht, daß dieser Typus bis zu einem hohen Grade o 
ihn auskommen kann. ., 

Es sieht heute so aus, als ob der mütterliche Typus jn *.^^^ 
Formen unmodern wäre. Die sixtinische Madonna gefäW » ^^ 
mehr. Selbst das entzückende Bild von Madame Lebrun mit i _ ^^ 
Kinde, die Mutter, die ihr kleines Mädchen umarmt und dabe^^^^ 
glucklich ausschaut, verschwindet immer mehr aus den ^^ ^^^ 
fenstern der Kunsthandlungen. Die Träne in dem Auge .^ 
Mutter wird gefürchtet. Die moderne Frau traut sie« 
schon deshalb nicht zu weinen, weil sie ihren Lidrand mit se ^^^ 
häitiger Farbe bedeckt. Wenn sie weint, dann dringt Seife ^"^^^ 
Augen und tut weh. Die Frauen von heute wollen nicht als J _^^^ 
verehrt werden, noch weniger als Demeter, die Göttin der F/ ^^^ 
barkeit. Manche vielleicht ein wenig als Minerva, die Goto» ^.^^ 
Weisheit. Aber alles will Venus spielen, will wunderbar schoß ^^^ 
will Männer anziehen, wobei nichts so gefürchtet wird als ^^^ 
natürliche Ende dieser Anziehungskraft. Es ist so weit g^kom^,,. 
daß m vielen Fällen die Männer mütterlicher sind, als die Fra^^^^ 

Niemand wird behaupten, daß die mütterliche Frau heute oj 
existiert. Aber man sieht sie nicht so viel wie den anderen J^ 
Dje Madonna bleibt zu Hause, arbeitet, genießt vielleicht e.n ^ ^^^ 
^luck. Aber die Primadonna, wie wir den narzißtischen ^7^ 
t-rau nennen wollen, um ihn zur Madonna in Gegensatz z^^ ^^f 
macht emen fürchterlichen Lärm. Schließlich glaubt man, ä^^ 
■; ^"^in auf der Welt ist. Ein witziger Mann, den m^n tf j^^, 
^^rum man denn auf den Straßen der Großstädte fast nur 
öemalten und herausfordernden Frauen sieht, so daß i"an scn 
'^^^ ^fint, es gäbe gar keine anderen, sagte: „Das kommt 
sie eine größere Umdrehungsgeschwindigkeit haben.' 

134 



mmm 



-^'ifi- 



IIJ Primadonna 



aaE ht$ä 



' Es scheint, als wäre Frauenscliönheit für den Mann anziehender, 
wenn sie auf alle Mütterlichkeit verzichtet und entschlossen ist, 
das ewige Kind zu spielen. Gekleidet gehen die Frauen wie Kinder, 
mit unbedeckten Knien, kurzen Haaren, möglichst zartem Temt, mit 
dem runden einladenden Mund des Babys und großen erstaunten 
Augen, die man künstlich noch größer und noch erstaunter bicken 
läßt, als wäre man an dieser Welt interessiert wie em Schulmad- 
chen. Man ahmt einen Typ nach, der in der Natur wohl vorkommt, 
aber nicht häufig ist. Nämlich das Kindweib, welches aus Gründen 
seiner Konstitution zeitlebens ein Kind bleibt. Die Mode zwmgt 
alle unsere Frauen, bis zu einem gewissen Grade diesen Typ zu 
pflegen. Sie müssen dünn sein, denn Kinder, im Wachstum begriffen, 
haben ja noch nicht die rundlichen Formen, die man vor gar nicht 
langer Zeit bei den Frauen bevorzugt hat. Auch geistig bemüht 
man sich kindlich zu erscheinen. Man ist womöglich niemals ernst. 
Man lacht immer, hat gute Zähne um lachen zu können und 
amüsiert sich über Dinge, die früher nach dem zwölften Lebens- 
jahre kein weibliches Wesen hätten amüsieren können. Natürlich 
hat man auch heute Kinder und man liebt sie. Da aber der mütter- 
liche Frauentyp nahezu lächerlich geworden ist, tut man seine 
Mütterlichkeit im Verborgenen ab. Die Kinder sind nicht_ mehr 
der Schmuck der Cornelia. Cornelia _ von heute bemüht sich so 
auszusehen, als ob sie keine Kinder hätte. 

Gegen den Strom einer so selbstbewußten Mode zu schwimmen 
ist unmöglich. Die Frauen haben sich ihr zu unterwerfen, und man 
sieht ja, wie der Widerstand mancher Frau gegen die Mode immer 
mehr erstirbt. Wir haben vor einem Menschenalter gesehen, wie der 
Vollbart des Mannes fiel, bis ein bärtiger Mann zur lächerlichen 
Figur wurde. In den letzten Jahren sehen wir den Todeskampf 
des Zopfes der Frau. Es ist leicht möglich, daß wir In den näch- 
sten Jahren einen noch vollständigeren Triumphzug des Lippen- 
stiftes erleben werden als bisher. Wenn man um acht Uhr früh 
die Straßen von New York betritt, dann sieht man junge Mädchen 
^u Ihren verschiedenen Berufen eilen. Viele von ihnen haben sich 
in diesen frühen Morgenstunden bereits geschminkt, auch Wangen 

135 



>i>n 



und Lippen, und das nicht aus einem besonders hohen Grad^°^ 
tjetalisucht. sr,r,A,^r.» ^,„;i .:. t i . . _-.•;/?*« er» sein- 



Grad ^'^ 
r c u ^^ ""' """ "*" "*'""'- *us einem Desonuei» i^^ — . -0^ 
^etaUsucht, sondern weil sie glauben, das müßte so sein. ^^ 
Kann für odpr <^^^^« A',^.^ n^. . • -ji.^c^u. tonnen sicn 



""-w,.,, ^unuern wen sie glauben, das muiste ^^ "- . , jje 
^ann für oder gegen diese Mode sein, jedenfalls können sie ^^^ 
^rmm einer Gewalt nicht entziehen, welche sie zwingt scho ^^ 
2« wollen, und zwar in besonderer Art schön sein zu ^^^^'^^^, 
noch vor kurzer Zeit durchaus nicht allgemein gefallen hat. 
man so em ganz dünnes Wesen, bemalt und selbstbewußt, »« ^^^^ 
dünnen Fähnchen einhergehen sieht, dann erinnert sich woW 
jeder, der nicht mehr ganz jung ist, daß diese heute bevor^ .^^^^ 



fj, 6)«ii^ jung ist, aai» uicai- **— - j|j 

Typen ehemals die Aschenbrödel gewesen sind, die sich wegen ^ 



in 



Magerkeit und ihres vollständigen Mangels an Anziehung-- ^, 
eme Ecke setzten und anderen Frauen den Vortritt M^^'^-^j. 
heute em Minderwertigkeitsgefühl haben, weil sie rundlicn 
Irgend etwas scheint bei dieser Mode nicht zu stimmen- Eme\^, 
fwT rr .^r^' ''^ b- den Männern sehr viel Gl^^j,, 



,7:7 ^7' '^^"^^' die bei den Männern sehr viel -^ , Hen, 
obgleich sie beinahe zu gescheit ist, um den Männern ^u ^ 
hat mir em sorgfältig gehütetes Geheimnis anvertraut: „D^^ ^ ^^ 
sagen nur, daß ihnen die Dünnen gefallen. Wirkliche se%ueU ^^^^ 
^lehungskraft geht auch heute nur von den rundlichen ^f' ^-.^^ 
Beweis: Die Männer heiraten meistens rundliche." ^enn ä^^^^^f 
^ch so ist, so könnte der Analytiker sich wohl einen K^^^ ^,n 
«machen. Man scherzt gerne mit dem kindlichen Weib, ^b j^,, 
heiratet infolge der natürlichen Gesetze lieber den mutterl^ 

yp> mit dem man Kinder aufzuziehen gedenkt. 

UIj Körperlidie und seelisdie Sd^önhä^ 

Der Typ des kindlichen Weibes ist uralt. Wir «»t^'sP»* 
find^J -u'"."^'" Hetärengesprächen des Lucian. V.d . 
Jo in H " '" ''=" Engelsköpfen des Correggio- D>^ ""J'^i- 

liches It ^™'" ''"' J'^P""'' '" "■> Kindweib, allerdin?' « ,(,,- 
nehmiin: f ™™"' "'"''« '« der Typ des Kindwdb«, ^„^ 

^«■^h.chte ,„ .einer Vollkraft auftrat, hat er alkrA-'P 
136 



,e' 






Zeit genügend zu schaffen gemacht. Helena hat den trojanischen 
Krieg entfesselt. Gereizt von der Kurtisane Thais hat Alexander 
der Große den herrlichen Palast von Persepolis in Brand gesteckt. 
Eine andere Kurtisane, Phryne von Athen, war wegen Gottes- 
lästerung angeklagt. Ihre Sache vor der Jury stand schlimm. Statt 
jeder anderen Verteidigung zog der Anwalt ihr Kleid ab. Als sie 
unbekleidet vor ihren Richtern stand, die doch dazu da waren, 
die Sittlichkeit ihrer Zeit zu schützen, wurde sie freigesprochen, 
wegen der unwiderstehlichen Gewalt ihrer Schönheit. 

Die Schönheit ist in der Tat die einzige Macht, die sich neben 
der Macht des Geldes auch in unserer Zeit siegreich behauptet 
hat. Es ist schon oft vorgekommen, daß Recht und Gesetz von 
der Macht des Geldes gefälscht wurden. Auch die Schönheit kann 
der Sittlichkeit ein Schnippchen schlagen. 

Schön ist, was gefällt. In verschiedenen Zeiten und verschiedenen 
Ländern hat immer ein bestimmter Typ den Vorrang vor allen anderen 
errungen. In frommen Zeiten wird die Schönheit des Gemütes der 
Schönheit des Körpers vorgezogen. Wenigstens lesen wir das so 
in Erbauungsbüchern. Welche Art von Schönheit man aber auch 
immer bevorzugt, sie ist jedesmal ein Geschenk des Narzißmus. 
Körperlich schön werden Menschen, die ihren Narzißmus zu 
Seelenadel sublimiert haben. Es gibt einen herrlichen Roman von 
Anatole France, dessen Heldin Thais auch in einer Oper von 
Massenet weiterlebt. Sie ist eine Kurtisane in Alexandrien, zur Zeit 
als das Christentum sich dort ausbreitete. Sie ist noch Heidin und 
wegen ihrer Sittenlosigkeit berühmt oder berüchtigt. Ein junger 
Mönch, der von ihrer Schönheit gehört hat, beschließt nach Ale- 
xandrien zu wandern und sie zu bekehren. Sie empfängt ihn in 
ihrer Marmorhalle, vollkommen nackt und von unwiderstehlicher 
Schönheit. Der Mönch spricht von Gott, dem Erlöser und dem 
Himmel. Er zeigt ihr, daß aller Tand dieser Erde wertlos sei und 
daß sie eine viel größere Schönheit vernachlässige, die sie sehr 
Wohl in sich entwickeln könnte. Wirklich gelingt es ihm, Thais 
zu überzeugen. Sie schneidet ihr blondes Haar ab, das damals, vor 
etwa sechzehnhundert Jahren als ein besonderer Schmuck galt, 
zieht sich in ein Kloster zurück und wird die frömmste unter den 
Nonnen. Der Mönch seinerseits geht in die libysche Wüste und 






137 







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dankt Gott, daß er ihm die Kraft zu dieser Leistung verliehen 
natte ts vergehen viele Jahre, da kommt es über den Mönch wie 
Öv; I = t '","^' '''^ " "''='" ''^» Ri-^htige getan habe. Er hat 
dlsll ..^''■™J'^"' '«^ '«'^ V^lt erfreuen konnte, vernichtet. In 
sT2C^T .^T *■" " "" 5'"'k Sonne beseitigen helfen, d« 
rtr "'^ ''"' ^'■'" ''"""» •'»"e. Er empfindet seine 

/at als eme schreckliche Sünde und macht sich eilends auf, »» 
Hais mitzuteJen, was er erkannt hat. Die Schönheit der Thais hat 
su:h durch d,e langen Jahre der BuUe ins Geistige umgewandelt. 

Mt u .r ""p T^'?^' '^"' ^'"S'h«"' ™n Kopf bis Fuß. 
M.t ungeheuerer Beredsamkeit versucht der Mönch, sie dem Leben 

Cde Sch""t ''""r"- ^' ^'•"'' '^°'^ »dawerer sein, eine strah- 
Buße zu r " "', " "'"' "■'=' Triumphe zu reißen und z« 
wieder zu T"' ' T^'''*"' '"« ^''>«'>= B»«^"" ''" «""''' 

^nth den^BTerid '• " ^7' "'''''• '^''''^^ "^'•' '" '"^ 
ruft sie ih^Tp ""^'"''^ Verführung. „Apage Satanas !" " 

de kö 'rfT,r • ""'^ ^°" ""'' *= geistige Schönheit hat sich 
legenheit de r". '''"'■" "^"''^™ ^e-igt. Darin liegt ja die Über- 
legenheit des Christentums über der antiken Weltanschauung. 

zwisILn r'T ^Z^'^"" ''»■•P"H<:'>er Schönheit und geistiger, 
wtr durch d rf ''" ''""' ""-^ <<- <)" ™ Verzicht liegt, 
schon IZl i! r!^'"^^ entschieden: Nicht alle Menschen sind 
der Seilt V '•' .^"^f '" "'^<'- ''^S'hrt wie Thais und selbst 
S li^he Sehlr . "" "'^ '''""" S«"«= -^ ^'hwindet dahin- 
und st i! ° M ■ ■'' ''''''" ^"Sanglich, der sich um sie bemüht, 
laufe'n PaZrs s-''-'™ ''" Zustimmung irgend eines herge- 
armTt Jh t .".'" ^"««^fällig und das genügt. Wer also 
8™ng ; te T ^"^"*' ^''' '^'^'^«^ - dfeses Himmelreich 
findef ist T u ■ '" ^'^ T''"«' ''i^'i <««« Weg schwerer 
Libido „ieht 1 T\ 'T 8=f™'>^". dann wird die zähflüssig« 

l'iWete verseht d t\ ° ^'^ ^"™^ '-^»- D" --l^"-"^ ''t 
und dem Oh ,7 ,'" "" Kurzschluß zwischen dem Trieb-Ich 
d"s sittlichen V ^ T?° "'■ ■^'•^'^ l-at vielleicht einen beson- 
erstcn Besuch .1 T ? ' ""'' ^" "önch trat ihr bei seinem 
des Ober.Ieh n '^'P':''="'^»'^ d« Vaters entgegen, als die Stimm« 
und das über TU """'^^^1 kommt er als Vertreter des Trieb-Ich 
"'^«h weist ihm die Tür. 



138 



IVJ Die letzten fünfzig Jahre 

In früheren Zelten war das Kindweib, das heute so häufig ge- 
worden ist, eine seltene Erscheinung unter vielen anderen Typen 
die um die Herrschaft rangen. Ibsens Nora ist eine Frau, die nicht 
Jiü, daß man sie als Puppe behandle. Sie will die Kameradin 
des Mannes sein. Da sie seelisch nicht anerkannt wird, geht sie 
ion. Ibsen hat für den Bühnengebrauch einen veränderten Schluß 
gedichtet. Im ersten Schluß fragt der Gatte, was sie denn auf ihrer 
Hucht finden will und sie verläßt ihn mit den Worten: „Das 
Wunderbare.« Sie ist in ihrem Herzen ein Kind. Nur Kinder glau- 
ben, daß sie Wunderbares finden können. Im zweiten Schluß sagt 
T ^^' »^^"^^^ d" denn nicht an deine Kinder?" Er öffnet 
Mit ^ ' TT ^;^^^f ^°^«»^'-' ^o die beiden Kleinen schlafen. 

^ese .w.> T-*'^'' ^''- '''"^^"'" '"^^^^^^^ß* ^^^^ Nora zu bleiben. 
iJiese zweite Losung zeigt die Mütterlichkeit als Lösung der Frage 

Das Wunderbare wurde von den Figuren Maeterlincks im Mv.ti- 
schen gesucht. Wirklich hat es vor nicht allzulanger Ze^ F^au n 
gegeben, blaue Blumen der Romantik, von denen' ein myst sZ 
Duft ausstrahlte. Verzauberte Prinzessinnen in einem Wund." 
garten die sich nach Erlösung sehnten. Mimosen, die in höchster 
Sexualität erzitterten und deshalb gar nicht berührt werden durften 
Sie waren von einer Schamhaftigkeit, die heute lächerlich wirken 
wurde. Eine hochgespannte Schamhaftigkeit, die den Zweck hatte 
vor den eigenen sexuellen Trieben zu schützen. Es hat auch damals 

To I -TS T ^'^'^'"^ ^'^^'^^ ^^f ^^^ geheimnisvolle 

Jongfrauhchkeit verzichteten und alles versprachen, um nichts zu 

miten. Sie glichen emem prunkvollen Restaurant, in dem man 
^ch voller Erwartung niedersetzt. Da man aber weder Speisen noch 
irank bekommt, muß man das Lokal wieder verlassen, um sich 
anderswo satt zu essen. ^^^^ 

Ein anderer Typ der Neunzigerjahre war das Mannu^eih. Das 

£ :t '^^",^"^^r t""'^" ^^^^"' '^^^ ^^^^^ damals Bub 
-hr scTn ,r1 ^- f-^-l-h. Rockhose, die von der Mode 
schnell wieder verschlungen worden ist. Diesem Typ verdanken 
Wn von heute alle Rechte, die sie besitzen undVr Tr^^^^^ 



139 



Jahren noch nicht besessen haben: Die Freiheit, alle männliche" 
Berufe zu ergreifen, das Stimmrecht, die Freiheit überall hinzu- 
gehen, zu rauchen, zu turnen, im Strandbad aufzutreten wie ^^j^ 
Mann Wenn die Frauen alle diese Rechte wie selbstverständlf 
hinnehmen, so mag man sie immerhin daran erinnern, daß si 
damals, als die Emanzipation von einigen wenigen Frauen erkämpft 
wurde, eher gegen ihre Befreier waren. Niemand hat die Manii" 
weiber jener Zeit mehr verlacht als gerade ihre Geschlechts' 
genossmnen. So geht das immer. Reformen werden von elmSjo 
wenigen, mehr oder minder für abnorm gehaltenen Frauen erkämp «• 
Uxe Frauen von heute, die auf hohen trippelnden Absätzen ^uni 



w ui ,T '''"^'' ^^^ ^^f l^öhen trippelnden Absätze» - 

Wahllokal schreiten, wissen nicht, daß dieses Recht und manch 
andere von Frauen mit niederen Absätzen und breiten Schuhen er 
itamptt worden Ist. 

Noch leben die Frauen, die in ihrer Jugend Nietzsches Ans^^ 
r .. '"^^^"'^^S gelernt haben und davon sehr begei^^^ 

aren. ,,the, so nenne ich den Willen zu zweien, zu schaflen 
großer _.st, als die es schufen.« Ist das nicht wunderbar ^^f 
Aber einen vorläufigen Sieg erfochten hat dennoch eine and 
vieinung. „Ehe, so nenne ich eine vorübergehende Form des Le 
Z ""^ •''^' ^''^'' "^^^ ^°rgf äkig achtgeben muß, nicht zu schatt 
was ejnem die Schönheit des Körpers zerstört, snäter ga^"^ 
_ ' °' ^^ ^^''den ist und doch nur lästig wird/ .^j^^ 

Den Sieg erfochten hat in der Mode das Weib, welches nj 



^. ' wobei man sorgfältig achtgeben muß, nicht zu 

s einem die Schönheit des Körpers zerstört, später 
Z" ios zu werden ist und doch nur lästig wird." .^^, 

Den Sieg erfochten hat in der Mode das Weib, ^^1*^^'' ."Jjch 
Kmder hat. sondern selber ein Kind sein will Es ist un^o 
hat M "' wann dieser Typus seinen Einzug in die Welt geh^^ 
^rr^'''^' ^"'^-^-g 8^1^^ -ück bis zu den F^J^^J^^ 
CT ^^'''' ^"^^ Schwestern, die in den ^cumf^^'^^, 

flieeenT^'^J^^'^""^'"^ ^ie Welt des Varietes entzückten- 

k1 von " ^''^'"' "^^ ^^^""^ ^*^^^'^'"' ^"- Kinder- 

^^rümpfch.n"?r ^"^'^^ zusammengehalten wurde, m y^, 

die man L ^^'" ''' ^^'' "^'^ ^^1^"^ ""'i «*"^''' ' 1^°' 

und Da^° ^'''^' "''^^ 8"^"^ vergessen hat: „Linger l«"^'"'. j, sie 
mit den 7' ?^''^"' "^^"""^ darunter. Richard Muther verg .^ 
einer Weh H "^-^ ^^^'^^S^«' Sic waren schlank und zierl^ ^^^ 
hochbusieen V'*"^ ^^"^^^^ "nd noch geraume Zeit «P'"'^^ ^ckt 
^ "" 'i^d üppigen Frauen, beinahe ä la Rubens, en 

140 



zeigte. Zolas Nana, die ja gleichfalls den Typ des narzißtischen 
Weibes verkörpert, war eine üppige Blondine, die ihre Taille 
schnürte, so daß die Hüften und alle andern weiblichen Vorsprünge 
um so mächtiger hervortraten. Wenn ich heute an die Sisters Bar- 
rison zurückdenke, so kommt mir vor, als wäre der Inhalt ihrer 
Gesänge eigentlich der gewesen: „Wir sind da, wir smd die 
Schönheit der Zukunft, so wie wir werden dereinst alle Frauen 
aussehen." Ich habe mir sagen lassen, daß der Stil der Barrisons 
von einem genialen Maler erfunden worden sei, der später emes 
der Mädchen geheiratet hat. Ein Stil wird immer von Einzelnen 
erfunden und triumphiert, wenn er aus undurchsichtigen Gründen 
der Zeit entspricht. Die ersten Vertreter des Stils sind echt. Wenn 
der Stil allgemein geworden ist, dann laufen die gefälschten Exem- 
plare herum, deren Natur dem Stil, den sie verkörpern wollen, 
häufig ganz entgegenläuft. Sie hätten den Stil, den sie verkörpern 
wollen, sicher nicht ohne Nachhilfe gefunden- Man kann heute, 
umgeben von so vielen tausend Nachahmungen, das Echte vom 
Unechten kaum mehr unterscheiden. Mann muß ein Stück in die 
Vergangenheit zurückgehen, wenn man das Wesen des Kind- 
weibes richtig erkennen will. Damals waren sie verachtet und ver- 
folgt. Wenn sie sich trotzdem gegen die damalige Mode durch- 
setzten, so war ihnen das Leben gewiß nicht leicht gemacht. Es 
hat eine Zeit gegeben, in der das Kindweib unter seinen eigenen 
Eigenschaften furchtbar zu leiden hatte. ; ' :; ■ : ■■: Ju,y .vai... 



'JiV.i.- -'Ih-' 






Vj Das Kindweib 






Die mehr oder minder pathologischen Voraussetzungen für die 
Entwicklung zum Kindweib, nämlich zum echten Kindweib, das 
sich auch gegen die Mode durchsetzt und das es immer gegeben 
^at, wenn auch viel seltener als heute, ist eine vorzeitig entwickelte 
Schönheit. Wenn das Kind zu schön und begehrenswert ist, dann 
hört es vorzeitig auf, ein Kind zu sein. Von innen drangt eine 
vorzeitig erwachte Sexualität, von außen fühlt es die Blicke auf 



141 



sich gcrkhtet. Begehrt zu werden ist so sehr die Idee des Weibes, 
daß es sich nicht länger entwickelt, als bis es begehrt wird. So 
haben wir zu der Bemerkung, daß es dann aufhört ein Kind zu 
sem, hinzuzufügen: es bleibt ewig ein Kind. Dieser scheinbare 
Widerspruch besteht in ein und derselben Person und macht deren 
Zauber aus. Schon im Wachstum bleiben solche Geschöpfe viel- 
fach zurück. Kindweiber sind klein und zart und blicken aus 
großen erstaunten Kinderaugen in die Welt. In der Schule lernt es 
nicht viel und kommt sein ganzes Leben nicht so weit, daß es 
die Alpenpässe aufzählen oder einen geometrischen Lehrsatz be- 
weisen könnte. Nur in Angelegenheiten der Liebe entwickelt es 
eine erstaunliche Fähigkeit und übertrifft darin die Erfahrensten. 
Es ist abergläubisch und furchtsam wie ein Wilder, der durch den 
Wald geht und die Welt voll Gespenster sieht. Es ist aber auch 
furchtlos, wie ein Nachtwandler, der auf dem Dache spaziert. 
Seine natürliche Unverschämtheit, wenn man nicht vorzieht zu 
sagen, Naivität, ist groß. Es ist ungezogen, in der wörtlichen Be- 
deutung. '■' . ' 

--Weil diese Kinder schön sind, werden sie immer schöner. Weil 
sie anziehend sind, werden sie immer anziehender. Was aber den 
Wert anderer Frauen ausmacht, das entwickeln sie nicht. Sie sind 
untreu in einem Grade, den man schon nicht mehr untreu nennen 
kann, weil sie gar nicht wissen, was das Wort treu bedeutet. Sie 
sind unintelligent, weil sie nicht eingesehen haben, wozu der Ver- 
stand gut sem soll. Sie wollen aber durchaus schön sein und des- 
halb sind sie es. Um ihrer Schönheit willen, die früh sexualisiert 
war, werden sie so viel begehrt, daß ihnen keine Zeit geblieben 
ist, selbst zu begehren. Sie haben nicht Zeit gefunden in Jahren 
der Sehnsucht, verschiedene Männer nach ihrem Werte abzu- 

lür''''\w ' '""'''^'^ ^^'^^ ^^1^^"^ ^"d ^- «i«d auch nicht 

uster«. Wenn man sagt, daß sie unverschämt sind, so geschieht 

^nen unrecht. Sie wissen nur nicht was Schamgefühl ist. Sie er- 
haben "T' ^f ''\^''''' ^'^^^^"^" Geheimnisse zu verbergen 
ander: n K "" ''^''' ^^^^' ^^ ^ann ist ihnen wie der 
vnn! tl ^^^gänger wird so schnell vergessen wie der Vater 

vom kleinen Kinde, wenn er drei Monat fort war und das Kin^ 
Ihn bei semer Rückkehr nicht erkennt. Dadurch wird das Kind- 



142 



i^iii^fiHin lSf*"' 



Weib, trotzdem es schon lange keine Jungfrau mehr ist, jedem 
Manne gegenüber wieder zur Jungfrau. Was ist ihm denn em 
Mann? Es wird nicht in Gedanken den Mann betrügen, in dessen 
Armen es gerade liegt. Auch der autoerotische Säugling denkt 
nicht an den roten Gummischnuller, wenn er den schwa-rzen im 
Munde hat. Einer ist ihm wie der andere. Das Kindweib ist auto- 
erotisch wie der Säugling, es befriedigt sich an sich selbst, und 
verwendet zu seiner Lust irgend ein Ding der Außenwelt, am 
besten einen Mann, so wie das Kleinkind den Daumen, die große 
2ehe, den Gummischnulier dazu benützt. 

Während die Liebesfähigkeit anderer Menschen durch die^ vor- 
angegangenen Freuden und Leiden immerwährend sinkt, weil die 
alten Wunden ja immer nur unter Defekt ausheilen und weil man 
auch den Mut verliert, so reicht die Liebesfähigkeit des Kmdweibes 
von keinerlei Erinnerung bedrückt bis Ins Unendliche. Das Kind- 
^eib steht nahe bei der Prostituierten. Es ist aber^ für die 
geschäftsmäßige Prostitution gar nicht zu brauchen. Freilich sieht 
nian unter den Dirnen häufig Kindweiber, aber sie gehen schnell 
zugrunde. Sie sind zu narzißtisch für den Markt. Sogar der Zu- 
^aiter läßt sie im Stich. Er versteht sie nicht, so wie sie ihn und 
^eine Notwendigkeit als moralische Stütze (als ihr Über-Ich-Ersatz) 
^icht versteht. Sie versteht überhaupt nichts von den Notwendig- 
J^eiten dieser realen Welt. Die Psychiater sprechen gerne von der 
geborenen Prostituierten und dem geborenen Verbrecher. Die 
Psychoanalyse teilt diesen Standpunkt nicht. Weder Prostituierte 
^och Verbrecher werden geboren. Geboren werden nur die Triebe, 
^ie dann im Laufe der Entwicklung verschiedene Schicksale haben, 
^ir wissen, daß man mit starken sadistischen Trieben ebensogut 
'^^ Wohltäter der Menschheit als ein Verbrecher werden kann. 
So kann man mit einer frühzeitig entwickelten S^aJrtat eben- 
'^mt eine Nonne werden, wie eine Prostituierte. "^'Tklich kann 
^«n in der analytischen Praxis oft Frauen sehen, die wie ein Rohr 
i"! Winde schwanken. Sie sagen: „Ich möchte in em Kloster gehen 
«der eine Kurtisane werden. So oder so. Aber den Mittelweg kann 
i^h nicht gehen." Zahlreiche Legenden haben diesen Sinn. Rem- 
^^rdts „Mirakel" hat das Motiv in aller Welt bekannt gemacht. 
Ei^e Nonne verläßt das Kloster und sinkt von Stufe zu Stufe, bis 



143 









l! ii » i 



die reine Liebe sie erlöst. Die allerreinste Liebe aber findet sie 
bei ihrer Rückkehr ins Kloster. Dort hat man ihre jahrelange Ab- 
wesenheit gar nicht bemerkt, weil die Mutter Gottes selbst ihre 
Stelle gnädig vertreten hat. Es ist nicht ohne Sinn, daß die Legende 
tiefste Frömmigkeit und schrankenlosen Sinnengenuß durcheinander 
wirft. 

Das Kindweib eine geborene Prostituierte zu nennen und sie mit 
dem geborenen Verbrecher zu vergleichen, was es beides im Sinne 
der Psychoanalyse gar nicht gibt, sollte mindestens ein GegenstücK 
finden im Vergleiche des Kindweibes als eines Genies der Liebe 
mit dem männlichen Genie, dessen Wesen ebenfalls in einer vor- 
zeitigen Entwicklung besteht, nämlich in der Entwicklung des 
Geistes, in der Besetzung der Gehirntätigkeit mit Libido. "Wirklicn 
wird man finden, daß Frauen, welche die "Weltgeschichte auf den 
Kopf gestellt haben, was ja nicht oft vorkommt, aber immerhin 
dann und wann, in Ägypten, in Griechenland und in Rom, m 
Rom zum zweitenmal im Zeitalter der Borgias, in Paris und 
anderwärts, gewöhnlich Kindweiber gewesen sind. Männliche Ge- 
nies sexualisieren ihr Gehirn und weibliche Genies sexualisieren 
die Oberfläche ihres Körpers mit dem natürlichen Mittelpunkt m 
ihrem Beckenboden. 

Lucretia Borgia war die Geliebte ihres Vaters, des Papstes 
Alexander und war auch die Geliebte ihrer beiden Brüder. Für 
das Kindweib gibt es keine Blutschande, weil sie ja den Partner 
gar nicht als solchen bemerkt. Alle Per Versionen sind dem Kinti- 
weibe geblieben, wie sie in der kindlichen Anlage waren. Es legt 
infolgedessen auch kein entscheidendes Gewicht darauf, daß der, 
oder wie man besser sagen würde, daß „das", was es umarmt, 
überhaupt ein Mann sei. Es gibt sich beinahe ebenso gerne mit 
Frauen ab. Psychologischer Schlüssel: das Kind mit seiner Puppe. 
Das Wesen des Kindweibes ist, daß es von sich selbst dauernd 
entzückt ist, auch in der gehobenen Stimmung eines Kindes sein 
Entzücken nach außen objektiviert. Wenn man sagen würde, das 
Kindweib sei nympliomaniscli, so hätte man unrecht. Denn Nym- 
phomanie ist Mannestollheit, und keinem anderen Weibe ist der 
Mann im Grunde gleichgültiger als dem Kindweib, da sie ihn 
nicht braucht und sich anders behelfen kann. 



144 



ii^SSE*-" 



Stellen wir uns die Haupteigenschaften des Kindweibes mög- 
lichst demlich vor Augen. Sie ist außerordentlich und fremdartig 
schön. Von jener Art Schönheit, die ihre Wirkung daher bezient, 
daß sie zugleich ein Weib und ein Kind ist, also verbindet, was 
^an unschuldige Schönheit und Sündhaftigkeit genannt hat. Man 
^ön und sieht und liest, daß Männer ihr verfallen wie d^^ Mo«eri 
die ins Licht flattern. Der Durchschnittsmann, der das KmdweiD 
"icht kennt, kann die ungeheure Wirkung, die von ^^^sem iyp 
ausgeht, gar nicht begreifen. Illustrierte Zeitungen, die ihr i ^^ 
bringen, sind auch nicht im Stande, ihre Wirkungskraft wieder 
^^geben. Man muß aber den Typ nur einmal wirklich sehen un 
^n versteht alles. Die Männer sind ja verschieden veranlagt und 
^icht alle sind der zerstörenden Kraft dieses Typs gleich ^^^'^^f 
g^^^tzt. Homer schildert den Augenblick, da Helena durch die 
Straße, von Troja geht und die Greise der Stadt sie erbhckm. 
Unnennbares Elen^ hat diese Frau über Troja gebracht. Ab sete 
f Alten mit ihren kalten Sinnen rufen aus: »Schelte mir mc^t 
^i« Troer und heliumschienten Achäer, die um em solches Weib 
==0 lang ausharren in Elend." 



« 



Z-K X -1 '■■>■ '' 



Z-r sexuellen Anziehungskraft, die wir als Vora"™sJ^; 
^''-eibes an die Spitze dieser Beschreibung gestellt hab ", kom^t 



ixueilen Ataiehungskratt, aie wix «. kommt 

-:-we.bes an die Spitze dieser Beschreibung gestellt haben kommt 
*= vollkommene Gleichgültigkeit dieser Frauen was den Mann 
fjtdang. Die Männer verlieben sich in sie m Scharen^ Ab de 
^^« bedeuten den Frauen nichts, wodurch "^"« ^"^X^ 
'f er werden. Der berühmte ^hlspruch -er 6-^; f »f ^;„,. 
"'''' besitze, aber man besitzt mich mcht. - Wiesen a ^ 
"f^' ihre Freier einfach ab, so wäre die Sac^e "Och mcht » 
f ariiA. Die Männer könnten sich dann darauf ''e»'*""^ ". d 
^*äAeit dieser Wesen anzubeten. Plato lehrt ,a, daß der Go 
f,^- ^enn man ihn desexualisiert, zur Erkenntnis de^Schonta 
'*"• Aber das Kindweib ist nicht .o. Es ^f '«. -^'"„^thb 7" 
""^k. Warum sollte e.s denn das tun? Er .st '^^ "»"'"''" J^^ 
*=»*ar. um ih, tust zu bereiten. Soweit versteht sie schon die 
**. daß sie Geschenke annimmt, und soweit versteht sie auch den 



10 



Alrnanadi 1930. 



145 



■! 1 



Genuß der Liebe, daß sie sich mit Männern in ein Verhältnis ein- 
läßt. Ein Verhältnis bedeutet ihr nicht viel, und weil das Kindweib 
sich vor dem Manne nicht fürchtet, hat es einen ungeheuren Ver- 
brauch an Männern. Sie, deren Schicksal ein einziger Mann niemals 
werden kann, wird mehr als irgend ein anderes Weib zum Schicksal 
von Männern. Nicht selten liegen Leichen auf ihrem Weg. Fürsten 
der Geburt und des Geldes heiraten sie, lassen sich von ihr scheiden, 
beschimpfen sie, beten sie dann von neuem an, und der D«fcl^' 
Schnittsmensch kann sich alles das nicht erklären. Denn die Schön- 
heit des Kindweibes kann man nicht mit Worten beschreiben, una 
was sie den Männern bietet, noch viel weniger. Natürlich ist das 
Kindweib ein kulturloser Lump. Sie leistet keinen Trieb verzieht. 
Sie ist sich selbst nicht wichtig, wie sollten ihr andere wichtig sein? 
>. Wer das Kindweib liebt, schöpft in ein Faß ohne Boden. Sie 
kennt keine Dankbarkeit. Mag einer noch soviel für das Geschöpf 
getan haben, er steht doch nicht höher in Gunst, als der erste beste, 
der daherkommt und mit dem sie unter Umständen davongeht. So 
kommt zur Wirkung der Schönheit eine vollkommene Gering' 
Schätzung des Liebhabers, Das Kindweib, ohne von Anfang a» 
sadistisch zu sein, wird dem Liebhaber zur wollüstigen Qual, s»^ 
wird in der Tat eine Gottheit, denn nur die Gottheit kann Men- 
schenwert so gering achten, kann so gleichgültig und unberührt 
Opfer empfangen und so heiter bleiben, wenn ihre Diener ver- 
bluten. Diese Frauen gelangen zur Macht, indem sie den Wert und 
die Würde des Mannes verachten. 



XI 



11 

Ol 

t ■■!'. 

I ■! 



VI) Das sadistische Kindweib 

Bis hieher sind die Eigenschaften des Kindweibes beschrieben 
worden, dk gewissermaßen ohne ihr Hinzutun von selbst entstehen, 
wegen ihrer frühzeitig entwickelten Schönheit. Da sie aber ein 
Mensch ist, mit einer lebendigen Seele, muß sie sekundäre Eigeü' 
Schäften entwickeln, für die man sie dann verantwortlich macht, 
obgleich auch diese Eigenschaften zwangsläufig aus ihrem Schicksal 
stammen. Zunächst einmal versteht sie die Foiderungen unserer 
Kultur gar nicht. Sie hat nicht gelernt, sich zu fügen, hat kaum 



146 



ein Ober-Ich und müßte immerwährend in Verlegenheit sem, was 
sie eigentlich tun soll, wenn sie sich nicht daran hielte, immer gerade 
das zu tun, was die Menschen verlangen, in deren Umgebung sie 
gerade lebt. Deshalb wird das Kindweib zur Schauspielerin, ahmt 
»lies nach. Unter Umständen ahmt sie auch den Zustand der Ver- 
liebtheit nach. Sie ist eine so vollständige Geliebte, daß der unver- 
ständige und aufgeblasene Mann glaubt, er sei noch me so gut ver- 
standen und so restlos geliebt worden. Er glaubt, nur diese mer 
"i die für ihn bestimmte Frau und Gefährtin. Er weiß nicht, da» 
sie die für viele bestimmte Frau und Gefährtin ist. Er kann ga 
nicht begreifen, wenn er schliefilich an ihr bemerkt, was er Untreu^ 
»ennt. Dann jammert er: „Vir haben uns doch so gut «rstanden. 
- In Wirklichkeit hat sie ihn sehr gut verstanden durch die Runs 
""■er Einfühlungskraft, er aber sie gar nicht. Es ist das Schicksal 
des Kindweibes, daß sie immer dann eine Kanaille genannt wird, 
"enn der Mann sich selber einen Dummkopf nennen sollte. 

lA hatte einen Patienten, - aber ich habe ähnliche Geschichten ^ 
«hon oft gehört, - der mir von seiner großen Liebe vorschwärmte 
Sie sei ein junges Mädchen gewesen, die von vielen ">"schwa™ 
^"- AU sie ihm und offenbar nur ihm den Vorzug S^b, h" da^ 
"in Selbstbewußtsein ungeheuer gehoben. Er begann zu dichten und 
« ihr seine Werke vor. Sie war von seiner D-''*--' •» "^f 
TeUe entzückt, daß es ihn selber in Erstaunen setzte. Um sie aut 
^^' Probe zu stellen, las er ihr Gedichte ™» G;f %»•* 7°^^.7„ 
J^lbor vor. ohne den Autor zu nennen. Das Madchen ^--^^^^^ 
Unterschied finden. Er hypnotisierte sie. ]'\^^'''^"Z^^'S 
''»ß sie schließlich sein Geschöpf wurde, das ihm voUkomme" au^ 
f liefert war. Er konnte sie mit einem einzigen Bl'*J°'' \"; 
ßistanz hypnotisieren, oder auch ohne sie überhaupt -y=^™' J'™" 
^' etwa in einer anderen Stadt war. Alles S^'-S' ;" Vkölnte E 
*«"«gt. daß das Mädchen ohne ihn nicht mehr k^'» ~ ^ 
»»h sie täglich. Während seine Männlichkeit sonst manchmal zu 
Wünschen übrig ließ, zeigte er sich im Verkehr mit d'-m Madien 
unermüdlich, so daß ihm beinahe vor seiner eigenen R'«^nst"ke 
Angst war. Eines Tages rief sie ihn an und teilte dim mit, daß sie 
:;* mit einem anderen verlobt habe und demnächst heiraten werd. 
Et solle lieber gar nicht mehr kommen. Dieses Geschöpf, das er bis 



M' 



10"* 



147 



in die geheimsten Fasern seiner Seele zu kennen glaubte, hatte alle 
VoraTbeiteo, die zu einer Verlobung führen, durch Wochen so ge- 
schickt und dabei so frech geleitet, daß man nicht einmal sagen 
konnte, sie hätte das hinter seinem Rücken getan. Sie tat es vor 
seinen Augen und der verliebte Narr hat es nicht bemerkt. Als er 
so plötzlich abgeschüttelt wurde, verfiel er in eine Melancholie und 
hatte sich vielleicht getötet, wenn er nicht durch ärztliche Hilfe 
vor sich selbst beschützt worden wäre. 

Das also ist die Schauspielkunst des narzißtischen Weibes. Große 
Künstlerinnen der Bühne sind häufig diesem Typus verwandt ge- 
wesen. Häufig sind weibliche Mimen schön, ungebildet und haben 
großen Verbrauch an Männern. Aber die Kunst wurzelt nur zur 
Hälfte im Instinktieben des Menschen. Zur anderen Hälfte wurzelt 
sie im Verstände. Deshalb spricht man ja von Kunstverstand. Der 
Kunstler muß nicht nur sich selber geben, wie es von Natur aus 
in ihm quillt, sondern er muß dieses triebhafte Gebilde auch fixieren. 
Das Kindweib kann aber nichts fixieren, auch nicht eine Rolle. Es 
hat keinen Kunstverstand, und wird vielleicht einmal außerordent- 
lich gut sein, aber ein andermal unbegreiflich schlecht. Erinnern wir 
uns daran, daß unser Ich aus dem Du entsteht. Das Ich des Kind- 
weibes entsteht immer wieder aus dem Du, mit dem sie sich iden- 
tifiziert, so lange es da ist. Es kann aber diese Identifizierung nicht 
fixieren und so kann es auch kein dauerhaftes Ich bilden. Bella M- 
war ein leichtsinniges Mädchen in Wien. Sie übernachtete täglich in 
einer anderen Kaserne. Das war lange vor dem Kriege, als das 
österreichische Völkergemisch in Wien eine Armee unterhielt, die 
aus den verschiedensten Nationen bestand. Wenn sie in der Kaval- 
lenekaserne übernachtet hatte, dann sprach sie wegen der automati- 
schen Identifizierung am nächsten Morgen den ungarischen Akzent 
der Husaren. Wenn sie aus der Infanteriekaserne kam, dann sprach 
sie mit tschechischem Akzent und von den Ulanen kam sie als 
oiin zurück. Ihre Libido strömte allzu reichlich auf die Objekte. 
^^^ /ch war nicht entwickelt. Sie lebte immer nur ein Eintags- 
oasem im Schatten ihres letzten Liebhabers, der am nächsten Abend 
scnon wieder vergessen war. Sowie er aber vergessen war, konnte 
i^eiia nicht weiterleben. Wenn man nämlich kein Ich besitzt, dann 
muis man es draußen suchen, man muß so schnell als möglich einen 



148 



Partner finden, um die Libido 2u placieren. Man kann das Icli des 
Kindweibes mit einer Photographie vergleichcB, die scharf und 
«ieutlich ist, vielleicht noch schärfer als eine andere Photographie, 
die aber nicht fixiert ist. Deshalb schwindet das Lichtbild dahin, es 
schwimmt im Wasser davon und hinterläßt eine graue, gleichför- 
"lige Fläche. 

Neben der schauspielerischen Fähigkeit des Kindes kann auch 
^er Sadismus nicht ausbleiben. Das Kindweib steht im Mittelpunkt 
zahlreicher Männer, die im Kreise um sie herum knien. Was soll 
^ie mit so vielen anfangen? Selbst wenn sie ein vollentwickeltes 
Kultürweib wäre und fähig der dauernden Liebe, müßte ihr die 
^ahl schwer werden. Sie ist wie sie ist, und weil Männer, die auf 
Kindweiber fliegen, offensichtlich leiden wollen, wird das Kindweib 
gezwungen, die Männer zu quälen. Etwas muß man doch mit ihnen 
«machen, da man sie nicht alle lieben kann. Sicherlich nicht alle zu 
gleicher Zeit. Und da sie überdies glücklich werden, wenn man 
''^ quält, so findet das Kindweib in seiner polymorph perversen 
^^lage sehr schnell die Fähigkeit zu genießen, indem sie quält, 
^n dieser Kunst bringt sie es schnell zur Meisterschaft. Emile Zola 
[chüdert in seiner Nana, wie dieses schöne und ordinäre Weib die 
Jjöchsten Würdenträger des Staates auf das Tiefste demütigt. Einer 
^^f mächtigsten Politiker von Frankreich muß vor ihr wie em Hund 
^^f allen Vieren laufen. Sowie das Kindweib einmal sadistisch 
geworden ist, hört es auf der reine Typ der Schönheit zu sein. Der 
grausame Zug wird immer bewußter In Ihr und wenn ihr eigent- 
liches Wesen das der unbewußten Schönheit ist, so wird sie im 
L^^fe der Entwicklung immer mehr sadistisch und immer mehr 
^^^rzißtlsch. Solange sich Männer von ihr quälen lassen, bestätigt 
;h^ eben das ihre Macht über Männer, Nun also muß sie schon und 
begehrenswert sein, um ihr perverses Sexualleben, das immer 
^^distischer wird, auch fortsetzen zu können. Die ruhige Sicherheit 
^f Wertes in sich selber erlangt sie nie. Während das Klndweib, 
'""^^nge es nicht sadistisch geworden, ein rührendes Geschöpf ist, 
"^^'^ sie so gar nichts von den Notwendigkeiten dieser Weit versteht 
"^^d deshalb regelmäßig zugrundegeht, wird das Kindweib später 
^^r Megäre. Abb^ Prevost hat in seiner Manon Lescaut das un- 
schuldige Kindweib unsterblich gemacht, Sie betrügt ihren 



i 



II 



1 ' I 



i I ■ : 



ii 



Chevalier immer wieder wobei sie ihm versichert, daß sie nur ihn 

vZJl ." ^^"t" ^^"^ *"= Art von Liebe mit seinem 
Ve tande „.cht_ begreifen. Da er sie aber wieder liebt «nd ihr 
vog verfallen , st, versteht er sie mit dem Herzen. Andere Männer 
vemehen das Madchen nicht so gut. rächen sich an ihr und lassen 
Z^i '•"' '''P"!'"™- Der Chevalier reist freiwillig mit ihr 
nach Louisiana wo sie unter dem Himmel der neuen Welt in seinen 
Armen stirbt. Das kommt ja „och dazu: Die Männer sind bereit, 

aurch das Kmdweib zu leiden ^K^r ei» ^k l • i -i 

. , .. iciuen, aöer sie rächen sich an ihm, wenn 

sie können. 

^ Dassadistische KIndwelb ist weniger sympathisch. Die Freundin 
eines Königs von Ägypten, etliche dreitausend Jahre vor unserer 
Zeitrechnung fuhr mit dem Pharao den Nil aufwärts, wo sie zu 
einem herrhchen Tempel kamen, den der König sehr bewunderte. 
Da bat die Kurtisane den König, er möge dieses Kunstwerk mit 
seinen ungeheuren Mauern und Säulen abbrechen lassen und strom- 
abwärts im Garten ihres eigenen Palastes wieder aufstellen. Der 
König fürchtete, der Gott, dem dieser Tempel geweiht war, könnte 
sich an ihm und seinen Untertanen rächen. Aber wie Salome bei 
mrem Verlangen nach dem Haupte des Propheten, so blieb auch 
die Kurtisane bei ihrer Bitte, bis der König nicht anders konnte, 
als nachgeben. Um ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebte, befahl er, 
das Gotteshaus mit all seinen Granitblöcken, Obelisken, Sphinxen 
und Säulen möge abgebrochen und stromabwärts transportiert 
werden. Diese Arbeit dauerte ungefähr ein Jahr. Eines Tages kamen 
die Schiffe mit Ihrer schweren Last vor dem Palaste der Schönheit 
an und die Sklaven luden die Steine aus. Die Schönheit fragte, 

Wuf..h' t ""'" "^ ''^^"^" ^^'''^ '^ ^^rwüsten wolle. Ihren 
wt Ta "'/'T''"- ^'^ ^^^ "^^^^ I^atte sie keinerlei 
, rWe- " "^"Tl' "°^^ ''''^'- '^' 2-1 ^^r --' -h selbst 

Je Jßr^d " o'7^ f ^''^' "^' ^'^ ^- über den König besitze, 
dessen t ^^^'^ .f'' Königs, je geringer der wirkliche Wert 

Sachlich jÜ .''"/^^^J^"^ verlangte, um so zufriedener wurde sie. 
beweisen A ü ^^^'f"^'^ niemals. Aber sie wollte dem Pharao 
liehen M.l ''' '"' '' ^^'' ^^^ht sie- Mit all seiner könig- 

Macht, mit seinem starken Wunsche, sie zufrieden zu stellen 



150 



^nd glücklich zu machen, wobei er seiner Religion gemäß sogar 
sein Seelenheil riskierte, konnte er nicht einmal em Lachein der 
Befriedigung auf die Lippen der Schönheit zaubern. -- - 

Das Kindweib hat eine ungeheure Macht, aber in Wirklichkeit 
*^at sie nkhu. Sowie es von seinen Bewunderern allem gelassen 
^ird, bleibt nichts übrig, was das Leben angenehm machen konnte, 
^as sie besitzt, gleicht dem Teufelsgeld in Hauffs Märchen: Em 
Bauernbursch schloß einen Pakt mit dem Teufel, daß er immer 
doppelt soviel Geld in der Tasche haben sollte, als der reichste 
Barsch im Dorfe. Eines Tages spielte er mit dem reichsten Burschen 
Karten und gewann immerfort. Schließlich hatte der reiche Bursch 
^^^n ganzes Geld verspielt, und da er welterspielen wollte, bat er 
seinen Partner, den Teufelsbraten, daß er ihm etwas Geld borgen 
n^öge. Dieser erbleichte, er hatte keinen Pfennig in der Tasche, ht 
^«^Ilte immer doppelt so viel haben als der andere. Der Andere hatte 
l'^^^ mehr, und zweimal nichts ist wieder nichts. Da alle gesehen 
^^«en, wie der Gewinner immer wieder Geld in seine Tasche ge- ■ 
^!^ckt hatte, kam der Umgang mit dem Bösen auf und führte zu 
emcm vorzeitigen Ende des Burschen, den der Teufel zur Holle 
^^Weppte. So geht es auch dem Kindweib und so geht es allen Nar- 
,^»ften. Man stopft sie voll mit Liebe, das Ende -t, daß sie mchts 
^^^^n. Man kann wohl verstehn, daß abergläubische Zeiten an- 
nahmen, der Teufel habe dabei seine Hand im Bunde. 

VII) Die Gefahren des Kindweibes 

^Iw liest häijfig. daß «n jung« Mädchen sich umgehr^ht hat 
""d man könne keinen Grund dafür finden. Sie sei schon und all- 
foein bewundert worden, vielleicht ein gefeierter Filmstar. Ihre 
S-^l-önheit habe ihr auch frühzeitigen Reichtum ""<'■■''"•> ^'= ^f' 
S""nd ge^^esen und noch am Abend vor dem Selbstmord habe sie 
S^'^ht. gescherzt und getanzt. Solche Fälle sind gewohnl.ch Kmd- 
*«K narzißtische Geschöpfe, über die die Welt zwar alles aus- 
!*üttet. was sie zu geben hat, die aber dennoch von der Welt 
immerwährend wie durch eine Nebelmauer getrennt smd Das Kind- 
'"="'. wie ich es hier geschildert habe, ist ja nur em Begriff, eine 



151 



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theoremche Konstruktion, die allerdings von der Wirklichkeit <ib- 

komm?„ "''•«'" /T°? '"' "»Wirklichkeit selten oder niemals voll- 
komm n triff,. Auch das Kindweib hat seinen Oedipuskomplex, 

mi la M" V fu ""■ ^'^^^' ''^'- E^ '='ß -"» f^her Erinne- 
Kolr ^""^''^''■''^" ■" "nd es weiß auch wie die männliche 

andTp '"'j- """': *' ^^ V"« »«™"t- Es fühlt also, da« 
durch! tT'°' r "'" '^'"'^" ^'^'■°" »■«1 ''"t weniger triumphal 

tS:rkL^;e ;Lrd j r d'7 ""■? ^'" ^-^ ''''^" ^r ■ 

i« « oftmals rZen D '." ''"" ""'^^^ kommt, dann 

^rarkes Minderw ertXCführe^f ■ .T"''"^ '"' """" f "e 
manchmal in den Tod ^'•^''■'keln. „„d dieses tre.bt sie 

^*oI/f ulTttef f "tT".™'' ''^''■^"' «^^ '^'^^''^ '" 
Alt„), 1 - 1 .*":"" Rmschgvfte besonders auseeliefert. D« 

am leicllr ""f'*""; G^8™aänden der ist, in den man sieb 
dl der aVT r •" ''""• ^" ^^' scherzhafter als es ist, 
schlimm,,,, c j j '" ^"^'^^ ^'Sen dieser Eigenschaft zum 
und ?"nk! ^r^ ''r ^'°^''''''" ^'=''"''^"- Zechen Sexualität 
hebt aHe R '*' "" ''""°'^"" Zusammenhang. Der Alkohol 

komme" "'""""f ^"f "nd die unterdrückten Sexualtriebe 
Kommen 2um Vorschein. 

ScÄ«1T ^°^P"''/'>"' Zartheit des Kindweibes ist auch die 

«eh et ±7l, ff "'"''"' Schwindsucht und Sexualität be- 
bt ebT„ ah '" Z"-n>n,e„hang, der von den Ärzten oft be- 
Ts Gift d t"k T^' '''^""''^^ ^"''» «'• Wahrscheinlich wirkt 
drüsen M " \"''f "'f« *«tt stimulierend auf die Geschlechts- 
ihnt :,.>;. '°.'''"'*^° ^^ädchen ins Gesicht. Wieviele von 
We en d ^'"/^t" "'° "" ''™ Kinderblick, dem ätherische» 
Tod!"' ' ^"'°^'° Entrückung und der Zufriedenheit sogar i"> 

haben det'f'^r'* ''' ""'t' ^^' Schlimmste. Griechische Philosophen 

erklärt Tv'''^'"'^? ""^ ^^' ^^^ ^^'^hste Glück der Erdenkinder 

Ausdruck fn' 7'^^ '! "^'^ Kindweibes findet ihren sichbarstefl 

in den Geschlechtskrankheiten, denen es unterliegt. Sie 

t52 ^ 



^h tt gh : 




kann bei ihrer Unachtsamkeit tind dem großen Verbrauch an Män- 
nern der Ansteckung kaum entgehen. Da sie meistens ärztlichen 
Ratschlägen nicht folgt, wird sie schwerer zerstört als andere. Sie 
wird auch psychisch schwerer zerstört als andere, da sie ja nar- 
zißtisch ist. Von Natur aus ist sk schamlos, aber ihrer Krankheit 
schämt sie sich und wird hysterisch. Kinder müssen geführt werden. 
Aber das Kindweib läßt sich nicht führen. Zwar sind viele da, die 
sich in sie verlieben, aber keiner ist da, der sie führt. Es wäre noch 
besser, wenn man sie unbeachtet ließe. Aber dieselben Maner die 
vorgeben, daß sie ohne sie nicht leben können, werden ^u ihren 
schlimmsten Feinden. Erst plagen sie sie mit ihrer Eifersucht und 
dann plagen sie sie mit ihrem Haß. Daß sie. die stolzen Manner. 
nicht mehr gelten sollen als ein Objekt, ist eine zu krankende hr- 
kenntnis. So sinkt das Kindweib nach kurzem, blendenden Aufstieg 
«meistens Immer tiefer, teilweise von ihren eigenen Dämonen ge- 
trieben, teilweise hinabgestoßen, und man findet sie m der tietsten 
sozialen Schichte, wenn man sie nicht gelegentlich m der aller- 
höchsten findet. 

Außerordentlich schwer fällt es dem Kindweib zu altem. Sie 
gleicht ja dem Burschen, der sich dem Teufel verschrieben hat 
Innerlich hat sie nichts aufgebaut, alle ihre Werte tragt s,e auf 
der Oberfläche der Haut. Sie ist das Musterbeispiel des Menschen 
der in der Bibel gemahnt wird, er möge sein Herz nicht an tor 
l^ängen. die die Mäuse fressen. Man sieht manchmal stolze S^hon- 
i^eiten. die angeblich aus unglücklicher Liebe schwer leiden, zi^am- 
"^enhrechen, einen Selbstmordversuch unternehmen, .^oktor ,^ s g 
'^^ van ihnen zu mir. „ich muß Ihnen ein Geheimnis anver- 
^^anen. Ich bin vierzig Jahre alt." Dann weinte sie zum Herzzer- 
»^^echen. als ob sie die erste und einzige Frau wäre, der so em 
Unglück zustößt. Ich war wirklich erstaunt, denn sie sah ungefähr 
'^ aus wie achtundzwanzig. Sie hatte keine Runzel im Gesicht und 
keine Unze überflüssigen Fettes an ihrem Körper. Ihre Augen waren 
g'-oß und strahlend und hinter den Tränen kam immer wieder em 
entzückendes Lächeln zum Vorschein. Dann erzahlte sie ihre 
Geschichte: Erst .ei sie Lehrerin gewesen, aber für diesen Beruf 
^ar sie zu schön. Sie ging zum Theater und hatte große Erfolge. 
"^^^ die Liebe anbetrifft, so hatte sie sich, wie sie sagte, immer 

153 



^dSäbt..- 







'ß 



1 



den Mann genommen, der ihr gefiel. Männer, die ilir nicht gefielen, 
denen sie aber wohl gefallen haben mag, beachtete sie gar nicht. 
Oft hatte sie sich einen Mann genommen gegen den Willen von 
Frauen, die sich im rechtmäßigen Besitz dieser Männer befanden. 
Sie war ihrer Macht so bewußt, daß sie auch Männer ohne deren 
Willen nehmen konnte. Sie wurde immer kühner und verworfener. 
Einmal trat sie an eine Frau heran und sagte: „Ich will Ihren 
Mann.^ Es ist das beste für Sie, wenn Sie freiwillig zurücktreten, 
denn ich nehme ihn mir auf alle Fälle." — Die Andere antwortete: 
„Mein Mann kennt Sie ja gar nicht." — Darauf die Primadonna: 
„Das wird schon kommen. Vorläufig kenne ich ihn und das 
genügt," — Man hat ja oft in Romanen geschildert, wie die Frauen 
es machen, um Männer gegen deren Willen zu kapern. Alles das 
war früher. Aber jetzt hatte meine Primadonna in der Liebe voll- 
ständigen Schiffbruch erlitten. Sie hatte sich einen Burschen von 
neunzehn Jahren ausgesucht, hatte ihn mit Geld und Wohltaten 
überhäuft und dieser Mann hatte sie verlassen. Nach einer kurzen 
Zeit des Glückes war er verschwunden, möglicherweise mit einer 
anderen Frau. Ihre Briefe und Telegramme beantwortete er nicht 
und jetzt wußte sie nicht einmal mehr seine Adresse. So geschah 
ihr genau das Gleiche, was sie in ihrer Jugendzeit anderen Män- 
nern angetan hatte. Das Gesetz der Vergeltung erfüllte sich. Man 
kann aber sehen, daß dieses Gesetz der Vergeltung In ihrem eigenen 
Wesen vorbereitet war. Obgleich man ihr das Alter nicht ansieht, 
merkt sie allein schon durch die Ziffer Vier, daß es herannaht, und 
sie fürchtet es entsetzlich. Spieglein, Spieglein an der Wand! Und 
in ihrer Tasche nicht ein Pfennig von dem Teufelsgeld. Sie muß 
sich Immer wieder beweisen, daß sie anziehend ist. Sie möchte aber 
auch In Form eines selbst arrangierten Verhältnisses erleben, wie 
aas Ist, wenn man nicht mehr anziehend ist. So stellt sie unbewußt 
che Figuren auf. Sie selbst verwandelt sich aus einer rücksichtslosen 
Nehmeria und Genießerin in eine mütterliche Geberin und handelt 
so gegen ihre eigene Natur. Als Liebesobjekt wählt sie sich einen 
„Kindmann", von dem sie bei ihrer großen Erfahrung wohl wissen 
konnte, daß keine Macht der Erde und auch keine Schönheit im- 
stande sind, ihn dauernd festzuhalten. Untreue ist ja ebenso der 
Kern des Charakters dieser Männer wie der des Klndweibes. Sie 



:■'! 1 



154 



^ill Ihre Macht ausprobieren und da .liegt sie nun wie ein Vogel, 
der gegen eine Felswand geflogen ist. Vielleicht kann man ihr 
»reifen, wenn man ihr diese analytische Erklärung vorsichtig bei- 
l^ingt. Jedenfalls ist es höchste Zeit, sie ^^^"^^J^'"^ "'^^ 
sie vor Verzweiflung retten will. -' s^:a'-^ 



.Kr 



i-J.Z. Q- 



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fjVj^j.'JU^'U 



VIII) Kindweib, die große Mode 

D« also ist der Typ. dem heute so viele Frauen "^«^hstr'be", 
■l« sie kopieren, wie man einen Perserteppich oder eine ler 
«hnur imitiert. Die Devise ist heute: schön ä™. '?"?• ., f !" 
richtig wählt man zum Vorbild die Frau, welche d.e S'honhe.t am 
«■»beschränktesten «igt, nämlich unbeschränkt von Matterhchkeit 
"nd von irgend welchen kulturellen Pflichten. Aber wie "«.^^1«="/ 
P«lenschnnr doch niemals aussieht wie eine echte, so muß die herr- 
«■»«de Mode an ihrer eigenen "nechtheit zugrundegehen^Fruher 
••^ben sich die Frauen kasteit, indem sie ihre sexuellen Wunsche 
»«terdrückten. Jetzt kasteien sie sich, indem sie h»"«""' ""^ "°^. 
■ichst dünn zu sein. Früher haben sie sich vor d- M -e ge 
«cht«, weil er den mühsam errichteten Schutzdamm prägen 
■'""nte. Heute fürchten sie sich nicht mehr, weil •''-' j" ^^^» 
»ichts bedeutet, weil sie narzißtisch sind und mehr » h°» «^ 
'»11«. um sich selbst zu gefallen, ak den Mannern. Diese Mode 
'« zu unnatürlich, um zu dauern. 

Aber eines ist wert daß es dauere. Die Frau hat eine Erfindung 
Bedacht: e. ,ibt keine häßlichen ^"'"" ""^''JZ^ly, betonen 
«hön sein .ie sie wUl. Sie muß es ;a ■"^-° -"^r^'' ^^ 
^"= heute, wo sie mit vorgestrecktem blutroten "'. 
S«aße läuft, und auch nicht so ungeschickt wie <»- «-J«" 
'ori^tin, die um sieben Uhr früh noch rasch IT"\I^ZCC^^, 
^'vor sie ins Bureau läuft. Während aber früher ""«"^y;;^ 
^«chöpfe, in der Überzeugung, sie besäßen gar k"»^/;;;^;^; 
''^^ft auf Männer, sich in ihre Höhlen zurückzogen "»d ™g^ucklich 
*-«". hat die Freiheit unserer Zeit den Weg gezeigt, wie man 
""'er allen Umständen anziehend ist, wenn man will. Das Christen 



155 



SyDg ^HR^ f-5ag-A-r-c-ssj§ 



I m 



tum und andere asketische Religionen haben einen anderen Weg 
gewiesen. Die Christin will gar nicht mehr Menschen gefallen, 
sondern durch die Schönheit ihrer Seele dem himmlischen Bräutigam* 
Heute haben wir den Sport, und der ganze Körper wird zu Hili^ 
gerufen, um zu zeigen, daß jedes Kind Gottes einer Blume gleicht 
und also schön ist. So traurig ist keine beschaffen, daß nicht 
irgendwo an ihr etwas Schönes zu finden wäre. Dieses Stück 
Schönheit wird voran getragen. Ein großes Auge, ein feiner Muna, 
ein eleganter Knöchel werden als Grundlage genommen. Sowie 
aber die Frau in dieses, wenn auch noch so kleine Stück Schönheit 
verliebt ist, dann wird dieses kleine Stück Immer schöner. Eiii 
Stüpk Narzißmus schadet nicht, man hat ihn der Frau immer ge- 
stattet. Goethe, etwas verändert: „Und wenn du dir erst selbst 
gefällst, gefällst du auch den andern Seelen." 

Kindweiber in großer Zahl würden die Kultur gefährden. Sie 
sind zu schön, um gute Frauen zu sein. Wenn man ihnen aber 
ablernt, wie man das macht, um schön zu sein, und wenn m^^ 
nicht in kläglicher Nachahmung stecken bleibt, sondern das Prinzip 
des Schönseins erkennt, dann wird man von der Mode unserer 2eit 
sagen, sie sei ein Wendepunkt gewesen. Vor dreißig Jahren hat 
siph das Mannweib vorgestellt und dem Manne als Kameradin 
angeboten. Er konnte sie nicht annehmen, weil sie zu wenig weiblich 
war. Hernach kani das Kindweib. Auch sie konnte der Mann als 
Kameradin nicht verwenden, und das aus demselben Grunde. Si^ 
ist zu narzißtisch, und zur Kameradin fehlt ihr die Hauptbedin- 
gung: die Treue. Aber nun hat die Frau alles erkämpft, was 
zu ihrer Seelenruhe notwendig ist. In der Periode des Mann- 
weibes hat sie die soziale Gleichberechtigung mit dem Manne er- 
langt. In der Periode des Kindweibes sind sie alle schön geworden. 
Vielleicht kommt jetzt die Zeit, wo sie unsere Kameradinnen 
werde^ können. 



ikl 



llü'i 



t56 



11 



ll 



Zur psydhosexuellem Genese.-.,. 
der Dumtabcit __ 



von 



i^V'.l' ',' 



„.'■>.;. Karl Landauer 

■ .w„.,... ...» ;^»/-j '';;;,t:rÄ»/;^- ^ 

analytikm (mit Genehmigung des Ver}assers. Zeitschrift 

ä Jv erläge.) dem Apnl- und Ma.heft ^f ^/^ ;J: ,, „ ;a i ^ 
für Sexualwissenschaft «« .^ ^^ ^^^^^^ g. 

fÄer««.,e,.^e« von Ma. ""/^l! '^^^^ ^J,,er. d.e Gelegenheit 
E. Weher's Verlag, Berim md Köln) Wn t ^^^^,,j, -^etzt 

auf diese (von Prof. Eulenburg und Iwan Bloä, gj ^^^^^^^^ ^^.^_ 
irr^ i6. Jahrgang stehende, von Marcuse vo U ^.^.^^^^^-..^^.n 
Schrift besonders hinzuweisen. Sowohl mu Diskussionen 

als mit ihren ^--f ^-/tltTie.^^^^^^^^^ ^''^ 

usw. beansprucht sie das ^^^i\^""''"' Verzweigungen zur Bio^ 
SexualwissensAaft kommt m^hrj ^^^^^ Kulturwissen- 

^ogieunäMed.zinPsyd.ologi u^^^^^^^ ■„ ,kr neben 

Schaft und Soziologie zu Worte. ^^"^ ^^,„ oder von thr 

Aufsätzen, die auf ^^ '^y^'^'X'ZalTJge^, die ^ wie die vor- 
bee^nflußt sind, nift ^^^^^^^fj^^^^^^^^^^ psychoanalytischen 

liegende von Landauer ^ «» ^rigerem ^ ^ ^ ^ _ 

ForsAung zuzuschreiben sind. " v U >. ^ - • ■■ 



^. J4„ 



'i%'J:i' 



I 



j- V art seiner Patienten 
De, Psychiater „.ig. sehr '»«"•f^J^,:" Grundlagen .urück- 
^"t angeborene, wenn nicht gar aut ererot _ . ^;d wissen, 

^"führen, trotzdem wir noch sehr wen.g darüber B^ ^^^ ^^ 
*^s eigentlich vererbt oder auch nur »"S"''"'" -„„chkeiten als 
*°hnhch werden dabei viel zu k°»P''';%X7;t über die 
;eretbbar angenommen, meist schon deshalb, w ^^^^^ 

^difeale noch vollkommen im unklaren smd. So .st 
'beliebt, die Dummheit als angeboren anzusehen 
Ak„. • . • i:-i, Air Dummheit? 



'beliebt, die Dummheit als angeboren »n^"»*^"" , j^^ neulich mit 
.Ab« wa. ist denn eigentlich <«' D™'"''^"!:, fJ,V ™ sprechen 
^'"em bekannten Neurologen auf dieses ^^ ^ ^^^^ ^.^^^. 
kommen wollte, meinte er wegwar end, daß ^^ p^^.^_^^ ^^^ ^„^^ 



rweriena, oaw "*•** 
eben.. LI ■ r u • Vpfühl ob dieser Patient von ange- 

^''emo habe man es einfach im Getuhl, od therapeutisch 

^^'^^^m Stumpfsinn sei oder ob man bei ihm etwas therap 



157 



! 









' i 1 
1 



daran ändern könne. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu kon- 
statieren, daß ich leider zu dumm zur „Wesenschau" sei und auch 
heute kann ich kaum etwas anderes tun, als Fragen aufwerfen. 

Schon die Notwendigkeit, unser Thema zu umschreiben, stellt 
uns vor eine Frage, und zwar eine sehr schwierige. S c h e 1 e r und 
vor allem Klag es kennen einen Geist, der der vitalen Sphäre 
(Körper — Seele — Einheit, um mit P r i n z h o r n zu sprechen) 
gegenübersteht, ein Etwas, daß einerseits aus einer Negation der 
Unmittelbarkeit tierischen Erlebens entsteht (H a b e r H n)» 
selber negativ ist, anderseits den Menschen erst zum Menschen 
macht, der in seiner Einzigartigkeit bejaht wird, ein Etwas also, 
das Träger der höchsten Werte ist, die einer autonomen Welt der 
Werte angehören. So genommen, ist der Dumme eben nicht oder 
nur vermindert im Besitz dieses Geistes. --^^ *"■ 

Leider bleiben bei dieser Erklärung so ziemlich alle Fragen un- 
beantwortet, außer der einen, die eigentlich nicht fraglich war, 
daß man nämlich selbst im Besitz von etwas ist, was den meisten 
nicht oder nur andeutungsweise eignet, aber deren Respekt heischt. 
So aber bleibt es offen, woher es kommt, daß fast alle Kinder er- 
staunlich geweckt sind, während dies doch bei lange nicht so 
vielen Erwachsenen der Fall zu sein scheint. Die Überschätzung 
seitens der Eltern mag dabei einen reichlichen Teil Fehlurteile er- 
zeugen, aber so oft kann sie nicht schuld sein, da auch Fern- 
stehende oft Gelegenheit haben, sich von der feinen Beobachtung 
der Kinder, ihren klugen Schlüssen und der glänzenden Art, wie 
Dinge, noch mehr aber Menschen von ihnen genommen werden, 
zu überzeugen. Ja man kennt sogar die Zeit, wo das Kind sich 
eselt, die etwa, wenn es Schulkind wird. Dann kommt noch ein- 
mal jene glanzvolle Epoche der Spät- und Nachpubertät. Sind 
hier die körperlichen Veränderungen schuld? Sind es gar sexuelle 
Vorgänge, wie die Psychoanalyse annimmt, deren große zwei- 
zeitige Veränderungsschübe die geistige Tätigkeit verarmen lassen? 
Schopenhauers Meinung, daß die Perioden sexueller Hoch- 
spannung auch die des Geistes seien, stünde damit im Einklang. 
Inwieweit wirkt die Erziehung auf dieses Abebben ein oder gar: 
ist sie an ihm schuld, vielleicht gerade wegen ihrer Einwirkung 
auf die Sexualität, speziell auf die Psychosexualität? Auch beob- 



158 




hl 

«d.tet man nicht gar selten, daß um das 4°. L=b^°f "^^ ^j! 
8"«iger Verblödungspro«S deutlich wird, <•;' ^", ^7°'""'^;" 
G"ichcrtheit in bürgerlicher Beziehung gleichzulaufen schemt. 
Anderseits reifen viele Menschen eben zu dieser Zeit, und 
Philosophen hat man gar von einer Hochblüte m noch spaum 
2«t gesprochen. Endlich zeigen besondere Anlasse, ^ 

'■> Wirklichkeil gescheit sein können, und noch Otters, u 
«cheite versagen. Hat man sich bei ihnen bisher getauscht? Ha 
"n Affekt eine Änderung für kurze Zeit oder '-^«^^^J^^ 

"-ernd erzeugt» Dann aber ''-«^ f /^^ ^'j^er t v e e^ht 
gange nicht nur hemmen, sondern auch forde ro. Oder ist v. 
■••Jug" nicht der wirkliche Gegensatz zu „dumm . sondern „g 
ächeit"? . . „ 

Des weiteren sehen wir, daß einzelne Fähigkeiten, einzelne ^ 
g^bungen im Laufe des Lebens wechseln können; so ^^f^Lt 
">' Auftauchen und Verschwinden während PfX^ho^che 
»Handlungen. Ja, die Therapie ist namentlich bei Kmderam. 
I-emschwierigkeiten so aussichtsvoll, daß man sie einzig deshalb 
^^ Behandlung nehmen soll. . . ^ell der 

^Also ergibt die Erfahrung, daß zum °'."'<'«'^" Tn^ rgibt 
f "-niheit etwas Behandelbares ist. ""j .^^„'tf 1 cK^^^ 
l'fwseits, daß diese Fälle psychogene Reaktionen *" j. 

'^nisse früher Kindheit darstellen. l^'^l^^^C^Cul 
«fiktiven Momente in ihnen, ja sogar die /"'^ ^_ 

^"'^gen und so manchen Einblick in das Triebwerk der Den 
P^zesse zu gewinnen. Allerdings vorerst nur emes ganz komplexen 

Prozesses. . ^ i„^ c',fp„ 

.Anders die Experimentalpsychologle: Sie hat um ^^J^^ 
;^^lleicht kann man sogar sagen: einzelne Vorau-tzu^^^^^^^^^ 
^^nkens und vor allem der Dummheit kennengelehrt. Namentücn 
'- Gehirnsi^^ und endokrinen Erkrankungen^ k^en w 
;;;--che n„,schriebenen Symptome von o r g _ ^^^ 

l^nz Aber ganz zwingend ist d.e Wse ^^^^ 

''^lil ebensowenig zu gründen wie auf unsere, u^ ^ ^^,',jl^ 
Zu Kr}.}' o , • \. ^Ur va?e Oft Wird die organiscüe 

J* schließen, scheint auch recht vage. ^''^ . „„,-!,„- 

Grundl... _:„_ j.. TT....i,.n bestimmter Falle sem, die psycho 



leßen, scheint auch recht vage. ^^^ . „„,-!,„- 

»dlage eine der Ursachen bestimmter Falle sein, die psycho 
S^» n« verstärkt ist. Den sichersten Hinweis auf organische Ge- 



n 



159 



j il 



n 



ncse von Dummheit sclieint mir heute noch die körperliche» 
namentlich die neurologische Untersuchung zu erbringen. Die ZahJ 
dieser Fälle wird sich mit der Verfeinerung der Technik sicherlich 
als groß erweisen. Solch auggesprochen körperlich Kranke scheide» 
für unsere Betrachtung aus. 

Daß CS psychogene Forriieh von Dummheit, „Psexidoderiienzeß 
gibt, diese Erkenntnis ist nicht neu. So ist es den Fällen vob 
,,.G a n s e r" meist cigentünilich, daß sie Erwachsene betreffenv ^f 
vorher von durchschnittlicher Gescheitheit waren; auch traten sie 
plötzlich auf schwere äußere Einflüsse hin, zum Beispiel Haft, auf. 
Diese Menschen aber sind in einer Weise dumm, wie sich der E^ 
wachsene gewöhrilich das Kind nur vorstellt, nicht wie es in der 
Tat ist.i Anders müßte es bei jenen psychogenen Fällen sein, ^^ 
von Kindheit auf das Kind sich vori Denk! eis tuttgen drückt. Hier 
isi ein tiel organisierteres D'ürhriisein gegeben. 



11 



i'ii 



den 



Vielleicht kann uns die Sprachforschung einen orientieren«-'- 
Überblick über unseren Pröblemkreis geben.'' Dis Wort diimm 
leitet sich vom althochdeutschen tumh ab, das im Wesentlichen die 
Bedeutung von stumm, auch taub hat und sowohl stum|)f in Bezug 
auf Sinne als a;tf Verstand bedeütfet. Ähnlich kommt Tor von 
torc ~ Irrsinniger, Täuber, verwandt mit Dösen und Duseln. 
Diese Worte deüteii also darauf hirt, daß die Sprachfinder als 
Wurzel der Dummheit eine Sinnesabblendung ansahen. 
Der Dumme hat einen engen Horizont, hörne = beschränkt. Ähn- 
lich ist es im Griechischen moros, während stupid uns auf die Ursache 
des Sinhenverschhisses als Schutz vor einem plötzlichen Sinnen- 
emdruck hinweist (stupeo ^ entamn vor, staunen). Auf die Ver- 
wandtschaft' mit körperlichen Mißbildungen deuten die Wotte wie 
hlod und dämlich hin, von denen das erste ursprünglich gehrech- 
lieh, schwach heißt, während zum zweiten das indogermanische 



V 4 ^^y^^?-"^ ^- ß- die Untersuchungen von Hahn über das Farbenbenennen beim 
Kinde und beim Ganser. 

.. i) Nach den Wörterbüchern von G r i m m, S a n d e r s und Kluge. 



160 




#t 



^.'^=- ermatten gehört; doch ist es auch mit der Wortsippe 
J^'w^em verwandt. Analog das Französische imbecile und das 
^'^lienische tapa. Eine besondere Seite der Dummheit zeigt albern, 
7 althochdeutsch alavari = gütig, freundlich; daneben bedeutet 
"^^^ Adjektiv auch ganz wahr. Der Dumme erscheint also nicht 
l^' liebevoll, sondern rückhaltlos ehrlich. Er gibt sich ohne Falsch 
;'"* ^st frei von Hinterhältigkeit. Er ist einfältig, simple, also der 
^^^gematz eines Zwiespältigen, eines Zweiflers. Er ist so dumm, 
f'^ ^« glauben, was man im Französischen wiedergibt: il estamsi 
7^ ^der hon enfant, ein gutmütiges Tier fast, bete oder auch nur 
/" Staatsbürger ohne Amt und Würden, was die Ausgangsbedeu- 
'''^S von Idiot ■ 



ist. 



;?.■.•,, 



.i ^ ^ i 



III 



^^^e ganze Kompliziertheit unseres Problems wird uns bewußt, 
die 



Wir 



^«^ Jvomphziertheit unseres iTuuicma yv.x- — - 
uns an die Resultate der größten Psychologen halten, 
P - -'^' kennen, an die Dichter. Es wäre eine ganz erstaunliche 
'^^^ von Material zusammenzubringen, sowohl der Kunstdichter, 
J ^^^ Volksdichter», in dem der Held der Geschichte ein Dum- 
^^'l^^' Ein dummer Held - das erscheint paradox. Wir konnten 
s/^-^e weiters begreifen, daß wir Gescheiten die Schale unseres 
T'''' über die ausgössen, die weniger Geist besitzen als w.r 
,7^ d^m ist nicht so. Zwar findet sich in der Kunstdichtung 



L "^in ist nicht so. Zwar iindet sicn m ^^-x .^-^ 
Zy zu ein Trottel, der wie in den Sh a k es p e ar es c h en 
'P^l^^enen in die Tragik des Geschehens ein Lachen hmem- 



Ri;^ 1 ^''" ^ rottel, der wie m ucn ^ l , 

"P^lszenen in die Tragik des Geschehens ein Lachen hinem- 
y 'äßt. Etwas ganz anderes bringen uns die Geschichten vom 
"W?" " ■•«''" Sieger, er ist der Glückliche, er .st m, 
und der Gescheite. Bei der Volksdichtung können w die Ur- 
scU-l ''*^ """hen: gewöhnlich ist der Dumme irgendem unge- 
,„V' Bauerntrampel, der über die Städter, d- Gelehr- 
v"" » »'Ibst über die Könige und den Pfaffen siegt. Diese Art 
rücl ^''""""g geht auf die Bauernschwänke des Mittelalters zu- 

*^» yfa A^ -n -1 T „n U-iri-P von den Rittern, den 
^^ der Bauer ein schweres Los hatte, von uc ^^ 



f^ 



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•LI -»-.« r; r im m sehen Märchen und 
ich vor allem an die allgemein bekannten Orim 
^^^ fantenan Bolte und P o 1 i v k a, Anmerkungen zu den Mer- ui^ Haus- 
Leip^r '" Brüder Grimm, 3 Bde., Dierricbche VerL-Buchh. Theod. Wachner, 



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'»lanach 1930- 



161 



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l'l' 



Pfaffen und den Städtern reiclilich ausgebeutet wurde. Er s*:n' 
wirklich der Dumme 2U sein, mit dem man nach Laune umspring 
konnte In den Dichtungen finden wir nun die Wunschträuffi 
dieser Stiefkinder der damaligen Gesellschaft- 
Neben dem dummen Bauernburschen ist es dann aber der dum 

^ , „. __ __. _ -. ^ k 

sten, der durch irgendwelche besondere Leistungen und du 
seine zunächst dumm erscheinende Verhaltungsweise sich doch 
der Klügste erweist. So wird die Geschichte vom Dummen se 
häufig zu einer Variante der Geschichte vom Stiefkind. "^^ 
dummen Helden sind meist Männer und Knaben; in weiblich 
Gestalt tritt das Stiefkind meist als stilles, unscheinbares, fleii^^S 
Geschöpf auf, das die niedere Hausarbeit tun muß und des Haup 
reklameartikels des weiblichen Geschlechtes entbehrt: schöo^ 
Kleider und dts Schmuckes. Beim männlichen Geschlecht scheiö^"^ 
die Hauptanziehungsmittel dieses Geschlechtes zu fehlen: geisWg 
Überlegenheit in der Form dessen, was man etwa esprit nenh ' 
sowie feine Sitten, Höflichkeit. Und wie die Aschenpntt« 
trotz ihrer Unscheinbarkeit den Prinzen gewinnt, so der Dum 
ling die Prinzessin, während die bösen Brüder das Nachsehe 
haben und womöglich noch bestraft werden. Wie gesagt: entwede 
ist der Dümmling das Stiefkind oder doch wenigstens da 
Stiefkind der Natur. Diese Feststellung, die ihr Pendant 
darin findet, daß der dumme Bauer das soziale Stiefkind ist, la» 
es uns begreiflich erscheinen, warum diese Dichtungen auf ein sO 
tiefes Verständnis aller Menschen stoßen, namentlich der Kinci^J"' 
deren Lieblingsgeschichten mit derartige Märchen sind. Denn ^^ 
das Kind ist ja das Problem, das Verkannte, das Schwache, Hilf' 
lose, das Damme, das Stiefkind zu sein, außerordentlich aktuell' 
Die Großen, namentlich die großen Geschwister, nehmen ihm alle« 
weg, besonders die Liebe der Eltern und ihre Liebesbeweise in Fof^ 
von Geschenken aller Art, aber ganz besonders in Form des höch- 
sten Liebesausdruckes, den das Kind kennt, des Zeitaufwandes- 
Denn Liebe Ist für das Kind Zeitaufwand, die Zeit, die die Muttef 
ihm gehört, die der Vater sich ihm schenkt. Nach diesem Z^^^' 
aufwand, dieser Liebe sehnt sich das Kind; danach ist sein Ver- 
langen unersättlich. Aber immer wieder wird es abgewiesen, ^^^^ 



jJI 



162 



2u wenig redet der Erwachsene mit ihm, tut viel zu oft seine 
Fragen mit den Worten ab: du bist zu dumm, so oft. daß dumm 
^^st gleichbedeutend für das Kind wird mit klein. Aber wäre es 
ein Kind wie die anderen, dann dürfte es seine Eltern hassen, 
^arum nimmt es begierig jede Gelegenheit wahr, die ihm gestattet, 
''^^ zurückgesetzt zu fühlen, um dann glauben zu können t das 
^ind nicht meine Eltern; diese Erwachsenen, die mich nur geraubt 
iL^f^^ti, um mich auszunützen, darf ich hassen. Und in seinem 
Traume sieht es sich dann groß, gescheit und damit ^o weit, daü 
^'^ Erwachsenen auf seine Anrede harren und um es buhlen. Und 
^' ^ird immer wieder dazu veranlaßt, dies zu träumen, da es sicn 
'^ Grunde viel gescheiter weiß, als die Erwachsenen es glauben, 
^« kommt es auch leicht dazu, diese dummen Erwachsenen zu 
^^rspotten, die nicht wissen, daß das Kind sie durchschaut, 
«^mentlich in ihrer ganzen Verlogenheit, speziell in der ^^^f^'""' 
- All diese Erörterungen sind durchaus im Einklang mit Adler. 
^'^ werden allerdings, den Wegen Freuds folgend, m die 
^^^feren Schichten der Motoren, der Triebe, vorzudringen suchen. 
^ Hin Beispiel aus der Praxis: In der Wohnung im Stockwerk über 
^'^ Kindern wird ein Baby erwartet. Bruder und Schwester 
[-' W. ^jährig) haben das schon lange g-^^f ""^ ^^.^ .,°^' 
f^^ die Veränderung der künftigen Mutter unterhalten. Auf ihre 
f^^gen nach den Zusammenhängen mit aufgeschnappten Bemer- 
kungen sind sie aber von ihrer Mutter mit dem Storchenn^archen 
^Mertigt worden. Da, an dem Tage der Geburt, geh di 
Jf ^terscheibe des Kinderzimmers in Stücke. Die ^f^^f^^^^ 
^^tter erhält auf ihre Frage, wer es getan habe, vom J^^g^"^^^ 
^-^oru der Storch, der in den dritten Stock habejlieg- Ä 
^;^e zuerst aus Versehen das Kind bei ihnen ^^/^^^j/ ™ 
^^bei mit seinem Schnabel die Scheibe -^S^^f ^^";,^^^;' ,"' 
^^^^rlich recht, so ein Lügenmärchen aufzutischen ^^^^^^^^^ 
\^^n. Strafe ab. weil die Mutter, die ihr Lachen nicht beherr- 
"'^en konnte, schleunigst das Zimmer verließ. ■' ^: i>^ 

^^1^0 ist es wahrlich verständlich, wenn so oft Menschen den 

üün,rv,_„ . , . , j .„^iipn. Aer sekundäre Krankheits- 

nunen spielen, sich dumm stellen, der sci^ 

«'"'-n der Dummheit wird mei« rasch und reichlich erhalten. 
^'^ 'äßt sie ungeschoren. Das Enfant tenible, das m semer para- 



II* 



163 



ii 



iii- 



ii 



\ ^ 



diesischen Harmlosigkeit all seine. Bosheiten an den Mann bringt" 
kann, bleibt nicht nur straflos, sondern wird zur gefürchteteft P^*" 
sönlichkeit. 

Vor allem kann das schwache Kind auf diese Weise seine Haß' 
gefühie loslassen. Denn — das hat das Kind reichlich Gelegenheit, 
zu erfahren — Unwissenheit, Dummheit ist eine wunderbar« 
Waffe. Und das Kind hat wahrlich tausendfältige Gründe, seine 
Umgebung zu hassen; behandelt die doch das nur körperlich 
Schwächere wie ein körperlich Krankes: „das verträgst du nicht ' 
heißt es den ganzen Tag. Und so erscheint der Dümmling <^J 
auch als scheinbar körperlich Kranker, Lahmer, Buckliger, Häß- 
licher. Oft mögen sich dahinter in Selbstbestrafung des mit dem 
Dummen identischen Dichters die bösen Wünsche gegen andere 
verstecken. Das würde dann heißen: der Dichter stellt eben durch 
dieses Darstellen des Dummen (der mit einem Teil seiner selbst 
eins ist) seine ihm von den Eltern eingepflanzten Minderwertig- 
keitsgefühle dar, die er aus Schuldgefühlen nicht Überwinden 
konnte. 

Noch unverhüllter zeigt sich dieses bei der Sturheit, mit der def 
dumme Held Grausamkeiten begeht, die oft als mystische Hand- 
lungen der Zeugung und Gebärung erscheinen: Der Frosch wira 
wütend gegen die Wand geworfen und wird dadurch zum schönen 
Prinzen; das alte Weib wird enthauptet und damit der bösen 
Hexe Zauber gebrochen: die schöne Jungfrau erwacht aus dem 
Schlaf. Männliche Zeugungsantriebe und Komplexe von Geburts- 
imd Wiedergeburtstendenzen drängen hier zur Entladung, ebenso 
wie die Zerstörungsantriebe. Sie brechen zu einem überdeterminier- 
ten Symbol durch, das uns - weil unbewußt bestimmt - mystisch 
erscheint; und sie dürfen sich durchsetzen, weil sie im Dienste des 
„Guten", der guten Fee, Mutter, erscheinen. 

Und auch vor allen möglichen anderen Unannehmlichkeiten ist 
aas^ Kind durch seine Dummheit geschützt. Es muß nicht dasitzen 
und die langweiligen Schularbeiten machen; man tut es in eine 
leichte Schule; während der gescheite, sonst bevorzugte Bruder 
u er den endlosen Aufgaben sitzt, darf das sonst zurückgesetzte 
Mädchen mit seinen Puppen spielen. So analysierte ich einmal eine 
28jaünge Asthmatika. die immer „beschränkt" war und nament- 



164 



l«h gar kein Sprachtalent hatte. Nun wollte es der Zufall, daß 
ih« beste Freundin nach Italien heiratete und «e jedes Jahr m 
'"d. auf einige Wochen ihr Gast zu sein. Sie konnte naturl.ch 
kaum ein Wort italienisch, trotzdem sie alles m allem wohl be.- 
«h= ein halbes Jahr in Italien gewesen war und Jedesmal vo 
*«r Reise italienischen Unterricht nahm. Aber d'«""^' /^^ "= 
« nicht tun. Es hatte doch keinen Sinn. Warum "'^ J""^^ 
<)"älen. Das brachte sie in einer der letzten Analysestunden vo 
Arer Reise. Wir deckten die ganzen Zusammenhange ^»f • ^ ' _ 
Vorteile, die ihre Dummheit ihr gebracht ""4 wo d-^e 
'wsten, ihre Krankheit. Nach der Reise erzahlte s.e ™"^ . S^^^_ 
^'e überraschende Geschichte: hinter dem Gotthard w ^ 
P^ar eingestiegen, das zunächst ins Kupee heremfrug o noc ^^ 
I^l"z da sei. Da niemand sonst anwortete, habe s.e S"= 
"' so mit den Leuten ins Gespräch gekommen. Nach g^ 
Z"t fiel es ihr auf, daß sonst niemand mitsprach, "»f j^ ^^ 
■'«^ plötzlich aufgegangen, daß sie die ganze ^^ j^^j^'^^f fje 
»prochen habe. Und von da ab konnte sie „auf emmai 
""ch. ...,, ■ ,,. „ 



, Bei' einigen Märchen scheLt aber diese Pointe J» ^em schljeß- 

■*en Glück zu fehlen, das uns die InS-»8'«^""«,f,' ;„f s„ ver- 
^echanismu. Dummheit verständlich zu mad,en ^ ^^^ 
';nft die Geschichte vom Hans im G 1 u c It in ^^^^^ 
f°'eendermaßen: Hans dient längere Zf ^/'"'" Z;''^,« Gold- 
»^ne Gehalt.« Als er von ihm geht, bekommt er eine _ 

k'"n.pen zum Lohn. Also hat er nicht «^^f ff, ,i' drückte 
"•« »eines Dienstherrn gerechnet. Aber der Gol&'umpe ^^^^ 
'hn, er - ' ■• ■• ■ ■- nf...^ für einen tsei usw. _ 



'nes Dienstherrn gerechnet. Aber a _ j^^^^ 

*»: er tauscht ihn für ein Pferd, für einen Esel us ^^^_ 

;"neer wird sein Besitztum, bis er »'"'f '^f ,/„ „„„ die 

'='ne hat, die ihm endlich ins Wasser fallen._ Da _;_^^^^_^^^^„j^„ 



, ■■ hat, die ihm endlich ins Wasser taiien_ - ^^ h„d,„ 
t> -^ « '« ^''' ^\1 Z^ kein "'ndlicher 






. ist glücy.ch, w.e - .^^ kein kindlicher 
zufrieden war. Das ist ^em Mar ^^f,i,d,n „lit 

^»^schtraum. Es ist eine Ermahnung: Du Kmd, s 
^^"^' was dir deine Ehern gebenlDu^Bauer^^ 

A)U . -A i.kob umsein Weib ZU verdienen. 

^^'tJ Man denkt hier an die lange Dienstzeit des J aKOo, ..^ ^^_._ 

•" dumme Hans will nicht den genitalen Liebesbeweis. 

165 



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allem, was dir dein Herr läßtS Es ist eine Geschichte — so möchte 
es scheinen — vom Standpunkt des Erwachsenen, des Herrschers 
aus. Aber die Vergleichung der Quellen zeigt uns, daß dies höch- 
stens auf die Fassung, welche die Brüder Grimm uns über- 
liefert haben, zutrifft, denn in einer Tiroler Variante hat Hans am 
Ende des Tausches doch Glück. Denn er wettet mit mehreren 
Herren um hundert Gulden, daß sein Weib ihm über den Ausgang 
keine Vorwürfe machen werde und gewinnt. In einer dänischen 
Überlieferung geht der Tauschhandel von der Kuh zur Ziege, zum 
Hahn, zur Flöte. Als er diese in einem Weinkeller feilbietet, fragen 
die „Herren", was seine Frau zu diesem Handel sagen werde. Er 
wettet um 400 Gulden, sie werde ihm kein böses Wort erwidern, 
und gewinnt, da die Frau mit jedem Tausch zufrieden ist. Aücb 
in dem Schwank von H a n s V o 1 z empfängt das Weib den betro- 
genen Bauern mit gütigen Worten. Diese Fassungen zeigen gan^ 
deutlich, was hier der sekundäre Gewinn des Dummen ist: gerade 
weil ich dumm bin, hat man mich lieb. Wenn wir uns überlegen, dd 
diese Geschichten für Kinder^ geschrieben sind, so heißt ihr Inhalt: 
ich will Kind sein, dann werde ich verwöhnt und darf das tun, 
was mir gerade bequem ist. Wenn ich nicht Erwachsener bin, 
brauche ich keine Unlust auf mich zu nehmen.« 

Wie aber soll man sich nun das Zustandekommen des Symptomen- 
komplexes Dummheit vorstellen? Gewiß nicht so, daß sich ein 
Kind eines Tages sagt: so, jetzt bin ich dumm. Wohl wünscht 
es sich oft, dies zu sein. Aber so lange dieser Wunsch bewußt ist, 
kann es - wenigstens subjektiv noch anders. In einem Fall zum 
Beispiel hatte em lojähriger Knabe ein Interesse daran, in seinen 
Lieblingsbeschäftigungen nicht durch die hohen Anforderungen 
gestört zu werden die man an seine Schulleistungen stellte. Er 
lernte deshalb m Gegenwart des Vaters laut lateinische Vokabeln, 
dachte aber immer: „ich mag sie nicht können" und natürlich 



GebLSr^ J; M '• !;• ^'T^'^' ^^^ "^^^^'^^^ Großmütter, d.h. körperlich 
ihm in der k ^"?\":. ^T"" ^'^^ ^^''^ ^"^ ^.r seinen verwandt fühlt, erzählen 
in aer Hauptsache die Märchen ! 

exis^L^n'^'^^V;?"??' ^"' ^'" A"«^^^™g. daß reichlich Gegenstücke zu der Geschichte 
rasch alles zu verli ^ ^^ ™™^'' ^^'^'S^'"' ™d '^^^'^ ^«icher, um schließlich 



166 



konnte er sie beim Abfragen nicht. Aber dumm war er deshalb 
noch lange nicht, und er konnte seine Dummheit auch nicht 
glaublich machen. Anders dann, wenn -,wie Kr etschme r sich 
ausdrückt _ ein „diffuser Wille*' besteht. Dieser Ausdruck schemt, 
^^ch wenn es sich um Kinder vor oder bei Erledigung des Ödipus- 
komplexes handelt, besser als das Wort „Wunsch" der zu dieser 
^^it noch nicht unbewußt im Sinne des unbewußten Verdräng- 
ten geworden ist. In dieses entstehende Unbewußte muß der Wunsch 
diffundieren. Noch korrekter allerdings wäre es, nur von Tenden- 
^'^ ^u reden, und wir können uns den Prozeß des Dummwerdens 
^ach Analogie eines Reflexes aus der Gruppe der Flucht-Abwehr- 
^eflexe vorstellen (die Psyche kennt wohl weder reme Flucht noch 
^loße Abwehr, sondern nur deren Kompromisse) als emen Speziai^ 
fall der „V e r d r ä n g u n g". Gerade für ihn scheint mir G o 1 d- 
'^eins Vergleich der Verdrängung mit der Autonomie be- 
^«nders bildhaft: auf Bedrohung wird mit Abwerfen eines Teiles 
^er Körperoberfläche (der Sinnesfläche) reagiert zwecks Verkleine- 
•^^ng derselben und damit der Angriffsfläche für neue Insulte. 

IV 

^ie Dummheit der meisten unserer Märchendümmlinge besteht 
l^^n darin, daß sie die Wirklichkeit nehmen, wie sie ist. und nicht 
^,'^g« fragen, woher es kommt, daß etwas „Ungewöhnliches ihnen 
^^gegnet. Sie fragen Geister nicht, warum sie Geister sind, sie stehen 
y^ ilinen auf du und du. Sie verhalten sich wie Kinder.^ die die 
^,y^ und die Menschen als gegeben akzeptieren, und nicht wie 
'^•^li Uug dünkende Erwachsene, die immer nach warum und was 
""^^ ^u welchem Ende fragen. Und so fahren sie gut, denn dem 
7»de gegenüber wird auch der Erwachsene, der Böse dem Kind 
f.H Jedes Ding Ist einzeln, eigenartig und neu; es isoliert alle 
^/^ge von einander und will nichts von einem „Sinn" wissen, den 
^^^ sinnlich greifbaren Erscheinungen noch haben konnten. Der 
^'^ße Narr Don Quichote, der überalterte Phantast, sieht m Stall- 
«i^edeti Edeldamen und in Windmühlen Rit ter. Seiner großen 

'^"ig der Kastration überdeterminiert. 



167 



^^^g^^ ^^^^^ 





hageren Gestalt hat Cervantes den Tollpatsch Sancho Päi^^^' 

deV7 L |^^"'=™b"''^^hen, gegenübergestellt, das lebendig gewof' 

ne btehaufmännchen, das es schließlich viel weiter bringt, ^I^ 

foU ^'"''' ™ ^^^^1^^" Kr etschm erscher Ty?^'' 

schung werden wir sagen: der Pykniker, der die Dinge ninH«;' 
Z '''u'u ' '''' ^"^' ""'^ ^^^^" ^äßt, ist natürlich glücklicher ^1^ 
aer verbohrte Dysplastiker, der keine Freude gewinnen kanfi. 

Denn wo der Dumme hinkommt, sind alle lieb und nett zu ihm^ 
er m gut zu den Pflanzen, den Tieren, ja selbst zur unbelebtere 

vH" ...''' ^^""'^ '' '^'^' ^^^" ^r in Gefahr ist, eilen a«e 
Vogel und die Ameisen ihm zu Hilfe, und der Teich spaltet sich. 
Jjer Uumme ist das vertrai,^«.«i;„„ t^-. . . .. r . _:.!,<■ ent- 



n° T^ ^"i*^^^en lüm zu Hilfe, und der Teich spalt 

Uer Dumme ist das vertrauenselige Kind, dessen Liebe nicht 

1^ 7 k l ^"' '^^ ^'' l^™-l-hen Gewalten für sich, ^^ 
lischen Leben dps Allt-o^^ j-_ i. Igsten^ 

dnr^f, t" u """'"!"'' 't"™^"' ^"^*=rs der, der durch Enttäus 

aurcii Liebesenttauschung an d^n PI. • i -l ' 

«tVK r,«. L- j , ^ -^ Litern sich von ihnen 

sich geschieden hat tin^ .„,„ t:. r . ... 



icht ent' 
, ^ ^^, ^^^ ^^^ himmlischen Gewalten für sich, 
n ete^. ^ " f """^'^^ '^^ ^^^^^^^tige Mutter - wenigs 
durch J^^^^^^^^"^«^"- Anders der, der durch Enttäuschung, 
Sic]?; ^I'^^^f "«^^^'^^""S ^n den Eltern sich von ihnen loslöst, 

w In f ' J ""'^ """ Erwachsener ist, allein auf sich ang^- 
wiesen, und im RAw„ß..^-„ j./i „ . . . . jieidet, 



wie..; 7 J "" ''"" Erwachsener ist, allein auf sich ang^' 
wie e,, , d Bewußtsein, daß alles sich voneinander scheidet, 

gegeneinander kämpft, auch sich selbst überall einstellt, bekämpft 
zu werden und durch seine „Gescheitheit" erst recht Feindschaft er 



weckt 

wemt^'t'""''? Liebesenttäuschung, die der Mensch erduldet, dk 
mcZl ^T '''^^'' ^^''^'> "^^^ die sehr viele ihr Lebtag 

^ kZS nr' "' "^'^ Liebesenttäuschung an den Eltern, die 
irie uf; : ^^/--hrtheit bedrohen und damit den Glauben 
^i^^^^-' ^^^^"^" ^^^-^' ^-- Allstärke, dessen 

(er ist namenthVh V r ""'' °^' ^"^^ körperlich Verunstaltete 

Sieg ü "teS:^' ^^"^? '"^^^^ ^-^™)' -^^^ ^"' 
älteren Brüder) dir u "''"''' " ""''^ ^^^^^^^^" ^^''''^ ^^'^' 
tochter Wir ken 'd T ^''"^'' ^''"^ '''''^ ''^'^'^^ ^'^ ^^"'^'' 
Stellungen aus tausTden' r ^^''''''''^'P'^'^' '^^'^^^^ körperlicher Ent- 
"oiden Symptom F /';^*^"^en und vielen hysterischen und para- 
gen der einon „ ""ß ''r ^'''^^^«"«Pensationen und Verschiebun- 
Abschneiden de r- ^i'^'''''^ Schändung des Körpers durch 
die ideale Murr t^""" .'^'^^" "*'" Wünsche auf die Königin, 
wtten Dummsem kann also heißen: kastriert sein. D^^ 

168 . 




dumme Held akzeptiert demnach die Kastration. Selbst sie hat ja 
Vorteile, wie wir gesehen haben, denn man wird als liebes Kind 
nun von allen geliebt, um des Kastriertseins, des Kindseins, des 

Dummseins willen. , , . , 

Sa stehen am Ursprung zweier« scheinbar grundverschiedener 
Symptome ganz ähnliche seelische Erlebnisse. Ich habe m einem 
Fall von 2 w e i f e 1 s u c h t aufzeigen können, wie an der Wurzel 
dieser Krankheit die Kastrationsdrohung steht, und habe diesen 
Befund seitdem an zahlreichen Fällen bestätigt erhalten. Em ^i eil 
^^r Persönlichkeit fand sich in der Rolle des Kastrierten, der trau 
Während der andere Teil an der Männlichkeit, der Unversehrtheit 
festhielt. Der Zweifel, der schließlich auf alles und jedes uber- 

.. 1- L -.,£ a;^ /.iVpne Person unc 



fragen 



t. Der Zweifel, der schlielSlich aui auc. ^»- ,~- 
--^gen wurde, bezog sich ursprünglich auf die eigene Person und 
'^^tete: Was bin ich, Mann oder Frau, unversehrt oder kastriert, 
^«ch auf ein zweites bezog sich der Zweifel, auf das Funktio- 
:^ieren der Sinnesorgane: darf ich meinen Augen trauen, dalS es 
l^^strierte Wesen (dl Frauen) gibt? Ist ein solches Verbrechen 
"Möglich, so ist auch mein Körper bedroht. Und alles was durch d 
Sinnesorgane geht, ihr ganzes Funktionieren wird ^ezweitelt i> 
g^n.e durch unsere Sinnesorgane greifbare "^^^ ^^^^^ ^^ 
^0- ihr wird die Liebe abgezogen. Aber die Frage lautet auch, bm 
'^h de„n ein Wesen, das sehen, erleben kann^ Und "- -^^J^ 
^^iner Erlebnisfähigkeit zu überzeugen, wird Lust in f- F-kuon- 
•^^stimmter erogener Zonen (hauptsächlich der Analerotik und des 



adismus) gesucht. . , , .c^Uln«pn 

Bei ^»1-^ 1 - • j j- c-nnpqnforten we tgehend geschlossen; 
^ei der Dummheit sind die binnespiortcii w , 

^ber si. .;.A „.... ...en unliebsame Wirkhchkeiten. ^ Iir 

IV 

heuer 



ist, 



• Dummheit sind die binnespioru^x» --^ö;-- - 
s.e sind gesperrt nur gegen unliebsame "^f'^f^^J^. 
en sieht der Dumme nicht, daß er einem f »« f^J^if^ 
;-,Sege„.ber steht, einem Ding, das "^-f J f,ri™ 
"'■ wie 2. B. einem Menschen, der semen Kopt ««" 
'^ägt. Er sieht die Kastration nicht, will sie n.ch: sehen D« w d 
l*»» ein Wesen sein wie ich und du. Ich sehe "'^t lang -h 
'^^Se nicht lang. Wozu soll ich Angst haben? Die Dummhe 
!^ffwindet_^iAngst^^^ 

Ph '^*'^^^' 'loch schimmert sie da und dort bei den «i-ug^" ^^ 

'»'itasien der Diditer durdi. 



169 



i|H 



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il T 



iii 



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¥' 



das Ist die Fähigkeit, die Libido zweckmäßig von der Außenwelt 
abzuziehen und den Worten, Vorstellungsbildern und BegrifiFen zu- 
zuwenden, die in einem wohnen. Denn wenn man dies getan h^^ 
kann man mit den Vorstellungsbildern und Worten Überlegungen 
anstellen, spielerisch an ihnen die Gefahren vorwegnehmen und 
so in fraktionierter erträglicher Form die Angst abtun und angst- 
frei sich der Außenwelt wieder zuwenden und jetzt die Gefahren 
richtig einschätzen und vermeiden. Well aber Dummheit und Ge- 
scheitheit aus einer Wurzel stammen, darum wohnen sie immer so 
dicht beieinander, so daß sich nicht nur die Zweige, sondern auch 
die Stämme vermengen. 

Einen sehr hübschen Beleg für die gemeinsame Genese von 
Dummheit und Denkzwang gibt jener oberwähnte Fall von Folie 
du doute und im Speziellen jene Deckerinnerung, deren Aufklärung 
die Analyse damals besonders förderte: der Knabe teilt das Schlaf- 
zimmer mit dem von ihm geliebten Dienstmädchen und sieht Sc 
Liebesaggression des gleichfalls geliebten Onkels auf das Mädchen- 
Aber er sieht nur die Oberkörper, das eigentlich Anstößige wird 
- weggesehen. An Stelle des Sehens aber tritt das Denken. Seine 
Entstehung ^ ist dieselbe wie Immer, und auch seine Aufgabe ist äk 
gleiche, wie wir sie stets finden, wenn sie aucK hier ins Patho- 
logisclie verbogen ist: Die Realität ängstigt; ihre wirre Reizfülk 
ist nicht wie bisher zu bewältigen: das Benennen, das Rufen nach 
der Mutter hat versagt. Die große Realität Mutter hat enttäuscht. 
Das Kind steht allein; von aller Welt geschieden, zieht es seine 
Liebe von der Realität zurück und sucht nun abseits von ihr in die 
Erinnerungsbilder und deren Wortrepräsentanzen Ordnung z^ 
bringen, Lücken zwischen ihnen durch Ausfüllung mit älteren Vor- 
stellungsbildern bzw. deren Wortrepräsentanzen zu schließe^' 
Namentlich wird die Realität durch einen „Sinn" und einen 
„Wert" vervollständigt. Sinn, das ist die gewünschte oder $^' 
turchtete Summation der Sinneseindrücke „Aller", der Mutter, des 
idealen Vater Gottes, und Wert, d. h. der Wert sub specie aeter- 
nitatjs, die Liebe des unbegrenzt lebenden Vaters, die er — ^i^ 
wir wünschen und fürchten -^ den Dingen gibt. So gerüstet suche» 
wir uns über das unlust volle aktuelle Eriebnis hinaus der ganzen 
Kealitat anzupassen und dadurch eben dies aktuelle Erlebnis z« 



170 



Wältigen. Anders der Zwängsgrübler, der zwangshaft das Greif- 
bare und das Ergriffensein flieht, um im Reiche der Wortbdder 
^«ner Zwiespältigkeit z« leben und durch magische Gesten mittel* 
der Wortbilder wie ein ferner Gott, der Vater, die Realität zu 
ändern. Anders auch der Dumme: ihn kümmert kern Sinn, kein 
,v, , . ""*■" •* j ■ j„ Wnrrf alle noch heißen mögen. 

Wert, keine Bedeutung und wie die Worte alle n Dummheit sein 

Er bewältigt die Wirklichkeit eben durch seine D"""^ «' ^^ 
NichtSehen, indem er ihr Mitleid, ihre Liebe ^f'^'^^^ 
Kind will von der allgütigen Mutter ergriffen -'f'^'-^'^^f^^^l 
aber es gelingt doch nur unvollständig. Be«er gdm^t es dem Den 
kenden. Dessen Geist genießt größere 7'"'''^,~_„j,, ,„ 
aber nicht allein aus der praktischen Bedeutung des V"™^"^ 
etklären. Sie muß noch tiefer ^^^1^21^0^^ 
vor allem die Ambivalenz aufmerksam, mit aer ac 

wird. 



W 1, k w l..r nur die eine Seite berücksichtigt, warum der 
Wir haben bisher nur aie c i i . „^^^„J^ ^JpVit nick 

Dumme nickt fragt: er ist der Wirkhclikeit zugewandt, sieht mcht 
md will nick sehen, was Kmter den Dingen ist. Aber et \iebt dlt 
Wirklichkeit und so kommt es, daß er auch zuweilen sebr viel 
Fragen stellt, mehr als zehn Weise beantworten können. Aber 
welche Fragen sind es, die er stellt, die die Weisen nicht beant- 
worten zu können glauben? Wissen diese Weisen in der Tat keine 
Antwort, -wdl sie die Dinge nicht sehen, oder wollen sie nur nicht 
Rede stehen, weil sie meinen, daß dies von Schaden sei, daß dann 
der Dumme, das bisher lenkbare Kind, gegen die Autorität der 
Eltern und der Beherrschte gegen die Herren sich auflehne? Oft 
scheint es, daß der Dumme eben weiter nichts ist, als der Lenkbare, 
das kleine Kind, dem die Rechte der Erwachsenen vorenthalten 
"Verden sollen, besonders die geschlechtliche Betätigung. So entsteht 
durchaus als Kunstdichtung, d. h. Wunschphantasie der herrschen- 
den Klasse — im Mittelalter als höfische Dichtung, in nicht weit 
Zurückliegender Zelt als solche eines Spätromantikers, der Freund 
^ines Königs und von enormer Selbstverliebheit war — die Ge- 
stalt des „reinen Toren": Parsifal. Hier ist ganz unverhüllt, daß 



171 



das, Was den T . 

heit ht A , '^"^ auszeichnet, eben seine ges,.- 

^eit ist. An ;i,« __•.,. .... ^^^^ kann 



schlec 






heit ist A • auszeichnet, eben seine geschieceiuv-» 

ein Werkt! 'f ^' "''^' ^'^ Sinnenlust heran, ^^'^ ^"^ 

lisierte V ' '"" "^'^ "^"^^"^ ^^^^^-^ ^^^hte sein, Vertre ^^ ^ 
w bS, x; ""' ^""^^' Er ist durchaus nach dem Wi len/^ 
Ä ■ """^^ '^^ ^-^-. die ihn abseits vom Ho e - ^ 
kommt Tl^'^^'^rd^^ gegenseitigen Alleinbesitzes erzogen ha _ 
ä^^Z^ZT' I"'^^'''^^^^ — Vorschein (Voge-o ^ 

immer wieder durchbricht. Da tritt ein Ritter ihm »» 
.1^' ^''' ^^"^' d-™ reinen Toren. .1. a... .«.heint und dam « '*' 



Wep ^« -L . -— "uncnt. ua tritt em JvitK^i — -j^ji 

> der Ihm, dem reinen Toren, als Gott erscheint und d^^ 

'Ommenhelt erleben läßt.» Um sie auszuglei ^^ 
hinaiic A:^ \ä„^. i nfpse vefsucn 



aus 



^ ne e,ge„e Un^oUkommenheft erleben läßt.» Um sie a"«»S'-;-^^ 
«' "-u'^f •"■--. *e Mutter verlassen. Diese versuch 
JoTet ;:\'^^''""='' - --h-. damit er, von der ^^c v^ 

fordert: e " ie^ r ^'^^' " " «'«^ "^^ "^""^ Sc ' 
Gram übe Te ^l''^'''^'^ ""'' ''^■"" ^"°''='"" " "t 'r '^ 
wenigstens -HelT ^ '"'^- ^'^ ^^■"' " ^^ """ !s Ki»* 
Kastrierten lil , ''" '^''""' '•-•f'^ ""^ ^''" "" .r J« 

Mutter liebend Leiter"'* '" t '"'' '"'"^ '"'''" ft^kt V 
»ch hassend ist er . " T""'' '"' ^"" "'' ^""f eb n d^' 
trauen die ;i, V t '""'' ^"S^tän: er zerstört das LeW» , 

der S«„e da er !?• °'^ ^^^^e für diesen Hai? erahnen *.^ 
«heu vor der Käst ^^"''''"P^^ ™ Schnee sehend, ^J''":l±;^ 
-^'^ ihm .ovielBä! T"/"'' "^^ Defloration.) In semer To' 
der Bauer -T "'*"'"' '« " das Kind, - höfisch ge^f^^'f ,,, 



'las Schweigen uld""d"'"'*/''^' ^"«^" "^"'- ^"^ ""^^ önd« 
Segen den Vater Ih! ^'**''" ^'''"'''^° P*"'"*' *'• Ü-^ 
^o kommt er auf . "«ertanen gegen den Herrn ist. 

'» das El „d Hu '"■''''"'" "»f «ä- Gralsburg, «eh' * 

^■"■"i; die Gew,l„- ■ geheimnisvolle Wunderbare (d»» , 
^"'de!) u„d ,,! '.^'''" ''" Durchbohrung Jesus *>«■ ^ 

'^-"^ «t, sti "^■. ^"' ="^ " 'l-ch abermalige Irrfahrte» ? 
-----_l,!^^||^j;;_^;^eidlge Frage und wird so Kön.g. ■*' 

9) Vergl. daz - ' — " k 

P^- (des Vaters oder ei „t ^'^ '" -aumatische Erlebnis de. Anblickes ei.es eng.- 
wner Vaterimago). 

172 



je Dinge wissend beherrscht. Auch bei Wagner wird er durch 
Muleid wissend, wie der Text sagt. Die Handlung aber zeigt uns, 
*ß er durch den Kuß einer Wissenden, nach ihm gierigen Frau 

genital geschlechtlicher 



selb, 



^r Wissend wird, durch Abweisung 
Liebe also. 

Diese Sage verrät uns deutlicher denn viele Worte, was es um 
^*e Torheit für eine Bewandtnis hat: Torheit heißt U n- 
^^ssenheit in sexueller Beziehung, sie ist der 
yu tisch der Eltern in bezug auf ihre Kinder, 
^"d die Erfahrung an unserem Krankenmaterial zeigt uns, daß 
^'^ großer Teil der menschlichen Dummheit — wie Freud uns 
^_ies lehrt — dadurch zustande kommt, daß die Kinder bemüht 
^'nd, mn ^^^ gi^^j.^ ^^ gefallen, nicht mehr zu fragen, woher sie 
^onimen, welchen Anteil an ihrem Werden der Vater hat, wie sich 
^le Geschlechter unterscheiden und all die tausend Fragen, mit 
"^J^^n die Kinder den Eltern zur Last fallen. Und weil dies die 
^mder sehen, lernen sie schweigen. Aber noch mehr sehen sie oder 
!^^ßten sie eigentlich sehen: daß ihre Eltern sie anlügen, nicht nur 
J dem Sinne des Erwachsenen, daß sie anders reden, als sie 
^'^ken, sondern vor allem auch in dem Verstände, wie das Kmd 
l^' Vort Lüge gebraucht: das nämlich die Erwachsenen anders 
^'^deln, als sie reden. Aber das Kind darf seinen Eltern gegen- 
^^er nicht äußern- du lü-st. Es will auch nicht denken und sehen, 
"^"ß die Eltern lügen, also das tun, was es von ihnen immerfort als 

^''" gewehrt bekommt. Denn böse sem würde ;a he.ßen unge- 



JiOi 



'^^- -in. Und das Kind will seine Eltern heben, mcht n^ au 
^^ sondern auch aus tarnend Sehnsüchten. Und so verschheßt das 
flf> ^m an die Eltern zu glauben, seinen Blick ^vor der Wirk- 
t^^it. Es darf nicht mehr sehen, als zum Bilde der idealen 
^^ paßt. Dumm und unwissend sein ist auch unfähig sem, 
'''^ Kenatnisse über die Fehlbarkeit der Eltern zu erwerben. So 



di 



Verhöhnung der 



T,f Patientin, aus deren Erinnerung ich die 
^^t^er durch den Bruder oben gebracht habe. Sie wußte bis weit 
r zwanzigstes Jahr nichts von irgendwelchen sexuellen Vor- 



gen. 
y^y^' Zeit^Wdi^^briii^'konnte, war nur die Angabe^^der 



f^gen. Ihre einzige Erinnerung, die sie über ihr Sexualwissen aus 



trüh. 



^^^^^r. daß sich die Knaben von den Mädchen durch spitze Ellen- 



l'L .. 



173 



son 



I 



'( !' 



bogen unterscheiden. Die Mutter hatte also nie gelogen, st;.--; 

immcr die Wahrheit - wenigstens symbolisiert -- gesagt. Erst ^^ 

Laufe emer langwierigen Analv.e ff^llt.n .ich die Lücken ^^'' 



-». -«iigwii-iigca /inaiyse füllten sicli aie i.uw.>— 
Uabei zeigte sich als starkes Motiv der Verdrängung ihres frühere^ 
sexuellen Wissens, daß sie nicht wahr haben wollte, daß die ElterB 
lügnerisch und sexuell sind. 

Wir kennen einen Typus, der wegen 'd^ blinden Ergebenheit 
den Eltern gegenüber diesen sehr angenehm ist und von ihoeB ge- 
radezu als Musterkind bezeichnet wird, arme Wesen ^'' 
jugendlichen Körpern, aber mit altersstarr beherrschten Mien^"' 
i^ie smd immer „brav", d. h. sie stören die Eltern nicht und be- 
reiten ihnen sogar die Freude, daß sie stolz mit dem Lob ebenso 

sZm ". "^ r"^^" ^^^^'-' Kenntnisse, namentlich auf 
prachlichem und begrifflichem Gebiete kann ein Musterkind sich 
.!... '^T "T^'"' ''' '' d-h nicht „zerstreut", weil es stark 
^ was K 7'^' ^^^ ^'' ^ff^^t^ abgeblendet ist. Auch kann es 
duziIrL r"^'" -^poniert -, besser erworbene Kenntnisse reprO' 
■ s^a tl chf, t "'^"'^ ^^^"^^^^^ ^-d, daß durch seine leide^' 
nt eW ^^^ g--t wird. Aber sobald das 

nichts ,^1K,- j- ,■ '*'"' 8=8« d« Greifbare, nimmt e^ 

pa* 1 t It^ ""^^ ""'' ^""-g »1- auch nicht sich an^»" 
große Bell " ''■ "'''' ''^'^ '"' » außerordentlich häui5g a"' 
große Begabungen m begrifflicher Beziehung z B Rechne»' 

SZ ""'J""''' ^P-1- >>=' Mrn:cT;n J;». die i^ 
°™ dumm smd. Tm™., _.i j .... .... Jaß 



Leben d„^ """ '«Me Sprachen bei Menschen stoßen, die «" 
K«henkZd "":?■ l""" ^'"^ '» -i" Literatur erwähnt, daß 
« en t h !^ r'''' '■'"'*'='" geistige Phänome häufig geistig d'b'' 
gdel b ; 7\ '''■''* "^l-' "■" -= von Geburt an fet- 
borene; gI"" '\ \' ''""'"«e Begabung bei im übrigen ang^" 
2w ng n^r"d ''% ^''"''"° ™ -' besondere Form /=' 
4-5 Tete? ^^" 'J ^"''«'" J"8="d b«tand (meist seit dem 
«nmMtr ' J^ ""'' '° ■*=" E"'"'' ™" Kenntnissen scheinbar 
^''anLftt ?"'. "^''""'^ »■"'=""« bestimmte Fähigkeite» 
sonderer H„?^'''.T''' *"<"» (Krankheit mit dem Gefühl be- 
Fälle von n T'^ " ''" Symptomes). Analysleren wir solche 
langer, aber 7 u-"' '" ^'""8' «» ™=^ bi™"len innerhalb z**«- 
aber doch .m Verhältnis zu den nun auf eimnal gewonne- 

174 ' 



all 



^f^ Kenntnissen unverhältnismäßig kurzen Zeit von 2—3 Jahren 
^*"e Nachreifung zu erzielen, die die latenten Kenntnisse von 20 
Jähren und mehr den Kranken zur Verfügung stellt. (Die beson- 
^^^ Fähigkeiten dagegen werden durch die Psychoanalyse nicht 
^gebaut. Als Eigentümlichkeiten, die sehr viel Lust bringen, und 
^ sie realitätseerecht sind, werden sie beibehalten, trotzdem sie 

■ivrankheitssymptome entstanden und gebaut sind.) 

•Dummheit ist, dies sei nochmals besonders hervorgehoben, vor 

^J^ auch eine Form der Erledigung des Hasses, namentlich des- 

^^'Jigen, der aus dem Ödipuskomplex stammt. Daß dieser gleich- 

^^^^ig das Ventil des Hasses versperrt, wurde schon oben gezeigt 

^2 ^ird gerade auch an der P a r s i f a 1 - Sage klar. 

uch in dieser Beziehung ist die Zweifelsucht von denselben 
e len ^ig ^-^ Dummheit gespeist: kaum eine Neurose macht den 
A.ranlc(='n 1 «ir . er» . 

de I ^° hdfsbedürftig im praktischen Leben, so zum Vampir 

nj . ^^1^' besonders der Eltern, wie der Zweifel. Aber dies ist 
Z^ -f^^^ ^^^^ oberflächliche Schicht. Tiefer unten zeigt sich der 
eifel gegen die eigene Person gerichtet, die der Sinnesorgane 
Kr*"^r ^^^ ^^"^^^ beraubt zu sein fürchtet. Die Instanz aber im 
srnT^^-'^' die ihn immer wieder zu zweifeln, zu fürchten zwingt, 
Ick , ^ geliebten, gehaßten Eltern, mit denen sich ein Teil des 

Ab 
lücht 



I *. 



(..Überich") identifiziert hat. 

^^ iioch mehr: wenn das Kind zweifelt, indem es — was es 
heim ' "~ hinter den Dingen und Worten einen tieferen ge- 

len ^l^^^^^^^^n Sinn vermutet, folgt es seinen Eltern, die in sexuel- 
^en T^^^ hinterhältig, zwiespältig, lügnerisch sind. Der Teil des 
^ega" ■ ^^' der zweifelt, ist so bÖs, unwahr wie die bösen Eltern, 
l^jj.^,/^^^ Elternideal, Eingebung des Teufels, wie die katholische 
£lter ^ ^^^^'' ^^^ '^^^^> ^^^ ^'^^^^ zweifelt, wie die „gut" gebliebenen 
%^!^' ^^^ ^^^ das Höchste, Edelste im Menschen, Vater und 
all 



!en 4 . Ichideal, göttlich. Und so ist es kein Wunder, daß zu 



en 2ei 



doc^ 1^"^^ ^^^ ^^^^^ dem Körper als überirdisches, gläubiges und 

Sgj-^ \^^"^endes, verneinendes Prinzip gegenübersteht. .- ^. 
reich*! ^^^d daher die Einfältigen, denn ihnen blieb das Himmel- 

Leide'' '^'^'^^*'^'" Liebe. - 
kläry ^ ?^^ ^^er bekannt werden, daß mit der bisherigen Er- 
ficht annähernd die Kompliziertheit der Parsifal-Sage 



m 



175 






\ I 



und des Problemes Dummheit erschöpft ist. Vielmehr ist die Sage*" 
bereits eine Reaktion auf die frühere Lösung: der Mann Parsifal 
tötet den Vater und errettet die Mutter. Statt dessen ereignet sich 
das Umgekehrte. Auch ist das Weib deutlich die Versucherin und 
nicht mehr die Verfolgte. In ihrer Person erscheint schon die 
Sünde personifiziert; Klingsor, der Zauberer, ist bereits als böse 
Macht erkannt (kastriert)! Nicht mehr die gute mütterliche Frau, 
etwa eine Fee, bringt die Hilfe, sondern der treue, väterliche 
Knecht. Wenn wir die zeitgenössischen Miniaturen des Epos be- 
trachten, die weibliche Haartracht der Männer, die knabenhaften 
Körper der Frauen, so ahnen wir, daß auch hinter dem heldischen 
Rittertum dieser Epoche die Frau eine nicht nur unterirdische 
Herrschaft ausübt. In die nämliche Richtung weist auch das — 
wie mir scheint — wesentliche Einschiebsel Wagners in die 
Dichtung Wolframs: Die Tragödie der Kundry, des Weibes, 
das im Banne des unheimlichen Mannes zur Dirne wird.^^ 

Auch in den von mir analysierten Fällen von Dummheit schien 
mir die Homosexualität eine wesentliche Rolle zu spielen, wobei es 
den Eindruck erweckte, als oh der Ödipuskomplex durch eine sehr 
große Verschiedenheit der Eltern (oft in geistiger Beziehung) eine 
besondere Färbung erhalten habe. Meist trat die gleichgeschlecht- 
liche Bindung unverhüllt hervor: der Spießgeselle wurde mit naiv 
offener Zärtlichkeit geliebt, was die therapeutischen Möglichkeiten 
dann gewöhnlich erheblich erhöhte. 

VI 

Es ist vielleicht gut, hier das über die Psychosexualität des 
Dummen Gesagte zu ergänzen: 

Die Sinnespforten des Dummen sind gegen alle Eindrücke ge- 



10) Ich verdanke dies emer Mitteilung von Dr. Federn, dem ich auch bei dieser 
^Gelegenheit für seine zahlreichen Hinwelse danke. 

11) Analog wird in den Musikdramen Wagners neben den männlichen Helden der 
im Hör r''% '''^"'° bedeutsame Frau gestellt (so Ehsabeth in Tannhäuser. Senta 
lieh ' ^^^^^^ '" '^^^ Nibelungen). Fast nur die Meistersinger sind ein mann- 

1 zentriertes Stück. Um diese tiefen Zusammenhänge zu erfassen, wäre wohl eine sehr 
netsdiurfende Untersuchung der Zeit des Minnesangs wie R. Wagners nötig, die den 
J^anmen dieses Aufsatzes, aber noch mehr meine Kenntnisse überschreiten würde. 



176 



scJil, 



ossen. 



stören k" ^^ ^^^ ^^^ ^" seiner harmlos kindlichen Sinnenlust 
Uniwel ^T^"' namentlich soweit sie ihn in Konflikt mit seiner 
Die T \ ,* , ^^"*^" Eltern und Pflegepersonen bringen können. 

:ner 

Den bzw. auf sie regrediert. Und zwar können wir 



istobjekte 



eroge« ''"'^ im eigentlichen Sinne sind die Sinnesorgane, die 
steh^». ...^"^"' ^^^ Dumme ist auf der Stufe der Autoerotik 
nun so 



jede Fl- ^^^ ^^^^ erogenen Zonen als Lustobjekte, so gut wie 
^^^ige 1^ ^^^"^ derselben als Lustziel finden. Dabei treten allerdings 
den T\ ^°^^^^ hervor: vor allem die Mundzone, Gerade unter 
das V ^^ hnden wir eine große Anzahl von Menschen, denen 
ihren T k "■ '^^^"^^^ außerordentlich viel bedeutet, ja direkt 
^nd jr ^"^^linalt. Im Speziellen können Süßigkeiten, Rauchen, 
selte,^ ■ ^^ ^^"^ Sroße Rolle spielen. Daneben findet man nicht 
hat, D„ . ^ y P' ^^^ an seiner Muskelkraft eine große Freude 
^u U;i . ^^''^ ^s einerseits erklärlich, warum diese Leute so gut 
hii s . ^^ Betätigung zu gebrauchen sind, besonders heute 

^^^f le" li ^^^^ Rolle spielen. Kommen sie doch auf diese Weise 
^ieer 1 ^^ einem narzißtischen Genuß, der um so schwerer 
Versj^ j Innen ermöglicht, über die sonst ihnen überlegenen 

^*^^ken ü^?^^^*^^^" ^" triumphieren. Diesem Typ der Muskel- 
^*"gs ni' ^.r ^^^S'^ngsfreudigen steht ein anderer gegenüber, aller- 
^^^ Mu W 1 "^^''^^"lischt, der eine Hauptlust in der Entspannung 
"^Iben. . ^^"^ findet, namentlich in dem stärksten Ausmaß der- 
^sseu ün-j *^ -^**en. Bei vielen dieses Typs kann man sagen, daß 
^•^Uaf ^ *^nlafen das sei, um das sich ihr Leben dreht. Um den 
'^Ij ün, . ^^^^^"cn und um ihre Oralerotik zu genießen, sc\Ak& 
'^e^ten z .^^^^nieine Euphorie mit allen narzißtischen Kompo 
^1 ^ü ( ..^^^^^l^n, kommen diese Menschen leicht dazu, dem Alko 



großg ^ "^"' Und so finden wir gerade unter den Dummen eine 

^^^ ist 
Qere, 

^^drii^L * }^ denen man mit Kumpanen auf die gemeinsamen 



von Alkoholikern. Besonders der Schnaps- und Bier- 
^J^deref "-^ ^^ ihnen verbreitet, weniger der des Weines*^ ^^^ 
l'^Senomn,?"^^^'^*^- "^ird doch der Schnaps meist in Destillen 



. ^-tver Sek' t •*"« tr 

° man . "^^■'Pfen kann, und das Bier am behäbigen Biertisch, 



_J_^^enso stumpfsinnigen Philistern zusammenhockt, um 



fi •LänH . 

^^'^Most A^- ^^^^^ ^^^ Weinkonsum eine ziemliche Rolle spielt, zeigt es sich, 
junger Wein eine besondere, den Dummen anziehende Bedeutung hat. 



ti 



All 



nianadi i 



930. 



177 



1t' 



alles besser zu wissen. Und so geben gerade diese beiden ^ ' 
bzw. die Art, wie sie eingenommen werden, reichlich Gelege 
zum Abreagieren feindseliger Gefühle gegen die mächtigen t.1^ ' 
bzw. älteren Brüder, aber auch zu mehr oder weniger deutlic 
Betätigung homosexueller Regungen. Besonders häufig kann 
diese bei Biertrinkern nachweisen, wo der starke FlüssigK 
verbrauch ein häufiges Wasserlassen verursacht, das dann meist g 
meinsam besorgt wird und zur Befriedigung homosexueller -sc ^ 
und Zeigelust führt (gegensätzlich häufige psychogene Unfähig 
in Gegenwart anderer Wasser zu lassen.) 

Auch die Analerotik ist bei Dummen recht häufig sehr ^ _ 
geprägt in unverhüllter Entäußerung wie auch in den komp 
zierteren Formen des analen Charakters, wie er uns in must 
gültiger Weise von Freud und Abraham aufgezeigt wordc 
ist. Stark und oft ohne jegliche Verdrängung tritt uns der H^^» 
zur Grausamkeit entgegen. Besonders häufig gegenüber den nO^|^ 
kleineren Kindern: dem Kind und dem Tier. Allerdings fin^^^ 
man ihn gerade auch diesen Objekten gegenüber besonders starJ' 
überkompensiert in einer geradezu rührenden mitleidigen müttef' 
liehen Sorgfalt: kann dieses Mitleid ja dem Stiefkind der Natuf 
die Möglichkeit zur narzißtischen Lust gewähren, sich hier einnia 
als Großer zu dünken, ein Mustereiter zu sein. 

Die ausgesprochen erogene Zone aber ist das Genitale; jedoco 
handelt es sich nicht um die Erreichung der vollausgcbildeten 
genitalen Entwicklungsstufe, auf der zur Lustgewinnung die Gc 
meinschaft mit einem Liebesobjekt nötig ist und die anderen Lust- 
zonen der Vorlust dienen. Es bleibt in der Hauptsache bei ^^^ 
Onanie, sei es als Selbstbefriedigung im engeren Sinne, sei ^^ 
mittels einer Person des gleichen oder anderen Geschlechtes. Dem 
Vorwiegen des Autoerotismus entspricht die große Anzahl voB 
Perversionen, die wir in ausgeprägter Weise bei Dummen finden. 
Aber selten veranlassen diese ärztliche Beobachtung, höchstens auf 
dem Wege des Gerichtssaales. Dem Dummen erscheint alles mehr 
als harmlose Selbstverständlichkeit ohne Schuldgefühl. Allerdings 
ist auch ein großer Teil der Perversionen verdrängt und tritt dann 
m seinem Negativ, meist in Form kleinerer hysterischer Symptome» 
in Erscheinung. ^, ,, ...... ^ 



' 178 



■Xt. 



^.^ine besondere Rolle spielt hiebei die Schaulust, im speziellen 
^^ ^xualneugierde. Wir haben ihre überragende Bedeutung bereits 
gg^^J^S^^^^nt: sie kann der Anlaß zur Dummheit sein, indem 
^ich ^ ^"-^ ^^^ "'^'^ damit auf jede Erforschung der Realität ver- 
ein h^ ^^'^^' ^'^^^'^^^^^^ ermöglicht gerade wieder die Dummheit 
hemmungsloses Nachgeben an diese Neugierde, 
ün hat uns Freud gelehrt, daß die Sexualneugierde eine 
1 ^P^^^gcntümlichkeit jener Entwicklungszeit ist, die er die 
. ^ nennt und deren Einstellung 2:um Genitale eben jener 
PhT-^**^^'^' *iie wir als die des Dummen beschrieben haben. In die 
^ ische Epoche datiert auch Freud den von uns als Ursache 
^ ummheit beschriebenen Untergang des Ödipuskomplexes an 
£j^, ^^^^""^tionsdrohung. Auch die Objektwahl steht mit ihr in 
^ng: Soweit Liebesobjekte überhaupt in Frage kommen, sind 
^ Von dem Typ, den Freud als Anlehnungstyp beschrieben hat: 
^. ^ ^nmmt kuschelt sich sozusagen an Vater und Mutter an. Auf 
c besondere Form narzißtischer Objektwahl haben wir schon 
gewiesen: ein Personenkreis, vor dem der Dumme Held sein 
ß- Und er ist ein Held, indem er richtig handelt, der Kluee 
> trotz seiner „Gedankenlosigkeit", ja gerade wegen seiner Kind- 
ichkeit. Er ist der Däumling des Märchens, einfältig wie ein Kind 
^nd klug wie die Schlange. Nun ist aber der kluge Kleine — 
"Vorauf schon R i k 1 i n hinweist — ein Symbol des Phallus, „der 
Wrnlose Penis", der ungelehrt alles weiß und kann, der dumme 
Held. Und wie im Märchen, so in der Wirklichkeit, wäre Dumm- 
'^eit also der Zustand der Existenz rein als Penis. 
_ Durch Freuds Forschungen wissen wir, daß die von konver- 
sionshysterischen Symptomen befallenen Körperteile dem Unbe- 
"ßten der Kranken Genitalien darstellen. In der psychogenen 
. ummheit liegt ein analoger Vorgang vor: Das ganze Individuum 
^^} Genitale. Wir sind daher berechtigt, die Dummheit als hyste- 
rische Lösung des nämlichen Konfliktes anzusehen, für den die i 

"^eifelsucht die zwangsneurotische ist, nämlich der Kastration i'l 

^" ^"^gehen, indem man sie gleichzeitig akzeptiert: Da der Dumme l' ■ ^ 

^ Der Phallus ist, braucht er keinen. i 

s h ^^ ^^^'"^ssion beziehungsweise dem Verharren auf der phalli- 1 t' 

^ en Sexualstufe entsprechend, finden wir in sehr zahlreichen 

i 






Fällen noch andere hysterische Mechanismen. Bei jenen Fallen» 
die stärker mit Zweifelsucht untermischt sind, treten die anal- 
sadistischen Züge und die Zwangssymptome deutlicher hervor. E>*' 
neben bestehen meist unverdrängte oral-muskuläre Partialtriebc. 



VII 
t- Das Bild, das von der Dummheit entworfen werden mußte, is 
reichlich widerspruchsvoll: liebend den eigenen Sinnen hingegeben 
— abgeblendet gegen die Außenwelt — ihr liebend zugewandt, 
Furcht vor der Kastration — ihre Akzeptierung im Symptome der 
Sinnesberaubung; naive Hingabe an Autoerotik — der Sexualita 
verschlossen; liebevoll — haßerfüllt; dem Greifbaren zugetan --- 
groß in einzelnen rein sprachlich-begrifflichen Leistungen; kindisc 
unfähig, hinter die Dinge und die Absichten der Menschen z^ 
blicken — von gesundem Menschenverstand und großer Fähigkeit» 
Menschen für sich zu gewinnen und so fort, Seite auf Seite 
Gegensätze! Kann so die „Einfalt" aussehen? 

Aber eben die Uneinheitlichkeit, die übrigens gerade in bezug 
auf die einseitigen Begabungen ja längst bekannt war, wird elen- 
der auch nur eine Ahnung von psychischen Erkrankungen hat, 
darauf hinlenken, daß sehr viele Fälle von Dummheit psychogen 
und nicht durch minderwertige Anlage des Gehirnes bedingt sincU 
Denn das Wesentliche jeder psychogenen Reaktion ist ja, daß sie 
der mißglückte Ausgleichs- (Heilungs-) Versuch eines Konflikte^ 
ist. Ja wir müssen sogar eigentlich ein solches Kunterbunt ^^ 
langen, wenn der Nachweis geliefert werden soll daß ein '^^^^Jf 
Dummheit eine psychogene Reaktion sei. Wenn man so die ra 
von Dummheit durchmustert, an denen ja kein Mangel hcrrsc j^ 
wird man finden, daß meine Behauptung, die ich früher einm^^ 
aufstellte, zu Recht besteht: die Dummheit ist wohl die häufigs 
Neurose, 

Allerdings in einem Punkte muß ich mich korrigieren-, durcha ^ 
nicht immer spielt sich der Konflikt in der für die ^^^^^-J^., 
charakteristischen Weise ab, daß nämlich Triebe verdrängt ^^^^ 
den und aus der Verdrängung in einer für die bewußte ^ 



sönlichkeit unbeherrschbaren und auch unverkennbaren Form 



sich 



ISO 



als Symptome durchsetzen, daß also nach Freuds Nomenklatur 
das Es das Ich überwältigt. Vielmehr haben wir gesehen, daß bei 
«er Dummheit in weitgehendem Grade das Überich, die Repräsen- 
tanz der Eltern in der Persönlichkeit, das Ich von der Wirklich- 
keit wegreißt; daß also Psychose vorliegt (hysterische 
Psychose, wie dies ja vom Ganser stets bekannt war). 

Und weil dem so ist, so sind die therapeutischen Möglichkeiten 
'o allen Fällen skeptisch zu beurteilen. Es ist zwar sehr leicht, 
eine gewisse lauwarme oder auch derb sinnliche, das heißt verhüllt 
reindliche Übertragung vom Patienten auf den Analytiker zu er- 
reichen. Aber die Affekte in ihrem vollen Ausmaße sind schwer 
^^r den Analytiker und damit auf die Außenwelt zu lenken. Auch 
scheucht die für den Therapeuten notwendige Zurückhaltung mit 
Ihrer, dem Patienten schier unertragbaren Versagung ihn leicht in 
seine trotzige und höhnische Ablehnung immer wieder zurück. 
Entsprechend diesen beiden großen Wächtern der Dummheit haben 
Wir uns daher durch eine große Mauer von Widerständen hindurch- 
zuarbeiten, die mit der anal-sadistischen und kannibalischen Trieb- 
Welt zusammenhängen. Wenn man jedoch die nötige Geduld, das 
heißt den liebevollen Zeitaufwand, zeigt, so gelingt es doch immer 
wieder, diesen oder jenen Fall von Dummheit in einer Weise zu 
fördern, die den Therapeuten stets aufs Neue überrascht. 

Auch muß man sich den S ch il 1 er sehen Satz „Gegen die 
Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens" vor Augen halten 
allerdings in einem etwas anderen Sinne, als er gewöhnlich ange- 
wandt wird: Gerade die Götter kämpfen gegen die 
Dummheit vergebens, wer dem Dummen mit der ganzen 
Anmaßung des auf Autorität erpichten Schulmeisters gottgleich 
gegenübertritt, der befiehlt und urteilt, der wird nie etwas er- 
reichen. Wir haben aufgezeigt, welche verhängnisvolle Rolle die 
, astrationsdrohung in jener Zeit kurz vor dem sechsten Lebens- 
Jahre spielt. Wer auf Macht pocht, wird die Furcht vor ihr er- 
rieuern, wird den Dummen immer wieder von der Außenwelt ab- 
las'^^'^'^""* ^^^ ^^^ ^^'^ gleichbleibende Liebe kann ihn veran- 
ehe^"' sich hervorzuwagen. Und Liebe erwartet der Dumme am 
^ esten von Seinesgleichen, von dem, der dieselben „Schandtaten" 
Sangen hat wie er. Das Verständnis aber jeder neuen Dummheit 



■ I- 



!M 



181 




. 



Illlt'l ! 



und ihre Deutung ist ein Eingeständnis des Therapeuten, daß ^r 
Spießgeselle des Sünders ist. 

Aber was soll denn der Therapeut eigentlich? Ist es einem 
Menschen wirklich gegeben, mit ganzer Persönlichkeit dumm ^^ 
sein, so besteht kein Krankheitsgefühl, kein Genesungswunsch. I^ 
Gegenteil: Die Dummheit bietet so viel, daß der Gescheite ja oft 
sein Kassandradasein verflucht. Und ist gar die Dummheit so, daß 
der Tor sich liebend seiner Sinnenwelt geben kann, so strahlt von 
ihm auch Glück auf die Umwelt und von dieser zurück auf ih^- 
Denjenigen aber, deren Lust es ist zu herrschen, ist das dumiö^ 
Kind, das lenkbare Herdentier, das blind vertraut, Heb. 

Allerdings, gerade wenn wir das häufige Versagen des „Muster- 
kindes" und „Subalternen" bei der Notwendigkeit selbständiger 
Handlungen ins Auge fassen, verstehen wir, warum es nicht i^ 
Interesse der Allgemeinheit ist, die Dummheit zu pflegen, zumal ja 
der Dumme auch dank seiner Gewalttätigkeit und SuggestibiUtät 
sich zum Bilderstürmer eignet. Und auch der einzelne Dumme hat 
oft unter seiner Dummheit zu leiden. .^ 

Wenn sie zwangsmäßig geworden ist, das heißt wenn der Dumme 
nichts anderes sein kann als dumm, wenn die Motive seiner Dumi«- 
heit, die Triebkräfte, die sie speisen, unbewußt und damit un- 
beherrschbar geworden sind, 

Aber auch Denken müssen, kann zur Plage werden; Denkzwang, 
Grubelsucht sind leidvolle Krankheiten. Ein Musterbeispiel dafüf 
ist S e i de 1, dessen Überschrift über sein Werk „Bewußtsein als 
Verhängnis« ein glänzendes Schlagwort für die Krankheit ist, dk 
mit seinem Selbstmord endete. 

Das Ziel einer jeden psychoanalytischen Behandlung ist die 
Losung des peinvollen Gefühls des Zwanges, auch dessen blind sein 
zu müssen, nicht wahrnehmen zu können. Abgesehen von Kindern, 
erreichen wir dies oft bei Erwachsenen, meist solchen, die mS 
wegen anderer sie quälender Symptome aufsuchen. Sie erkenne« 
T" • Tf' "''^ ^^'""^ ""^ ^'^''''^' Semacht haben, damit sie nur 

dl"n '/m[ ""'"^"'''^ ^"^^"' ""'^ '^^ ^^™^n ^s. ^e^'se 2" ^^^*^' 

e Untehlbarkeit und Vollständigkeit der Persönlichkeit, beson- 

rs inrer bewußten, und namentUcli ihres ÜberlcKs zu bezweifeln 

und anderseits die Lust an ihren Sinnen und der durch sie ver- 



182 



^ittelten Außenwelt zu bejahen, besonders die Lust, die direkt und 
indirekt aus den Zweifeln, dem Denken quillt/^ 

le Therapia magna aber sollte bei der Dummheit wie immer 

le Vorbeugung sein. Bei der großen Bedeutung, die für ihr Zu- 

andekommen der Behinderung der Sexualforschung im weitesten 

inne zukommt, liegt es nahe, sie durch Forcierung der Aufklärung 

verhindern. Man kann allerdings damit eben solchen Schaden 

richten, wie durch ihre Verweigerung. Die besten Beispiele hie- 

r smd jene jüdischen Gelehrten der Gettos, die schon mit 4 — 5 

Jahren aus den heiligen Schriften rein „sachlich*' alles „lernen", 

1 oenen aber jede kindlich spielerische Betätigung unterdrückt 

^a alle Motorik auf dem Gebiete der Sprach- und Denk- 

^wegung abgelenkt ist; leiderfüllte Grübler oder Verholzte kön- 

^^ß so entstehen. Es scheint mir aber wohl möglich, dem Kinde 

. _ unnötige Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen und im 

rigen bewundernd zuzusehen, wie sich so ein Leben entfaltet. 






Die eeglisdie ^^Sdilcklidikeit^'^ 

Und die Bedemttiag eümes spradklidieiii Momemts für 

diesem Cliarakterztig 

Von 



London 

Aus dem Englhdoen übersetzt 
von Editha S t er b a. 

Man begibt sich bei jedem Versuch, das Wesen der Charakter- 
^"ge einer Nation zu ergründen, auf unsicheren Boden; aber hm 
^^ien Schilderungen von typischen und allgemein gültigen 



_ 1 1) So -wäre etwa heute die Formulierung des therapeutlsdien Zieles, wenn wir von der 
^r Hauptsadie sensorisdien Störung der Dummheit ausgehen. 



t^Z 



■r-T 



II 





■' 


1 


1 S 



hcrvorgehoWn 1 ?'/«" '"«thalben mit solchem Nachdruck 
kann daß t "".' '^f """ "'^ dem Schluß schwer entdehen 
nWen zul„ r ."°° "f^' '"sächlich beobachtbarer Erschei- 
Ansfandes l^'' V" '""^^ ''^ "^'« *^ -"fßl"g' Betonung d» 
die Sh 2 "^^ f '=",«"'= teim Engländer, efne Eigenschaft. 
w.-rd sond" ™\ ' '"'" f'^""'^» Beobachtern hervorgehoben 
M bürlern '" ™"1 Amerikanern und unseren überseeischen 

S nel Ins/"V« "i"-^''^'" ^"^ "''^'''-f>™ Saum" unserer 
eigenen Inseln. Daß diVc^r v,,™ l • 

-mindest in der alten wlh in P ^' ■ "" '^^"^ ^^^ "ffT 
gemein 7,t<... k j ' Prüderie ausartet, wird wohl all- 

gemein zugegeben werden. Dieses VerKnlr^« u- • l r l mit 

der NpiVnr,™ .. »7 •- i , , *^='^'' verhalten hangt sicherlich m" 
ucr iveigung zur Zurückhaltune- ^ncr,«,.« - . < 

.eselligen Talenten, der ArneigunTTg^dTelct"" Tf Z 
zeigen, m t dem Abscheu vor H^n, %• ^ ■rgendwelchc Affekte 7.U 
Prahlerp; l , "™ ^"^ ^«™ Sich-selbst-zur-Schau-Stellen, vor 

slf daR ".*rT ."" ' "«-^-'«'^" ..ro<;omo„.«rfe", _ man 
mi^ J- ^'' ^"^"''"^^ fremdsprachiger Ausdrück bedienen 

nTn'psvchZ r^^"'","'" '^™''^" Eigenschaften zu bete. ch- 
ttoKchkettch M r ,r%'" ^"«^ "^••"'^^ Charaktereigen- 
Sne " .d ^"°°!f^'l ^'» "» M^"g'' "" Selbsteinschätzung 

darauf l,;n, • ,°f ^" diesem Phänomen zuwenden, das 

S« woheTl,''*'""*- ''"^ "'^ "- Reaktionsbildung vor- 

liegt, wobei es ihr klar ersrhpt'n«- A^n j l j- ^ 'j'iuujig 

irgend etwas wirksam k^trSt oder v^ T ^'.^'^''°-™"f 
in diesem rh,r,l,. "™'"'« oder vermieden wird. Sie würde 

als T^itt^':Z ""■= ^r''-"/"''"^ -»M gegen mehr 
mus vielleSr der he ^°l T^ ''" "'^^-^te E=:hibitionis- 

ieh nieine I^:„te vXt" r T *" ="■* '^'" "'^^' 
kurzerhand als SchicM chT l u" "^'"^ ^'^»«''aft - die 
einem snerifisl ^"!'*''*V" '''"■=•'■'« werden kann - und 
engSchen tora : T^" ^"'^"'^ =» "»^ Entwicklung der 
diesen Gedarnt "" ^"f """«'"'-S Gestehen. Doch bevor ich 
aJlgemein psvchoL ■' T t"' """^ '''' ^°''' ""■> Bemerkungen 

lieh eine viel ü t t' '"^™^1>™^". daß die Sprache ursprüng- 

Es ist in der Ta^hT "'''"" ^"-^^ ^^^ <*'« i^«' "ä« f'" >«• 
er lat behauptet worden, daß alles Sprechen unter- 

184 






las 

senes Handeln bedeutet.^ Deutliche Hinweise darauf kann man 

1 weniger kultivierten menschlichen Individuen finden, besonders 
^1 Kindern und Wilden. Freud^ weist nach dem Vorgang von 
roos darauf hin, daß Kinder die Worte wie Gegenstände be- 
andeln, wenn sie mit ihnen spielen. F r a z e r ® bringt im Kapitel 
■^^f tabuierte Worte reichlich Beweismaterial dafür, daß die Pri- 
Hiven mit Worten und Namen eine ganz besondere Bedeutung 
^rbinden. Er sagt im Anschluß an Tylon „Unfähig, zwischen 
jort und Ding klar zu unterscheiden, hält der Wilde die Ver- 
ladung von Namen und Personen oder Dingen, die damit bezeich- 
net Werden, nicht bloß für eine willkürliche und gedankliche, son- 
ern für eine wirkliche und gegenständliche Verknüpfung, die die 
"^iden so seVir atvcmarvder lötet, daß auf jemaiaderL eme ma^iscVve 
Handlung ebenso auf dem Wege über seinen Namen wie über sein 
Haar, seine Nägel oder irgend einen anderen materiellen Anteil 
seiner Persönlichkeit wirksam wird. In der Tat schätzt der Pri- 
mitive seinen Namen wie ein lebendig Teil seiner Selbst und hütet 
An auch dementsprechend." Frazer zitiert als Beispiel die Sulka* 
■^on New-Britain, die, wenn sie in die Nähe ihrer Feinde kommen, 
von diesen nur als von „gefaulten Baumstümpfen" reden und sich 
dabei vorstellen, „daß durch diese Bezeichnung die Glieder ihrer 
gefürchteten Feinde ungelenk und schwerfällig werden wie Holz- 
klötze. Dies Beispiel zeigt die ausgesprochen dingliche Bedeutung, 
die das Wort für den Wilden beinhaltet. Der Wilde glaubt, daß 
das bloße Aussprechen eines Wortes, das Schwerfälligkeit bedeutet, 
die Glieder der entfernten Feinde ungelenkt macht. Eine andere 
Illustration zu dieser sonderbaren mißverständlichen Auffassung 
tretet der Aberglaube der Kaffern, daß der Charakter eines jungen 
Diebes gebessert werden könne, wenn man seinen Namen über 
^nen Kessel, in dem heilkräftiges Wasser kocht, ausruft, dann den 
Kessel mit einem Deckel verschließt und den Namen dann einige 
Tage im Wasser liegen läßt." Von den ungezählten Beispielen auf 



') Ferenczi, Über obszöne Worte. Bausteine zur Psydioanalyse. Bd. I. 

2) Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Ges. Sdiriften Bd TY 
^« 140, ' ' 

^ 3) Frazer, Taboo andjhe Perus of the SoJ. 191 1, Chapter VI. 



:; 






,ii 



4) ibid., 



op. cit. p, 331. 



185 



I> f* 



Ji! 



I 



dem Gebiete des Tabu soll nur eines erwähnt werden.^ Den Alfoors 
von Poso ist es nicht nur verboten, den Namen ihrer Schwieger- 
eltern zu nennen — ein ziemlich allgemeines Verbot — sondern 
wenn der N^me mit dem einer Sache identisch ist — wie zum 
iieispiel beim Namen „Baum",- dann darf auch der Gegenstand 
nicht mit dem richtigen, sondern nur mit einem Ersatznamen 
bezeichnet werden. Auch bei uns wird es als arges Vergehen ge- 
wertet, wenn Kinder Schimpfworte gebrauchen, und das englische 
' Gesetz kann noch immer einen Mann zu einer Gefängnisstrafe ver- 
urteilen, wenn er in der Öffentlichkeit gewisse verbotene (obszöne) 
Worte gebraucht; das Aussprechen der unanständigen Worte allein 
gilt schon In beiden Fällen als Äquivalent für eine strafbare 
Handlung. 

Das Wesen dieser primitiven dinglichen Auffassung von Wort 
und Sprache ,st einer genaueren Darstellung zugänglich. V'ic 
Erkenntnis, daß alle Worte ursprünglich deutlich motorische und 
^ ahritehmungselemente besaßen, die sie allmählich mehr oder 
weniger im Laufe der Entwicklung des menschlichen Geistes ein- 
büßten, ist eines der Ergebnisse, zu denen F r e u d in seinen Unter- 
suchungen über die Psychologie des Traumes und des Witzes 
gekommen ist. Wie Ferenczi ^ darlegt, gibt es eine Gruppe von 
Worten, nämlich die obszönen, die wahrscheinlich, weil sie von 
der normalen Entwicklung ausgeschlossen sind, die motorische und 
Wahrnehmungsqualität noch in vollem Maß behalten haben. Über 
die Wahrnehmungsqualität sagt Ferenczi:^ „Dem obszönen 
Wort wohnt eine eigentümliche Macht inne, die den Hörer gleich- 
sam dazu zwingt, sich den benannten Gegenstand in d i n g H c h e r 
Wirklichkeit vorzustellen", und fügt hinzu: „Man könnte 
also annehmen, daß diesen Worten als solchen die Fähigkeit inne- 
wohnt, den Hörer zur regressiv-halluzinatorischen Belebung der 
Jirmnerungsbilder zu zwingen." Er macht ferner darauf aufmerk- 
sam, „daß die feinen Anspielungen auf die gleichen Vorgänge oder 
die wissenschaftlichen Bezeichnungen derselben und die fremd- 
sprach ^gen^Aus drücke diese W irkung nicht, oder nicht in dem Maße 

'^ nu^^""' ^'^""^ ""^ *^ ^-""^^ °* *^ Soul. p. 340. 

2) Über obszöne Worte. Bausteine zur PsA. Bd. L 

3) ibid. op. cit. S. 17J. 



186 



haben wie die Worte aus dem ursprünglichen, volkstümlichen, ero- 
tischen Lexikon aus der Muttersprache". Zum motorischen Element 
n^ögen folgende Erläuterungen gegeben werden: die aggressive 
Tendenz, die dem Erzählen von Zoten innewohnt und die ein Er- 
satz für eine sexuelle Aggression ist; die merkwürdige Perversion 
der Koprophemie, in der der sexuelle Akt nur darin besteht, Frauen 
Unanständige Worte zuzurufen, und die Zwangsneurose, bei der der 
Denkakt im Vorbewußtsein so stark sexualisiert ist, daß der Impuls 
zu gewissen Gedanken einer verbotenen Handlung gleich gewertet 
wird. In all diesen Fällen ist der Denk- oder Sprachakt psycho- 
logisch ein volles Äquivalent für eine wirkliche Tat. 

Wie oben erwähnt, wurden im Laufe der Entwicklung des mensch- 
lichen Geistes die motorischen und Wahrnehmungselemente mehr 
und mehr den Worten entzogen, bis sie schließlich aus dem rein ab- 
strakten Denken vollkommen verschwanden. Es sei daran erinnert, 
daß Galton vor vielen Jahren darauf hinwies, um wieviel weniger 
Personen von ausgesprochen visuellem oder auditivem Typus ge- 
wöhnlich zu abstraktem Denken fähig sind, im Gegensatz zu jenen, 
deren Denken nur geringe Wahrnehmungselemente enthält. In diesem 
Zusammenhang sei auch auf Freuds Charakteristik des Unbe- 
wußten^ hingewiesen, die besagt, daß der wesentliche Unterschied 
zwischen unbewußten und bewußten Gedankengängen darin besteht, 
daß ersteres nur die Sachbesetzungen der Objekte und Vorgänge ent- 
hält (und leicht zum Denken in Bildern regrediert), während 
letzteres neben der Sachvorstellung auch die entsprechende Wort- 
vorstellung aufweist. So stehen unbewußte Geistestätigkeit und ab- 
straktes Denken in dieser Hinsicht an entgegengesetzten Punkten 
einer Entwicklungslinie, indem die Akte der ersteren der bildhaften 
^'^ahrnehmung nahestehen, die der letzteren beinahe völlig davon 
freigemacht sind. s • ■ • •.•;-' 

Es ist klar, daß diese schrittweise Ablösung eine große Ersparnis 
an Denkarbeit zur Folge hat; und in der Tat ohne diese wäre keine 
höhere Form des Denkens möglich. Es ist wahrscheinlich, daß diesem 
ökonomischen Faktor beim Zustandekommen des erwähnten Vor- 



l'l 



iif 






Das Unbewußte. Ges. Sdiriften, Bd. V, S. ji6. 



-,?^jf;-- 



m 



187 



I 



ii'i 






ganges die Hauptbedeutung zukommt, es darf aber nicht unerwähnt 
bleiben, daß dieser Vorgang noch von anderen wichtigen psychischen 
Veränderungen begleitet ist, die wohl ebenso in kausalem Zusammen- 
hange mit ihm stehen. Ich meine die Affekthemmung, die mit dem 
Fortschreiten vom Stadium der Motorik und Wahrnehmung zum ab- 
strakten Denken Hand in Hand geht, und die wertvolle Ersparnis an 
Gefühlsaufwand, die dies bedeutet. Es Hegt also eine doppelte Er- 
sparnis vor, eine intellektuelle und eine affektive. Diese affektive Er- 
sparnis, auf die ich jetzt besonders aufmerksam machen möchte, sei 
von zwei Seiten her betrachtet. Einerseits pflegt man, wenn es darauf 
ankommt, ungewöhnlich lebhafte Affekte auszudriicken, auf am 
Wege der Regression gerade solche Worte zu gebrauchen, die ihre 
motorischen und Wahrnehmungselemente behalten haben, wie zum 
Beispiel im Fluch und in der Sprache des Obszönen. Dieser Vorgang 
tritt beim männlichen Geschlecht weitaus deutlicher zutage weil er 
hier in viel geringerem Maße der Verdrängung unterliegt Aus dem 
Wunsch nach Ausdrucksfähigkeit, verbunden mit dem Gefühl der 

Unfähigkeit dazu, das m früher Tugend ^n U'^„c • * t,^ in 

... ,. , ^ ,„, . , T51 .. J^gcna so häufig ist, entsteht in 

ähnlicher Weise das Phänomen des , Slano" a j • j » 

1- j TvT^. j- 1 . ,""^'^^S ■ Anderseits werden, 
wenn eme besondere iNotwendigkeit bestellt r'=jr-Li r , i 

, , j • j r Ti • 11 .. ,. *^"^» <^efuhle fernzuhalten, 

abstrakte oder jedenfalls wemger alltägliche Worte ver HF ' t 

wohlbekannt, daß ein sonst verbotener Gedanke sof^t'^Jl, A^s 

xS:tn W Z ^^"^t^^-^^^ ^b— --d. Die meisten 
niscÄrtu n ^ T f 'P^'^ ^"^^^^^^^ ganze Absätze in latei- 

vSr er oder ^1-1""^ ^"^'^ ^''^' ^^"^' ^^^ '^^ Gebrauch 

En^^find^^^^^^^ S-ol^nhcher Worte bei Sprecher und Hörer störende 

nnS^^ "'f'^r "'^^^' ^^^ ^^^^^ ^'^ Verwendung fremder 

Jäte dar et ''" '^T^''' ^^"^' ^^^ -^ Erwerbung reiferer 
J "re aarstellen, vermieden wird. • 

rkll'k If Er,.'',"^'" "".T^ ^'^" ''•' ^^ Thema der Charakte- 

Fakte nte^^^'t^i" "'"'" ""'' '" '^" ^-- begründeten 
.ula«e„ ■ Übe Jw T'"' """^ """»""S begründen, näher ein- 
ein dera t£ He™ T^ ^"'^''''^ ^eben zu können, daß 

Hauptn,ittel du rr'?""l''"°"''"^ ''^8™"'^' ^■'<^' ^™" ''^^ 
P mittel, durch das dieser Prozeß in Bewegung gesetzt wird, be- 

188 



sonders leicht zur Verfügung gestellt ist. Wenn also in ungewöhnlich 
hohem Ausmaß die Möglichkeit besteht, verbotenen Gedanken 
solchen sprachlichen Ausdruck zu verleihen, daß der Gefühlsgehalt 
dabei unterdrückt wird, so scheint mir daraus zu folgen, daß unter 
diesen Umständen das Gefühl selbst frühzeitig in großem Ausmaß 
gehemmt wird. Es ist klar, daß dies gerade für die Situation zutrifft, 
in der die englische Nation sich seit nahezu tausend Jahren befindet. 
I^ie angelsächsische und normannische Sprache verschmolzen, nach- 
dem sie nahezu zweihundert Jahre nebeneinander existiert hatten, 
allmählich zur englischen Sprache. Aber auch noch bis heute wird 
in den meisten Fällen ein deutlicher Unterschied im Sprachgefühl 
für die Worte jeder einzelnen ursprünglichen Sprache empfunden. 
In noch größerem Ausmaß besteht dieser Gefühlsunterschied zwi- 
schen den Worten angelsächsischen und lateinischen Ursprungs, die 
später als das Normannisch-Französische eingeführt wurden. Allen 
Schriftstellern ist dieser Unterschied wohlbekannt und jeder Leit- 
faden für guten Stil rat ausdrücklich, angelsächsische Worte überall 
dort zu verwenden, wo dies, ohne unnatürlich zu klingen, möglich 
ist, da sie lebendiger, kräftiger und stärker wirken, und zwar dies 
"Wegen ihrer größeren Fähigkeit, plastische Bilder und spezifische 
Gefühlsfärbungen wachzurufen. Unser Vorrat an Synonyma ist 
größer als der jeder anderen europäischen Sprache und der erwähnte 
spezifische Unterschied zwischen Wortpaaren wie home und domi- 
ci/e, fatherly und paternal, book und volume ist evident. Das Vor- 
handensein solcher Worte aus zweierlei Schichten der sprachlichen 
Entwicklung läßt einen sprachlichen Luxus zu, dessen sich keine 
andere Nation in diesem Ausmaß erfreuen kann. Die meisten kuli- 
narischen Termini sind aus historischen Gründen romanischen Ur- 
sprungs, und der Unterschied, ob man zu einem Gericht von veal 
oder pork oder zu einem von calves* fiesh oder swine fiesh gebeten 
^ird, ist deutlich fühlbar. Keine andere Nation ist so unfähig, das 
"rsprüngliche Wort für Bauch (helly) zu gebrauchen, wir müssen 
^hdomen sagen und auch das nur mit großer Vorsicht, Im Eng- 
lischen ist eine Frau gravid, pregnant oder enceinte, da es kein ur- 
sprüngliches Wort für schwanger gibt. Dieser sprachliche Entwick- 
^ngsprozeß kann oft in seinen einzelnen Stadien verfolgt werden, 
so zum Beispiel wenn das angelsächsische Wort „gut" erst durch das 



1 ; 



H : 



189 



if 



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iiormanmsch-fran^ösische „bowel" und dann, wenn auch das als zU 
roh empfunden wird, durch das lateinische Jntestlne- ersetzt wird- 
JVieme Annahme geht nun dahin, daß die Entwicklung dieses 
hervorsteclienden Charakterzuges - der Schicklichkeit - durch 
aie besondere Natur der englischen Sprache gefördert wurde, also 
w Resultat des Sieges eines normannischen Abenteurers vor mehr 
als tausend Jahren ist. 



WeiMidikeit als Maske 



Von 



^ii 



1 VI e r e 

London 



lmjHhi929 erschien zum so. Geburtstage von ErnestJoncS 
eme testschrift der Jnternationalen Zeitschrift für Psychoanalyse' 
(Doppelheft z/j des XV. Bandes. Preis dieser Festschrift M. jj.— 
Abonnement der viermal jährlich erscheinenden Zeitschrift M. 28.-.) 
Das Jones-Heft enthält außer dem Begrüßungsartikel des Heraus- 
gebers Sigm. Freud u. a. folgende Abhandlungen : F erenczi: 
Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb — Van O p h u i j s e n: 
Das Sexualziel des gewalttätigen Sadismus — Reik; Neurosen- 
therapie und Religion — Sadger: Genitale und extragenitale 
Libido — I s a a c s : Entbehrung und Schuldgefühl — C h ad w ic k: 
Furcht vor dem Tode ~ S earl: Flucht in die Realität -^Stärcket 
Das Gewissen und die Wiederholung — Glover: Zur analytischen 
Grundlegung der Massenpsychologie — Flügel: Symbolik und 
Ambivalenz in der Kleidung -Federn: Über einen alltäglichen 
Zwang — Alexander: Straf bedarf nis und Todestrieb — Sharp e: 
Hamlets Ungeduld — Eder: Ökonomie und Zukunft des Über-Ichs - 
Payne: Der Mythus von der Bernikel-Gans — Low Der Ein- 
fluß der Psychoanalyse auf die Erziehung in England - ' usw Einen 
der Betträge der Jones-Zeitschrift, den von Joan Riviere, geben 
wir hier wieder. 



In 



SexualiX^' 1. ;' ''''' Entwicklung der weiblichen 

^exuahtat skizziert Jones ein grobes Schema der weiblichen 
lintwicklungstypen, die er vorerst in heterosexuelle und homo- 



i) Internat. Zeitschrifc f. Psychoanalyse, Bd. XTV (1928). 



190 



sexuelle einteilt, um nachträglich die homosexuelle Gruppe in zwei 
Untertypen zu teilen. Er erkennt die grob schematische Natur 
semer Einteilung an und setzt eine große Anzahl Zwischentypen 
■voraus. Eine dieser Zwischentypen beschäftigt mich nun in diesen 
■Ausführungen. Im Alltagsleben treffen wir ständig Männer- und 
Frauentypen, die bei ausgesprochen heterosexueller Entwicklung 
iwanifeste Züge des anderen Geschlechtes zeigen. Dies wurde als 
^in Ausdruck der uns allen innewohnenden Bisexualität angesehen 
^nd die Analyse hat uns gezeigt, daß die Verstärkung homo- 
sexueller oder heterosexueller Charakterzüge oder Geschlechts- 
äiißerungen vielfach das Endresoltat von Konflikten und nicht 
notwendigerweise Beweis einer angeborenen Triebrichtung ist. Die 
Differenz zwischen homosexueller und heterosexueller Entwicklung 
^ird mitbestimmt durch die Angstquantitäten und die Ver- 
arbeitung, die die Angst in der individuellen Entwicklung ge- 
funden hat. F e r e n c z i wies auf eine ähnliche Reaktion des Ver- 
haltens hin,2 und zwar, daß homosexuelle Männer ihre Hetero- 
sexualität als „Abwehr" gegen ihre Homosexualität übertreiben. 
Ich will versuchen, zu zeigen, daß Frauen mit Männlichkeits- 
wünschen zur Vermeidung der Angst und der vom Manne ge- 
füfchteten Vergeltung eine MasJ^e der Weiblichkeit mlegm 
können. 

Es ist also ein besonderer Typ der Intellektuellen Frau, mit dem 
ich mich hier befasse. Vor nicht allzu langer Zeit verbanden sich 
intellektuelle Zielsetzungen der Frau fast ausschließlich mit einem 
manifest maskulinen Frauentyp, der in ausgesprochenen Fällen aus 
seinem Wunsche, ein Mann zu sein, kein Geheimnis machte. Dies 
hat sich heute geändert. Es wäre schwer zu sagen, ob die Mehrheit 
der heute in Berufsarbeit steßtenden Frauen in der Art ihrer Lebens- 
führung und ihres Charakters weiblich oder männlich ist. Man 
trifft im Universitätsleben, im ärtzllchen Berufe und im Geschäfts- 
ieben beständig Frauen, die jede Erwartung vollkommener weib- 
hcher Entwicklung zu erfüllen scheinen. Sie sind vorzügliche 
Gattinnen und Mütter, tüchtige Hausfrauen; sie führen ein ge- 



II 



2) Zur Nosologie der männlidien Homosexualität. Bausteine zur Psydioanalyse 
lat PsA. Verlag. ' "^ ••'^ ' ' ' - ■ 



1 *! I 



•,::J 



191 



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t 



seiliges Leben und fördern die Kultur, sie ermangeln nicht wei 
licher Interessen, 2. B. in ihrer persönlichen Erscheinung. Wenn e« 
darauf ankommt, können sie auch die Zeit finden, um in einend 
weiten Kreise von Verwandten und Freunden die Rolle eines hiß' 
gebungsvollen, selbstlosen Mutterersatzes zu spielen. Zugl^i^ 
erfüllen sie die Pflichten ihrer Berufe nicht schlechter als der 
Durchschnittsmann. Es stellt wirklich ein Problem dar, wie man 
diesen Typ psychologisch klassifizieren soll. 

Im Laufe der Analyse einer Frau dieser Art machte ich einig 
interessante Entdeckungen. Sie entsprach in beinahe jeder Einze - 
heit der eben gegebenen Beschreibung. Ihr vortreffliches Verhältni 
2u ihrem Gatten schloß eine sehr nahe zärtliche Beziehung 
zwischen den beiden mit vollem und häufigem Geschlechtsgenul 
ein. Sie war auf ihre Tüchtigkeit als Hausfrau stolz. Sie hatte 
ihren Beruf stets mit bemerkenswertem Erfolg ausgeübt. Sie besaß 
einen hohen Grad von Realitätsanpassung und sie konnte ^^ 
beinahe jeder Person, mit der sie in Kontakt kam, gute und en*' 
sprechende Beziehungen unterhalten. 

Gewisse Erscheinungen in ihrem Leben zeigten jedoch, daß i"^ 
seelisches Gleichgewicht nicht ganz so intakt war wie es schien- 
Nach jedem Auftreten, wie z. B. nach einer öffentlichen Re"^ 
(ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit bestand in Vorträgen), ^^^ 
Angst, manchmal in sehr hohem Maße auf. Trotz ihres zweifel"^ 
losen Erfolges und ihrer Begabung — sowohl was ihre produktive 
Arbeit, wie auch ihre Fähigkeit, mit einer Hörerschaft fertig zU 
werden und Diskussionen zu leiten usw., betraf — war sie während 
der ganzen darauffolgenden Nacht aufgeregt und ängstlich; Be- 
fürchtungen, etwas Ungehöriges getan zu haben, und zwanghaftes 
Bedürfnis nach Beruhigung stellten sich ein. Dieses Bedürfnis nach 
Beruhigung drängte sie nun zwangsärtig dazu, bei jeder solchen 
Gelegenheit irgendwelclie Aufmerksamkeit oder ein schmeichel- 
haftes Verhalten seitens einer oder mehrerer Männer am Schluß 
der Sitzungen, während der sie gesprochen hatte, zu suchen. ^ 
wurde bald klar, daß die zu dem Zwecke gewählten Männer stets 
unzeifelhafte Vaterfiguren waren — obgleich häufig keineswegs 
Persönlichkeiten, deren Urteil über ihre Leistung wirklich ein 
besonderes Gewicht gehabt hätte. Es war klar, daß zwei Arten 



k 



192 




Ernest Jones 




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ii 
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( ■[ 



der Beruhi 

ei^e ^. ^S^ng von diesen Vatcrfiguren angestrebt wurde* erstens 

^^eiten*^^ ^^ Bestätigung schmeiclielhafter Art über ihre Leistung, 
Fofßj j^ ^^^ ^^^^ wesentlicher eine indirekte Bestätigung in der 
Analyse ^-L^ '^"^"^^^^samkeiten von seiten dieser Männer. Die 
^'^ sich ^ ^^^ Verhaltens nach öffentlichem Auftreten zeigte, daß 
•^änne^j ^'^ sexuelles Entgegenkommen seitens dieses besonderen 
^'^J*ens j "^^!^ ^iUe eines mehr oder weniger verhüllten Koket- 
dieser U^\ ^^^^^^^^ bemühte. Der außerordentliche Widerspruch 
^'^stellu ""- ^" ^^^^^ hochgradig unpersönlichen und objektiven 
^° »"asch f y^ '^^ ^^^ intellektuellen Leistung -— der sie zeitlich 
gte — stellte ein Problem dar. 

«ier y^ ^^^ Zeigte, daß die ödipussituation der Rivalität mit 

forden ^^"^f ordentlich akut gewesen und niemals befriedigend 

^ War s ■" 1 
^^^ der M ' ^^^^^ komme ich darauf zurück. Nebst dem Konflikt 

^^'^'^ groß ^TL^^ ^^^ indessen auch die Rivalität mit dem Vater 
^^^f^ntliVL" intellektuelle Arbeit, welche sich der Form 



'Etliche 



von 



**^^Wei(j„ . ^*^^n und Schreiben bediente, gründete sich auf die 
^^^•^iftstell ^^^ Wentifikation mit ihrem Vater, welcher 



zuerst 



^^^^' Ihr D ^^^^^^ '^^'^ und dann zum politischen Leben über- 
^^''^chtu ^ -^^^ W'ar durch bewußte Auflehnung, Rivalität und 
^^sien Ji S^gen ihn charakterisiert gewesen. Träume und Phan- 
^^^ der Ä ' ^" welchen sie den Gatten kastrierte, wurden 

f^^Ut vißT häufig enthüllt. Sie hatte ganz bewußte Rivalitäts- 
^^^«•en o« ^^''P'üche auf Überlegenheit den zahlreichen Vater- 
. ^^retpn ^ ^^' ""^ deren Gunst sie dann nach ihrem eigenen 

u*. *-u Warn T\' >-r 

A^^^^> nah * Zumutung, daß sie nicht ihresgleichen sein 

^^^^ Ürte'r ^^^ ^'^"^^ ^'^^^ ^^^ ^^^^'^^ jeglichen Gedanken daran, 

Tf^Pfach • ^ Kritik unterworfen zu sein, schroff ab. Darin 

^^^iert haT ^^^^^^^^ise einem der Typen, die Ernest Jones 

'»Aneyj^ ' ,^^5 ^'^^^^^ Gruppe homosexueller Frauen, welche die 

d ^^^^ f "^ ^^^^^ Männlichkeit durch andere Männer wünschen, 

jj^^üf nj^ , *^ andere Frauen zu interessieren, und den Anspruch 

'^ Zu •^"' ^^^ Männern gleich zu sein, in anderen Worten, 

^ aber 'L^' Erbitterung war ihr wohl bewußt, sie hütete 

^^^^ichL;?^ Ausdruck zu gebenj öffentlich anerkannte sie ihre 



D 



=hkeit. 



'^ A^ 



yse erklärte ihr zwangsmäßiges Flirten und Koketti 



>3 



AI, 



"^anadi i 



930. 



leren 



193 



r 
1 



lil 



_ , . ., Jutch 

das in Wirklichkeit kaum bewußt geworden war und "' j,l,« 

\ Analyse manifest wurde, - in folgender Art: Es •■ ^^^|, 
sich um einen unbewußten Abwehrversuch der Angst, *« ^^^^,, 

le Bedrohungen entstehen würde, welche sie von »eo ^^ 
gestalten wegen ihrer intellektuellen Leistungen "*'''''!„ „0^ 
"«enthche Exhibition ihrer intellektuellen Tüchtigkeit, ie ^^^^^, 
„ ,, "* "folglich durchgeführt wurde, bedeutete eine .^^^ 
Stellung ihrer seihst, mit dem Penis des Vaters, dessen « .^ 
be-aubt hatte. Nach Beendigung dieser Schaustellung ^'. j« 
von emem entsetdichen Grauen vor der Vergeltung, ^^.'1'^« ^.i« 

"" T ^"'"''™ »«d«. erfaßt. Es war offenbar ein „ 

an^„V ""^ des Rächers, wenn sie versuchte, sich ih» ^^,, 

Zt"""- !' "%te sich dann, daß dieselbe Phantasie '» ^^,. 
bralru ""'' ?S»''> die sie in den Südstaaten Amerika^ ^^ 
NeZ "• '■^"f'S 'aufgetreten war. Sie wollte sich, *>' j,,„ 
brachr/" '"^'Sriffen hätte, verteidigen, indem «« i» ;j,, 
a>n dl: "?" ''""^" ""-^ ihr den Hof zu machen (mit dem . 
hatte iH ." .^««''"gkeit zu überliefern). Das Zwang^be»^,^^,, 
hatte jedoch e,„e weitere Determinante. In einem Tra«»^' *,,„,. 
C" '"" Kindheitsphantasien ziemlich ähnlichen Inh^^ p,^ 

' r^r ^^" *^^"'' -^ hnd sie mit Mz^roUten i'.«;> 
Phanfa e"*;"'' '" "™'*^'"- Die Deutung ergab, da« «',>S; 

-hmruttlTiier'- ""r ^"»"^ "-'' ^"^ ' w-»«'";( 

erfaßr . ^ '" '" "«««). Sie wurde von Verge' ^^^i, 
indem .•'''^'"''' S*"«' durchs Fenster) "»'' -'«"f Ü du''^ 
Abwa' l"" "^''»^"""^nroUe spielte (Wäsche *a»'=l''7 „„J B'"' 
-vi I,*;!'" ™" Schmutz und Schweiß - Sch^W "^ju^ch, 



^^8 sieTiT" T' "' '^"''='' <•'= Tat erlang, hatte, sowie ^ , 

Weidul 't ""; '''"""^= f"" „verkleidete«. I» ^' ge..» 

finden H "' ^' "ann an ihr keinen gestohle»' j,„. 

Er fä;d "° ^'=''"=^-'' einen Angriff auf sie »o"? jy.« 

Zwanges "° *'' Liebesobjekt anziehend, "a' ^#5 

f^-ndlicher^r^ k""* ™^^^'' ^=™'''«""^ "^"ps ^^' '""^'' 
"^etuhle bei einem Manne zu sichern. Es " 



fachlich 



Uns Kl ^^"^ Verstärkung der Sicherheit durch Vorspiegelung der 
^andl ^ ^^ Leistung. Beide zusammen bildeten die zweizeitige 



telLu " ^^ ^^^ ^^^^ zwangsmäßige Umkehrung ihrer in- 



aus 1^"^ ^^^ Zwangsneurose, wie ja auch ihr Leben als Ganzes 
l^ernativen maskulinen, und femininen Betätigungen bestand. 

Um d *^"^ Traume hatte sie Träume von Leuten, welche Larven 
Träü^^ ^^^^cht banden, um Unheil zu vermeiden. Einer dieser 
ein^j n ^^ndelte von einem hohen Turme, welcher über den Rand 
^arun ^^^^^ icschoben wurde und auf die Einwohner eines 
^ask^^^^'^^^^^^^ Dorfes stürzte; doch die Einwohner banden 

. ^^ ^nd entgingen so dem Verderben. 
trage ^^^^^^ konnte also vorgeschützt und als eine Maske ge- 
bergg^ ^^^.^ ■"* "~ sowohl um den Besitz der Männlichkeit zu vei- 
^^sitz*H-^"^ ^^^^^ ""^ ^^^ Bestrafung zu vermeiden, wenn der 
der Di /^"^^ Männlichkeit bei ihr entdeckt wurde, geradeso wie 
Um ^J^^ ^^itie Taschen umkehrt und dit Durchsuchung verlangt, 
»lün £j. ^^^^isen, daß er das Gestohlene nicht hat. Der Leser mag 
Gren^g^^^^V'^^e ich denn Weiblichkeit defmiere, oder wo ich eine 
iieKe. ^t t^^^'^*^^«^ echter Weiblichkeit und solcher Maskerade 
Schied *^. , '^'^^^"Pte jedoch keineswegs, daß es einen solchen Unter- 
iim die^^K ^^ ^^"damental oder oberflächlich — es handelt sich 
Frau v^ L^ ^^^^^- Die Befähigung zur Weiblichkeit war in dieser 
konijj^g'^^^^^'^en; man könnte sogar sagen, daß sie in der voU- 

Mk^ ^- , "^osexuellen Frau existiert. Wegen ihrer Konflikte aber 
- nicht d' - ° . . . 

^er als 
^7 t"" '^^^ellen Lust benützt.' 



^eit g|^^^^^/^ies die Hauptlinie ihrer Entwicklung dar; es wurde 
Quelle J ^^^ ^^^ Mittel zur Angstvermeidung denn als primäre 

^Ur B^"" '^''''^'^en Lust benützt, 
leiten ^^^."^^^'^^ng dieser Behauptung will ich kurz einige Einzel- 

^yruen^ ^"""^^ -^ngst vor der Defloration gehabt und sich das 
\^ Vo^'T ^^^ '^ei'ehelichung durch eine Arztin entfernen lassen, 
^'^^^chlüß '^^'*^ Einstellung zum Sexualverkehr war ein fester 
'^^Hche F ^^^ ^"^^ ^^^ <ias Vergnügen, welche, wie sie wußte, 
%asftm ^^"^" beim Orgasmus empfanden, und überhaupt den 
^itipotei^^ ^" erreichen und zu durchleben. Sie fürchtete sich vor 
^^^lossej, ^^ ^^^^" derselben Weise wie ein Mann. Sie war ent- 
' gewisse frigide Mutterfiguren zu treffen, in tieferen 



iv* 



195 




'm 



rS , •< • 




ilt' 



Scluchten aber wollte sie sich vom Manne nicht besiegen \^ 
komm A""''"' '" ™"' ""d häufige Sexuallust mit '° 

BeS '" °?^^"'"^- ^ "S^b -h aberdie Einsicht, d^ß * 
B fned.g„„g dabei von der An der Beruhigung und der W« 
riangung von etwas Verlorenem war. aber nicht das End^»^' *: 
Xu '''"''""• ^'^ Liebe des Mannes gab ihr ihre Sd^ 

Wäf- '"'"^^ ""'^ 'ä'-'»'' d" Analyse die feindl^,''* 
Ka trat.ons.mpulse gegen den Gatten zur Oberfläche dr.nS« ^ 

Cte P T"^ "''^ ^■»«» Verkehr sehr herabgesetzt u»^;. 
hatte Per.oden relativer Frigidität. Die Maske der We.b .d-"^ 
wurde weggerissen. Sie erschien nun als kastriert (leb'» 
Mate «/"Lust) '^'' ^''" ™°> w™-he beseelt, zu kastr« 
darüber durch K t '' ^"^ empfangen oder ihre Betn ^^^ 

er durch ihre Lust zu äußern). Als ihr Gatte eine Z^ 
Uebesbeziehung zu ein.. ,„^...« r..,, u.rte. entdeckte 



eine T ; K u • i auüernj. Als mr ^atvc ^^ 

in .'r*"''"'f"ns ^" einer anderen Frau hatte, entu-- f 
ihre Neb?K 'u'- "'"™''"' Identifikation mit ihm, die «"h .„, 
r„l^! "^"""'» ''«»S- Es ist überraschend. d.& »^ ^^ 



kei"' 
Ige" 
teilte »ij^ 



Schwester vT, r^T" ^^^^^' hatte (außer mit emer ,--' ^ 
aber t /" '^"''"'ät). Während der Analy« steUte 

TrLe ■ If"^ '''«^' M^»g^' d-'h häufige homosexu' 

M,„ t"" dementem Orgasmus kompensiert wurde. j^, 

WeibHcht"" ™. Alltagsleben beobachten, daß die U^j^'',^, 
mene bT '""t*""' f°™™ ^"»in,mt. Eine tüchtige H^',;, 
^nTk' '""'^***' « «« Frau von großer Gesch.ck ■ 1^^. 

«hafte ell:rv ^"r °''- --«- ^yP'-" r Dek> 
ins H,„r . *'"" ^her z. B. ein Baumeister oder Df ,.,|,eii 

technisch ^r '""■''' ^"hirgt sie zwanghaft ihre samdr 
über t T^''"' ™' '•"» '"'■ "=8' "■=' d^" Arbiter J8^„. 
«huldigTZ '■ • '■"''"' "= *" Anordnungen in -« ^^Z 
'Sen und naiven Art trifft, als ob sie ..glücklich err ^__j 



wären Si„ i, . -" "'i trint, als oo sie ..g""-" , . t., »»" 
dem BäckL "''. «"'""l». daß sie selbst dem fl"»'"' ßi« 
ihrem 4; , «'«"'"''"• <Ji= «e in \Cirklichkeit mit eiserner b 
Standpunk ™- ""f "''f'' "icht offen einen festen W^ _ ^„11« 
---Jl_l^|;^|;^J^|;™_kann; sie fühlt sich sozusagen ,. 

■"« «Ib'lv^i™ nt"*" '^y'"^'^ habe id. eine derartige Ein^^'y.dirA*' 
„■^ , ™ Deflor.uo„ bei bci^lie allen (fünf Klle). Dieser sy-P"" 



^i^d im lichte von 7™'^'^ ^'^ beinahe allen (füi 
^''^ Freuds „Tabu der Virgmität" 



aufschlußreidi. 



196 






ÜSHSSffiSSHWW« 



Spielen" . 

üj^j T ^^^ benimmt sich wie eine etwas ungebildete, törichtt 

diese J"^^^^^^ Frau. In allen anderen Beziehungen des Lebens ist 

ihre p ^^^__^^"^ anmutige, begabte und gebildete Dame und kann 

^ink T" f^urch ihr vernünftiges Verhalten ohne irgendwelche 

docli ^"^^ . '^^^^^Sen. Diese Frau ist nunmehr fünfzig Jahre alt, 

Männ''^^^ ^? ™^^' ^^^ ^^^ ^^s i""g« ^^^^ ^^^ Verhandlungen mit 



leutei^ ' ^\^ «twa Trägern, Kellnern, Droschkenkutschern, Kauf- 
^jguren*^ ■ ^^^^^^^^^chen andern als feindlich vorgestellten Vater- 
scli^g^' ^^^ Ärzten, Baumeistern und Rechtsanwälten, an sehr 
hatte T ^.^^^^ -^"' überdies stritt sie häufig mit solchen Männern, 
^ü bet .l^^'^"^^"^^^*s^tzungen mit ihnen, beschuldigte sie, daß sie sie 
"^"gen versuchen, usw. // >. ;;^;cN 

Scheite J'^c^^^^ ^^^^ aus der Alltagsbeobachtung ist der einer ge- 
eine^ ab ^^^' "" ^^"'" ^^^ Mutter, — die an der Universität 
^^^ öicKf^f-^^'^" Gegenstand, der Frauen selten anzieht, lehrt. "Wenn 
Vählt s' r ^'^"^«nten, sondern für Kollegen eine Vorlesung hält. 
Gelegej^jl^^. ^'^onders weibliche Kleider. Ihr Benehmen bei diesen 
^'^'^'^ippisT^" ^^^^^ ^"^^ ^^""^^ unangemessenen Zug: sie wird 
inerkun^^ "^^ scherzhaft, so sehr, daß ihr dies bereits Be- 
der ^^^^^ "nd Kritiken eingetragen hat. Sie muß die Situation 
'^^'^^nder"^^^^^""^ ^^^^^^ Masfculinität vor Männern als ein „Spiel" 
"Scher^..^ r~" ^^^ ^'^^^s nicht Wirkliches — als einen 
^an(Je|j^ * T^^ ^^"" ^^^^ ""«^ ^^^^^ Gegenstand nicht ernsthaft be- 
"^eil |j_^'^ ^^""ch ihr schnippisches Verhalten kann sie auch einen 
^'« Mjfikl,. ^*^"^"^ ^n den Mann bringen. Daraus resultiert auch 

Viel ^^^ erregt, 

^'^heji lyjg'l^^'"? Beispiele könnten angeführt werden. Einem ähn- 
^ätiner ^^^^^^^^^ bin ich in der Analyse manifest homosexueller 
^^^ ■'^ngst^^^"^^' ^^ ^^"^"^ solchen Falle mit schwerer Hemmung 
^'^e Unter '^''^^^'' "^'^ homosexuelle Aktivität in der Wirklichkeit 
"^^iiiisses ^^^^^'^"^^e Rolle. Die Quelle des stärksten geschlechtlichen 
^y^^ Vor A^ "^'^ Masturbation unter besonderen Bedingungen, und 
^> Weni^ '^"^.^P^^Sel in bestimmter Kleidung. Die Erregung trat 
^^^^den^ ^^ '^^^^ ^'^^ in der Mitte gescheiteltem Haar und einer 



leraus, daß diese unge- 



.^^^'ilichej? i"^^^"^ sah. Es stellte sich h 

le^. TT — > — 

^aar und Krawattenschleife waren von ihr über 



^"^^leid««. *;^^tische" dazu dienten, ihn als seine Schwester zu 



197 



I| i: 



Nil i|: 



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1 I 



nommen. Seiner bewußten Einstellung nach wünsclite- er sich, ei"^ 
Frau zu sein; seine manifesten Beziehungen mit Männern ^areo 
jedoch nie dauernd gewesen. Im Unbewußten war seine homo- 
sexuelle Einstellung aber durchaus sadistisch und auf Rivalität «n^ 
dem Manne begründet. Seine sadistischen Phantasien und dk Vor- 
stellung vom Besitz eines Penis konnten sich nur hervor- 
ragen, wenn er dadurch gegen Angst gesichert wurde, daß ^^ 
sich im Spiegel „als Frau verkleidet" sah. 

■ Kehren wir zu dem zuerst beschriebenen Fall zurück. Es besteht 
kein Zweifel darüber, daß diese Frau hinter ihrer scheinbar be- 
friedigenden HeteroSexualität gut bekannte Äußerungen ^cs 
Kastrationskomplexes zeigte. Karen Horney hat als erste aut 
die aus der Ddipussituation stammenden Quellen des weiblichen 
Kastrationskomplexes hingewiesen; die Feststellung, daß die ^^^^' 
hchkeit auch als Maske verwendet werden kann, bedeutet vielleicht 
hier einen weiteren Schritt in der Analyse der weiblichen Ent- 
wicklung. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus die ersten 
Phasen der Libidoentwicklung dieser Patientin. 

Ich trage erst noch die Schilderung ihrer Beziehungen zu Frauen 
nach. Sie empfand fast jede Frau, die entweder hübsch oder geistig 
höherstehend war, bewußt als Konkurrentin. Sie hatte bewußte 
Haßregungen gegen fast jede Frau, mit der sie mehr zu tun hatte, 
konnte aber trotzdem ein ganz gutes Verhältnis herstellen, wo 
es sich um dauernde oder nahe Beziehungen zu Frauen handelte- 
Das gelang ihr fast ausschließlich dadurch, daß sie sich ihnen 
unbewußt in irgendeiner Weise überlegen fühlte (ihre Beziehungen 
zu Untergebenen waren immer ausgezeichnet). Darauf beruhte 
auch zum großen Teil ihre Tüchtigkeit als Hausfrau. Auf diese 
Weise übertraf sie ihre Mutter, errang deren Beifall und bewies 

iTt r'"^^''^"'^ "^'" ^'"^ »femininen" Rivalinnen. Ihre in- 
te lektuellen Leistungen hatten zweifellos zum großen Teil den- 
selben Zweck. Auch dadurch bewies sie auf diesem Gebiete ihre 
Überlegenheit über ihre Mutter; seit der Pubertät hatte sie offenbar 
mit Frauen mehr in intellektuellen Leistungen als auf dem Gebiet 

er bchonheit rivalisiert, denn wo es auf Schönheit ankam, konnte 
sie ja gewöhnlich ihre Zuflucht in der Überlegenheit ihres Ver- 
standes finden. 



11;, •■ 



r: /,:i.:' ^' .-f ■ 



19^ 



^le Analyse ergab, daß alle diese Verhaltungsweisen Männern 
p Frauen gegenüber auf ihre Reaktionen gegen die Eltern auf 

'' oral-sadistischen (beißenden) Stufe zurückgeführt werden 
^«niiten. Sie hatte damals mit Phantasien reagiert, wie Melanie 
^'^11' sie in ihrem Kongreßvortrag 1927 beschreibt. Infolge der 
"'^len Enttäuschungen in der Säuglings- und Entwöhnungszeit, 
T^^aden mit Eindrücken aus der oral aufgefaßten Urszene, ent- 
^''^^Ite sie einen außerordentlich heftigen, gegen beide Eltern 
gerichteten Sadismus.^ Der Wunsch, die Brustwarze der Mutter 
'•^^ubelßen, wird ersetzt durch den Wunsch, die Mutter zu zer- 
'^^^«> in sie einzudringen, ihr den Bauch aufzuschlitzen und sie 
i^d den Inhalt ihres Leibes aufzufressen. Diese Inhalte sind der 
f ^^is des Vaters, Ihre Fäzes, ihre Kinder, alle Besitztünrier und 

^lebesobiekte der Mutter, die in der Phantasie Innerhalb ihres 



Leib, 



es vorgestellt werden.^ Wie wir wissen. 



kann der Wunsch, die 



ßrust^arze der Mutter abzubeißen, auch durch den Wunsch ersetzt 
^^rden, den Vater zu kastrieren, ihm den Penis abzubeißen. Aut 
dieser Stufe sind beide Eltern Konkurrenten, beide besitzen 
*^b'jekte. die sie begehrt; ihr Sadismus richtet sicTii gegen beide und 
<iie Uache beider wird gefürchtet. Aber die Mutter ist, wie \>ei 
Mädchen immer, die mehr Gehaßte und infolgedessen auch die 
mehr Gefürchtete. Von ihr wird die dem Verbrechen entsprechende 
Strafe erwartet; sie wird den Körper des Mädchens, ihre Schön- 
heit, ihre Kinder, ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen, zerstören, 
wird sie verstümmeln, auffressen, foltern und töten. In dieser 
furchtbaren Lage liegt die einzige Rettung des Mädchens darin, 
^i*e Mutter zu versöhnen und ihr Verbrechen zu büßen. Sk muß 
die Rivalität mit der Mutter aufgeben und versuchen, ihr das 
wiederzugeben, was sie ihr gestohlen hat. Sie identifiziert sich, wie 
^Ir wissen, mit dem Vater; die Männlichkeit, die sie so erwirbt, 
stellt siedann in denDienst der Mutter. Sie wird 
der Vater und nimmt seinen Platz ein; so kann sie ihn der Mutter 




4) Frühstadien des Ödipuskonfliktes. Int. Zeitsdir. f. PsA., Bd. XIV., 1928. 

J) E. J o n e s, a. a. O,, S. 21 f, sieht eine Intensivierung der oral-sadistisdien Stufe als 
'e Wesentliche Charakteristik der homosexuellen Entwicklung bei Frauen an. 

°) Da es in diesem Zusammenhange nicht wesendidi ist, habe idi die weitere Entwiddung 
rer Beziehungen 2u K i n d e rn beiseite gelassen. ' ■ ■ 






199 







: it'i I 



„Wiedergeben". Diese Einstellung wurde in manchen typischen 
Situationen des Lebens meiner Patientin sehr deutlich. Sie fand 
besonderes Vergnügen daran, ihre großen praktischen Fähigkeiten 
zur Hilfe oder Unterstützung schwächerer und hilfloserer Frauen 
211 verwenden, und sie konnte diese Emstellung erfolgreich bei- 
behalten, so lange die Rivalität nicht allzu stark In den Vorder- 
grund trat. Diese Wiedergutmachung hatte Jedoch eine Bedingung; 
sie mußte durch Dankbarkeit und „Anerkennung" reichlich ent- 
schädigt werden Sie glaubte bewußt, daß ihr diese Anerkennung 
tur Ihre Selbstaufopferung gebührte; für das Unbewußte bedeutete 
diese Forderung die Anerkennung ihrer Überlegenheit als Mann, 
der den Penis besaß und ihn zurückgeben konnte. Wurde ihre 
Überlegenheit nicht anerkannt, dann wurde die Rivalität sofort 
akut; wo sie nicht auf Dankbarkeit stieß, brach ihr Sadismus in 
voller Stärke hervor; sie wurde dann (im geheimen) von 
Paroxysmen oral-sadistischer Wut überfallen. In denen sie sich 
wie ein wütendes kleines Kind benahm. 

Ihr Groll gegen den Vater war zweifach determiniert: i. Er 
nahm ihrer unbewußten Meinung nach In der Urszene der Mutter 
die Milch usw., auf welche sie Anspruch gehabt hätte; 2. gleich- 
zeitig gab er der Mutter den Penis oder die Kinder, statt sie ihr 
zu schenken. Darum sollte ihm alles, was er besaß oder nahm, 
durch sie wieder fortgenommen werden; er wurde kastriert und, 
ebenso wie die Mutter, zunichte gemacht. Die Angst vor ihm blieb 
bestehen, wenn auch nicht im selben Ausmaß wie vor der Mutter, 
zum Teil, weil sie seine Rache für den Tod und die 2:erstöning 
der Mutter fürchten mußte. So mußte auch er ausgesöhnt und be- 
schwichtigt werden. Das geschah dadurch, daß sie ihm zuliebe 
eine weibliche Rolle spielte und ihm auf diese Welse ihre „Liebe" 
«nd Schuldlosigkeit zeigte. Es ist Interessant, daß diese weibliche 
Maske zwar von anderen Frauen durchschaut wurde, aber hei 
Mannern Erfolg hatte und ihren Zweck voll erreichte. Viele 
^anner wurden dadurch angezogen und bestärkten sie durch 
unstbeze^gungen in ihrer Einstellung. Die nähere Untersuchung 
ergab daß es Männer jenes Typs waren, der die extrem weibliche 

bT h"^ A ^^^ ^'^^^" ^'"^ ^^^^ ^^^' ^^^ ^^^^^^ männliche Attri- 
u e at und darum geringere Ansprüche an sie zu stellen scheint. 



äoo 



P 'r 



Der Talismann, den beide Eltern bei der Urszene besitzen und 
der ihr fehlt, ist der Penis des Vaters; daher rührt ihre Wut, ihre | f 1 | 

"^ngst und ihre Hilflosigkeit/ Wenn sie dem Vater diesen Penis 
entreißt und selbst von ihm Besitz ergreift, erringt sie den Talis- 
J^sn, das unbesiegbare Schwert; der Vater wird macht- und 
hilflos (ihr sanfter Gatte); aber sie schützt sich noch weiter vor 
seinem Angriff durch die Maske weiblicher Unterwürfigkeit, unter 
deren Deckung sie selbst viele seiner männlichen Funktionen „für 
ihn" ausführt (ihre praktische und organisatorische Tüchtigkeit), 
Ebenso verfährt sie mit der Mutter: Nachdem sie ihr den Penis 
geraubt, sie zerstört und in einen Zustand bedauernswerter Unter- 
legenheit versetzt hat, triumphiert sie über sie doch wieder im 
geheimen; nach außen hin anerkennt und bewundert sie die 
Tugenden „weiblicher" Frauen. Die Aufgabe, sich vor der Rache 
der Frau zu schützen, ist aber schwerer als die dem Manne gegen- 
über; ihre Versöhnungs- und Beschwichtigungsversuche, durch 
Rückerstattung und Verwendung des Penis im Dienste der Mutter 
konnten deshalb kein Ende finden; sie mußte diesen Mechanismus 
immer und immer wieder anwenden und sich in seinem Dienste 
halb totarbeiten. 

Es scheint also, daß die Patientin sich vor der unerträglichen 
Angst, die die Folge ihres sadistischen Wütens gegen beide Eltern- 
teile war, dadurch schützte, daß sie in ihrer Phantasie eine 
Situation schuf, in welcher sie die Überlegene wurde, der kein 
Schaden zugefügt werden konnte. Der Kern ihrer Phantasien war 
ihre Überlegenheit über die Eltern; durch diesen Triumph 
^urde Ihr Sadismus befriedigt. Durch dieselbe Überlegenheit gelang 
CS ihr auch, der Rache der Eltern zu entgehen; ihre Reaktions- 
bildungen und das Verbergen ihrer Feindseligkeiten standen im 
Dienste dieser Absicht. So erreichte sie gleichzeitig die Befriedigung 
der Forderungen ihres Es, ihres narzißtischen Ichs und ihres Über- 
Ichs. Diese Phantasie war die Triebfeder und Hauptstütze ihres 
ganzen Lebens und Charakters. Es gelang ihr beinahe, sie voll- 
kommen in der Realität durchzusetzen. Es gab jedoch einen 
schwachen Punkt: der megalomanische Charakter des Zwanges, 



7) Siehe M. N. S e a r 1, Danger Situations of the Immature Ego, Kongreßvortrag, 



'Oxford I 



929. 



201 









! 1 



sich überlegen zu fühlen. Als in der Analyse diese Überlegenheit 
ernsthaft angegriffen wurde, fiel sie in schwerste Angst, Wut und 
tiefste Depression j vor der Analyse wurde sie unter ähnlichen 
Urnständen krank. 

Ich möchte noch einige Worte über den von Jones be- 
schriebenen Typus der homosexuellen Frau sagen, deren Ziel die 
Anerkennung ihrer Männlichkeit durch Männer ist. Man könnte 
meinen, daß das Bedürfnis nach Anerkennung bei diesem Typus 
dem Mechanismus unseres Falles bis auf die andere Wirkungs- 
weise (Anerkennung für vollbrachte Dienste) analog ist. In meinem 
Falle wurde die direkte Anerkennung des Penisbesitzes nicht 
manifest gefordert; die Anerkennung wurde für die Reaktions- 
bildungen verlangt, die aber auf die Phantasie des Penisbesitzes 
aufgebaut waren. Die Anerkennung des Penis wurde also 
indirekt verlangt. Diese Verhüllung diente wieder der Ver- 
hütung der Angst, daß ihr Penisbesitz entdeckt werden konnte. 
Offenbar hätte auch meine Patientin bei geringerer Angst die An- 
erkennung ihres Penisbesitzes von Männern offen gefordert. Im 
geheimen kränkte sie sich tatsächlich, ganz wie die von Ernest 
Jones berichteten Fälle, bitter über jedes Ausbleiben solcher 
direkter Anerkennung. In den Fällen von Jones kommt offenbar 
der primäre Sadismus ZU größerer Befriedigung: der Vater ist 
kastriert worden und muß noch dazu seine Niederlage ausdrücklich 
zugeben. Wie verhüten aber diese Frauen die Angst? In bezug auf 
die Mutter dadurch, daß ihre Existenz überhaupt geleugnet wird. 
Wenn ich nach Anzeichen aus durchgeführten Analysen urteile» 
so kann ich annehmen, daß, wie auch Jones andeutet, diese 
Forderung nach Anerkennung erstens eine Verschiebung der 
sadistischen Forderung bedeutet; das begehrte Objekt, Brustwarze» 
Milch, Penis, müsse sofort hergegeben werden; zweitens, daß d3.s 
Bedürfnis nach Anerkennung zum größten Teil ein Bedürfnis nach 
Absolution sei. Die Mutter ist vernichtet worden; zu ihr sind 
keinerlei Beziehungen möglich. Ihre Existenz wird scheinbar g^' 
leugnet, allerdings in tieferer Schichte nur allzusehr gefürchtet. 
So kann nur der Vater von der an beiden Ehern erworbenen 
Schuld entbinden; wenn seine Anerkennung ihren Penisbesitz 
sanktioniert, Ist sie in Sicherheit. Dadurch, daß er ihr di^ 



202 



Anerkennung s ch enk t, s ch enk t er ihr auch den Pe^is, ihr 
und nicht der Mutter. Dann hat sie ihn und darf dm haben und 
alles ist in Ordnung. Anerkennung bedeutet Immer zum Teil Be- 
stätigung, Sanktion, Liebe; außerdem gibt ihr die^ Anerkennung 
nieder die überlegene Stellung. Der Mann hat ihr seine Niederlage 
eingestanden, wenn er es auch nicht weiß. So ist der Inhalt der 
Phantasiebeziehung einer solchen Frau zu ihrem Vater kein 
anderer, als beim normalen Ödipuskomplex; der Unterschied ist 
nur die sadistische Basis. Die Mutter Ist zwar durch sie beseitigt, 
doch hat sie sich dadurch auch von dem Genüsse von vielem, was 
die Mutter gehabt hat, ausgeschlossen; was sie vom Vater erhalt, 
muß sie zum großen Teil erpressen und erzwmgen. • .v>..n 

Diese Schlußfolgerungen drängen uns nochmal diejrage auf: 
Was ist das eigentliche Wesen der vollentwickelten Weiblic^eit? 
Was ist das „E w i g - W e ib 1 i ch e"? Die Auffassung d^'" Jf^^- 
lichkeit als Maske, hinter der der Mann eine verborgene Getahr 
wittert, wirft etwas Licht auf dieses Rätsel. Helene Deutsch 
^ind Ernest Jones haben festgestellt, daß die voll entwickelte 
heterosexuelle Weiblichkeit in der oral-saugenden Stufe verankert 
ist. Ihre einzige primäre Befriedigung ist das Empfangen von 
(Brustwarze, Milch) Penis, Samen, Kind vom Vater. Alles weitere 
sind Reaktionsbildungen. Das Akzeptleren der Kastration, die 
Unterwürfigkeit, die Bewunderung des Mannes, stammen teils aus 
der Überschätzung des Objektes auf der oral-saugenden Stufe, 
hauptsächlich aber aus dem Verzicht auf sadistische Kastrations- 
wünsche, die von der späteren, oral-beißenden Stufe stammen. 
«Ich darf nicht nehmen, ich darf nicht einmal bitten; es muß 
mir geschenkt werden." Die Fähigkeit zur Selbstaufopferung, 
Verehrung, Selbstverleugnung ist der Ausdruck der Bemühungen 
zur Wiedergutmachung und Ersetzung des Geraubten, sowohl der 
Mutter wie dem Vater gegenüber. Es ist auch in höchstem Maße 
das, was R a d 6 eine „narzißtische Sicherung" genannt hat. 

Es wird evident, wie sehr das Erreichen der vollen Hetero- 
sexuaÜtät mit dem Erreichen der Genitalltät zusammenfällt. Wir 
sehen wieder, wie Abraham als erster festgestellt hat, daß die 
Genitalltät die Erreichung eines postambivalenten Stadiums bedingt. 
Sowohl die normale wie die homosexuelle Frau begehren den 



n 



m 



n 

I 






|i 



203 



pKI 



II 



! 



Penis des Vaters und lehnen sich gegen die Versagung (oder 
Kastration) auf; sie unterscheiden sich aber durch den Grad des 
badismu^^ und die Fähigkeit, sowohl mit diesem wie mit der aus 
dem Sadismus resultierenden Angst fertig zu werden. 



1 ,,1 



über den ^ymisdaeii Wite 



Von 



-•• \' ... .f>J .'-.lij: 



.-.tr., ■■'-, 



i ":•■ '.. ' 



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•.)■/ If- 



Aus dem soeben ersdnenenen — sechi psycho- 
analytische Studien »her den Witz enthaltenden - 
Buche ^L Hst und Leid im Witz" vonTh eo- 
dor Reik (Geh. M. 4-40, Ganzleinen M. 6'^h 
Die fünf anderen Studien behandeln : Die elUptisAe 
Entstellung -~ Psychoanalyse des jüdischen Witzes 
— Künstlerisches Schaffen und Witzarbeit — An- 
spielung und Entblößung — Die zweifadye Über- 
raschung 



I. 






Die nachfolgenden Anmerkungen beanspruchen nicht, das Problem 
des zynischen Witzes, seiner seelischen Voraussetzungen und Ziele, 
zu lösen; sie wollen nur einige Charakteristika dieser Witzesart 
zeigen und auf diesem Wege jenen Fragen näher zu kommen 
suche^ Der zynische Witz gehört unstreitig der tendenziösen Art 
an. Als sein spezifisches Merkmal werden von Freud besonders 
seine Angriffsobjekte hervorgehoben:^ „Institutionen oder Personen, 
sofern sie Träger derselben sind, Satzungen der Moral oder Religion, 
Lebensanschauungen, die ein solches Ansehen genießen, daß^ der 
Einspruch gegen sie nicht anders als in der Maske des Witzes, und 
zwar emes durch seine Fassade gedeckten Witzes auftreten kann." 
Allgemein hochgeschätzte Personen oder Institutionen werden also 
zu Objekten des zynischen Witzes, welcher der Auflehnung gegen 
sie die besondere Form leiht. 



I) Der Witz und seine:^Be7Jehung zum Unbewußten. Ges. Schriften, Bd. Df. 



204 



Ein kleines Witzbeispiel soll uns helfen, den zynischen Witz vom 
ßaiven abzugrenzen. 

Eine Gouvernante erzählt ihrem kleinen Zögling: „Denk dir ein- 
mal, Franzi, wie ich gestern so spät abends von dir weggehe, steht 
t>eim Haus ein verdächtig aussehender Mann. Oh, wie ich gelaufen 
l^in!" Franzi: „Nun — und hast du ihn bekommen?" 

Worüber lachen wir hier? Der erste Eindruck wird sein: das ist 
"n komisches Mißverständnis. Das Fräulein ist aus Angst davon- 
gelaufen; das Kind kennt offenbar die Gründe oder Voraussetzun- 
gen jener Angst nicht und glaubt, es handle sich um ein Erreichen- 
^ollen, um eine Art Fangspiel Die Voraussetzungen, welche dem 
K^leinen fehlen, müssen von der Art sein, daß er sie noch nicht 
erkannt hat. Er sieht nicht ein, was das Fräulein von dem Mann 
2^u fürchten hat. Und doch scheint seine Antwort für uns einen 
verborgenen Sinn einzuschließen. Sie scheint irgendwie zu der 
Situation zu passen. Soweit die Fassade des Witzes; wir gelangen 
heiter, wenn wir dem Grund dieser Angst nachgehen. 

Die psychoanalytische Forschung hat uns gelehrt, daß Angst und 
Wunsch oft einander ergänzen, daß sie sozusagen zwei Seiten emes 
Gefühlsphänomens darstellen können. Der mit den moralischen 
Forderungen des Bewußtseins unerträgliche Wunsch erscheint auch 
in der Neurose und im Traume in der Angstform. Diese Emsicht 
oder vielmehr die Ahnung dieses Zusammenhanges muß irgendwie 
unbewußt unser Besitz sein. Denn darauf beruht ja die starke 
Wirkung des Witzes: das Kind deckt durch seine Antwort auf, daß 
sich hinter der Angst des Fräuleins ein sexueller Wunsch verberge. 
(Vielen Psychologen erscheint noch Jetzt diese Ansicht fraglich. 
Was kein Verstand der Verständigen sieht, das ahnet in Einfalt ein 
kindlich Gemüt.) Die Hemmungen, welche wir dem Aussprechen 
eines solchen Gedankens entgegensetzen würden, smd aus dem 
Wege geräumt. Wir als Zuhörer ziehen aus der Ersparung von 
seelischem Hemmungsaufwand Lust. 

Denselben Witz, den wir hier als naiv bezeichnet haben, würde 
man, wenn ihn ein Erwachsener machte, zynisch nennen. Man sieht, 
daß der Unterschied nicht im Formalen oder Inhaltlichen liegt. 
Denn wir brauchen an dem Geschichtchen selbst nichts zu ändern, 
nur die Person müßte wechseln. Das spezifische Merkmal des zyni- 



i' I 



205 



: 



III 



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Xlll dl 1 



II: 



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seilen Witzes liegt also in einer eigenartigen psychischen Ein- 
stellung, an deren Entwicklung die mißglückte Verdrängung 
namentiich des Schautriebes, der koprophilen Tendenzen und der 
sadistischen Triebkomponente den bedeutsamsten Anteil hat. E^ 
scheint, daß eine der manisch-depressiven oder zwangsneurotischen 
ähnliche seelische Situation den besten Nährboden für die Pro- 
duktion des zynischen Witzes bildet. 

Wir verfolgen den Entwicklungsgang eines solchen Kindes. E^ 
bleibt nicht naiv; es merkt, daß man ihm viel verbirgt. 

Die Psychoanalyse konnte von Konflikten der kindlichen Seele 
erzählen, von deren Größe und Wucht wir uns hätten vorher nichts 
träumen lassen. Oder vielmehr: von denen wir uns haben n^^ 
träumen lassen. Denn diese kindlichen Seelenkämpfe, die auch wir 
durchgemacht haben, sinken ins Unbewußte und kommen ini 
Traume unter seltsamen Verkleidungen empor. Die Erziehung und 
die Moral beginnen ihr Werk. Das Kind muß viele Triebäußerun- 
gcn unterdrücken. Es muß ferner eine Unwissenheit in geschlecht- 
lichen Dingen heucheln, um der Strafe zu entgehen und mehr zU 
erfahren. Die Kinder müssen so ihr frühes Wissen um das so sor«'- 
fältig gehütete Geheimnis der Geschlechtlichkeit verborgen mit sich 
tragen. Doch kommt es oft vor, daß sie zur Revanch d' Er- 
wachsenen mit Lügenmärchen zum besten haJten, so wie" diese es 
mit der Storchfabel gehalten. Manchmal gefällt es'ihnen sich durch 
emen Witz über das Vertrauen der Erwachsenen in die kindliche 
Unschuld lustig zu machen. Die Großmutter ermahnt die lärmenden 
Kiemen: „Aber, Kinder, tobt doch nicht so! Ihr wißt doch daß 
sich heute früh bei der Mama der Klapperstorch eingestellt 'hat/' 
„Ruhe, entgegnet ein kleiner Frechdachs, „Großmama wiU 
Märchen erzählen. 

Das ist schon ein zynischer Witz, denn es wird darin gezeigt, 
daß man über den Vorgang der Geburt genügend informiert ist 
und die unschuldige Kinderzeit vorbei ist. Das Kind will sagen: 
g aubst du, daß wir noch so dumm sind, daß wir an den Storch 
gla^uben? Das gehört auch zu den Märchen, die du erzählst. 

Ein Vater sagt zu seinem elfjährigen Sohne: „Seit du, Fratz, auf 
der Welt bist, habe ich noch keine freudige Stunde von dir ge- 
habt. - „Aber früher, Vater?" Auch dieser Witz zeigt hinter 



206 



der Fassade Verborgenes: nämlicli das kindliche Interesse an der 
Sexualität der Eltern und das Auflehnen gegen die väterliche 
Autorität, die in ihrer Erhabenheit herabgesetzt werden soll. 

Drastisch drückt sich das Auflehnen gegen die elterliche Gewalt 
in der Antwort eines kleines Mädchens aus: „Denkst du, Erna," 
sagt ein Onkel, „das macht deinen Eltern Vergnügen, daß sie li || 1 

immer mit dir zu zanken haben? Das tut ihnen weher als dirl" . '^ ' 

— „Na, wenigstens e i n Trost!" ; .'. ~ .f, j 

Noch einen zynischen Kinderwitz" möchte ich hierher setzen, weil ' 

er zeigt, wie intuitiv Kinder das Richtige ahnen, das Erwachsenen 
so oft entgeht. Der Religionslehrer fragt den kleinen Moritz, wer 
Moses war. „Moses", ist die Antwort, „war der Sohn der ägypti- 
schen Prinzessin." - „Falsch," ruft der Lehrer, „die Tochter 
Pharaos ging am Ufer spazieren und fand Moses in einem Kastchen 
auf dem Wasser schwimmen." - „Sagt sie, Herr Lehrer!" Was 
der kleine Moritz hier erfaßt, ist wirklich der verborgene Sinn 
jener Erzählung von Moses' Auffindung. Otto Rank konnte nach- 
weisen, daß sich alle bemerkenswerten Züge dieses Mythos in vielen 
Sagen typisch finden und daß sie nur einen symbolischen Ausdruck 
des Geburtsaktes darstellen.^ Der kleine Moritz hat, daran ge- 
wöhnt, von den Erwachsenen mit allerlei Märchen über diesen 
heiklen Punkt hinweggetäuscht zu werden, intuitiv das Richtige 
gefunden. Sein Unbewußtes hat erfinderisch denselben Weg zurück- 
gelegt, den viele Jahrtausende früher die Phantasie seiner Ahnen 
ging. 

Welchen Sinn haben nun diese Witze? Sie zeigen das Seelenleben 
der Kinder in der Enthüllung, wie es unter der Oberfläche der Er- 
ziehung und der Konvention tatsächlich aussieht. Sie lüften den 
Schleier der gesellschaftlichen Legende, die den Kindern geschlecht- 
liche Unwissenheit und Unschuld andichtet- ■• "' ''^"''' .< • : : 

Wenden wir uns nun dem zynischen Witz der Erwachsenen zu. 
Dabei werden wir uns folgende Fragen vorzulegen haben: gegen 
Welche Einrichtungen, Gesetze usw. richtet sich der zynische Witz? 
Warum werden gerade diese von ihm als Angriffsobjekte gewählt? 
Auf welchen seelischen Wegen kommt sein Wirken zustande? 

i) Der Mythos von der Geburt des Helden. Fr. Deuticke, Wien 1909. »>«*-' 

- V 207 



■I 



::i; I' 



Endlich: welchen Sinn hat der zynische Witz für Individuum und 
Gesellschaft? 

Versuchen wir, uns zuerst Aufklärung über die Natur des zyni- 
schen Witzes durch einige typische Beispiele zu verschaffen. 
^ Dabei nehmen wir absichtlich unliterarische Beispiele, solche, wie 
sie das Leben des Alltags ans Licht befördert- 

Der Leutnant fragt: „Sagen Sie mir, Bacharach, warum soll der 
Soldat sein Leben freudig für den König opfern?" — „Recht haben 
Sie, Herr Leutnant, warum soll er's opfern?" ' 

Wieder ist unser erster Eindruck der eines komischen Mißver- 
ständnisses: der Einjährige hält die Frage des Leutnants offenbar 
für eine rhetorische. Doch merken wir gleich den Grund des Miß- 
verständnisses: er kann nicht glauben, daß jemand das Leben, 
welches der Güter höchstes ist, für den ihm innerlich fernstehenden 
König opfern wird. Patriotismus ist ihm nur die Pflicht, sich auf 
Befehl des Kriegsministers für die heiligsten Güter der Nation er- 
schießen zu lassen. Die gefährdete Selbsterhaltung lehnt sich gegen 
den ihm widersinnig erscheinenden, geweihten Zwang auf. 

In einem vornehmen Londoner Klub, dem die größten Lebe- 
manner der Stadt angehören, fragt Bischof Y. einen Ankömmling; 
,Nun, Mylord, sind Sie noch immer nicht entschlossen, ob Sie der 
Teufel oder die Syphilis holen soll?'' - „Euer Gnaden," antwortet 
der Lord höflich, „das wird ganz davon abhängen, ob ich mir 
Ihre Grundsätze oder Ihre Maitresse aneigne." Das scheint eine 
persönliche Abwehr m Witzesform. Doch richtet sich die so wenig 
schmeichelhafte Alternative wider die allgemeinen Schäden der 
Geistlichkeit, denn der Priester ist durch seinen Stand verpflichtet, 
moralisch reine Grundsätze zu haben und ein sexuell tadelloses 
Leben zu führen. Beiden Ansprüchen genügt die Geistlichkeit 
manchmal nicht in zulänglichem Maße. 

Ähnlich klingt eine von Chamfort erzählte Anekdote: eio 
Edelmann, der seine Gattin in flagranti mit einem Bischof ertappt, 
geht ruhig zum Fenster und segnet die Vorübergehenden: „Seine 
Eminenz versehen gegenwärtig meinen Dienst, ich muß den seinigen 
versehen." 

Dieser Witz enthüllt die sexuellen Begierden derer, welche durch 
ihren Stand zu sexueller Enthaltsamkeit verurteilt sind. Er will 



208 



^ägen, daß auch Priester Menschen mit menschlich-allzumensch- 
lichen Eigenschaften sind und das Zölibat nur eine Heuchelei ist. 

Nahe steht eine andere Gruppe von Witzen, die man als 
blasphemische bezeichnen kann. Einige Beispiele werden uns ihre 
Analyse erleichtern. 

Ein jüdischer Mörder erhält kurz vor seiner Hinrichtung den 
Besuch eines Rabbiners. „Ich komme zu dir, mein Sohn, als Diener 
Gottes", beginnt dieser. „Was wollen Sie von mir?'' unterbricht 
ihn der Verbrecher, „in einer Stunde werde ich mit Ihrem Chef 
sprechen." Zynisch ist hier beides: daß der Priester gleichsam als 
Angestellter eines Geschäftes angesehen wird und Gott sein Chef 
sein soll. In Heines „Bäder von Lucca" findet sich ein ähnlicher 
witziger Vergleich. 

Ein zweiter Witz wird uns tiefer hinter die Fassade sehen lassen. 
Ein frommer Rabbiner wird nach seinem Tode in den Himmel 
aufgenommen. Er nähert sich Jehova und fragt zutraulich: „Herr- 
gottleben, sag', was sind für dich tausend Jahr?" — „Tausend 
Jahr sind für mich wie eine Minute." — „Und geh, sag', was sind 
für dich eine Million Gulden?" — „Eine Million Gulden sind für 
mich wie ein Kreuzer." — „Geh, Herrgottleben, schenk' mir einen 
Kreuzer!" — „Wart' eine Minut'!" Gott wird hier als geriebener 
Geschäftsmann dargestellt, der seinen schlauen Gläubigen durch 
Raffinement noch übertrifft. Es birgt sich hinter diesem Witz eine 
tiefe Wahrheit. Der Mensch schafft sich seinen Gott nach seinem 
Ebcnbilde. Der Gott der Juden wird hier von ihnen als schlauer 
Geschäftsmann betrachtet.^ (»Wie einer ist, so ist sein Gott; darum 
Ward Gott so oft zum Spott," G o e t h e.) Zugleich bedeutet der 
'Witz einen schmerzvollen Protest gegen Gott, der sein auserwähltes 
Volk zwang, oft mit zweifelhaften Mitteln den Kampf ums Dasein 
^u führen. Es reihen sich hier ungezwungen Aussprüche von Ster- 
benden an, die ihrem Zynismus Ausdruck geben. Sie wirken um so 
stärker, als sie im Moment des Hinübergehens in das unbekannte 
I Land, von dess' Bezirk kein Wand'rer wiederkehrt, fallen. So 
spricht Heine, da ihn der Priester auf die Gnade Gottes verweist, 



3) Die gleidie Einstellung zu Gott zeigt oft das jüdisdie Sprichwort, zum Beispiel : 
»Gott ist nidfcit so reidi, als man glaubt: was er dem Einen gibt, nimmt er dem Andern!" 



Almanach 19JO. 209 







■ I ! 



das berühmte Wort: ,,Bien sür, qu'll me pardonnera, c'est son 
metier." Durch die Annahme eines Geschäftes, eines Berufes nach 
Menschenart, erhebt hier der Künstler zum letztenmal Protest 
gegen den GottesbegriflF. Voltaire beantwortet die Frage des 
Priesters, ob er jetzt an die Göttlichkeit Jesu Christi glaube; „A« 
nom de Dim, monsleur, ne me pariez plus de cet hommer 

^ Wir wissen schon, daß diese Zynismen in direkter Linie auf den 
kindlichen Protest gegen den Vater zurückgehen. Es gibt viele 
zynische Witze, welche die Person des Vaters herabsetzen, nament- 
lich solche, welche sich gegen seine Sexualität richten. Es wird 
aber ebensooft die Tugend der Mutter angezweifelt. Ein gutes 
Beispiel dieser Art, das beide Phänomene vereinigt, ist folgendes: 

Der französische Schriftsteller Crebillon anwortete auf die 
Frage eines Gastes: „Weiches halten Sie für Ihr bestes Trauerspiel?" 
mdem er auf seinen Sohn wies: „Ich weiß nur, welches mein 
schlechtestes ist: hier, mein Herr Sohn." Der Sohn entgegnete: 
„Man glaubte daher auch, daß Sie es nicht gemacht haben." Diese 
freundliche Entschuldigung dient natürlich nur dazu, den Vater 
als Hahnrei hinzustellen. 

Den Witzen, welche sich gegen die Religion richten, stehen 
andere nahe, welche die allgemeine Moral oder bestimmte An- 
schauungen der Moral angreifen. Der Herzog von M a r 1 b o r o u g h 
nützte seinen Einfluß unmäßig zur persönlichen Bereicherung aus. 
Einmal wollte jemand einen Posten durch seine Protektion erlangen 
und sagte ihm leise: „Euer Gnaden, ich gebe Ihnen tausend Pfund 
auf der Stelle und sage es niemandem." — „Wissen Sie was;' 
antwortete der Herzog, „geben Sie mir zweitausend und sagen Sie 
es jedermann." Das heißt also: was liegt mir an der Meinung der 
Leute; die Hauptsache ist, daß ich möglichst viel Geld bekomme. 
Dieselbe Rücksichtslosigkeit zeigt der Witz auch nicht selten wo 
religiöse Gebote^ in Frage kommen. Ein Jude, welcher in einem 
Irrenhaus interniert war, bekam Tobsuchtsanfälle, weil seinem Ver- 
^i^en na^h rituell zubereiteten Speisen nicht entsprochen wurde. 
Endlich bestellte ihm der Arzt aus einem nahen jüdischen 
Restaurant das gewünschte Essen. Am Samstag spazierte nun der 
Fromme mit seinem Wärter im Garten, behaglich seine Zigarre 
rauchend. Entrüstet kommt der Arzt auf ihn zu: „Was soll denn 



210 



, . . jr:Siisias!i£axi ^ '^f^'**^B^iMiif X3asa:i c i-k nTwmr , 



I 



^^s heißen? Zuerst sind Sie so fromm, daß Sie nur koscher essen 
Völlen und jetzt rauchen Sie am Samstag?" Darauf entgegnet ruhig 
der Gefragte: „Nu, und zu was bin ich denn meschugge?" 

Dergleichen Witze zeigen den Wunsch, sich um Moral- und 
^«ligionsgebote nicht zu kümmern und sich nur seiner Lebenslust 
liinzugeben. Sie wollen sagen: Moral ist der Stock, der uns zum 
Krüppel schlägt. Dann dient er uns als Krücke. Ihre zweite Lehre 
^E* man kann die strengen Gebote der Moral im harten Kampf 
tims Dasein oft nicht aufrechterhalten. Der geistvolle T a 1- 
^^yrand spricht diese Meinung in einem zynischen Worte offen 
^^s: „Die erste Regung ist fast immer gut; man muß sie unter- 
<^rücken." 

Andere zynische Witze richten sich gegen einen bevorzugten 
^'^and und treffen mittelbar wieder die konventionellen Ehrbegriffe. 
^ie werden immer vom Standpunkte des Niederen gemacht und 
^sigen das Bemühen, sozial höhere Klassen durch die Enthüllung 
ihrer verborgenen Menschlichkeiten auf das eigene Niveau herab- 
^udrücken. So sagt zum Beispiel ein Berliner Zuhälter zu seiner 
Geliebten: , Wenn ick en Baron wäre und du ene Kommerzienrats- 
tochter, denn dürfte ick mir ungeniert aushalten lassen." Auch 
ideale Bestrebungen wie zum Beispiel die Frauenbewegung greift 
der Witz unbedenklich an. Wir kennen wohl alle eine Menge von 
Sitzen, welche das Frauenstudium verhöhnen, indem sie ihm ver- 
borgene sexuelle Motive unterschieben. Mancher Witz geht sogar 
^0 weit, den Frauen überhaupt keine höheren Interessen zu- 
^^ugestehen. Er behauptet, es sei schwer, an die letzten Dinge zu 
denken, wenn man durch die Überlegung gestört werde, wie einem 
dieses Nachdenken stehe. Im „Simplizissimus" erklärt einmal ein 
Künstler: „Sehen Sie, Fräulein, es gibt zweierlei Malerinnen. Die 
einen wollen heiraten und die anderen haben auch kein Talent!" 

Diese Witzgruppe, welche verkündet, wie der Frauen ewig Weh 
^nd Ach so tausendfach aus einem Punkte zu kurieren sei, leitet 
'ißs willkoramenerweise zu den zahlreichen zynischen Witzen über, 
"Welche der Liebe und der Ehe gelten. Der „Simplizissimus" wird 
^ns dafür vorzügliche Beispiele liefern. Eine junge, schöne Witwe 
iteht vor dem Spiegel; sie Ist eben im Begriffe, auszugehen, da 
^agt sie sich: „Ach, ich muß doch schwarze Strumpfbänder nehmen. 

14^ 211 






r 



1 



Man kann nicht wissen..." Das klingt wie ein Ausdruck ^^^ 
Lebenslust der Armen: ich will einen Geliebten, ich will nicht 
mehr an den Toten denken, nur der Lebende hat recht. D^^ 
ursprüngliche Lebenslust triumphiert noch auf Gräbern. Eine fran- 
zösische Romanze drückt dasselbe aus: „Ne pkure pas: k notr i^ 
va n bienr Eine besorgte Mutter äußert: „Was nützt's, daß unsere 
Theres' ^uf alle Bälle geht; das Mädel hat halt ka Geld!" — .J^'^ 
antwortet der Herr des Hauses, „wenn sie wenigstens Busen hatt « 
dann fand' sich vielleicht ein Idealist." Der Idealismus ist na<:» 
dieser Ansicht nur ein Überbau und alle Neigung nur aus unserem 
Triebleben zu erklären. Das Körperliche ist die Hauptsache, ^as 
Seelische nur ein Vorwand. Wir erinnern uns, daß Theodor 
Vis eher das Komische im Zynischen darin fand, daß die ideal*; 
Seite der Liebe unaufhörlich der materiell-sinnlichen gegenüber- 
gestellt wird. GatTz äfiinli'cli: ein Mädthcn fragt: „Sag', Mam^» 
was ist denn eigentlich platonische Liebe?" — „Warte nur, mei« 
Kind," lautet die Antwort, „bis du ein Jahr verheiratet bist! ^^^^ 
wirst du's wissen." Diese eigenartige Zeitbestimmung In dieseßi 
Zusammenhange soll heißen: platonische Liebe ist die Liebe bei 
der man den Sexualgenuß vermißt und ihn herbeisehnt/^'^ 
Wilhelm Busch zu reden: Entsagung nennt man das Vergnüg^o 
an Sachen, welche wir nicht kriegen. 

„Darf ich Sie bei mir erwarten, Frau Else?" fragt ein Offizin''' 
„Nein, Herr Baron, ich komme nicht, ich liebe meinen Mann ^^ 
sehr und dann kann ich mich auch nicht allein frisieren." Dieser 
so befremdlich klingende Doppelgrund zeigt, daß die Treue der 
Frauen meistens nur von äußerlichen Momenten abhängig ist. D''^ 
pessimistische Meinung ist: und die Treue, sie ist doch ein leer^'' 

Harmloser bindet folgendes Gespräch poetische und prosaische 
Seiten der Liebe und deckt das Ungereimt-Inkongruente ihres 
Vereintseins auf. Eine Dame: „Herrlich denke ich mir das, s0 
ganz frei als Junggeselle durch die Welt zu ziehen." — „Ganz 
m:ht. Gnädigste, aber ab und zu sehnt man sich doch nach einem 
Wesen, das einem die Sorgen von der Stirne küßt und die Wäsche 
in Ordnung hält.^- Auch anscheinend persönliche Witze fallen io 
diesen Bereich. Zum Beispiel: „Na, Baron, mit der Liebe ist es bei 



212 



- -■-■-aTgB JiarBM— g» 



i' 



Ihnen auch nicht mehr viel!" — „Wieso? Hat sich jemand aus 
Ihrer Verwandtschaft darüber beklagt?" Das scheint durchaus eine 
persönliche Abwehr zu sein. Bei näherem Zusehen enthüllt sich 
^ber die allgemeine Tendenz: der mit seinen menschlichen 
Schwächen Gehänselte will sagen: Niemand, auch Sie und Ihre 
"Verwandten nicht, sind von geschlechtlichen Bedürfnissen frei. Ich 
gestehe es nur offen und ihr seid Heuchler. |, 

Es gibt zynische Witze, welche an die tiefsten Probleme des 
Menschenlebens rühren. Sie zeigen eine pessimistische Welt- 
anschauung, sie enthüllen das Berechnet-Inkongruente des Daseins, 
^as wir leben. Sie verkünden: es gibt keine Gerechtigkeit und 
lieine vernünftige Weltordnung. Was der Mensch auch tue, er wird 
^ie zum Frieden und zur inneren Ruhe kommen. Wir sind wie 
Spielbälle in der Hand eines tölpelhaften und unüberlegten Spielers. 
Ich denke dabei an Witze wie folgenden: Der Direktor einer 
Irrenanstalt läßt einen Gast die Zellen besichtigen. In einer sitzt 
ein Mann und hält eine Holzpuppe im Arm, die er herzt und kost. 
Leise sagt der Direktor: „Der Mann liebte ein Mädchen, das ihn 
Verschmähte und einen anderen heiratete. Darüber wurde er ver- 
J'ückt. In seinem Wahne hält er die Puppe für seine Geliebte." 
tlie nächste Zelle ist ausgepolstert. Darin lauft unaufhörlich ein 
Mann mit den Gebärden eines Tobsüchtigen gegen die Wand. „Das 
ist der Andere", erklärt der Direktor. 

Dieser Witz gilt nicht ^lur dem unheilvollen Einfluß der Frauen; 
er trifft eine höhere Instanz, den großen Unbekannten über den 
kolken, der die menschlichen Bemühungen um Glück so kläglich 
scheitern laßt. Wenn Witze dieser Art ein „frevles Spiel mit 
heiliget! Gütern" treiben, so dürfen wir nicht vergessen, daß diese 
heiligen Güter früher ein frevles Spiel mit den Witzigen getrieben 
haben. Auch hier steht also verborgen die Opposition gegen die 
grausame Gottheit. - - ^ 

Bewundern wir an einem anderen Beispiel, wie intuitiv der 
Zynische Witz manchmal verborgene seelische Zusammenhänge er- 
faßt, deren die wissenschaftliche Psychologie erst auf dem müh- 
samen Wege der Analyse habhaft werden konnte. Vor dem 
Begräbnis einer Frau wird der untröstliche Witwer vermißt. Nach 
langem Suchen findet ihn endlich sein Schwager im zärtlich 



.en f! 1 



213 




lii 



teie-ä-tite mit dem Stubenmädchen, Entrüstet ruft er ihffl^^ z^' 
.Deine Frau wird begraben und du treibst solche Sachen?' -' 
Weiß ich, was ich in meinem Schmerz tu?" Dieser Witz zeig« 
ebenso wie die psychoanalytischen Forschungsresultate, daß 
Tod naher Verwandter Anlaß zur Libidosteigerung geben kaö^' 
Die durch die Ambivalenz charakterisierte Einstellung, welche ^^-J 
teuren Personen gegenüber haben, bedingt es, daß wir ihren To^ 
nicht nur betrauern, sondern unbewußt als eine Art Erlösung 
empfinden. Die polygamen Neigungen des Mannes in unserem Witz 
wurden gleichsam durch den Tod seiner Frau erweckt; er benü^^ 
sich, so, als wäre er dadurch lästiger Fesseln entledigt worden, wi 
erkennen, daß seine ungeschickte Ausrede dennoch einen tiete 
Sinn umschließt. Die Worte „Weiß ich . . ." zeigen mit Recht da« 
Unbewußte als die anonyme Triebfeder seines Tuns. Das Ver- 
ständnis zahlreicher zynischer Witze ist geradezu dadurch bedingt, 
daß wir zugeben müssen, es seien neben den zärtlichen Gefühlen 
gegen unsere Verwandten und Freunde auch starke feindselis^ 
Tendenzen in uns wirksam. Eine französische Anekdote bietet 
dafür ein hübsches Beispiel: M. D u b r e u i 1, der bekannte fran- 
zösische Politiker, soll auf dem Sterbebette seinem Freund gesagt 
haben: „Mein Freund, warum die vielen Leute in meinem Zimmer' 
Es sollte niemand als du hier sein. Meine Krankheit ist ansteckend." 
Den Frauen und ihren Schwächen gelten zahlreiche zynische 
Witze. Wenn Ludwig Pi e t s c h einmal von einer Dame sagte, sie 
sei „tief, aber vergeblich ausgeschnitten", so enthüllt er das sexuelle 
Motiv der Dekolletage, die dazu dienen soll, die Instinkte d^«" 
iMänner auf ihre Trägerin zu konzentrieren. Nahe steht ^^^ 
Meinung, die ein Herr aus dem „Simplizissimus" verrät, wenn «^ 
sagt: „Es kommt bei den Frauen nicht nur auf das Äußere an- 
Auch die Dessous sind wichtig." Es sieht zuerst aus, als wolle def 
Herr einer zu Unrecht bestehenden oberflächlichen Anschauung 
über die Frauen widersprechen. Wir erkennen bald, wie heuchlerisch 
seme moralische Entrüstung ist und verstehen, daß er hinter dem 
Anspruch der seelischen Liebe die grobsexuelle Anforderung auf- 
decken will. Ein Tenor beklagt sich: „Es ist unglaublich, ^^ 
tnan von der Damenweit belästigt wird." — „Na, lieber Kammer- 
sanger, das wird schon besser werden, wenn wieder einmal eine 



214 



l 



A-schantigruppe herkommt." Die trostvolle Antwort will den Tenor 
herabsetzen, denn sie stellt das Interesse der Schönen für ihn in 
eme Reihe mit ihrem Interesse an Negern. Aber gerade hier zeigt 
sich wieder, wie der allgemeine AngrifFspunkt zum Vorschein 
kommt. Denn der Antwortende sagt mit seiner Replik zugleich: 
es ist nichts Besonderes, das Interesse der Damen zu erregen. Du 
hast dir gar nichts darauf einzubilden. Die Frauen sind in ihren 
verborgenen sexuellen Motiven gar nicht wählerisch. Tenor und 
Aschantineger haben für sie denselben Haut-gout. 

Es fehlt gewiß nicht an Gegenangriffen, welche die brutale 
Sexualität des Mannes hinter allen konventionellen Kulissen zeigen. 
Ein Bild des „Simplizissimus" stellt eine Tischgesellschaft dar, in 
der eine Dame ihrem Gegenüber sagt: „Mein Herr, wenn Sie mich 
lieben, sagen Sie es, aber machen Sie mir, bitte, die Strümpfe nicht 
schmutzig!" 

II. 

Unser Überblick hat uns gezeigt, daß der zynische Witz die- 
selben Angriffsobjektc und dieselben seelischen Motive hat wie der 
ernste Zynismus. Diese Objekte werden am besten durch das 
ambivalente Verhalten des Individuums zu ihnen bezeichnet. Sie 
sind ebenso wie die Gegenstände des Tabu einerseits ehrfürchtig 
angesehen, anderseits der Herabsetzung und Verhöhnung ausgesetzt. 
Sic werden Gegenstand der menschlichen Triebsublimierung und 
werden als solche von der moralischen Autorität geschätzt. Aber 
gerade deswegen ist die Versuchung, sie zu erniedrigen, so stark. 
Die den Menschen eigene Ehrfurcht für sie schließt diese Gegen- 
strömung der Empörung nicht aus, sondern ein. Die Lust, gegen sie 
zu rebellieren, hat unser Unbewußtes nicht verlassen und nur die 
Angst vor gesellschaftlicher Verfemung und der anerzogene 
Hemmungszwang hält sie zurück. Der zynische Witz bietet sich 
durch seine Fassade als Kompromiß dieser zwei entgegengesetzten 
Strömungen an und bringt eine Augenblicksbefreiung aus der 
psychischen Stauung. 

Wir werden an den zwei letzten Witzen, die wir anführen, ver- 
suchen, die seelische Analyse durchzuführen. 

Ein bekannter österreichisch-polnischer Abgeordneter der Kaiser- 



i II 



|: 



215 



zeit — wir wollen ihn hier Stepanowitsch nennen — stand (ver- 
mutlich mit Unrecht) im Rufe, Hermaphrodit zu sein. Einer seiner 
Kollegen, der als enfant terribk bekannt war, soll eine Tischrede 
folgendermaßen begonnen haben: „Meine sehr geehrten Damen utid 
Herren, und du, mein lieber Stepanowitsch!" 

Worüber lachen wir hier? Doch wohl über die Sonderstellung, 
. die der Redner seinem Freunde zwischen Damen und Herren ein- 
geräumt hat. Wir empfinden eine Art von Schadenfreude, die wir 
jedem, der irgendwie abnormal veranlagt ist, im geheimen widmen, 
wenn wir ihn mit uns vergleichen. Die Erziehung zur Güte hindert 
uns, solche Freude einzugestehen. Durch welche Mittel werden wir 
von den Hemmungen befreit? In erster Linie durch die witzig« 
Form, durch die Einkleidung der Gedanken. Sie bietet eine Mög- 
lichkeit der Lustentbindung, welche bedeutsamere Quellen dts 
Lachens verdeckt. Ohne ihre HülJe würden wir den Ausspruch des 
Abgeordneten als Roheit zurückweisen. Die geistreiche Form dient, 
wie Freud mit unersetzbarem Ausdruck sagt, als „Verlockungs- 
prämie''. Mit Hilfe und durch geheime Vermittlung dieser Vorlust, 
welche die witzige Form bietet, ziehen wir einen großen, sonst 
schwer erreichbaren Lustgewinn aus dem, was die witzige An- 
sprache verbirgt. 

Doch die so witzig angedeutete Abnormalität ist eine bestimmte: 
sie bezieht sich auf das Geschlechtliche. Wir lachen ja auch wenn 
sonstige Auffälligkeiten eines Menschen (z. B. die Rothaarigen usw.) 
in einer sublimierten und witzigen Form, die unser verfeinertes 
Gefühl nicht verletzt, zur Sprache kommen. Warum ist hier die 
Lust eine stärkere? Es müssen ihr in uns unbewußte Quellen ent- 
gegenkommen. Es gab eine Zeit, da auch wir das Geheimnis der 
Geschlechtsdifferenz noch nicht kannten: die frühe Kinderzeit. In 
dieser Zeit haben die Kinder höchst groteske Ansichten von den 
Geschlechtsteilen des anderen Geschlechts. Meistens gehen sie dabei 
von den eigenen Genitalien aus und der kleine Knabe glaubt, alle 
Menschen, auch die weiblichen, haben einen Penis wie er. Freud 
konnte diese infantile Sexualtheorie als typisch aufstellen und dar- 
auf^hmweisen, daß die Phantasie des Weibes mit einem Penis noch 
111 den Trä umen Erwachsener eine Rolle spielt.* 
4) Über infaxitUe Sexualtheorien (Ges. Schriften, Bd. V). 



216 



I ■ 



Unser Witz wirkt nicht nur durch die von ihm geweckte 
Schadenfreude und den stolzen Vergleich mit uns; die stärkste Lust 
quillt aus der infantilen, unbewußten Quelle, daß auch wir einmal 
Hermaphroditen in unseren Phantasien gebildet, indem wir auch 
den Frauen einen Penis zugestanden haben. 

Haben wir hier versucht, uns als Zuhörer des Witzes zu 
analysieren, so gilt unsere zweite Analyse demjenigen, der den 
witz produziert. 

Der französische Dichter Fontenelle besucht, fast hundert 
Jahre alt, am frühen Morgen eine Dame. Sie empfängt ihn nach 
einiger Wartezeit mit den Worten: „Sehen Sie, Ihnen zu Gefallen l.| 

bin ich so früh aufgestanden." — „Ach," entgegnete der Dichter, 
»aber Andern zu Gefallen legen Sie sich nieder und das macht 
mich toll." 

Wir stellen uns die Situation vor: der alte Dichter besucht die 
Dame, offenbar weil er Interesse an ihr nimmt. Er wartet im 
Salon, bis sie sich angekleidet hat. Es ist nur menschlich, wenn er 
sich in der Zwischenzeit die Situation der Dame ausmalt, und 
zwar mit sexuellem Interesse. Diese Gedanken kommen wahr- 
scheinlich noch nicht zur vollen Bewußtseinshelligkeit, sie sind vor- 
bewußt. Die Dame empfängt ihn liebenswürdig: für Sie bin ich 
aufgestanden. Diese Worte bilden das „erregende Moment" des 
Vitzes. Die vorbewußten Gedanken werden jetzt vom Unbewußten 
erfaßt und verarbeitet. Sie erhalten aus tieferen Schichten des 
Seelenlebens eine Verstärkung: nämlich aus dem schmerzlichen 
Gefühl, die Liebe nicht mehr genießen zu können. Dieses Gefühl 
der Insuffizienz richtet sich nun aggressiv gegen die Glücklicheren. 
Gehemmte Libido verwandelt sich so oft in sadistische Tendenzen. 
Dieser Vorgang spielt im Zynischen eine ebenso große Rolle wie 
die angeborene sadistische Triebkonstitution. Der Witz greift also 
jetzt das Libidoobjekt an, da der sexuelle Angriff unmöglich ist. 
Der psychische Akt führt, wie so oft im Traume, über einen 
Gegensatz: ich bin so zeitlich aufgestanden für Sie — aber 
für Andere legen Sie sich nieder! Beide Tätigkeiten, die 
des Aufstehens und die des Niederlcgens der Dame, sind durch die 
unbewußte Phantasietätigkeit des Dichters verknüpft, als sozusagen 
libidoerregende Momente. Doch erscheint ihm das Opfer des Auf- 



217 



1 m 



In, 11 M 



Stehens, welches die Dame ihm bringt und das jedenfalls eine 
Liebenswürdigkeit darstellt, neben dem Opfer, das .k durch ihr 
^Niederlegen anderen bringt, verschwindend klein. 

samT .^"'^'^^^^"^«P^^* i^^ dem Witze mit dem Traume gemein- 
^■i^s ist auch eine allgemeine Erscheinung gewisser, namentlich 
primitiver Sprachen, dem einfachen Worte entgegengesetzte Be- 
deutungen zu geben. F r e u d, der auf das Phänomen im Zu- 
sammenhange seiner Psychologie aufmerksam macht,« weist nach, 
dalS diese Begriffe relative sind und durch eine vitale Notwendig- 
keit mitemander verknüpft werden. Das Unbewußte zeigt in allen 
seinen Produkten dieselbe Sach- und Sprachbehandlung wie die 
primitiven Völker, l^^^iefere, ja die tiefste Beziehung dieses 
„Gegensinnes der Ur^^JI' mit dem zynischen Witze ergibt sich 
auf folgende Art.» Die Worte sacer, das australische tabu das 
hebräische kodausch bedeuten ebenso heilig wie verflucht. ' Das 
Höchste und das Niedrigste sind durch sie verknüpft. Der Grund 
dafür liegt in der ambivalenten Gefühlseinstellung der Menschen 
zu den^ von diesen Worten bezeichneten Gegenständen und Per- 
sonen; in der Ehrfurcht vor geheiligten Personen und Institutionen, 
von der Moral hochge werteten Geboten und der frevlen Lust, 
diese Personen zu verletzen oder zu schädigen, diese Gebote zu 
übertreten. Auch im Zynischen wird Hohes mit Niedrigem ver- 
knüpft: es will ja das Triebleben hinter der äußerlichen Erhaben- 
heit aufdecken. Auch hier sind dieselben zwei Faktoren am Werke: 
das Bewußtsein, welches an Moral und Konvention festhält, und 
das Unbewußte, das sie negiert und sie in ungestümem Drange 
übertreten will. 

Wir kehren nun zu unserem Witze zurück. Der Vorgang ist also 
folgender: die vorbewußte Ausmalung des Auf Stehens der Dame, 
das bittere Gefühl, die Bewunderte nicht mehr besitzen zu können. 
Das bei dem liebenswürdigem Empfang gesprochene Wort: „Für 
Sie bin ich so früh aufgestanden", trägt dazu bei, daß die früher 
vorbewußten Gedanken ins Unbewußte versinken und dort einer 
Bearbeitung unterliegen. Diese unbewußten Gedankengänge sind 



I) Über den Gegensinn der Urworte (Ges. Schriften, Bd. X). 
&J i-reud; Totem und Tabu (Ges. SAriften, Bd. X). 



218 



^ 



schwer beladen mit Affekten: sexuelle Begierdcj Neid gegen die 
sexuell Glücklicheren, zu denen auch die Dame selbst gehört, ver- 
einigen sich in der Antwort, wobei das Unbewußte im Spiel mit 
den Worten über eine affektbetonte Gegensatzrelation verläuft. 
Wir kommen also wieder zur Freud sehen Formel des Witzes : 
vorbewußte Gedanken unterlagen einer blitzschnellen unbewußten 
Bearbeitung und wurden dann von der Wahrnehmung erfaßt. 

Es handelt sich jetzt darum, die psychische Situation des alten 
Dichters in den Gefühlszusaramenhang aller Menschen einzufügen. 
Schopenhauer Irrt, wenn er das Greisenalter von aller 
sexuellen Not befreit sein läßt. Der Gedanke Fönten eil es ist 
folgender: Was sollen alle diese konventionellen Höflichkeiten, wenn 
das eine fehlt, was doch allein Wert hat, die Liebe? Es ist dieselbe 
Gefühlsvereinigung, welche dem in langem Siechtum dahinsterben- 
den Heine manche der gewaltigsten Lazaruslieder abgepreßt hat. 
Unser Grab erwärmt der Ruhm? ' •; 

„Torenworte! Narrentum! 

Eine bess're Wärme gibt * 

eine Kuhmagd, die verliebt 

uns mit dicken Lippen küßt 

und beträchtlich riecht nach Mist." / 

Ähnlich spricht der alternde Dichter Norbert de Varenne in 
Maupassants unsterblichem „Bel-Ami", wenn er alle Ziele 
neben dem einen, dem Liebesziel, verblassen läßt. „Ruhm? Wozu 
dient er, wenn man ihn nicht mehr In Form von Liebe genießen 
kann?" Und er setzt düster die Mahnung hinzu: „Encore quelques 
haisers et vom serez impmssant!*^ Wir sehen also, was F o n- 
t e n e 1 1 e hier in Witzesform gekleidet hat, ist ein allgemein- 
menschliches Gefühl, welches den Geschlechtsgenuß In manchen 
Augenblicken als den höchsten selbst erscheinen läßt. Ähnlichen 
Stimmungen mag Ibsens „Wenn wir Toten erwachen" ent- 
stammen. Rubek preist rückblickend das Liebesglück, das von dieser 
Welt ist, „von dieser köstlichen, wundersamen, dieser rätselvollen 
Welt" gegenüber dem asozialen Künstlertum.'^ 



7) Zolas Pascal Rougon erlebt ähnlidie Stimmungen; „Ceriaines nuiti, il arrivait 
a maudire la science, qu'il accusaitf de lui avoir pris le meilleHr de sa virilite." i 



219 




Und an Norbert de Varennes Ausspruch erinnert es, wenn 
W e d e k i n d einmal bekennt: .;. . ■■ . ... -^ : , . 

„Und ist erst das Seelenleben entweiht, 
.•.•^MJ^>, *^^"" ^^'^^ sämtliche Lampen erloschen, 

;,,,:i,, für das, was für mich dann noch übrig bleibt, 

dafür geb' ich nicht einen Groschen." 

' . In einige Worte zusammengepreßt, enthält so mancher zynische 
Witz eine tiefe Erkenntnis der menschlichen Seele. Goethe sagt 
von Lichtenberg: wo er einen Spaß mache, liege ein Problem ver- 
borgen. (Umgekehrt mancher Moderne: wo ein Problem verborgen 
liegt, macht er bloß einen Spaß.) 

IIL 
Die Technik des zynischen Witzes ist dieselbe wie bei den 
anderen Formen des Witzes: es ist vielleicht für ihn charakteristisch, 
daß seine Technik weitaus die mannigfaltigste ist. Verdichtung, 
Doppelsinn, Unifizierung, indirekte Darstellung, kurz das ganze 
Arsenal der Witztechnik steht ihm zur Verfügung. Wohl erklärlich, 
da sich seine Tendenz nicht frei äußern darf und in ihm unsere 
vitalsten Fragen an die Oberfläche kommen. So sucht man auch 
die Notausgänge auf, wenn es irgendwo brennt. Was er sagt, meint 
er ernst. Doch nur in verhüllter Form darf er das vor keuschen 
Chren nennen, was keusche Herzen nicht entbehren können. Ein 
Mittel benützt der zynische Witz besonders gerne und es wird 
gut sein, darauf hinzuweisen, weil es allen Produkten des Unbe- 
wußten (Neurose, Traum, Dichtung usw.) gemeinsam ist. Besonders 
abstrakte und moralisch anstößige Dinge und Vorgänge werden 
durch die unbewußte Arbeit gerne symbolisiert. So zum Beispiel 
wird im Traume der Schirm als Penissymbol, Schießen für 
Koitieren gebraucht, der Frauenleib wird oft durch ein Haus, ein 
Schiff usw. symbolisiert. Die Zweifel, denen die Befunde der 
analytischen Traumdeutung gerade auf dem Gebiete der Symbolik 
begegnen, werden auch durch den Nachweis der technischen Mittel, 
welche der zynische Witz oft zur Erreichung seiner Ziele anwendet, 
entkrattigt. Wir geben einige Beispiele, um die gleichen Symbol- 
bildungen im zynischen Witz nachzuweisen: 



220 



Ein alternder Herr erzählt am Stammtische, seine Frau habe ihn 
vor kurzem mit einem Kinde überrascht. Ein Freund sagt darauf: 
»Das kommt mir vor wie folgende Geschichte: Ein Reisender zog 
einst durch die Wüste. Da fiel ihn ein Lowe an. Da ihm jede andere 
^"^affe mangelte, legte er seinen Schirm auf das Tier an — und 
Wirklich fiel der Löwe tot zu Boden. Da drehte sich der Reisende 
Um, und siehe da — hinter ihm stand ein Mann mit einem 
Gewehr!" (Das Gewehr als Penissymbol.) 

Heine beschreibt in „Deutschland" die Göttin Hammonia: 

„Sie trug eine weiße Tunika, 

bis an die Waden reichend! 

und welche Waden! Das Fußgestell 

zwei dorischen Säulen gleichend!" 

(Der Frauenleib als Gebäude.) 

Ein anderes Beispiel gibt ein Zynismus von Oskar Wilde: 
„Zwanzig Jahre Romantik machen eine Frau zu einer Ruine — 
aber zwanzig Jahre Ehe machen sie fast zu einem öfFentlichen 
Gebäude." (Eine Frau ohne Bedeutung.) Ein hübsches Beispiel für 
das Schiff als das gleiche Symbol: Lichtenberg schreibt über 
Therese Heyne, welche sich mit Georg Forster verlobte, in einem 
Briefe: „Ich glaube, auch dieses kleine Feuerschiff wird ein ganz 
gutes Fischerboot werden, wenn nur Forster häufig an Bord geht, 
den Hauptleck sorgfältig stopft und die Feuermaterialien über 
Bord wirft. Nur der Leck, der Leck!" ♦• - 

Freud erwähnt in seinem Buche über den Witz das folgende 
Aperfu: „Eine Frau ist wie ein Regenschirm, am Schlüsse nimmt 
man sich doch einen Komfortabel." Komfortabel bedeutet hier 
soviel wie ein für die Benützung durch jedermann dienendes, 
öffentliches Führwerk — eine Prostituierte. Dieselbe Symbolik aber 
wird für die Frau überhaupt gebraucht. Der zynische Witz bringt 
sie oft mit einem Fuhrwerk zusammen. Ein Herr aus dem „Sim- 
plizissimus" mahnt einen Freund: „Laufe nie einer Elektrischen 
oder Frau nach! In ein oder zwei Minuten kommt eine andere." In 
einem Lustspiel von Raoul Auernheimer („Die glücklichste 
Zeit") sagt ein Spötter: „Sehen Sie, mit der Frau geht's einem wie 
mit dem Automobil. Kein Automobil zu haben, ist unbequem. Ein 



221 



Automobil zu haben, ist kostspielig und gefährlich. Das beste ist, 
man hat einen Freund, der ein Automobil hat." Derselbe Autor 
läßt in „Das Paar nach der Mode" einen Herrn folgende eigen- 
artige Definition des Flirt geben: „Ein möbliertes Zimmer ohne 
Gartenbenützung — mit der Aussicht auf einen Garten." Das Ver- 
ständnis des Witzes hängt geradezu von unserer unbewußten 
Kenntnis der Sexualsymbolik ab. 

Auch das Sj^mbol der Erde für den Frauenleib ist dem zynischen 
Witz geläufig. Der Mathematiker und Epigrammatiker Abraham 
Gotthelf Kästner dichtete folgendes Epigramm: „Klage eines 
Frauenzimmers bei Zerstörung der französischen Lünetten von 
Göttingen" (i/^is): 

„Hier, wo man sonsten Myriaden ''-«^'^ 
. von lang und dicken Palisaden « ,:=:.?;-■;' 

; •, j . ., tief in noch engern Löchern sah, 

hier sind, erweitert nur, die Löcher da." 

So reich auch die Technik des zynischen Witzes ist, so ist gerade 
diese Witzgruppe von solcher Art, daß die Lust, die wir aus ihr 
ziehen, nur zum geringsten Teile aus ihrer Technik entstammt 
f Vorlust). Sie resultiert ungleich stärker aus dem Freiwerden von 
Hemmungsaufwand. Mächtiger als bei den anderen Formen des 
Witzes wird gerade beim zynischen dieses Moment in Betracht 
kommen, denn es stellen sich dem Durchbrechen seiner Äußerungen 
die stärksten moralischen Hemmungen in den Weg. 

IV. 
Der^ zynische Witz strebt regelmäßig eine Entlarvung an, die 
den Sinn der Herabsetzung besitzt. Der Mangel an Ehrfurcht, an 
verecundia, nach Kuno Fischer ein Merkmal des Witzes über- 
haupt, tritt bei ihm besonders hervor.^ Es ist nicht schwer, den 
Ursprung dieser Lust zu finden. Er wird in den Kinderjahren zu 
suchen sein, in denen das Kind, in seinem Vertrauen in die 
Autorität erschüttert, die schwachen Seiten der Erwachsenen mit 
scharfem Auge erkannt hat und zu verstehen beginnt, daß hinter 

8) Über den Witz. Kleine Sdiriften. 2. Aufl. Stuttgart 1889. 



222 






i; 



ihrer Würde und Erhabenheit dieselben starken und triebhaften 
Wünsche rege sind, die es selbst fühlt. Das Aufzeigen der 
^enschlich-allzumenschlichen Eigenschaften hinter der erhabenen 
Fassade, die Demonstration der unabänderlichen Abhängigkeit 
Unserer Natur von den mannigfachen körperlichen Bedürfnissen, 
^ie Entwertung der Autorität und der hochgeschätzten sozialen 
Einrichtungen werden dann die Vorzugsobjekte des zynischen 
^'itzes werden, der seine Abkunft aus der kindlichen Entlarvungs- 
^ust nicht verleugnet. Jenes Wort Ibsens: „Ist es denn wirklich 
groß, das Große?" könnte man als Motto ebensowohl über den 
zynischen Witz als auch über jenes Kapitel der kindlichen Ent- 
wicklung schreiben, das beständig zwischen bewußtem Respekt und 
Unbewußter Auflehnung schwankt. .,,. 

Führen so die Wurzeln des zynischen Witzes in die Kinderzeit 
s^urück, so wird seine Produktion erst möglich, wenn sich der 
Reif gewordene bewußt den Kulturgeboten unterworfen und jene 
starken, aggressiven und sexuellen Triebtendenzen in einem großen 
Ausmaße gebändigt hat. Der zynische Witz taucht dann aus der 
f Mitte jener Verdrängungen wieder auf; er stellt eine Wiederkehr 
cier abgewehrten Trieb wünsche dar, zu denen sich das Ich in ihm 
bekennt. Jenes Ich hat in der langen Reifezeit ein Ideal in sich 
aufgerichtet, das Über-Ich, das nun in der Instanz des Gewissens 
seinen Abstand von dem aktuellen Ich mißt und kritisiert. Der 
zynische Witz zeigt, daß trotz so scharfer Zensur die abgewehrte 
Triebgewalt manchmal über alle kunstvoll aufgeführten Schranken 
flutet. Er kann so als Gradmesser dienen für die Kluft, die zwischen 
der eine Zeit beherrschenden Moral und den verleugneten An- 
forderungen ihres Trieblebens klafft. In diesem Sinne verdient er 
nicht nur das Interesse des Psychologen, sondern auch das des 
Kulturhistorikers und -kritikers. Man kann auch von seinem 
psychotherapeutischen Werte für die Gesellschaft sprechen, da er 
mit Traum und Kunstwerk zu den gelungenen Abzugsquellen jener 
I^egungen gehört, welche in ihrer Stauung zum Verbrechen, zur 
Neurose und zu Wahnbildungen führen müßten. Der zynische 
^kz bringt für Augenblicke eine Befreiung von dem dauernden 
Konflikt zwischen Sittengebot und Triebanspruch, der das Leben 
(ier Kulturträger begleitet. In dieser kurzen Aufhebung von 



223 



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psychischem Druck liegt seine nicht unbeträchtliche seelische Be- 
deutung. Mit Recht behauptet die Weisheit des Volkes, daß Lachen 
gesund erhalte. .r 



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M5--t> 



Em Fall vom Kleptomanie aus Sdnildgefahl 



/.. ,>' 



Von 



Fraez Alexander und Hugo Staub 

»^ er Verbrecher und seine Richte r, E^ 

^ P^ychoanalytisd)er Einblick in die Welt der Paragraphen' 

(Geheftet RM. j—. Ganzleinen RM. 9-— J ist der Titel 

■'•;"'>'^-- . ^'"^^ i}^ Sommer 1929 im Internationalen Psychoanalytiichen 

■..:- > ,;.: Verlag erschienenen gemeinsamen Buches von Franz Ale- 

j.. ,. . ; ., \, X an der und Hugo Staub. In diesem Werke werden 

Zum erstenmal die Ergebnisse der Freud sAen Forschung /«'' 
*■•■>' ■-. - die Kriminalpsychologie und die Kriminalpolitik nutzbar. 
• ,'.■ • -. -Dem theoretischen Teile dieses Buches, das eine Kritik der 
.: heutigen Strafrechtspflege gibt und die Psychologie der ver- 

schiedenen Verbrecherkategorien entwickelt ^ schließen sich 
Beispiele konkreter KriminalfäUe an. Diesem kasuistischen 
Teil entnehmen wir den folgenden Abschnitt. 

Wir verdanken das Material dem guten Vertrauensverhältnis 
des Angeklagten zu seinem Verteidiger, das der positiven Über- 
tragung der analytischen Situation entspricht. Trotzdem bleibt es 
aus den mitgeteilten Gründen recht mangelhaft. Insbesondere das 
verdrängte infantile Material, das nur durch methodische freie 
Assoziation zugänglich gemacht werden kann, läßt sich nur aus 
Andeutungen rekonstruieren. Wenn also die Ätiologie des Falles 
therapeutischen Ansprüchen nicht genügen mag, so reichen die 
gewonnenen Einsichten doch für das psychologische Verständnis 
der unbewußten kriminellen Mechanismen aus. 
^Em 34Jähriger Intellektueller — wir wollen ihn B r u n o nennen 
war wegen verschiedener kleiner Diebstähle zu über i Jahr 
t^etangnis verurteilt worden. Er appellierte an die höhere Instanz, 
emer der Autoren übernahm seine Verteidigung und fand ihn in 
er Untersuchungshaft in einem guten seelischen Gleichgewicht 



224 



^nd fast vergnügten Zustand vor. Es stellte sich bald heraus, daß 
es sich nicht um gewöhnliche Diebstähle handeln konnte. Seine Taten 
standen weder mit seiner sozialen Stellung noch mit seinen übrigen 
Lebensumständen im Einklang. Er war jahrelang in Universitäts- 
Üiniken auf Grund eines gefälschten Diploms, aber solider ärzt- 
licher Kenntnisse als Chirurg tätig gewesen, von den Leitern der 
Kliniken besonders geschätzt und anerkannt, auch theoretisch 
'wissenschaftlich und in Laboratoriumsuntersuchungen erfolgreich. 
Er hatte einige wissenschaftliche Originalarbeiten publiziert. 

Schon im Verlaufe seiner ärztlichen Tätigkeit in einer Haupt- 
stadt Mitteleuropas hatte er ärztriche Bücher in einer Buchhand- 
lung gestohlen, sie sofort in einer anderen, in der Nähe Hegenden 
Buchhandlung zum Kauf angeboten, ohne die darin befindliche l! 

Etikette des Verkäufers zu entfernen. Dies fiel auf, er wurde 
ersucht, noch einmal wiederzukommen, und entfernte sich unter 
Zurücklassung seines vollen Namens nebst Adresse. Natürlich 
wurde die Tat entdeckt, er festgenommen, und es stellte sich 
hierbei heraus, daß er gar kein Arzt und sein Diplom gefälscht sei. 
Dieser Diebstahl erscheint, wie alle seine sonstigen Straftaten, 
als gewöhnlicher Diebstahl unmotiviert. In der Buchhandlung, in 
der er die Bücher entwendete, war er seit Jahren als treuer Kunde 
bekannt, hatte genügend Kredit, um jedes Buch kaufen zu können, 
befand sich auch in guter Vermögenslage, da er kurz zuvor eine 
gut bezahlte Assistentenstelle an einer gynäkologischen Uni- 
versitätsklinik erhalten hatte. Er wurde einige Zeit nach seiner 
Verhaftung wegen der Geringfügigkeit der Delikte bei Fortdauer 
des Strafverfahrens entlassen und begab sich, mit einigen Mitteln 
versehen, nach Berlin, wo er unter seinem richtigen Namen in 
einem Hotel abstieg. Bald nach seiner Ankunft ging er im 
Klinikenviertcl in mehrere medizinische Buchhandlungen, entwen- 
dete dort verschiedene ärztliche Bücher, trug sie, mit der Etikette 
des Verkäufers versehen, in treuer Nachahmung des früheren Ver- 
haltens in eine andere Buchhandlung in der Nähe und bot sie dort 
^um Kauf an. Er fiel auf, wurde gebeten, noch einmal wiederzu- 
kommen, hinterließ Namen und Adresse und wurde verhaftet. 

Als ihm der Polizeikommissar nach Aufnahme eines Protokolls 
in Aussicht stellte, daß man ihn wegen der geringfügigen Bücher- 



ij Almanadi 1930 . 225 



tPl! 



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diebstähle vorläufig freilassen werde, erklärte er dem Beamten, er 
habe auch noch in einem optischen Geschäft Teile eines Mikro- 
skops gestohlen. Auch deshalb wollte man ihn noch nicht in Haft 
behalten. Daraufhin gestand er der Polizei, daß er auf der Reise 
nach Berlin in Leipzig ausgestiegen sei und in einer Ausstellung 
mehrere kleine Porzellanfiguren entwendet habe. Als er diese 
Gegenstände vorzeigte, wurde er endlich in Haft genommen und 
m das Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Dort fühlte er sich 
wohl und erleichtert, hatte nur die eine Sorge, in den Besitz 
medizinischer wissenschaftlicher Bücher zu kommen, und studierte 
mit großem Eifer. Während semer Haft schien Ihm eigentlich 
nichts zu fehlen, er war glücklich und zufrieden, führte sich aus- 
gezeichnet auf, suchte mit dem Gefängnisarzt, der sein medi- 
zinisches Wissen und Können zuerst mißtrauisch betrachtete, dann 
oifen bewunderte, in Kontakt zu kommen und ihm in seiner 
Gefängnisarheit zu helfen. Es war dem Verteidiger bald klar, daß 
es sich hier unmöglich um aus bewußten Motiven erklärbare Straf- 
taten handeln konnte, sondern daß ein typischer Fall neurotischen 
Agierens vorlag. Selbst einem nicht tiefen-psychologisch geschulten 
Kriminalisten mußte das anscheinend Irrationale im Verhalten 
Brunos auffallen. Seine Handlungen waren offenbar darauf ange- 
legt, ihn ins Gefängnis zu bringen. Die Ausführung der Taten laßt 
so sehr alle Vorsicht und jeden Versuch, ihre Entdeckung zu ver- 
hindern, vermissen, sie sind im Gegenteil so vorgenommen, daß sie 
entdeckt werden müssen, daß sie nur aus dem unbewußten Drang, 
bestraft zu werden, erklärt werden können. Bei diesen Taten 
konnte er ja nichts gewinnen, nur verlieren. Sein Verhalten bei 
der Polizei in Berlin, wo er so lange unentdeckte Straftaten ein- 
gestand, bis er endlich seine Freilassung unmöglich gemacht hatte, 
zeugt eindeutig für das Wirken seines Strafbedürfnisses. 

Als nächstes Problem drängt sich uns die Frage auf, aus welchen 
Quellen wohl dieses unerbittliche Straf bcdürfnis herstammen möge. 
Wenn wir annehmen, daß seine Delikte aus dem unbewußten 
^ rang stammen, sich Schaden zuzufügen, so könnte man meinen, 
dieses Strafbedürfnis sei eine Reaktion auf die Benutzung des 
gefälschten Arztdiploms, zumal ja die ersten Bücherdiebstähle zur 
Zerstörung dieser erschlichenen Karrlere geführt hatten. Seine Lebens- 



226 



o<^( i'-j'-.i.'Uliif 



1 



Seschichte wird uns jedoch darüber aufklären, daß die so offenbar 
mit seinem Arztberuf verknüpften Schuldgefühle auf einer 
früheren und tieferen Grundlage beruhen. 

Seine erste Straftat beging er im Alter von etwa siebzehn Jahren 
im Kadettenkorps, wo er zum Offizier ausgebildet werden sollte. 
Er stahl in der Kantine In Gegenwart der Aufsichtspersonen em.ge 
Süßigkeiten. In seinen eigenen Aufzeichnungen nennt er das ein 
schweres Vergehen, das er sich habe zuschulden kommen lassen, 
und das mit Recht seine Ausschließung aus dem Kadettenkorps 
nach sich'gezogen habe. In Wirklichkeit »oUte er nur mit einer 
Hausstrafe diszipliniert werden. Er zog jedoch daraufhm vor, 
aus dem Kadettenkorps zu fliehen und wurde deswegen ausge- 
schlossen. Eine Andeutung über die tieferen "««hen .seiner 
Schuldgefühle erhalten wir hier aus dem Umstände, daß die iat 
geschah, unmittelbar nachdem seine Mutter i'»/''':^""^'''"" , f"' 
Stande ihn besucht hatte. Er erzählte seinem Verteidiger, er habe 
sich wegen dieser Schwangerschaft furchtbar geschämt und das 
Gefühl gehabt, alle Leute zeigten mit Fingern auf ihn. 

^. - , T,r ist ein klassischer Fall des Verbrechens 

Diese seine erste Tat '« "■> ^.^ j;^ Schwanger- 

aus Schuldbewußtsein Er fühlt ^ ^ ;*^ f ^„„^ewußten Phantasie 
Schaft seiner Mutter ^a er sich ^ n sein^^^ ^^^^^^^^^ ^^^^^_ 

:fühtdu"r^nerti: harmlose Handl^^^^^ die ihm eine Be- 
trafun/enbringen soll, aufheben. Das germgfugige began- 
gene De fc empfindet er deshalb ah so schwer, weil es ;a der 
1 e n e UeliKt P „ j^ f„;j,,es für den viel schwereren ver- 
Befriedigung des btraroeaur.ii „;_„. iffAt. 
drängten Wunsch dient und von diesem emen Ted seiner Affekt 
b Setzung übernimmt. Eine Erinnerung seiner Ruberen Jugend gibt 
urdarler Aufschluß, warum er gerade den Diebstahl von Süßig- 
keiten dazu benutzt, die Strafe zu provozieren. Em strenger, nach 

• . 1 cwr>.» pr^iVliender Vater — ein höherer Staatsbeamter 
puritanischen Sitten erziencnuer v^t * 

-- hatte den Verbrauch von Zucker durch den jungen Bruno pein- 
lichst kontrolliert. Er erzählte, noch heute verbittert wie der Vater 
strengstens darauf geachtet habe, daß er nur ein Stuck Zucker m den 
Tee oder Kaffee nahm, daß die Mutter ihm zwar heimlich erlaubte, 
auch ein zweites Stück zu nehmen, daß der Vater aber, wenn er 
dies merkte, ihn mit einer Peitsche geprügelt habe. So wurde £ur 

227 
if* 



TÜ^™^™i 



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I 



ihn der Genuß von Süßigkeiten zum Symbol einer vom Vater ver- 
botenen heimlichen Beziehung zur Mutter, deren Entdeckung eine 
Strafe zur Folge hatte. Es soll noch daran erinnert werden, daß 
nach den psychoanalytischen Erfahrungen Zucker und Süßigkeiten 
als Ersatz für Muttermilch und so als Symbol für die Mutterliebe 
«berhaupt empfunden werden. Die Vorliebe für Süßigkeiten ent- 
spricht der oralen Fixierung an die Säuglingssituation, der ersten 
smnlichen Lustbeziehung des Kindes zur Mutter. 

Diese erste Straftat in der Kadettenschule enthält die beiden von 
J^reud festgestellten Merkmale des Verbrechens aus Schuld- 
bewußtsein: die Tat wird ausgeführt, weil sk verboten ist, und zu 
dem Zwecke, um ein aus dem Ödipuskomplex stammendes 
pracxistentes Schuldgefühl an ihre Ausführung anzuknüpfen und 
durch Erleiden der Strafe zu mildern. Das manifeste Delikt ver- 
hüllt die eigentlich gemeinte Ödipustat. 

Wie weit seine Schuldgefühle in die Kindheit zurückreichen, 
zeigt seine infantile Neurose, eine Phobie, die in seinem fünften 
Lebensjahr aus einem plötzlichen Anlaß entstand. Er ging mit 
semer Mutter zur Stadt, um seinen Vater abzuholen. Zwei scheu 
gewordene Pferde, die ihnen entgegenrannten, erschreckten ihn so 
sehr, daß er jahrelang Angst hatte, auf die Straße zu gehen. Diese 
übermäßige Reaktion läßt sich nach den psychoanalytischen Er- 
fahrungen leicht aus dem Schuldgefühl erklären, das in dem 
kleinen Begleiter seiner Mutter aus dem Wunsche wach geworden 
war, möglichst lange mit der Mutter allein und ohne den Vater 
zu bleiben. Dk Szene mit den Pferden, dk wütend auf ihn zu- 
rannten, konnte nur deshalb diese übermäßige neurotische Reaktion 
auslösen, weil sie den Knaben in dieser Konfliktsituation traf. lö 
dem Augenblick, wo er tagträumend dachte: „Ich möchte immer 
allein mit der Mutter sein, der Vater soll nicht kommen", er- 
^hienen plötzlich die wildgewordenen Pferde, nach Art infantiler 
iierphobien als Vertreter des totgewünschten rächenden Vaters. 
^ Es ist bemerkenswert, wie es ihm wirklich gelang, die Bagatelle 
im Kadettenkorps zu einem wichtigen Ereignis seines Lebens zu 
gestalten. Er erzwingt durch einen gespielten Selbstmordversuch 
le Verzeihung seiner Eltern und darf wieder in eine höhere 
chule, aus der er wegen verschiedener Kindheitserkrankungen 

223 



auf Anraten des langjährigen Hausarztes genommen worden war. 
Dieser Arzt scheint überhaupt eine verhängnisvolle Rolle in 
seinem Leben gespielt zu haben. Er war es, der den frühzeitig 
vom Knaben geäußerten Wunsch, das medizinische Studium zu 
ergreifen, dadurch vereitelte, daß er die Eltern bewog, das Kind 
wegen seines geschwächten Gesundheitszustandes emen mehr 
körperlichen statt eines geistigen Berufes ergreifen zu lassen. Dieser 
Eingriff des Arztes mußte den Knaben um so schwerer treffen, 
als er jahrelang mitansah, wie der Arzt freien Zutritt In das 
Schlafzimmer der dauernd kranken Mutter hatte. So erhielt der 
ihm versagte Arztberuf die Bedeutung eines Freibriefes für die 
ungehinderte körperliche Beziehung zur Mutter. Dieses Privileg 
hatte neben dem Vater nur der Arzt. Die Gleichsetzung des Arzt- 
berufcs mit der Befriedigung der kindlichen Inzestwünsche wurde 
durch die Versagung besonders begünstigt. Beide Formen, sich 
dem mütterlichen Körper zu nähern, waren ihm verboten. 

Wie eng der ärztliche Beruf bei ihm mit der infantilen Sexual- 
neugier und Schaulust verknüpft war, zeigt ein Diebstahl, den er 
beging als er als Hospitant medizinische Vorlesungen besuchte. 
Während einer anatomischen Vorlesung stiehlt er seiner Nach- 
barin einen Photoapparat und wird, da er sich ^icht etwa aus 
dem Saal entfernt, sofort entdeckt. Aus den Schuldgefühlen, die 
bei ihm aus dem ärztlichen Wissen verknüpft sind (anatomisches 
Interessc^Schaulust gegenüber der Mutter) stiehlt er emen 
optischen Gegenstand, um dafür und nicht für das schwerere 
Vergehen auf optischem Gebiete bestraft zu werden. Also wiederum 

ein reines Symptomdelikt aus Schuldgefühl. - - ,- r-r^ • - - 

Jetzt verstehen wir, warum er immer medizinische Bücher und 
optische Instrumente stahl. Der Beschäftigung mit der Medizin 
bekam für ihn den absoluten Gefühlswert der ödipustat. Darum 
mußte er sich das medizinische Wissen, medizinische Instrumente 
und das ärztliche Diplom gegen das Gesetz stehlen, erschleichen 
und erkämpfen. Dies brachte Ihm zwei psychologische Gewinne. 
Die Trotzhandlungen ermöglichten eine vollständige Gleichsetzung 
der beiden verbotenen Taten und gewährten ihm so den Lust- ' | 

gewinn der ödipustat, während anderseits die Schuldgefühle auf 
das geringere, oft nur formale Versehen verschoben werden 



229 



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I r 






konnten. Denn ohne Diplom mit großem medizinischem Wissen 
und Können zu operieren, ist ja ein geringeres, nur formales Vef' 
gehen gegenüber seiner unbewußten Bedeutung, dem Verkehr mit 
der Mutter. Wenn wir in seinen Aufzeichnungen den triumphie' 
renden Satz lesen, daß er ohne Diplom, trotz der Verbote aller 
Autoritäten, besser operieren konnte als viele andere diplomierte 
Arzte, so verstehen wir erst ganz den besonderen Lustgewinn, deO 
dieser Mechanismus ihm verschaffte. -,a ;:>h 

Die Aufrechterhaltung dieser Trotzeinstellung glückte ihm ^^ 
lange, als er als unbezahlter Assistent sich seinem Berufe unter 
Leiden und Entbehrungen widmete. Als er aber in seiner Karriere 
stieg und in eine gutbezahlte Stellung bei einem gütigen Chef, 
noch dazu in einer gynäkologischen Klinik berufen wurde, war 
dem Trotz der Boden entzogen und die Schuldgefühle wuchsen- 
In diesem Zeitpunkt seines Lebens beging er die erwähnten Bücber- 
diebstähle, die zu seiner Entlarvung führten. Als guter und erfolg- 
reicher Arzt wegen des formalen Mangels eines Diploms bestraft 
und verjagt zu werden, verschaffte ihm eine besondere Erleichte- 
rung der Schuldgefühle (Euphorie und Arbeitsdrang im Gefängnis), 
die ihm ermöglichte, die Umwelt wieder ins Unrecht zu setzen 
und zu seinem Trotz zurückzukehren. Triumphierend schreibt et 
nach seiner Freilassung seinem Verteidiger, er habe sich aus 
eigenen Mitteln und auf erlaubte Weise ein Mikroskop gekauft, 
das besser sei als das seinerzeit gestohlene, „der Welt werde er 
es zeigen, daß er für die menschliche Gesellschaft nicht bloß 
Ballast sei". Diese merkwürdige Überwertung des Besitzes eines 
Mikroskops, das er sich trotzig sofort nach seiner Freilassung ver- 
schaffte, zeigt uns von neuem, in welchem Maße die infantile 
Schaulust, die besondere Form seines Inzestwunsches auf den Besitz 
dieses wissenschaftlichen Instruments verschoben wurde. 

Emen mehr kleptomanen Charakter hat der Diebstahl der kleinen 
Porzellanfigurcn, die neu und ziemlich wertlos waren. Einen 
gewissen Hinweis auf die unbewußten Motive dieser Tat gibt 
neben dem, was wir von ihm schon wissen, ein spontaner Einfall 
bei der Erzählung der Tat, daß seine Mutter eine wertvolle Samm- 
lung alter Porzellanfigürchen gehabt habe, die er sehr liebte. Wie 
weit hier eine Identifizierung mit der Mutter oder aber sein 



230 









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t^... 



infantiler Bemächtigungsdrang gegenüber der Mutter nach dem . 
Grundsatz unbewußter Vorgänge „pars pro toto Ausdruck fmdet^ 
i« schwer zu entscheiden. Sein trotziges Festhalten an dem 
i™ L -„.« cnrirtir chcr tur dic ökonomisch 

Wunsch, die Mutter zu besitzen, spricht ener 

größere Bedeutung der letzteren Determinante. 

überhaupt steht sein Leben im Zeichen des zähen Festhaltens 
an den Inzestwünschen in trot.iS"/"«^hnung gegen den Va^« 
Alle seine Handlungen gehen darauf aus, die f «-"f;- f .''"f' ' 
alle späteren Vertreter des Vaters, ins Unrecht - ---^ - - 
hartem, ungerechtem Verhalten zu verleiten ""''/^.^"■^^J'^f, ^^ 
Schuld efUhlen zu befreien, ohne den Trotz -f«^^- ;;^— ' 
Er kann nur schlechte, harte, ungerechte Vatervorbilder ertragen 
i^r nann mit ■ Hilf, des Verteidigers und 

darum kann er den gutigen Chef, die H Ite aes v j 

seine Gratis-Analyse nicht annehmen. Er hat m -'»" J"f "f ""^ 
gelernt, einem harten, unpsychologischen Vater 8;S=""^- ""i/^;^ 
behaupten, hat seinen ganzen seelischen ApP"«. d-" A tm-P^-; 
seiner Jugend angepaßt. Ein gütiger, verständnisvoller Vater 
würde iln' völlig aus dem Konzept bringen ihn zu d-™ ^^ug» 
V„.r in eine ihm unbekannte und unheimliche Schuldrelation 
Vater m eme in t ebensgebäude in seinen Grundlagen 

treiben, «m ganzes ^^ "«^ ^I^;''- «^„ jem Angebot seines Ver- 
erschüttern Darurn zieh ^^^^^^^^ ^^^^^ ^^ ^^^^^^^^_ ^^ 

Ltr L A^htVellte Unterstützung nicht annehmen kann; 
- a unter jede Rechnung macht man einen Strich, das .Soll 
und .Haben' fällt bei uns zu einseitig aus. Ich wäre mein Leben 
lang Ihr Schuldner, dieses Gefühl vertrage ich eben nicht... Meine 
Haft hätte nicht enden sollen, ich bin im bösen Sternbild ge- 

boren." 

Ihm war es nicht schwer geworden, der heutigen Strafjustiz die 
Rolle des ungerechten Vaters :.u2uweisen und so die Atmosphäre 
des Elternhauses wieder herzustellen. Dem moralischen Einfluß 
eines Vaters, der ihn im Geiste einer engstirnigen Beamtenmoral 
immer wieder ungerecht und hart bestrafte, ihm allen dem Kinde 
zukommenden Lustgewinn untersagte, die Mutter schlecht be- 
handelte und betrog, konnte er sich leicht entziehen und dadurch 
seinen Ödipuskomplex behalten. Aus den kleinen Einzelheiten, die 
wir aus den Erziehungsmethoden seines Vaters wissen, — Schläge 



231 






ii 






für ein Stück Zucker, nur an Feiertagen Erlaubnis, mit Spielsachen 
zu spielen, ^ sehen wir die militaristische Pflicht- und Drillmoral 
der Vorkriegszeit, die so häufig eine positive Identifizierung mit 
den Erziehungsvorbildern unmöglich machte und zur Bildung eines 
Uber-Ichs führte, das ein Fremdkörper In der Persönlichkeit blieb. 
wenn dieser Vater dann noch eine sozial und geistig über ihm 
stehende Mutter vor den Augen der Kinder brutalisiert, beschimpft 
uod m hypokritischem Gegensatz zu der gepredigten Moral betrügt, 
so verstehen wir, warum dieser Mensch auch später immer be- 
strebt war, die Vaterimagines in Unrecht zu setzen und sich auf 
diese bequeme Weise von ihrem hemmenden Einfluß zu befreien- 
Wir sagen: bequem, weil die heutigen Staatseinrichtungen es den 
Menschen wirklich nicht schwer machen, in ihnen den unpsycho- 
logischen Vater wiederzufinden. Unserem Bruno gelang dies jedm- 
falls in vollstem Maße. Als geschickter Chirurg und wissenschaft- 
lich geschulter Arzt, der selbstlos vielen Menschen geholfen hatte, 
bestraft zu werden, bedeutete für ihn einen Triumph über die 
Gesellschaft und eine Befriedigung, um die ihn viele normale 
Menschen in ihren gesunden Sublimlerungen beneiden könnten. 

Gegenüber diesem Fall eines neurotischen Kriminellen, der dem 
Typus^ des Verbrechers aus Schuldgefühl mit kleptomanen Zügen 
entspricht und der nur in sehr beschränktem Maße gemein- 
schädlich erscheint, ist als adäquate, zukünftige Reaktion die vor- 
übergehende Internierung mit dem Versuch einer psychoanalyti- 
schen Heilung angezeigt. 

Die Bestrafung im heutigen Sinne Ist in solchen Fällen sinnlos, 
als Besserungsmaßnahme unwirksam und sozial schädlich, weil sie 
den Täter zu neuen Straftaten geradezu verführt. Man konnte 
Bruno^ ja keinen größeren Gefallen erweisen, als sich ihm gegen- 
über ins Unrecht zu setzen, während jede Wohltat ihn in Ver- 
wirrung brachte. Solange die Gesellschaft solche Menschen bestraft, 
also^ auf ihre unbewußten Provokationen hereinfällt, haben sie in 
gewissem Sinne recht, sich nicht heilen und dadurch dieser Be- 
triedigungsmöglichkeiten berauben zu lassen. Eine wirkliche 
Heilungsaussicht werden sie erst dann haben, wenn man aui 
sie zu strafen. 



232 



m 



Die Dialektik im Seelischeai 



Von 

elm Hei 

Wien 



Aus einer längeren Studie über „Dialektischer 
Materialismus und Psydioanalyse", die Wilhelm Reich 
in russischer Sprache in der Moskauer Zeitschrift 
„Pod Snaminjen Marxisma" H. 7/8, 1929 veröffent- 
licht hat, bringen wir — In deutsdier Sprache — das eine 
Kapitel. (An dieser Stelle verweisen wir audi auf den 
Beridit, den Reich in der Zeitsdirift „Die psydioanaly- 
tische Bewegung" [Dezemberheft 1929] — auf Grund 
seiner Beobaditungen anläßlidi seiner Studienreise in 
Sowjetnißland im August-September 1929 — über die 
Stellung des Bolschewismus zur Psychoanalyse ver- 
öffentlidit.) 

Die raateriaHstische Dialektik von Marx trat als Gegensatz mt 
idealistischen Dialektik Hegels, des eigentlichen Begründers der 
dialektischen Methode, auf. Während H e g e 1 die Dialektik der Be- 
griffe als das ursprünglich Bewegende der geschichtlichen Entwick- 
lung ansah und die reale Welt bloß als Spiegelbild der sich dlalek- 
tisch fortentwickelnden Ideen oder Begriffe auffaßte kehrte Marx 
die Betrachtung der Welt materialistisch um, das heißt, er stellte 
das Gebäude Hegels nach seinem eigenen Ausdruck „auf die 
Beine", indem er das materielle Geschehen als das Ursprüngliche 
ond die Ideen als das von jenem Abhängige erkannte^Wahrend er 
aber die dialektische Betrachtung des Geschehens von H e ge 1 über- 
nahm, räumte er gleichzeitig mit dem metaphysischen Idealismus 
H e g e 1 s und mit dem mechanischen Materialismus der Materia- 
listen des i8. Jahrhunderts auf. Die Hauptsätze des dialektischen 

Materialismus sind: 

~ i) Die Dialektik ist ni ch t nu r ein e Form des Denkens, 
sondern sie ist unabhängig vom Denken i n d e r M a t e r i e ge- 
geben, das heißt, die Bewegung der Materie erfolgt 
objektiv dialektisch. Der materialistische Dialektiker legt 
also mcht etwa in die Materie hinein, was nur in seinem Denken 
ist, sondern er erfaßt mittels der Sinnesorgane und seines Denkens, 



233 



Ir 



das selbst den Gesetzen der Dialektik unterliegt, unmittelbar das 
materielle Geschehen der objektiven Wirklichkeit. Es ist klar, daß 
diese Einstellung der empiriokritischen und idealistischen von 
Kant und etwa Mach extrem entgegengesetzt ist.^ 

2) Die Entwicklung nicht nur der Gesellschaft, sondern 
aller übrigen, auch der natürlichen Phänomene, erfolgt nicht, wie 
jede Art von Metaphysik, sei es nun die idealistische oder die mate- 
rialistische, behauptet, aus einem „Entwicklungsprinzip" oder „einer 
den Dingen innewohnenden Entwicklungstendenz", sondern sie er- 
folgt aus einem inneren Widerspruch, aus Gegen- 
sätzen, die in der Materie vorhanden sind, und aus 
einem K o n f 1 i k t d i e s e r G egen s ä 1 2 e, der in der gege- 
benen Daseinsweise nicht gelöst werden kann, so daß die 
Gegensätze die bestehende Daseinswelse der 
Materie sprengen und eine neue schaffen, in der 
sich dann neue Gegensätze ergeben und so fort. 
.. 3) Alles, was dialektische Entwicklung hervorbringt, ist objek- 
tiv weder gut noch schlecht, sondern unvermeidbai' 
und notwendig. Was aber in einer Entwicklungsperiode zuerst 
fördernd war, kann spater hemmend werden. So förderte die 
kapitalistische Produktionsweise zuerst ganz gewaltig die tech- 
nischen Produktivkräfte, wurde aber später durch die ihr imma- 
nenten Widersprüche zu einer Hemmung dieser Entwicklung. Die 
Befreiung von dieser Hemmung bringt die sozialistische Produk- 
tionsweise. 

4) Durch die beschriebene dialektische Entwicklung aus Gegen- 
sätzen ist nichts dauernd, alles, was wird, trägt auch schon 
den Keim seines Unterganges in sich. Marx hat gezeigt, daß 
eine Klasse, die Ihre Herrschaft befestigen will, die dialektische Be- 
trachtung nicht akzeptleren kann, well sie sich sonst selbst das 
Todesurteil spricht. Nach Marx brachte die kapitalistische Bour- 
geoisie in ihrem Aufstieg eine Klasse zur Entwicklung, das Prole- 
tariat, das aus seinen Daseinsbedingungen heraus den Niedergang 
der Bourgeoisie bedeutet. Daher kann auch nur die proletarische 
Klasse die Dialektik voll und praktisch anerkennen, während das 

i) Vgl hiezu Lenins : Materialismus und Empiriokritizismus. Sämtl. Werke, Band XB, 
Verl. f. Lit. u. Pol, 



234 



MI 



■vi.\/\ 



Bürgertum notwendigerweise im absoluten Idealismus stecken 

bleiben muß. /. '/••: 

5) Jede Entwicklung ist Ausdruck und Folge einer 
doppelten Negation: Negation der Negation. Um 
das zu illustrieren, bringen wir wieder ein Beispiel aus der gesell- 
schaftlichen Entwicklung. Die Warenproduktion war Negation des 
Urkommunismus, in dem nur Produktion von Gebrauchswerten 
herrschte. Die sozialistische Wirtschaftsordnung ist die Negation der 
ersten Negation, sie verneint die Warenproduktion und gelangt so 
spiralig auf höherer Stufe zur Bejahung des zuerst Verneinten, der 
Produktion von Gebrauchswerten, zum Kommunismus. 

6) Gegensätze sind nicht absolut, sondern sie V 
durchdringen einander. Quantität schlägt an emem be- 
stimmten Punkte in Qualität um. Jede Ursache einer Wirkung ^ 
ist gleichzeitig Wirkung dieser Wirkung als Ursache. Das ist nicht o^.^-- 
eißfach Wechselwirkung streng von einander getrennter Phänomene, 
sondern ein gegenseitiges Durchdringen und Aufeinanderwirken. 
Ferner kann ein Elem_ent untxr_. gegebenen Bedingungen in sem Ge- 
genteil umschlagen, '^^j ... 

,) Die dialektische Entwicklung erfolgt zwar all- 
in/ählich, wird aber an bestimmten Stellen sprunghaft. 
Wasser wird bei fortschreitender Abkühlung mcht allmählich zu 
Eis sondern die Qualität Wasser wandelt sich an einem bestimmten 
Punkte plötzlich in die Qualität Eis um. Das heißt aber nicht, daß 
die sprunghafte Veränderung plötzlich aus nichts hervorgeht, son- 
dern sie hat sich allmählich dialektisch bis zur sprunghaften Ver- 
änderung entwickelt. So löst die Dialektik auch den Gegensatz 
Evolution-Revolution auf, ohne ihn aufzuheben. Die soziale Ver- 
änderung der Gesellschaftsordnung wird etwa zunächst durch Evo- 
lution vorbereitet (Vergesellschaftung der Arbeit. Proletarisierung 
der Mehrheit usw.) und dann revolutionär herbeigeführt. Eines ist 
ohne das andere nicht denkbar, weil es sich eben um dialektische 
Gegensätze handelt. -.- :,':r'-.;z;:. • - ,;^=. -...■. ,, . ■ ■ 

Versuchen wir es nun an einigen typischen Vorgängen im 
menschlichen Seelenleben, die die Analyse aufgezeigt hat, ihre Dia- 
lektik nachzuweisen, die unserer Behauptung nach ohne die psycho- 
analytische Methode nicht hätte zutage treten können, 






4 






235 



/■\*/V<w 



'T 



Zunächst als Beispiel für dk dialektische Entwicklung die Sym- 
ptombüdung m der Neurose, wie sie von Freud zuerst erfaßt 
und beschrieben wurde. Nach Freud entsteht ein neurotisches 
^)mptom dadurch, daß das gesellschaftlich gebundene Ich eine 
inebregung zunächst abwehrt und dann verdrängt. Die Ver- 
diangung einer Triebregung allein macht aber noch kein Symptom; 
dazu ist notwendig, daß der verdrängte Trieb die Verdrängung 
medcr durchbreche und in verstellter Form als Symptom er- 
sctone Das Symptom enthält nach Freud sowohl die abge- 
wehrte Triebregung als auch die Abwehr selbst: das Symptom trägt 
beiden entgegengesetzten Tendenzen Rechnung. Worin liegt nun 
die Dialektik der Symptombildung? Das Ich des betreffenden Men- 
schen steht unter dem Drucke eines „psychischen Konfliktes". Die 
mderspruchvolk Situation, auf der einen Seite der Triebanspmch, 
auf der anderen die Realität, die die Befriedigung verweigert oder 
bestraft, verlangt nach einer Losung. Das Ich ist zu schwach, um 
der Realität zu trotzen, aber auch zu schwach, um den Trieb zu 
beherrschen. Diese Schwäche des Ichs, welche selbst bereits eine 
• Folge einer vorausgegangenen Entwicklung ist, für die die Symptom- 
bildung nur eine Phase bedeutet, diese Schwäche ist also der 
Rahmen, innerhalb dessen sich der Konflikt abspielt; er wird nun 
auf die Weise erledigt, daß das Ich im Dienste der gesellschaft- 
lichen Forderung, in Wirklicheit, um nicht unterzugehen oder be- 
straft zu werden, also aus Selbsterhaltung, den Trieb ver- 
drängt. Die Verdrängung ist also di^ dialektische Folge eines 
unter der Bedingung der Bewußtheit unmöglich zu lösenden Wider- 
spruches. Das Unbewußtwerden des Triebes ist eine vorläufige, 
wenn auch pathologische Lösung des Konfliktes. 2 w e i t e P h a s e: 
Nach der Verdrängung des Wunsches, der vom Ich ebenso ver- 
neint^ wie bejaht wurde, ist das Ich selbst verändert, sein Bewußt- 
sem ist um einen Bestandteil (Trieb) ärmer und um einen anderen 
(vorübergehende Ruhe) reicher. Der Trieb kann aber in der Ver- 
drängung ebensowenig auf die Befriedigung verzichten wie im Zu- 
tande des Bewußtseins, eher weniger, weil er jetzt nicht einmal der 
i^ontrolle des Bewußtseins ausgesetzt ist. Die Verdrängung 

'^..^^^ 'Y.^'' ^'S-''^'' ^"*^^gang' da infolge der Ver- 
drängung d i e T r i e b e n e r g i e m ä c h t i g g e s t a u t w i r d, um 



236 



B^=-=~r-i-5-j^s^>:.-4'asg:'K-gSgBä^^ 



schließlich die Verdrängung zu durchbrechen. Der 
neue Prozeß des Durch bruchs der Verdrängung ist Re- 
sultat des Widerspruches: Verdrängung-Triebstauung, wie die Ver- 
drängung selbst Folge des Widerspruches: Triebwunsch- Versagung 
der Außenwelt (unter der Bedingung: Schwäche des Ichs) war. Es 
besteht also nicht etwa eine „Tendenz" zur Symptombildung, son- 
dern die Entwicklung erfolgt, wie wir sehen konnten, aus den 
Widersprüchen des seelischen Konfliktes. Mit der Verdrängung war 
auch die Bedingung ihres Durchbruches, die Aufstauung der 
Energie des unbefriedigten' Triebes gegeben. Ist mit dem^ Durch- 
bruch der Verdrängung in der zweiten Phase der ursprüngliche Zu- 
stand wieder hergestellt? Ja und nein. Ja insoferne, als der Trieb 
wieder das Ich beherrscht, nein insoferne, als er verändert, in 
verstellter Form im Bewußtsein ist, eben als Symptom, 
Dieses enthält das Alte, den Trieb, aber gleichzeitig auch seinen 
Gegensatz, die Abwehr des Ichs. In der dritten Phase (Symptom) 
sind also die ursprünglichen Gegensätze vereint in einer und der- 
selben Erscheinung. Diese selbst ist Negation (Durchbruch) der Ne- 
gation (der Verdrängung). Machen wir vorläufig hak, um das an 
einem konkreten Beispiel der psychoanalytischen Erfahrung zu 

demonstrieren. 

Nehmen wir den Fall einer verheirateten Frau, die Angst vor 
Einbrechern hat, die sie mit Messern überfallen könnten. Sie kann 
etwa nicht allein im Zimmer bleiben und vermutet in jedem Ver- 
steck einen grausamen Einbrecher. Die Analyse ergibt folgendes: 

I. Phase: Psychischer Konflikt und Verdrän- 
gung. Die Frau hat einen Mann vor ihrer Heirat kennengelernt, 
der sie mit Anträgen verfolgte, denen sie gern gefolgt wäre, wenn 
sie nicht moralisch gehemmt gewesen wäre. Die Erledigung dieses 
Konfliktes konnte sie mit der Tröstung auf spätere Heirat ver- 
schieben. Der Mann wandte sich ab, sie heiratete einen anderen, 
ohne den ersten vergessen zu können. Der Gedanke an ihn störte 
sie unausgesetzt. Als sie ihm einmal wieder begegnete, geriet sie 
neuerdings in schweren Konflikt zwischen ihrem Verlangen nach 
ihm und ihrer Forderung nach ehelicher Treue. Unter diesen Be- 
dingungen wurde der Konflikt unerträglich und unlösbar, das Ver- 
langen nach ihm war ebenso stark wie ihre Moral. Sie begann ihn 



237 



i)^ 



T^ n "'^'^^'' (Abwehr) ond schließlich vergaß sie scheinbar auf 
ihn. Das war aber kein wirkliches Vergessen, sondern nur ein Ver- 
drangen. Sie glaubte sich geheilt und dachte bewußt nicht mehr 
an ihn. 

• 2. Phase: Durchbruch der Verdrängung': Einige Zeit 
spater hatte sie einen heftigen Streit mit ihrem Mann, weil er mit 
einer anderen Frau flirtete. Im Laufe des Streites hatte sie sich, wie 
sieh viel später herausstellte, gedacht: „Wenn du darfst, so bin ich 
dumm, wenn ich es mir nicht auch erlaube"; dabei hatte sie 
momentan das Bild des ersten Geliebten vor sich. Der Gedanke war 
aber zu gefährlich, konnte er doch den ganzen alten Konflikt 
wieder heraufbeschwören, und so beschäftigte sie der Gedanke be- . 
wüßt nicht weiter: sie hatte ihn aufs neue verdrängt. Aber in der 
Nacht trat ein Angstzustand auf, sie hatte plötzlich die Idee, daß 
ein fremder Mann sich an ihr Bett heranschleiche, um sie zu ver- 
gewaltigen. Der Trieb war in verstellter Form, ja mehr: als sein 
direktes Gegenteil wieder ins Bewußtsein gedrungen: statt dem 
fremden Mann, Angst vor ihm. Diese Verstellung war die 

(3. Phase:) Grundlage ihrer Symptombildung: Ana- 
lysieren wir jetzt das Symptom selbst, so sehen wir le der Vor- 
stellung, daß ein fremder Mann sich in der Nacht an ihr Bett 
schleicht, die Erfüllung des verdrängten Wunsches, den Ehebruch 
zu begehen. (Die genaue Analyse ergab in den Details, daß sk, 
ohne es zu wissen, ihren ersten Geliebten phantasierte: Gestalt, 
Haarfarbe usw. waren die gleichen.) In dem gleichen Symptom ist 
aber auch die Abwehr enthalten, die Angst vor dem Trieb, die als 
Angst vor dem Mann erscheint. Später schwand das Element „ver- 
gewaltigt werden" aus der Angst und wurde durch „ermordet 
werden" ersetzt, entsprach also einer weiteren Verstellung des bis- 
her allzu deutlichen Inhaltes des Symptoms. 

Wir sehen an diesem Beispiel nicht nur ursprünglich getrennte 
Gegensätze in einem Phänomen vereint, sondern auch die Ver- 
wandlung eines Phänomens in sein Gegenteil, des Wunsches in 
Angst. Bei dieser Umwandlung der sexuellen Energie in Angst, 
einer der ersten und grundlegendsten Funde Freuds, liegt der 
Tatbestand vor, daß die gleiche Energie unter der einen Bedin- 



238 



gung das gerade Gegenteil von dem unter einer anderen Bedingung 

Erscheinenden erzeugt. 

Noch ein anderer dialektischer Erfahrungssatz kommt in unserem 
Beispiel zum Ausdruck. Im Neuen, im Symptom, ist das^Alte (die 
Libido) vorhanden, und dennoch ist das Alte nicht mehr es selbst, 
sondern gleichzeitig etwas völlig Neues, nämlich Angst. Der 
dialektische Gegensatz von Libido und Angst läßt sich aber noch 
anders auflösen, nämlich in den Gegensatz von Ich und Außen- 
welt. Ehe wir aber dazu übergehen, wollen wir an emigen klemeren 
Beispielen weitere Dialektik im Seelischen aufzeigen. Zum Um- 
schlagen der Quantität in Qualität: Die Verdrängung emer Trieb- 
regung aus dem Bewußtsein oder auch die bloße Unterdrückung 
• ist bis zu einem gewissen Grade für das Ich lustvoll, weil es einen 

Konflikt beseitigt; über einen bestimmten Grad hinaus aber schlagt 
die Lust in Unlust um. Geringes Reizen einer zur Endbefriedigung 
nicht fähigen erogenen Zone ist lustvolU dauert die Reizung zu 
, lange, so schlägt die Lust in Unlust um. . j ,. c 

PV ■ Dialektische Begriffe, beziehungsweise Vorgänge, sind die Span- 
nung und Entspannung. Das läßt sich am Sexualtrieb am^ besten 
■ zeigen Die Spannung einer sexuellen Erregung erhöht die Be- 

gierde' baut aber gleichzeitig die Spannung durch Befriedigung in 
der Reizung ab, ist also gleichzeitig Entspannung. Die Spannung 
bereitet aber auch die kommende Entspannung vor, wie etwa die 
. mechanische Spannung der Uhrfeder ihre Entspannung vorbereitet. 

b' Umgekehrt ist die Entspannung mit höchster Spannung verbunden, 
; - etwa im Sexualakt, oder die entspannende Spannung bei einem 

.^ aufregenden Drama, - sie ist aber die Grundlage für erneute 

Spannung. 

Der Satz von der Identität der Gegensatze laßt sich an den 
Begriffen der narzißtischen Libido und der Objektlibido zeigen. 
Nach Freud sind die Selbstliebe und die Liebe zum Objekt nicht 
nur Gegensätze; die Objektliebe entsteht aus der narzißtischen 
Libido und kann jederzeit in sie zurückverwandelt werden; sofern 
aber beide Liebestendenzen darstellen, sind sie identisch; nicht zu- 
letzt gehen sie auch auf eine gemeinsame Quelle, den somatischen 
Sexualapparat und den „Urnarzißmus", zurück. — Ferner die 
Begriffe „Bewußtes" und „Unbewußtes": sie sind Gegensätze, aber 

239 



1; 


1 


f 


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^ 

^ 


1 

i 



an der Zwangsneurose läßt sich zeigen, daß sie zugleich gegen- 
sätzlich und identisch sein können. Diese Kranken verdrängen 
Vorstellungen in der Weise aus ihrem Bewußtsein, daß sie der 
Vorstellung nur die Aufmerksamkeit, die Affektbesetzung ent- 
ziehen; die „verdrängte" Vorstellung ist jederzeit bewußt und 
doch unbewußt, das heißt, der Kranke kann sie produzieren, aber 
er kennt ihre Bedeutung nicht. — Die Begriffe Es und Ich drücken 
ebenfalls identische Gegensätze aus: Das Ich ist einerseits nur ein 
besonders differenzierter Teil, wird aber gleichzeitig unter beson- 
deren Bedingungen ein Gegner, funktioneller Widerpart des Es. 
. Der Begriff der Identifizierung entspricht nicht nur einem dia- 
lektischen Vorgang, sondern auch einer Identität von Gegen- 
sätzen. Die Identifizierung kommt nach Freud so zustande, daß 
man etwa eine Erziehungsperson, die gleichzeitig geliebt und 
gehaßt wird, „in sich aufnimmt" (sich mit ihr „identifiziert")» <^^^ 
heißt, ihre Eigenschaften oder Gebote zu den eigenen macht. Dabei 
^ geht gewöhnlich die Objektbeziehung zugrunde. Die Identifizierung 
I löst den Zustand der Objektbeziehung ab, ist also ihr Gegensatz, 
' ihre Verneinung, aber gleichzeitig eine Aufrechterhaltung der 
Objektbeziehung in anderer Form, also auch eine Bejahung. Dem 
liegt folgender Widerspruch oder Konflikt zugrunde: „Ich liebe X; 
als mein Erzieher verbietet er mir sehr viel, weswegen ich ihn 
hasse; ich möchte ihn zerstören, beseitigen; aber ich liebe ihn auch, 
will ihn also erhalten." Aus dieser widerspruchsvollen Situation, 
die als solche bei einer gewissen Intensität der gegensätzlichen Re- 
gungen nicht bestehen bleiben kann, gibt es folgenden Ausweg: 
»Ich absorbiere ihn, ich ,identifiziere' mich mit Ihm, ich vernichte 
ihn (das heißt meine Beziehung zu ihm) in der Außenwelt, behalte 
ihn aber in mir, in einer veränderten Form weiter; ich habe ihn 
vernichtet und doch behalten." ,.., ,-i 

•In jenen Tatbeständen, die in der Psychoanalyse mit dem Be- 
griffe der Ambivalenz, des gleichzeitigen ja und nein erfaßt 
werden, gibt es noch eine Fülle dialektischer Phänomene, von 
denen wir nur das hervorstechendste, die Verwandlung von Liebe 
i T- hl T^ "^gekehrt, hervorheben. Haß kann in Wirklichkeit 
' ^^ebe bedeuten und umgekehrt. Sie sind identisch, sofern beide 
. mtensive Bindungen an den Nebenmenschen ermöglichen. Die Ver- 

240 



kchrung ins Gegenteil ist eine Eigenschaft, die F r e u d den 
Trieben im allgemeinen zuschreibt. Bei der Verkehrung geht aber 
das Alte nicht unter, sondern bleibt in seinem Gegenteil voll 

erhalten. 

Auch die Gegensätze Perversion und Neurose sind dialektisch 
aufzulösen, indem jede Neurose eine negierte Per Version ist und 

umgekehrt. ' 

Ein schönes Beispiel dialektischer Entwicklung läßt sich an der 
säkularen Sexualverdrängung zeigen. Bei den Primitiven besteht 
ein scharfer Gegensatz zwischen dem Inzesttabu hinsichtlich der 
Schwester (und Mutter). und der sexuellen Freiheit hinsichtlich der 
übrigen Frauen. Die Sexualeinschränkung breitet sich aber immer 
mehr aus, betrifft zunächst nur noch die Kusinen, später alle . 
Frauen der gleichen Gens, schlägt schließlich bei weiterer Aus- 
breitung in eine qualitativ andere Einstellung zur Sexualität über- 
haupt um, wie etwa im Patriarchat und besonders im Zeitalter des 
Christentums. Die stärkere Verdrängung der Sexualität überhaupt 
erzeugt aber ihren Gegensatz in der Form, daß heute das Tabu 
der Beziehung zwischen Bruder und Schwester für die Kindheit 
de facto durchbrochen ist. Die Erwachsenen wissen mfolge der 
überstarken Sexualverdrängung überhaupt nichts mehr von der 
kindlichen Sexualität, so daß heute sexuelle Spiele zwischen Bruder 
und Schwester nicht als sexuell angesehen werden und zu den 
Selbstverständlichkeiten auch der „vornehmsten" Kinderstube 
gehören. Der Primitive darf seine Schwester nicht einmal 
Irschauen, ist aber im übrigen frei; der Zivilisierte lebt seine kind- 
liche Sexualität an seiner Schwester aus, ist aber sonst durch 
schärfste moralische Gebote gebunden. ' ■?->■■«•' -'^ -.^ :•^ . : . - 

Gehen wir nun zur Frage über, inwieweit die Psychoanalyse die 
Dialektik des Seelischen auch hinsichtlich der allgemeinen Ent- 
wicklung des Individuums in der Gesellschaft aufgezeigt hat. Wir 
werden dabei zwei wesentliche Fragen zu behandeln haben: 

Erstens, ob die Dialektik des Seelischen sich nicht auf den 
(wieder auflösbaren) Urgegensatz von Ich (Trieb) und Außenwelt 
zurückfuhren laut. 

Zweitens, wie sich in der Entwicklung des Seelischen die ratio- 
nale und ' die irrationale Funktion verbinden, ferner wie die 



241 

i6 Almanadi 1930 ' 



r. 



rationale und die irrationale Betraclitun g einan der^ widerspr echen 
"^ und doch ineinander übergehen. ■ • '• . .■ 

Wir führten bereits im ersten Abschnitt die Auffassung der 
Psychoanalyse Freuds aus, daß das Individuum in seelischer 
Hinsicht als ein Bündel von Bedürfnissen und ihnen entsprechenden 
Trieben zur Welt kommt. Mit diesen Bedürfnissen ist es als ver- 
gesellschaftetes Wesen sofort in die Gesellschaft hineingestellt, nicht 
nur in die engere Gesellschaft der Familie, sondern mittelbar, durch 
die ökonomischen Bedingungen des Familiendaseins, auch in die 
weitere Gesellschaft. Auf die einfachste Formel gebracht, treten die 
Ökonomische Struktur der Gesellschaft — durch viele Zwischen- 
glieder hindurch: Klassenzugehörigkeit der Eltern, ökonomische 
Verhältnisse der Familie, Ideologien, Verhältnis der Eltern zu- 
einander usw. — in eine Wechselwirkung mit dem Trieb- Ich des 
Neugeborenen. Sowie dieses seine Umgebung verändert, wirkt die 
veränderte Umgebung auf es zurück. Die Bedürfnisse werden zum 
Teil befriedigt, insofern herrscht Einklang. Zum größeren Teile 
aber entsteht ein Gegensatz zwischen den Triebbedürfnissen und 
der gesellschaftlichen Ordnung, als deren Repräsentant, wie gesagt 
die Familie fungiert. Dieser Gegensatz ergibt einen Konflikt, der zu 
einer Veränderung führt, und da das Individuum der schwächere 
Gegner ist, zu einer Veränderung in seiner psychischen Struktur. 
Solche Konflikte infolge von Gegensätzen, die bei gleichbleibender 
Struktur des Kindes unlösbar sind, entstehen täglich und stündlich 
und bilden das eigentlich vorwärtstreibende Element. Man spricht 
in der Psychoanalyse zwar von einer Anlage, von Entwicklungs- 
tendenzen und anderem, aber die Tatsachen, die bisher über die 
frühkindliche Entwicklung in Erfahrung gebracht wurden, sprechen 
nur für die oben geschilderte dialektische Entwicklung, für die 
Fortbewegung in Gegensätzen von Stufe zu Stufe. Man unter- 
scheidet Entwicklungsstufen der Libido, sagt, die Libido durchlaufe 
diese Entwicklungsstufen, aber die Beobachtung zeigt, daß keine 
Stufe ohne Versagung der Triebbefriedigung auf der vorhergehen- 
> den wirklich aktiviert wird. So wird die Versagung der Trieb- 
befriedigung durch den Konflikt, den sie im Kinde erzeugt, der 
Motor seiner Entwicklung. Wir vernachlässigen den durch die Ver- 
erbung festgelegten Teil an dieser Entwicklung, den man, wie etwa 



i a . 



V 



) 



^,«?!/*.' 



die Anlage der erogenen Zonen und des Wahrnehmunssappar«es 
schwer als solchen rein darstellen kann. Er büdet noch em recht 

j 1 1 . . , • 1 • u T3^rcrVinn(j Die Frage nach der Natur 

dunkles Gebiet biologischer Forschung, uie ri<^& _ 

seiner Dialektik gehört nicht hierher. W.r haben m.t ahm zu 
rechnen, begnügen uns aber im übrigen mit der Formel ^reud 
daß an der Entwicklung die Triebanlage m der gleichen m«e w.e 
cJas Erlebnis beteiligt ist. , , r • j- j- 

Unter den Hrlebnissen nehmen -^^VoUc^mS: t^dTEn^^ 
Triebversa,ungen eln^ «^^^^^^^^^^^ und der 

Wicklung em. Der (^egensatz xw ^ Widerspruch, indem 

Außenwelt -^'<^^f S/r'^ßenwerein^hemm^endes Organ 
Sich eben unter dem üintmu acr t'Fber-Ich. Was ur^ 

im seelischen Apparat auszubilden begmnt ^^ j^^ [Jf „emmung. 
sprünglich Angst vor Strafe war wird -:"^°^^^^^ ^j^^.!,,, ,b. 
Der Konflikt spielt sich jetzt ^--^^ T j^ ^ ™lr sind, jenes 
Wir vergessen aber nicht, daß beid n>"™ ^^„,,,, d,, 

direkt organisch gespeist ist d.eses letz«n End^s ■" I" 

Selbsterhaltungstriebes im Ich ^f ?"'='•'" J"td die Aggressivität 
tungstrieb (Narzißmus) -^f kt den Sexuate eb und ^^ ^ ^ 

ein. So treten -" f ""ff "f 51^^ vielen Situationen eine 
Säuglingsstadium und auch »<"=h /P"" " ^ „^iben. von Konflikt 
Einheit bilden, in Gegensatz zu emand r und tr b , ^^ 
■»„ K-nnflikr die Entwicklung vorwärts, aoer nu-m 
zu Konflikt, die tnt » sellschaftliche Gebundenheit. Be- 

sondern geradezu jurch die S ^,^ Entwicklung ganz 

T""' '"oTrfmit das gasen chaftliche Sein sowohl die Triebziele 

allgemein, so ertullt das ge!.eii ^pitpemäßen Vor- 

ais auch die moralischen Hemmungen mit hren zeitgemalSen \ or 
li und Inhalten. Die Psychoanalyse kann also den Satz vori 
7^1 daß das gesellschaftliche Sein das „Bewußtsem das heißt 
die Vorstellungen, Ziele der Triebe, die moralischen Ideologien usw. 
bestimmt, und nicht umgekehrt, voll bestätigen Sie erfüllt nur noch 
diesen Satz hinsichtlich der kindlichen Entwicklung mit konkretem 
Inhalt Das schließt aber nicht aus, daß sowohl die Intensität der 
Bedürfnisse die somatisch bedingt ist, als auch qualitative Dif- 
ferenzen der Entwicklung durch den Triebapparat verursacht 
werden. Das ist keine „idealistische Entgleisung", wie- mir manche 
Marxisten in Diskussionen über diesen Gegenstand vorhielten, son- 

' 243 



i6* 






l4iu^ 



' 



dein entsprlclit völlig dem Marx sehen Satz, daß die Menschen 
selbst ihre Geschichte machen, nur unter bestimmten Voraus- 
setzungen und Bedingungen gesellschaftlicher Natur. Engels ver- 
wahrt sich in einem Briefe ausdrücklich gegen die Auffassung, daß 
die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens das 
einzig bestimmende Moment der Entwicklung der Ideologien 
sein sollte. Es sei nur das in letzter Instanz bestimmende Moment.^ 
Ins Soziologische übersetzt, bedeutet die zentrale These F r e u a s 
von der Bedeutung des Oedipuskomplexes für die Entwicklung des 
Individuums nichts anderes, als daß das gesellschaftliche Sein diese 
Entwicklung bestimmt. Die menschlichen Anlagen und Triebe, leere 
Formen für aufzunehmende gesellschaftliche Inhalte, gehen durch 
die (gesellschaftlichen) Schicksale der Beziehungen zu Vater, 
Mutter und Erziehungspersonen durch, wie die Strahlen des Lichtes 
durch eine farbige Linse hindurchgehen, die endgültige Form und 
div^ Inhalte erst hier erhaltend. 

Die Dialektik der seelischen Entwicklung zeigt sich nicht nur 
darin, daß sich aus jeder Konfliktssituation, je nach dem Kräfte- 
verhältnis der Gegensätze, gegensätzliche Ergebnisse bilden können, 
sondern die klinische Erfahrung weist nach, daß Charaktereigen- 
schaften in entsprechenden Konfliktssituationen in ihr gerades 
Gegenteil umschlagen können, das keimhaft bereits bei der ersten 
Kcnfliktlösung vorhanden war. Ein grausames Kind kann der mit 
leidvollste Mensch werden, nicht ohne daß eine eingehende Analyse 
im Mitleid die alte Grausamkeit nachweisen könnte. Das schmutz- 
liebende Kind kann später ein Reinlichkeitspedant, das neugierige 
ein peinlich diskreter Mensch sein. Sinnlichkeit schlägt leicht m 
Askese um. Ja, je intensiver eine Eigenschaft zur Entfaltung kommt, 
desto leichter schlägt sie bei entsprechenden Anlässen ins Gegen- 
teil um (Reaktionsbildun g). 

Im Fortschreiten der Entwicklung geht aber andererseits das Alte 
nicht ganz durch Umwandlung verloren. Während ein Teil der 
Eigenschaft sich ins Gegenteil umbildet, bleibt ein anderer unver- 
ändert bestehen, nicht ohne im Laufe der Zeit formale Wandlungen 



i) „Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomisdie Moment sei das einzig 
bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine niditssagende abstrakte, absurde Phrase." 
Engels Brevier, Wien 1920. S. 124. 



244 



infolge der Veränderung der Gesamtpersönlichkeit zu "l^id;"- ^^ 
Freud sehe Begriff der W i e d e r h o 1 u n g sp.elt m der Psycho 
Icde der seelischen Entwicklung eine große Rolle und .st c^urchaus 
icgie aer seeiiscnen j.^ ■,: ,„„„1,1 das Alte als auch durchaus 

dialektisch. Das Wiederholte ist sowohl das ^^ , 
Neues. Altes in neuem ^-an e oder neuer iJ^^'^J-.:^^:^ 
..ir schon beim Symptom. So --;^^;/;ter ebenso gern Burgen 

^enn ein Kind das g-'> ™ ^'^g°;jX ;'e '^»chließlich dazu gelangt, 
aus nassem Sand baut und als trwacnsener 

ein großes Interesse für B-^^f^^^^i^j/C und anderer 

Phasen das Alte J^^^^^^J/^:^ Zo^il^ ^^^ Chirurgen 
Funktion. Ein anderes Beispiel .st d^ ^^^.^^^ 

oder des Frauenarztes; """" /^hru "und T^dust. Die Beur- 
(Schneiden), dieser seine infantile Schau un 

teilung der Kichtigkeit dieser ^^^^/^ j^^hl kri ik sein. Wer 
methodologischen, -"f"" "-/ ktn^fe^e Behauptung nicht be- 

kcinen Cl»^'S-Xt "gth L- e^ einen wichtigen Einwand 

Streiten. Aber methodoiogisca _ -ryfic.kek des Menschen von 

eiheben. nämlich die Abhängigkeit der T-tigk- des^^^ ^^^^^^^^^ 

den ökonomischen D-^'f 'j^^X £e L^fa in der Tätigkeit 
aber nicht mehr, als daß diese <>° > Sublimierungsform 

wirken. Keben diesem ^"''•^''"Tr,.^'^,;^ darüber, ob ein Mensch 
natürlich durchaus ökonomisch bedinge. ^^^ ^^^^^^^ ^^y._ 

seinen Sadismus als f Jf ^^„f^isch'wiche Stellung. Es kann 
miert, entscheidet vor -"""; iXhaf tlichen Gründen unmöglich 
auch eine Subl.m.erung - S-l s ^^^^^^.^^^^^^. ^^ ,^ 
werden, das fuhrt dann z j^^^^^ 

gesellschaftlich aufgezwungenen ,^"f- . , j ^^■.. 
fra«n wie sich der unleugbar rationale Charakter der latigkeit 
mit d^m benso unleugbar irrationalen verträgt. Der Maler malt, 
d Techniker baut, der Chirurg schneidet, der Frauenarz unter- 
sucht doch, um das Leben zu bestreiten, ako aus ökonomischen, aus 
rationalen Gründen. Überdies ist die Arbeit em gesellschaftlicher, 
also ein durchaus rationaler Faktor. Wie vertragt sich das mit der 
irrationalen Erklärung der Psychoanalyse, daß der Arbeitende m 
seiner Tätigkeit einen Trieb sublimiert und so befriedigt? Manche 
Analytiker "schätzen den rationalen Charakter der menschlichen 
Tätigkeit nicht gebührend ein. Man kann bei ihnen eme idealistische 



245 



Weltauffassung feststellen, die in den Produkten der menschlichen 
Tätigkeit nichts als Projektionen und Befriedigungen von Trieben 
sehen will. Demgegenüber hat ein Analytiker einmal scherzweise 
bemerkt, das Flugzeug sei zwar ein Penissymbol, aber man könne 
damit doch von Berlin nach Wien fliegen. 

Die Problematik der Beziehungen zwischen Rationalem und Ir- 
rationalem ergibt sich auch aus folgendem Tatbestand. Das Be- 
arbeiten der Erde mit "Werkzeugen und das Einpflanzen des Samens 
hat den rationalen Sinn der Produktion von Lebensmitteln. Aber 
CS bekommt auch den symbolischen Sinn eines Inzestes mit der 
Mutter („Mutter Erde"). Das Rationale zieht das Symbolische 
heran, es erfüllt sich mit symbolischem Sinn. Die Beziehung der ratio- 
nalen Tätigkeit zum irrationalen symbolischen Sinn ist gegeben in 
der Rhythmik beider Funktionen, im Hineinbohren eines Werk- 
zeuges in einen Stoff, im Einpflanzen des Samens und in der Pro- 
duktion einer Frucht durch den so bearbeiteten Stoff. Die Symbolik 
ist also gerechtfertigt. Wir sehen auch, daß das Irrationale einen 
rationalen Kern, die Symbolik einen realen Hintergrund hat in der 
Tatsache, daß die Erde, ebenso wie die Mutter, nach Bearbeitung 
mit einem Werkzeug (Penissymbol) Früchte trägt. Das Aufstellen von 
künstlichen Phallussen auf bebauten Feldern im Sinne eines Frucht- 
barkeitszaubers, eine irrationale Handlung magischer Natur, die von 
vielen primitiven Völkern geübt wird, beleuchtet eine bestimmte 
Seite der Beziehung zwischen dem Rationalen und dem Irrationalen. 
Hier handelt es sich um einen magischen Versuch, rationale Ziele 
mit irrationalen Mitteln leichter und besser zu erreichen. Deswegen 
wird aber das rationale Handeln, in diesem Falle das tatsächliche 
Umgraben und Bebauen der Erde, nicht unterlassen. Und das, was 
im rationalen Ackerbau als symbolisches Element irrational 
erscheint, nämlich der Inzest oder der Geschlechtsverkehr, ist an 
sich rational, denn die Funktion des Lustprinzips ist zweifellos 
rational sinngemäß; sie dient der Befriedigung des Sexualbedürf- 
nisses, wie das Säen der des Selbsterhaltungstriebes dient. Wir sehen 
also wieder, daß es keine absoluten Gegensätze gibt, daß sich auch 
der Gegensatz von rational und irrational dialektisch auflösen läßt. 
Die Frage ist nur, was primär ist: das rationale oder das irrationale 
Handeln und Denken. Der Idealist wird das letzte, der Materialist 



246 



das erste als das Primäre auffassen. Die dialektische Tatsache, daß 
im Rationalen Irrationales enthalten ist, und umgekehrt, sagt über 
diese Frage nichts aus. Die Antwort darauf kann die psychoanalytische 
Erfahrung über klinische Einzeltatsachen geben S.e «igt, daß die 
rationalen Tätigkeiten des Menschen symbolischen Sinn bekommen 
können, aber nicht müssen. Auch wenn etwa in ""f- J-^ - 
Messer oder ein Baum erscheint, so kann das zwar ein P--ymW 

• 1 1 - <»;« r^^lp« Messer oder ein realer ßaum 

se.n, muß aber nicht, es kaj^a emre^^^^^ ^^ .^^ 

gemeint sein. Wenn ein Gegenstand als byrnoo 

j • r -1 c;„„ Icpineswess ausgeschlossen, denn wenn man 

damit der rationale Sinn keineswegs ^u^b „^r-^Ac durch 

analytisch der Frage nachgeh. warum .^^J^'^J"^^^ ^^ 

einen Baum oder ein besser darges«nt is und n ^^ ^^^^^^_^^^ 

einen Stab, so findet man m vielen Fallen eine '" ^ 

dafür. So masturbierte eine nymphomanische Kranke nntene„ 

Messer, das unzweifelhaft einen Penis ^yt°^';Zn<^ Zln^l 
Messers war aber dadurch begründet ^aß Are Mu„« .^ ^ 

ein Messer nachgeworfen -'»;-/^'«'. T'^h den^M "ser ruinieren 
herrschte nun die Idee '-■f^";:^'',;,'"^ "aLaie Handeln 
müsse. So hatte eine f '°f ,! ^^r d eses Handeln, das später 
mit bestimmtem Inhalt «'""'-/j^^^ Jf^^ional. es diente näm- 
irrational war, war ursprünglich durchaus r g^; ;,!,„ „„d 

lieh der Sexualbefriedigung. Wir ^''\="/"!.,"3 ;„ Augenblicke 
könnten an anderen ^^^l£2^'CL. Hat 
der Betrachtung irrational ist, einmal "' 

doch jedes irrationale Symptom -»-.X^'™;' Ergebnis dieser 

es analytisch auf seine Entstehung zurucMunrt. ^»^ "; » 

es analytiscn au t ; „dlich-tr iebh a ft e Handeln, 

Betrachtung .st, dafS f^ ^"^ Strebens nach Lust steht. 

das im Dienste des ' ^ " ° "/J,^ Jj^a, ,enn es das Schicksal 
ZU irrationalem Handeln wiru, 

der Verdrängung oder ein ähnliches erlitten hat. Das 
Rationale ist also hier das Primäre. 

• j„^ Aae rationale Handeln, etwa das Kon- 
Nehmen wir wieder das rationale rr^i . '. ,, . . , 

struieren von Maschinen, vor, so finden wir m ihm irrationale 
Elemente, etwa die symbolische Befriedigung emes unbewußten 
Wunsches. Das heißt, daß in der Sublimierung eine Triebkraft, die 
in der Kindheit einmal rational auf Befriedigung gerichtet war 
durch die Erziehung von ihrem rationalen Ziel abgelenkt und auf 



l,/4>w 



247 



-LJtU-LllI^ 



eän anderes rationales Ziel hingelenkt wurde. In dem Augenblicke 
aber, wo das ursprüngliche Ziel real aufgegeben, in der Phantasie 
aber festgehalten wurde, wurde das Streben darnach irrational. 
Findet der Trieb in der Sublimierung ein neues rationales Ziel, 
so vermengt sich das alte, irrational gewordene Streben mit dem 
neuen rationalen Handeln und erscheint hier als irrationale Be- 
gründung dieses Handelns. Das sei schematisch etwa am sexuellen 
Wißtrieb, der sich spater in der Tätigkeit zum Beispiel des Arztes 
auswirkt, gezeigt. 

1. Phase: Der sexuelle Wißtrieb ist rational auf die Beobachtung 
des nackten Körpers und der Geschlechtsorgane gerichtet. Ratio- 
nales Ziel: Befriedigung der Wißbegierde. 

2. Phase: Versagung der direkten Befriedigung, der Trieb ver- 
liert seine rationale Befriedigung, das Streben wird mit Bezug 
auf das gesellschaftliche Sein irrational. 

3. Phase: Der Trieb findet eine neue Betätigung, die mit der 
ersten inhaltliche Beziehungen hat. Der Betreffende wird Arzt und 
betrachtet jetzt nackte Körper und Geschlechtsorgane wieder wie 
seinerzeit als Kind, Er tut also dasselbe und doch etwas anderes; 
sofern er dasselbe tut wie als Kind, sofern seine Tätigkeit sich auf 
die kindliche Situation bezieht, ist sie irrational; sofern sie sich hin- 
gegen auf seine gegenwärtige gesellschaftliche Funktion bezieht, ist 
sie rational. 

Das bedeutet aber, daß darüber, ob eine Tätigkeit rational 
oder irrational ist, ihre gesellschaftliche Funktion 
entscheidet; die Wandlung des Charakters einer Betätigung vom 
Nationalen zum Irrationalen und umgekehrt hängt auch von der 
momentanen gesellschaftlichen Position des Individuums' ab. Die 
gleiche Betätigung des Arztes, die in seinem Ordinationsraum ir- 
rational ist, wird in seinem Privatleben etwa beim Liebesakt ratio- 
nal, und was dort rational war, verliert in derselben privaten 
Situation seinen Charakter. 

Die hier umrißhaft gezeichneten Beziehungen zwischen Ratio- 
nalem und Irrationalem zeigen aber, daß zwischen der vorwie- 
gend auf das Irrationale gerichteten Betrachtung der Psycho- 
analyse und der aufs Rationale -eingestellten der Marx sehen 
Gesellschaftslehre kein anderer als ein dialektischer Gegensatz 



24s 



daß die Psychoanalyse 
besteht. Sie lassen «ns ferner 7""™' ' ,^ j„ gesellschaftlichen 
kraft ihrer Methode, die triebhatten wu ^^^^^ .^^^^ j.^j^^_ 

Tätigkeit des Individuums »"f^""*^*'"' tische Auswirkung der 
tischen Trieblehre berufen ist, o' V> ^^.^^ ^.^ Bildung der 
Produktivkräfte in der Gesellscha , ^^^.^^^ Endpunkte; 

Ideologien, im Detail zu klären. Z^'^^'^'''"^ ^ s e 1 1 s c h a f t und 
ökonomische Struktur ■^ Kausalbeziehungen die 

ideologischer Oberbau, aer_ ^ .^^^ „f^ß, hat, 

materialistische G^^'fH'T^TaLnÄ der Psychologie des ver- 
schaltet die psychoanalytische brta s g^^^ 2wischengliedem ein, 
gesellschafteten Menschen eine Ke ^.^^^^^^.^^^^^ ^XTechselwirkung 
die sämtlich unter das Gesetz °^ ^ ^ Struktur der Gesell- 
fallen. Sie kann zeigen, daß die °tonom^che ^^^_^^^^^^^ .^ ^^^^ 

Schaft sich „im Kopfe ^^^.^^"Nahrungsbedürtnls. von den 
logien umsetzt, sondern f^^ . _ ; ^^j^en Kußerungsforroen 
ie;eiligen ökonomischen ^ef ^'-^;;,;tcheren Libido abändernd 
abhängig, die Funktionen d« J^ ? ^^ Einwirkung auf die 

beeinflußt, und daß diese ?«« .^^f" z;,ie immer neue 

Sexualbedürfnisse durch E--hrankung Ar _^ ^^^ ^^^^^^^^^_ 

Produktivkräfte in f°™ ;f;™T direkt in Form von Arbeits- 
uchen Arbeitsprozeß ^^f^'\^jXsi.^t entwickelten Ergebnissen 
kraft, teils indirekt in Form von hoher ^^^^^^^ ^^^ ^^^^^ .^ 
der Sexualsublimierung. wie etw j^^^„„d„en, der Wissen- 

allgemeinen, der ^Geschlechtsmoral .^^^^ Einordnung der Psycho- 
schaft usw. Das ^^f;;';^^^^" Geschichtsauffassung an einem ganz 
analyse m die »""'"''f'Jp^ ^te- nämlich dort, wo die psy- 
bestimmten, ihr adäquaten ' j. j Marx sehe Satz 

chologischen P-^^j^^s^rnrJise sich im Kopfe des Men- 
..fdeckt. daß die materielle D --- .^ ^^^ gesellschaftlichen 

sehen in Ideen "">-'"• ^Jj.^/'t^^ ;hr abhängig, wenn er auch 
Entwicklung .t f'>''^''^^^f,^ i.dem die sublimierte Libido 
selbst entscheidend in sie ""S«'"' ., ,. , , ;.,,. 
als Arbeitskraft zur Produktivkratt wird. 

V, Abdruck- Dieser Absatz wurde sowohl von 

1) Zusatz zum ^^"'.'^ , ff Vr, jes Znaminje", als auch in der Diskussion 

Sapier in seiner Entgegn^g ^"^ ^7*" " JJ.^rwissenschak'' in der Moskauer kommuni- 

zu meinem Vortrag „Psydioanalyse ^'^ L^^^j^^j^^^^ ideaUstisdie Entgleisung kritisiert. 

stisdien Akademie von S ä 1 k i n o ai 



249 



Wenn aber der Libidoprozeß das Sekundäre ist, so müssen wir 
uns nach der historischen Bedeutung des Ödipus- 
komplexes fragen. Wir haben gesehen, daß die Psychoanalyse 
alle seelischen Prozesse, wenn auch unbewußt, dialektisch auffaßt, 
nur der Ödipuskomplex scheint in ihrer Theorie ein Ruhepunkt 
mitten in den bewegten Erscheinungen zu sein. Das kann zweier- 
lei Gründe haben. Entweder wird der Ödipuskomplex unhistorisch 
als unveränderte und unveränderbare, in der Natur des Menschen 
gegebene Tatsache aufgefaßt. Der zweite Grund könnte aber sein, 
daß sich die Familienform, die den heutigen Ödipuskomplex be- 
gründet, seit Jahrtausenden relativ unverändert erhält. Der 
ersten Ansicht scheint Jones zu sein, der in einer Diskussion 
mit Malinowski über den Ödipuskomplex in der mutter- 
rechtlichen Gesellschaft den Ausspruch tat, daß der Ödipus- 
komplex „fons et origo" von Allem sei. Diese Auffassung ist 
zweifellos idealistisch und metaphysisch, denn die heute entdeckten 
Beziehungen dm Kindes zu Vater und Mutter als ewige, in jeder 
Gesellschaft gleichbleibende hinzustellen, ist nur mit der Auffas- 
sung von der Unabänderlichkeit des gesellschaftlichen Seins ver- 
einbar. Den Ödipuskomplex verewigen heißt, diese ihn begrün- 
dende Familienform absolut und ewig fassen, was der Meinung 
gleichkäme, daß die Menschheit von Natur aus so veranlagt sei, 
wie sie uns heute erscheint. Die Annahme des Ödipuskomplexes 
stimmt für alle Formen der patriarchalischen Gesellschaft, die Be- 
ziehung der Kinder zu den Eltern ist aber nach den Forschungen 
von Malinowski in der mutterrechtlichen Gesellschaft so 

Es wurde mir vorgeworfen, daß ich also doch Gesellschafdidies, nämlidi die Produktiv- 
■ Tt ^^^'^°"' Wissenschaft usw., psydioanalytisdi erHären wolle. Das beruht auf 
einem Mißverständnis, weldies allerdings durdi eine nicht völlig klare Formulierung dieses 
Absatzes ermöglidit wurde. Es bleibt bei memcn Ausführungen im ersten Abschnitt, daß 
^le i sydioanalyse gesellschaftliche Erscheinungen nidit erklären kann. In diesem 
aIT^ t^fT^ ^^ -^^ ^"* ^^^ ^^"^ letzten Satz hervorgeht, nur die Produktivkraft 
Wisse"^!* f " ^^"!^'^'^' ^^^ ^" "^* ^^"^ Auffassung der PsA. umgesetzte Sexualenergie, 
indr^'-d "iT' ^^^ ^^^^ "''^'^ '"^ g^^^Wschaftlichen Sinne gemeint, sondern im Sinne der 
Auffass • '^'^^f^sch^ftlidien Arbeitsleistung. Es ist zuzugeben, daß eine solche 

werden"k^' wie sie kritisiert wurde, wegen der unklaren Formulierung herausgelesen 
ordnune« dT P 7™ ^'^^^''P"*'^ ^^^^ ^lese ganze Untersuchung. Die „sinnvoUe Ein- 
des Ma^- ^ "^ '^^^ histonsdien Materialismus bedeutet natürüdi nidit Erweiterung 

.Pr^t J^T'^'x/'*''.'**'"' die Lösung der vom Marxismus ofEengelassenen Fraget „Wie 
^eczt sicn aas MateneUe im einzehien Mensdienkonfe in Ideelles um?" Die Aufdeckung 
der „Zwisdiengheder" bleibt im Rahmen der individueUen Psydiologie. 



250 



verschieden daß sie die Bezeichnung kaum mehr verdient. Nach 

verschieden, daß s e d^ ^. ^^^^ lex eine soziologisch be- 

Malinowski ist der m" F r . ^ Gesellschaft 

dingte Tatsache, die ihre ^or^^' ^^^ „„ß der ödi- 

verände«. Vom ™ » ' '^ . . '.n GeseUscLf t untergehen, weil 
puskomplex in der soziahstischen GeseUscha 6 

seine gesellschaftliche Grundlage ^j; J^^f ^ beabsichtigte 
untergeht, ihre Daseinsberech«gunS verl«t.^^ ^,^^^^^ ^^^ ^^^^._ 

Gemeinschaftserziehung der Kinder Zustandekommen, 

sehen Einstellungen, wie sie »"f^ " ^"„„,,„i„ander und zu den 
so ungünstig, die Beziehung der Kmder m, ^^.^^^^^^ ^g^ip^,. 
Erziehern vielseitiger, bewegter, dal^ ^^_^ ^.^ ^^^^^^ 

komplex", die den bestimmten Inhalt hat, ^^^_ 

begehrt und den Vater als Rivalen .'>-"»g-J_f' ;, *;^^,,„ i„est. 
liert. Es ist nur eine Frage der Definmon, ob m^n den ^^^^^^^^ 
wie er in der Urzeit bestand, als «f 'P- "Ko^P/ j„„,. 

will, oder ob man diese »'^■^'^''f'" ;liichen Vater reserviert, 
wünsch und die Rivalität mit ^e- jf ^^"^^^..hen Grundthese, 
Das ist gewiß keine D^-^-^^^^h^nkuTg ihrer Gültigkeit auf 
, sondern es bedeutet nur eme Emschr^"^ J ^^^^ ^^^.^^^^.^i^ <j.e 
bestimmte Gesellschaftsformen. Es bea ^^^^ zun,indest m 

Charakterisierung des Ödipuskomplexes „^^^^^j^^h bedingten 

seinen Formen gesellschaftlich, l««'" ^ Ethnologen herrscht, 

Tatsache. Bei der Un-.gke.. d.e »-f^„,i,„drängung derzeit 
ist die Frage nach der Herkuntt a ^^^^^ ^^^ ^^^^^.. „f 

„och nicht zu lösen. Freud der sich ^ > ^^^^ ^^„ Odip„3. 
die Darwinsche Theorie der ^f°"T^ '^f. Dabei kommt 
komplex als Ursache der ^^--^'J"^^c^,äUc^-^^ offenbar 
\ aber die Betrachtung ^er mutterrechdichen^ ^ ^ _ ^ ^ ^ ^ ^ ^ _ ^ ^ _ 

zu kurz. Vom Standpunkt der ^^j^,^^;^^^^ umgekehrt den 

gelsschen ^"'^t^'V^l^die ihm zugrunde liegende Fa- 
, Ödipuskomplex, beziehungsweise ^^^^^^^^^^^ Sexualverdrän- 

, milienform als Folge der Psychoanalyse würde 

gung aufzufassen. Wie immer dem «>■ ^ gesellschaft- 

■ u -ß «weiterer Forschungsmoglichkeiten a & n-,ul-,;t 

sich gewiß weiterer ror a ^^^^^^^ ^^nn sie die Dialektik, 

l liehen und pädagogi^henGet^^ ^^^_ ^„^ ,^^ ^^^p^^. 

die sie selbst im beeieniepcu b 
komplex negieren wollte. 



251 



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Im Januar 1930 bcs««"*' 



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J 





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p^ ^giji . Die Spaltung der Gesdiicchtlidikdt und ihre Folgen für 

Ehe und Gesellsdiaft 

rh. Reik, . . • . . . -Das SAweigen 

j^^j^ .... Zweifel und Hohn m der Dogmenbildung 

B \lemnd'er "...... Spinoza und die PsyAoanalpe 

^ y Sydow Primitive Kunst und Sexualität 

Yrib Kulmesi ...... Der Raumfaktor in der Traumdeutung 

Ernest Jorges ...... Der Mantel ab Symbol 

S Ferenczi • Über obszöne Worte 

S Ferenczi Sonntagsneurosen 

Q Fermcn ....... Analyse von Gleidinissen 

t n i Bemerkungen zu Balzacs Liebesleben 

F Alexander Ein Fall von masodnstisdiem Transveslitismus als Sdbst- 

heilungsversuch 

j; ßfffißid .Dcrlrmai iiiF&äßm .,: 

Oskar Pfisier ■ Der Sdiülcrberater 

Anna Frettd D<e Einleitung der Kinderanalyse 

Karl Landauer .... . Das Strafvollzugsgesetz . . 

Kunstbeilagen: ' ' . 

Porträt von Theodor Reik. 

Illustrationsproben aus „Sydow : Primitive Kunst und Psyclioanalyse." 

Porträt von S. Ferenczi. 

Portrat von Siegfried Bernfeld. 



ALMANACH DEM 



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PSYCHOANALYSE 



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77i. Reik . . 
«5^. Bemjeld . 
0. ^ter . . 
0. i^(CT- . • 
Ä. Wälder . 



S. iJa^^o 



Ludwig Hopf . • • 
PK. Eliasberg • • • 
M Wulff . . • • 

S. Ferenczi . . • • 

E. Hitsdimann • • 
if. Deutsch . • • • 
S. Ferenczi . • ■ • 

F. Lekner . • * ■ 

Ä 5f^Ä(j ..... 
i^ Wittels . . . ■ 
H. Piutti ..... 

0- Fenidiel . . ■ • 
H- Meng 



//i rofem Ganzleinen M 4 — 'j \\\ 



ry -. • 

f *. Ein religiöses Erlebnis 

. . Bemerkungen zu Freuds „Zukunft einer Illusion' 

. . Ist Paydioanalyse eine Weltansdiauung ? 

. . Psydioanalyse und Metaphysik 

. . Der Sdirci nach Leben und die Psydioanalyse . ^ 

. .Die Psychoanalyse im Lebensgefühl des modernen 

Menschen j p ^ 

. . Die Wege der Naturforsdiung im Lidite der Fsycüo- 

analyse $ r .<:''. 

. Exakte Naturwissensdiaft und Psychoanalyse ■' ^ 
. Über sozialen Zwang und abhängige Arbeit 
. Ergebnisse bei einer psychiatrisch-neurologischen Unter- 
suchung von ChauflFeurcn ^ 
. GuUivcrphantasien 

, Zur Psydioanalyse des Misanthropen von Moliere 
. Ein Fraucnschidtsal — George Sand 
. Anatole France als Analytiker 
Der Salavin des Georges Duhamel 
[ ^Dcr Einbruch der Psydioanalyse in die franzÖsisdie 

Literatur . , 

Rache und Riditer 

' ' Wentifizierung eines zehnjährigen Knaben mit der 

sdiwangeren Mutter 
Beispiele zur Traumdeutung 
' ' Das Problem der Onanie von Kant b,s Freud 



.*•:.. 



Kunstbeilagen : 



Porträt von Oskar PEster. ^ Calamatta). 

George Sand. (Nach einer ^eicünung 



. :, 



^7 Almanach 1930. 



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SIGM. FMEUD 

GESAMMELTE SCHHIFTEN 

11 Bände in Lexikonformat 

Unter Mitwirkung des Verfassers herausgegel>en 
von Anna Freud und A. J. S t o r f e r 

In Ganzleinen M 220.-, Halbleder M 280," 
Hermann Hesse in der „Neuen Rundschau ** : 

Eine große, schöne Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolles 
Werk wird da unter Dach gebracht. Es sei diese Ausgabe des Gesamt- 
werkes herzlich begrüßt. 

Prof. Raymund Schmidt in den „Annalen der Philosophie" : 

Druck und Ausstattung sind geradezu aufregend sdiön. 

Dr. Max Marcuse in der „Zeitschrift für Sexualwissensdiaft" : 

Nur mit tiefer Bewegung wird man sidi klar, daß es hier galt, das 
Lebenswerk Freuds, das fortan nidit nur der Gesdiichte der Medizin, 
sondern schledithin der Wissensdiaftsgeschichte angehört, abzuschließen 
und in der endgültigen Fassung der Nachwelt zu vermachen. 

Prof. Isserlin im „Zentralblatt für die gesamte Neurologie 
und Psychiatrie*' : ^^{.j .. 

Es ist ein ungewöhnlicher und außerordentlicher Eindruck, den man 
erhält . . . Die Ausstattung der Bände ist vorzüglich. 



Verlangen Sie ausführliche Prospekte von* 

Ler Psydioaiialytisdier Verlag 
Wien, 1,, Börsegasse 11 



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